# Prolog/4: * Variationen statt Entwicklung

Wissenschaftshistorische Darstellungen folgen üblicherweise dem zeitlichen Verlauf bestimmter Ereignisse. Dabei ist es gleichgültig, ob sie einer positivistischen Fortschrittsgeschichte oder einer konstruktivistischen Geschichtsauffassung huldigen. Auch die viel diskutierte Lehre vom „Paradigmenwechsel“ bei „wissenschaftlichen Revolutionen“, die der US-amerikanische Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn in den 1960er Jahren inaugurierte, ging von einem zeitlichen Nacheinander von herrschenden Paradigmen aus. In jedem Falle wird eine „Entwicklung“ dargestellt, ob diese nun als kontinuierlicher Erkenntnisfortschritt oder als diskontinuierliche Abfolge revolutionierender neuer Konzepte erscheint. Die vorliegende Studie folgt einer anderen Perspektive: Sie nimmt an, dass die Wissenschaft und ihre Historiographie fehlgeht, wenn sie unter Berufung auf gegenwärtiges Wissen vergangenes für überwunden, überholt, letztlich für tot erklärt. Vielmehr geht sie davon aus, dass in Theorie und Praxis der gegenwärtigen Medizin Momente vergangener medizinischer Konzepte weiterleben und diese weitgehend unbemerkt mitprägen. Insofern geht es nicht um die idealtypische Identifikation und scharf definierte Unterscheidung von „Konzepten der Medizin“ im Sinne des Münsteraner Medizinhistorikers Karl Eduard Rothschuh, sondern um deren merkwürdige Vermischung und Verflüssigung unter konkreten historischen Gegebenheiten.[1] Ein solches Konzept, das sich als ein durchdringendes Leitmotiv der Heilkunst bemerkbar machte, war die „natürliche Magie“, auf Lateinisch magia naturalis. Der Ausdruck „Magie der Natur“, den ich als Titel meiner Studie gewählt habe, macht noch deutlicher, worum es geht: nämlich um die Natur als Magierin. Die Idee der magia naturalis, die sich aus antiken und mittelalterlichen Quellen speiste, hatte in der frühen Neuzeit Konjunktur. Es wird sich herausstellen, dass mit Aufklärung und Französischer Revolution der Begriff der natürlichen Magie zwar verschwand, aber deren Idee in anderen Formen und Gestalten weiterlebte und dabei die historischen Vorbilder zum Teil direkt kopierte. Letztlich ist sie in der naturwissenschaftlichen Medizin und nicht nur in der Naturheilkunde bis in unsere Zeit präsent.

Um von vornherein der Vorstellung einer historischen Entwicklung entgegenzuwirken, ist die vorliegende Studie nicht diachron angegelegt. Sie verzichtet auf die übliche Periodisierung und versucht stattdessen, um den Fokus eines epochespezifischen Schlüsselbegriffes herum die dazugehörige Landschaft zu durchwandern, wobei gelegentlich auch von der Wissenschaft abgelegenere Gegenden durchstreift werden. Ich habe sieben Schlüsselbegriffe ausgewählt: Placebo, Lebensquelle, Suggestion, Fluidum, magia naturalis, Natura und Eros. Ihre Reihenfolge deutet eine Art historische Regression an: „Placebo“ (Placebo-Effekt), womit sie eröffnet wird, ist ein Begriff der gegenwärtigen medizinischen Terminologie, während am anderen Ende „Eros“ auf einen Gott der griechischen Mythologie verweist. Doch dieser Rückgang an der Leitlinie von Schlüsselbegriffen wird von gegenläufigen Perspektiven „nach vorn“ und thematischen Verknüpfungen „zur Seite“ begleitet. Um im Bild zu bleiben: Es geht nicht um den so genannten Roten Faden einer Entwicklung von den Anfängen bis heute, sondern eher um ein Geflecht ineinander greifender Fäden, ein Mosaik oder Kaleidoskop der Ideengeschichte – eben um historische Variationen. Insofern ist die Metapher einer „Ausstellung“ für diese Art der Darstellung zutreffend, bei der verschiedene Räume zwanglos in unterschiedlicher Reihenfolge begangen und jeweils auch für sich besichtigt werden können, da sie nicht logisch oder kausal voneinander ableitbar sind.[2]

