# 1. Kap. Placebo: Paradoxe Heilwirkung [Einleitung]

Die Paradoxie der Placebo-Wirkung besteht darin, dass ein Placebo-Präparat im Verständnis der wissenschaftlichen Medizin bei vielen Menschen zugleich wirkt und nicht wirkt. Wie ist das möglich? In einer älteren juristischen Stellungnahme zur Placebo-Therapie wird diese Paradoxie durch die Gegenüberstellung von Subjekt (Patient) und Objekt (Placebo-Präparat) scheinbar aufgelöst. Es handele sich hierbei nicht um Betrug: „Denn in Wirklichkeit ist das objektiv unwirksame Mittel doch subjektiv wirksam. Der Patient erhält ein Mittel, das für ihn notwendig und wirksam ist.“[1] Der entsprechende Placebo-Begriff gehe davon aus, dass bei einem „echten“ Arzneimittel die „subjektiv-psychische Wirkung“ von der „objektiv-pharmakologischen“ getrennt werden kann, wie es seinerzeit im „Großen Brockhaus“ zu lesen war.[2] Die pejorative Bedeutung von „subjektiv-psychisch“ wird in diesem Zusammenhang offenkundig: Das subjektive Seelenleben produziert sozusagen Reaktionen auf „unechte“ Arzneimittel, spiegelt insofern nicht die objektive Realität eines echten Arzneimittels wider. So wird der Placebo-Effekt als psychisches Geschehen tendenziell in die Nähe psychopathologischer Erscheinungen gerückt, die als Ergebnisse einer psychischen Projektion (von „Einbildung“ bis „Wahn“) begriffen werden.

Das aktuelle Konzept der Evidenz-basierten Medizin (EbM; evidence-based medicine), das wesentlich auf der Objektivierung des Placebo-Effekts beruht, entfaltete sich mit der Informationstechnologie in den 1990er Jahren (Kap. 3). Den randomisierten kontrollierten Versuch (randomized controlled trial; RCT) gab es indes schon früher. Die Einführung des „Placebo-Effekts“ in die medizinische Terminologie in den 1950er Jahren signalisierte eine neue Methodologie der klinischen Forschung, insbesondere der Arzneimittelforschung. Erstmals wurden entsprechende Metaanalysen angestellt; sie ergaben, dass etwa ein Drittel der Versuchspersonen eine erhebliche Besserung ihres Gesundheitszustandes aufgrund des Placebo-Effekts verspürten, und zwar umso stärker, je mehr sie unter Ängstlichkeit und Stress litten.[3] Der Doppelblindversuch galt nun als die einzige wissenschaftlich valide Form des Wirksamkeitsnachweises einer spezifischen (Arzneimittel-)Therapie. Dabei sollte von der scheinbaren Wirksamkeit unterschieden werden. Warum wurde die Placebo-Problematik just in der frühen Nachkriegszeit, ausgehend von den USA, auf die Tagesordnung der medizinischen Forschung gesetzt? Zwei Umstände mögen hierzu beigetragen haben: zum einen das gewachsene Interesse an medizinpsychologischen Fragestellungen, das nicht zuletzt  durch die intensive Rezeption der Freudschen Psychoanalyse im angloamerikanischen Raum gefördert worden war; zum anderen eine expandierende Pharmaindustrie, die neuartige Arzneimittel entwickeln wollte und konnte, deren Wirkungen am Menschen experimentell zu prüfen waren. Die Einführung des Begriffs „Placebo-Effekt“ fiel in die Frühzeit der Psychopharmaka. Selbstverständlich gab es auch in früheren Zeiten schon Menschenversuche, um die substanzielle Wirkung einer Behandlungsmethode oder eines Arzneimittels mit statistischen Methoden zu untersuchen. Aber von einer wissenschaftlichen Methodologie kann erst im 20. Jahrhundert die Rede sein.


[1] Schulz, 1960, S. 237. [2] Ebd. [3] Beecher, 1955.

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