# Prolog: Überwindung der Magie durch Wissenschaft?

Man lasse ein Kind eine Maschine, einen Landmann ein Schiff beschreiben, und gewiß wird kein Mensch aus ihren Worten einigen Nutzen und Unterricht schöpfen können, und so ist es mit den meisten Geschichtsschreibern, die vielleicht fertig genug im Erzählen und bis zum Überdruß weitschweifig sind, aber doch gerade das Wissenswürdigste vergessen […]. Wenn ich das alles recht bedenke, so scheint es mir, als wenn ein Geschichtschreiber notwendig auch ein Dichter sein müßte, denn nur die Dichter mögen sich auf jene Kunst, Begebenheiten schicklich zu verknüpfen, verstehn. […] Es ist mehr Wahrheit in ihren Märchen, als in gelehrten Chroniken.

               Novalis: Heinrich von Ofterdingen (1799/1800)[1]

 

Geschichte ist nichts Vorgegebenes wie Natur, Geschichte ist selbst schon ein Kunstprodukt. Nicht alles, was je geschehen ist, wird Geschichte, sondern nur das, was Geschichtsschreiber irgendwo und irgendwann einmal der Erzählung für wert erachtet haben. Erst Geschichtsschreibung schafft Geschichte. Geschichte – um es ganz scharf zu sagen – ist keine Realität, sie ist ein Zweig der Literatur. […] Im übrigen muß auch der wahrheitsliebendste und tatsachentreueste Geschichtsschreiber in gewissem Sinne immer dichten, sonst wird keine Geschichte daraus.   

                                                             Sebastian Haffner: Was ist eigentlich Geschichte? (1972) in „Historische Variationen“ (2003)[2] 

                                                              

Die Herausforderung ist klar: Wie Butler und Yates müssen wir versuchen, nicht nur Historiker, sondern auch Magi zu sein.                           

Anthony Grafton: Der Magus und seine Geschichte(n) (2003)[3]

 

Ich fand es überraschend, dass „Magie der Natur“ als Buchtitel so großen Seltenheitswert hat. Im 20. Jahrhundert tauchte er – abgesehen von einem fotografischen Bildband – überhaupt nicht auf.[4] Das hat sich auch nach der Jahrtausendwende nicht geändert, wo ich ihn nur bei einem Ausstellungskatolog und einem illustrierten Sachbuch für Kinder (in englischer Sprache) ausfindig machen konnte.[5] Allenfalls beschäftigten sich spezielle wissenschafts- und kulturhistorische Werke mit der „Magia naturalis“ der frühen Neuzeit.[6] Selbst im 19. Jahrhundert erschien nur ein einziges Buch unter dem Titel „Magie der Natur“, das es freilich in sich hat: nämlich der als „Revolutions-Geschichte“ bezeichnete Roman von Caroline de la Motte Fouqué, den ich als einen Schlüsseltext für meine Studie ansehe und deshalb ausführlich referieren werde (Kap. 22 und 23). Während der Begriff der Magie heutzutage in der esoterischen Literatur ausgiebig gebraucht wird – man denke nur an das Genre der okkultistischen „Sexualmagie“[7] –, scheint er aus dem aktuellen Diskurs der Wissenschaften jenseits geschichtswissenschaftlicher Spezialstudien gänzlich verschwunden zu sein. Anders verhält es sich mit dem Begriff der Natur. Er ist durchaus Gegenstand interdisziplinärer wissenschaftlicher Konferenzen, wie ein einschlägiger Tagungsband der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina zeigt.[8] In ihm werden „Wandlungen unseres Naturverständnisses und seine Folgen“ diskutiert. Obwohl mehrere Beiträge eine historische Perspektive einnehmen, wird die neuzeitliche Naturphilosophie als entscheidenede Impulsgeberin für die aufkommenden Naturwissenschaften weitest gehend ausgeblendet. So fehlen Stichwörter wie „Magie“, „natürliche Magie“, „Astrologie“, „Alchemie“, „Sympathie“ oder „Magnetismus“ gänzlich – und mit ihnen für die Wissenschaftsgeschichte maßgebliche Autoren wie Agrippa von Nettesheim, Paracelsus oder Della Porta. Man gewinnt den Eindruck, dass heutige Reflexionen über „Natur“ ganz im Banne der jüngsten Erkenntnisfortschritte stehen und keine Kraft mehr haben, in historische Gegenwelten einzutauchen und sich ihnen auszusetzen.