Einst kam es Novalis so vor, „als wenn ein Geschichtschreiber notwendig auch ein Dichter sein müßte“. Denn: „Es ist mehr Wahrheit in ihren Märchen, als in gelehrten Chroniken.“[3] Die Aneignung und Darstellung von historischen Begebenheiten setzt voraus, dass man sich von ihnen bewegen lässt und gewissermaßen an ihnen teilnimmt, mit ihnen leben lernt. Nur wenn sie anfangen, zu uns zu sprechen, sind wir ihnen auf der Spur, und Historiographie kann als Dichtkunst zu jener „Wahrheit“ finden, die Novalis vorschwebte. Eine objektive Dokumentation, die sich als Selbstzweck begreift, steht in der Gefahr, die subjektive Kehrseite der Geschichte, die aus den Dokumenten spricht, zum Verstummen zu bringen. Geschichtsschreibung wird dann zur methodologischen Lüge. Ein Leitsatz des Psychosomatikers und Begründes der medizinischen Anthropologie Viktor von Weizsäcker lautete: „Wer das Leben erforschen will, muss sich am Leben beteiligen.“[4] In Abwandlung hiervon könnten wir sagen: „Wer Geschichte einschließlich Wissenschafts- und Medizingeschichte erforschen will, muss sich an ihr beteiligen.“ Und weiter: „Wer die Geschichte einer Idee erforschen will, muss an dieser Idee teilhaben.“ Über „Magie“ lässt sich kaum etwas Substanzielles sagen, wenn sie lediglich als obsoletes Hirngespinst vergangener Zeiten angesehen wird. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind nur möglich, wenn sie mit subjektiven Erfahrungen einhergehen, „Ahndungen“, wie Romantiker zu sagen pflegten. Eine solche Einstellung ist nicht zu verwechseln mit der Übernahme einer bestimmten esoterischen Dogmatik, einer Heilslehre, die die Welt zu erlösen und durch ihre Einfachheit alle Zweifel zu beseitigen verspricht. Vielmehr geht es um eine durch Bildung angeleitete Sympathie des Geschichtsschreibers mit seinem jeweiligen historischen Gegenstand, um eine Wechselwirkung, wodurch nicht nur der Geschichtsschreiber seine Geschichte „konstruiert“, sondern diese auch ihn selbst verändert und zu einem Anderen macht.

Als Autor habe ich meiner Sympathie mit historischen Zeugnissen vertraut. Mir ist bewusst, dass diese eigenwillige Art der Geschichtsschreibung bei manchen Kollegen Erstaunen, wenn nicht gar Ablehnung hervorrufen kann. Als Entschuldigung kann ich nur ins Feld führen, dass ich auf anderem Wege mein Thema nicht hätte bearbeiten können. Bei aller ausschweifenden Darstellungsweise gibt es doch drei Ruhepole, drei Säulen, auf die sich meine Überlegungen stützen. Sie können mit drei Namen bezeichnet werden, die mir seit langem viel bedeuten: Paracelsus, Mesmer und Freud.[5] Das Werk dieser Autoren habe ich zwar explizit herangezogen, aber keineswegs in extenso ausgelegt. Ihre naturphilosophischen und medizinanthropologischen Konzeptionen waren für meine Studie fundamental und dienten meiner Argumentation als Anker. Meine Beschäftigung mit der Göttin Natura und ihrer Bedeutung für die frühneuzeitliche Naturphilosophie geht jedoch weit darüber hinaus und verweist auf mittelalterliche und antike Quellen. Am Ende wende ich mich unter dem Schlüsselbegriff des Eros der magia sexualis zu. Hier soll die „Sexualität“ zwischen Mythologie und Biologie problematisiert und manche Kurzsichtigkeit der gender studies sowie der Sexualmedizin aufgezeigt werden.