So ist es nicht verwunderlich, dass die Doppelhelix der DNA, die so genannte Watson-Crick-Spirale, als biomolekulare Grundstruktur zum bekanntesten Insignium der modernen Lebenswissenschaften im Zeitalter der Molekulargenetik geworden ist und inzwischen ein beliebtes Motiv für Corporate Design und bildende Kunst darstellt.[9] Neben dieses Sinnbild der Molekularen Genetik taucht das Gehirnschema als Abzeichen der Neurowissenschaften auf. 1990 wurde von US-amerikanischen Neurowissenschaftlern die „Decade of the Brain“ ausgerufen, im Jahr 2000 auf „Initiative führender deutscher Hirnforscher“ das „Jahrzehnt des menschlichen Gehirns in Deutschland“.[10] Die Skulptur, die als „Kunst am Bau“ für das neue, im Mai 2012 eingeweihte Hauptgebäude der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle (Saale) geschaffen wurde, kombiniert die beiden Sinnbilder der gegenwärtigen Lebenswissenschaften. Der Berliner bildende Künstler Roland Fuhrmann modellierte einen menschlichen Kopf transparent mit einem Doppelhelix-Faden. (Abb. [i]) Diese Skulptur im Foyer des ersten Obergeschoßes soll den Menschen „als Maß aller Dinge“ zeigen.[11] Sie korrespondiert mit einer Eule in der Freianlage, welche die „Weisheit“ verköpern soll und ebenfalls aus einer stilisierten Doppel-Helix modelliert ist. Fuhrmann erklärt: „Die skelettierten Plastiken wären ohne tomographischen Röntgenblick moderner Wissenschaft nicht möglich“.[12] Die Problematik dieses „Röntgenblicks“, nämlich die biomedizinische Reduktion des Menschen und seiner „Weisheit“, die in Form einer Doppel–Helix-Eule nur noch einmal den molekular zerlegten Kopfmenschen reproduziert, bleibt außer Betracht. Gegenüber einem solchen Leitbild wissenschaftlichen Fortschritts scheinen frühere Sinnbilder des Zusammenhangs von Mensch, Natur und Weisheit zu verblassen, ja überhaupt indiskutabel zu sein. Früheren Erkenntissen wird nämlich allzu leicht die Dignität abgesprochen, überhaupt „wissenschaftliche“ Erkenntnisse gewesen zu sein. Die von mir thematisierte „Magie der Natur“ soll jedoch mehr bedeuten, als nur ein dunkler Fleck in der Wissenschaftsgeschichte, eine längst überholte Auffassung im Sinne der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung: Sie kann selbst gleichsam zu einer mächtigen Lichtquelle werden und überraschende Aspekte hinter dem gewohnten Denken aufleuchten lassen.


[1] Novalis [1799/1800], 2008, S. 273. [2] Haffner [1972], 2003, S. 28 f. [3] Grafton, 2001, S. 26. [4] Feiniger, 1977.[5] Hornborstel (Hg.), 2006; De Koning, 2011.[6] Magia naturalis […], 1978; G. Scholz (Hg.), 2000. [7] Ashcroft-Nowicki, 1991. [8] Wobus et al. (Hg.), 2010. [9] A. a. O., S. 8. [10] http://www.sharpbrains.com/blog/2010/02/23/brain-neuroplasticity-implications/ (27.10.2011). [11] Furhmann, 2012. [12] Zit. n. Schnitzer-Ungefug, 2012, S. 71.


[i] Schnitzer-Ungefug, 2012; Furhmann, 2012; → Abb. Leopoldina Skulptur [Archiv der Leopoldina in Halle (Saale)]