Ich habe diese Studie vor dem Hintergrund meiner umfassenden Auseinandersetzung mit der Medizingeschichte verfasst.[6] Sie stellt jedoch keine medizinhistorische Abhandlung im engeren Sinne dar, etwa dergestalt, dass vorzugsweise Begriffe, Probleme oder historische Zeugnisse der Medizin untersucht würden. Vielmehr gehe ich von medizinanthropologischen Grundfragen aus, die sich um das Verhältnis von Krankheit und Gesundheit (Kränkung und Heilung), Körper und Seele, Arzt und Patient drehen. Der Titel „Magie der Natur“ lässt von vornherein erkennen, dass ein nicht-naturwissenschaftliches Konzept in den Blick genommen wird, das so etwas wie ein Leitmotiv der Heilkunst repräsentiert. Ich möchte im Einzelnen aufzeigen, wie dieses Motiv in historischen Variationen bis zum heutigen Tag immer wieder in verschiedenen Kontexten durchgespielt worden ist. Letztlich geht es um die alte Frage nach dem Verhältnis von Natur und Geist. Dies berührt wiederum die Frage nach den Voraussetzungen und dem Entstehen von Heil und Unheil, die – abgesehen von der Theologie – in keiner anderen Disziplin so wichtig ist wie in der Medizin. Wollen wir diese Fragestellung mit Hilfe der Ideengeschichte bearbeiten, so dürfen die Grenzen der Fachdisziplinen nicht das Gesichtsfeld einengen. Es zeigt sich, dass bestimmte Ideen ubiquitär sind und Medizin, Philosophie, Theologie, Literatur und Kunst – abgesehen vom so genannten Alltagsleben – gleichermaßen betreffen bzw. erst im wechselseitigen Austausch Gestalt gewinnen. „Heilkraft der Natur“ ist eine solche Idee. Die medizinische Ideologie ist an diesem Austausch mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen oder anderweitigen Subsystemen einer Gesellschaft beteiligt. Sie drückt einen „Zeitgeist“ aus, der sich gleichzeitig auch an anderen Orten äußert. Indem wir so der „Magie der Natur“ nachspüren, verlassen wir die eingefahrenen Gleise der Medizingeschichtsschreibung, ohne freilich in die Philosophie, Theologie oder Literaturwissenschaft zu emigrieren. Denn die Frage bleibt unverrückt im Mittlepunkt stehen: Was bedeuet „Natur“ im Hinblick auf Krank- und Gesundmachen, welcher Art ist die „Heilkraft der Natur“ und wie kann sie vom Arzt bzw. Heiler oder auch vom Kranken selbst mobilisiert und wirksam eingesetzt werden? Man könnte diese Fragestellung selbstverständlich auch aus anderem Blickwinkel untersuchen, etwa aus der Perspektive der Sozialgeschichte oder der „Wissenspolitik“. [7] Ich halte jedoch aus persönlichen Gründen den ideengeschichtlichen Ansatz für angemessen.

Der Titel der vorliegenden Studie sollte nicht missverstanden werden. Sie stellt keineswegs die Geschichte der Naturheilkunde oder die der magischen Medizin dar, obwohl sie beide Bereiche ausführlich einbezieht. Denn es geht hier nicht um die Naturheilkunde als einem eigenen „Paradigma“ im Gegensatz zur naturwissenschaftlichen Medizin oder um die „magisch-religiöse“ Medizin im Gegensatz zur „empirisch-rationalen“, wovon regelmäßig in medizinhistorischen Übersichtwerken und Zeittafeln die Rede ist. Diese Konstruktion der Wissenschaftshistoriographie – typisch für das evolutionistische Geschichtsverständnis seit Ende des 19. Jahrhunderts – wird aus einem einfachen Grund unterlaufen: Die „empirisch-rationale“ Medizin enthält selbst Momente der „Magie“ und die „magisch-religiöse“ Medizin ist keineswegs per se irrational. Das Spannungsfeld, auf das es mir ankommt, besteht nicht zwischen den Polen „Magie“ und „Rationalität“, sondern denen von „Natur“ und „Geist“. Angesichts der Überfülle an geisteswissenschaftlichen, insbesondere philosophischen Quellen und Untersuchungen zum Thema „Natur und Geist“ fällt es mir leicht, auf eigene metatheoretische Überlegungen und Herleitungen zu verzichten. Den Arzt und Medizinhistoriker interessieren höchst praktische Fragen, beispielsweise: Wie kann eine bestimmte Vorstellung eine psychosomatische Wirkung entfalten, welche der Gabe eines Heilmittels oder eines Giftes gleichkommt? Wie kann sich in einer Menschengruppe ein Gemeinschaftsgeist mit enormer Auswirkung ausbreiten? Warum werden in unterschiedlichen Epochen immer wieder göttliche Heilkräfte mit Frauengestalten personifiziert? Die Frage nach der Magie der Natur entpuppt sich somit als die nach der Macht des Geistes. Letzterer wird heutzutage in der Biomedizin im Verhältnis zur Macht der Gene und der Macht des Marktes bekanntlich wenig zugetraut. Eine ernsthafte Rezeption des Mesmerismus und Hypnotismus, der Mystik und Alchemie, aber auch eine tiefer gehende Betrachtung der naturwissenschaftlichen Medizin und der Lebensreformbewegung ermöglichen überraschende Einblicke in ein (natur)wissenschaftlich tabuisiertes Terrain, dessen Passwort „Magie der Natur“ lauten soll.

Mit der wissenschaftlich-technischen Revolution im 19. und den bio- und informationstechnologischen Nachrevolutionen im 20. Jahrhundert scheint die viel besagte Entzauberung der Natur vollzogen zu sein, im Gegensatz zur Entzauberung der Menschheitsgeschichte und des einzelnen Menschenschicksals, auf denen der Fluch des Irrationalen zu liegen scheinen. Der deutsche Publizist Sebastian Haffner meinte einmal:  „Wir fühlen uns heute der Geschichte so hilflos ausgeliefert wie früher der Natur. Man könnte geradezu sagen: Wir haben unsere frühere Hilflosikgeit gegenüber der Natur für eine neue Hilflosigkeit eingetauscht. Wir spüren Urgewalten; amorphe geschichtliche Kollektivkräfte, vor denen der größte Mann zum Zwerg wird.“[8] Nach der Zähmung der Naturgewalten treten an deren Stelle demnach „amorphe geschichtlichen Kollektivkräfte“ auf den Plan, die vorderhand nicht gebändigt werden können. Das Problem dreht sich nun um die Menschennatur selbst. Angesichts der politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die Haffner persönlich wie ein Seismograph aufgezeichnet hat, ist seine Einschätzung plausibel. Sie enthält die unausgesprochene Botschaft, diese Gewalt der Kollektivkräfte zu brechen, zu domestizieren – nach dem Vorbild der wissenschaftlich-technischen Beherrschung der Natur. Diese Argumentation entspricht einem aufklärerisch-emanzipatorischen Erziehungsprogramm. Die ökologische Bewegung der letzten Jahrzehnte hat dieses Programm modifiziert. Die These lautet: Die Vergewaltigung der Natur durch den Menschen, etwa durch die „Umweltvergiftung“, bleibt nicht ungestraft, die Natur wird zurückschlagen und sich rächen. Die Natur wird hier nicht mehr nur als eine Zauberin, Künstlerin gedacht, sondern als eine quasi göttliche Instanz, die Tabuverletzungen bestraft. Vor diesem Hintergrund wird die Schubkraft politischer Parolen verständlich, die den so genannten Klimawandel primär als „anthropogen“, vom Menschen gemacht, brandmarken und ihn durch neue Strategien aufhalten oder rückgängig machen wollen.

Nichts wirkt so ansteckend wie der erklärte Voluntarismus, dessen Slogan im Wahlkampf um die US-Präsidentschaft im Jahr 2008 weltweit populär wurde: „Yes, we can!“ – ja, wir können, wenn wir nur wollen. Dieser Voluntarismus berauscht sich am Gefühl der eigenen Macht, was ihm freilich nur unter der Bedingung gelingen kann, dass er die Widersprüchlichkeit der Welt, die Abgründigkeit des Menschen, die Unenthüllbarkeit der Natur, die Unfassbarkeit Gottes ausklammert bzw. verleugnet. Diese Einstellung ist nicht zuletzt auch in der heutigen Medizin und ihren diversen Betriebsfeldern vorherrschend, wo technische Machbarkeit und betriebswirtschaftliche Durchsetzungsfähigkeit die Richtschnur abgeben. Die mit humanistischem Anspruch auftretende Medizin- und Ärzteschelte, die mit den Stichwörtern „Apparatemedizin“, „Organmedizin“, „Fünf-Minuten-Medizin“ etc. operiert, macht regelmäßig den Fehler, den Kontext zu vergessen. Medizin und Ärzte spiegeln in ihrem Tun nicht mehr und nicht weniger als die allgemeine soziale und geistige Situation wider, die sie mit ihren Patienten und der übrigen Gesellschaft teilen.

Sich mit der „natürlichen Magie“ zu befassen, wonach in erster Linie nicht der Mensch, sondern die Natur „kann“, ist anscheinend ebenso unzeitgemäß wie die skeptische Frage, inweiweit „Magie“ tatsächlich durch die moderne Wissenschaft überholt sei. Gleichwohl halte ich es für sinnvoll, zumindest für unterhaltsam, der „Magie der Natur“ in ihren historischen Variationen nachzuspüren. Es geht hier um Schätze, die in unseren realen und virtuellen Bibliotheken verborgen sind, aber doch griffbereit im Regal oder abrufbar in der Datenbank stehen – sie sind so allgegenwärtig wie Träume, die jedermann allnächtlich erlebt und am Morgen vergessen hat. Zumeist wird unterschätzt, wie stark das Lesen von Texten und die Auseinandersetzung mit den dort dargelegten Theorien unser Alltagsleben beeinflussen kann und mit darüber entscheidet, wie wir Erlebnisse wahrnehmen und welche praktischen Entschlüsse wir fassen.

Die vorliegende Studie will also keiner „Entwicklung“ nachspüren und keinen „Fortschritt“ dokumentieren. Sie versteht „Magie“ nicht als Vorstufe von „Wissenschaft“ im Sinne einer evolutionistischen Geschichtsauffassung, die eine stufenweise Emanzipation des Menschen in der Kulturgeschichte annimmt: von der Religion, über die Magie hin zur neuzeitlichen bzw. modernen Wissenschaft (siehe unten). Vielmehr soll es darauf ankommen, historische Begriffe, Bilder, Metaphern, Lehren so zu vergegenwärtigen, dass sie sich mit Gegenständen unserer Lebenswelt gewissermaßen assoziieren und in Dialog treten. Insofern geht es mir um Vergegenwärtigung und nicht um Entwicklung historischer Tatbestände. Gegenwärtiges Denken und Handeln bleibt unbegriffen, blind, wenn wir es nicht neben vergangenes stellen können – nämlich durch historische Relativierung und Reflexion. Der Wissenschaftshistoriker Claus Priesner spricht von der „Wirklichkeit des Okkulten“, deren Bedeutung durch den wissenschaftlichen Fortschritt und neue Erkenntnisse wie Relativitätstheorie und Quantenphysik eher noch zugenommen habe. Dies sollte uns bescheiden machen „gegenüber einem Kosmos, der durch die Naturwissenschaft […] nicht entzaubert wird“ und „gegenüber den Magiern und Alchemisten, die um diese okkulte Wirklichkeit schon immer wußten.“[9]

Auf eine explizite methodologische Begründung meiner soeben angedeuteten Einstellung, auf die Nennung von Metatheorien und entsprechenden Autoritäten möchte ich verzichten und beispielsweise die Ansätze von Thomas Kuhn („Paradigmenwechsel“), Michel Foucault („Diskursanalyse“) oder Niklas Luhmann („soziologische Systemtheorie“) nicht näher in Betracht ziehen. Dies hat einen zweifachen Grund: Zum einen verschwindet das Subjekt, seine widersprüchliche körperliche Existenz wie geistige Welt, im „Paradigma“, „Diskurs“ oder „System“. Man könnte sogar sagen: Es wird soziologisch annihiliert, zu einem Durchschnittswert pulverisiert. Zum anderen wird bei Kuhn, Foucault und Luhmann auf unterschiedliche Weise Geschichte auf einer Zeitachse aufgezogen, auf der ein Vorher und Nachher trennscharf markiert werden kann und das Ineinandergehen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft weniger interessiert. Aber auch die Hinwendung zu Methoden der medizinischen Anthropologie, Psychoanalyse und Strukturalen Textanalyse zeigte sich aus meiner Sicht wenig hilfreich, um historische Texte der Wissenschafts- und Medizingeschichte zu interpretieren, da sie an einer Art „Anwendungssyndrom“ leidet. Denn es geht hierbei allzuoft eher um die Affirmation einer Theorie oder Methode, um den Beweis ihrer Stichhaltigkeit, als um ein neues Verständnis der historischen Quelle selbst, was seinerseits die Lehrmeinung des Interpreten verändert. So ist die psychoanalytische Literaturbetrachtung immer wieder der Gefahr erlegen, durch die Brille ihrer Metatheorie die Gültigkeit derselben in einem literarischen Werk zwar bestätigt zu finden, aber das Unpassende und Widerständige in ihm auszublenden.[10] Es ist die Frage, wieweit wir uns vom „Anwendungssyndrom“ freihalten können, von dem manche materialiter wertvolle Studie befallen ist.[11]

Sicherlich habe ich gewisse Affinitäten zu der einen oder anderen Lehre, etwa zur philosophischen Hermeneutik, zur medizinischen Anthropologie oder zur kulturhistorischen Bildwissenschaft. Sie sollen und können jedoch nicht für die Begründung meiner Studie reklamiert werden, ist diese doch Ausdruck meiner ganz persönlichen Art, mich mit der Medizin und ihren Grenzgebieten auseinanderzusetzen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die vorliegende Studie den üblichen diachronen Duktus von früher-später, vorher-nachher bewusst durchbricht, ja sogar umkehrt und mit Hilfe der Schlüsselbegriffe Schritt für Schritt in die Vergangenheit eintaucht. Dieser Weg erinnert an das hermetisch-alchemistische Vorgehen vom Äußeren zum Inneren vorzudringen oder auch an das tiefenpsychologische Bestreben, aus gegenwärtigen Seelenregungen auf vergangenes Erleben zu schließen. Die Entdeckung der Wahrheit beruht dann auf der Wahrnehmung von Wechselwirkungen, dem Zusammenklang von Ungleichzeitigem: Sympathien, Resonanzen, Korrespondenzen, welche die historischen Gegenstände in uns erzeugen und von denen noch in der romantischen Naturphilosophie explizit die Rede war.

Welche wissenschaftliche Umgangsform ist überhaupt dem Thema angemessen? Welche Einstellung sollte der Untersucher einnehmen, um seinem Gegenstand „gerecht“ zu werden? Der britische Mathematiker und Biologe Jacob Bronowski gab in seiner essayistischen Schrift „Magic, Science, and Civilisation“ im Hinblick auf die historische Personifikation der Natur mit einer Frau folgende Anekdote zum Besten: „A French Scientist whom I will not name said to me once, ‚Pour moi, faire la conquête de la nature c’est la même chose que faire la conquête d’une femme.’ ‘For me, to dominate nature, to conquer nature, is the same kind of thing as making a conquest of a woman’. Well; that’s very much a 1500, white magic view; a little out of date, but that’s who the French are.”[12] Freilich stellt sich hier die Frage, wie diese „Eroberung” konkret aussah: Bestand sie aus einer Beherrschung oder gar Vergewaltigung − oder dem Folgen ihrer Eigenheiten? Bronowski zitierte im Sinne des Letzteren Francis Bacon, der „nature“ mit einer „mistress“ verglichen hatte: “Only knowledge is power; we have to understand nature. We can no longer dominate the mistress; we can at best wheedle [überreden] her by following her own ideosyncracies.”[13]

Meine Studie, die sich vom Leitgedanken der Entwicklung distanziert, möchte – musikalisch gesprochen – historische Variationen zum thematischen Leitmotiv komponieren. Dieser musikalische Vergleich trifft am ehesten mein Vorgehen, das die „Magie der Natur“ nicht chronologisch feststellen und vermessen, sondern immer wieder – in unterschiedlicher Tonart, Melodie, harmonischer Komposition – vorspielen will. Wie in der Musik haben diese Variationen einen thematischen Bezugspunkt – und bewahren zugleich ihre Selbständigkeit. Wie in der Musik sind sie aufeinander bezogen, ihre Abfolge ist nicht willkürlich; sie bilden eine ideengeschichtlich motivierte Zusammenstellung (compositio), aber keine „Entwicklung“ oder „Evolution“ im Sinne der oben kritisierten Geschichtsauffassung.


[1] Rothschuh, 1978. [2] J. Assmann, 2001, S. XIII. [3] Novalis [1799/1800], 2008, S. 273. [4] Weizsäcker [1940], 1997, S. 83. [5] H. Schott, 1994. [6] H. Schott, 1993[a]. [7] Neumann, 2011. [8] Haffner, 2001 [1969], S. 252. [9] Priesner, 2011, S. 345. [10] Pietzcker / Mauser  (Hg.), 2008. [11] Wernz, 1993. [12] Bronowski, 1978, S. 40. [13] A. a. O., S. 41.