2. Kap./3 * Tabuverletzung als Todesursache

Im Gegensatz zum Begriff der Magie fand der des „Tabu“ erst im 20. Jahrhundert Eingang in die Wissenschaftssprache, worüber bereits Sigmund Freud in seiner berühmten Abhandlung „Totem und Tabu“ (1913) ausführlich referierte.[1] Zwar hatte schon der englische Seefahrer James Cook 1777 im Hinblick auf die Bewohner der Tonga-Inseln den Terminus „tabu“ benutzt, aber im wissenschaftlichen Diskurs tauchte dieser erst in ethnographischen Studien zum sozialen Leben der Polynesier im frühen 20. Jahrhundert auf. Der gängige Tabubegriff wurde in der soeben erwähnten Schrift durch Freud folgendermaßen definiert: „Die Tabuverbote entbehren jeder Begründung; sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft stehen.“[2] Die Problematik von Tabuverboten war, auch wenn man den betreffenden Begriff noch nicht benutzte, in der abendländischen Religions- und Kulturgeschichte durchaus präsent. Man denke etwa an volkstümliche Totenrituale oder („abergläubische“) Praktiken der Schadensabwehr, des Abwehr- und Heilzaubers, deren Rationalität zumeist im Dunklen bleiben, weithin unbewusst sind und gleichwohl bestimmtes Verhalten zwingend vorschreiben.

Magie und Tabu rühren in der menschlichen Phantasie an heilige Sphären im religiösen Sinne. Sie stellen nämlich eine numinose Kommunikation mit dem Unaussprechlichen, Unsichtbaren, Göttlichen dar. Durch die gesamte Kulturgeschichte zieht sich der Leitgedanke, dass der Mensch durch angemessenes, „richtiges“ Verhalten Anschluss an das Göttliche erhalten könne, ja, zu einer mystischen Vereinigung (unio mystica) mit ihm imstande sei. Freilich kann dies auch scheitern und die Verbindung zum Göttlichen abreißen und zerstört werden, wenn Magie zum Blendwerk oder ein Tabu verletzt wird. So ist es nur konsequent, wenn die Tabuverletzung wie Schwarze Magie als ungeheurer Frevel empfunden wird.

Insbesondere in den 1920er Jahren setzten sich Ethnologen und Kulturanthropologen mit dem Phänomen des psychogenen Todes auseinander, der bei den neuseeländischen Maori und den polynesischen Ureinwohndern zu beobachten war und als Folge einer „kollektiven Suggestion“ interpretiert wurde. Der französische Soziologe Marcel Mauss, ein Schüler und Neffe von Émile Durkheim, wies auf die erstaunliche Tatsache hin, dass bei den Maori die physische Widerstandskraft in starkem Gegensatz zu ihrer „Schwäche gegenüber Krankheiten, die durch Sünde oder durch Zauberei […] verursacht werden“, stünden.[3] Er thematisierte also die außerordentlich fatalen Wirkungen, die von Tabubruch und Schadenszauber ausgingen. Sie erschienen als wichtigste Todesursache, demgegenüber andere – Tod durch Kampf, durch natürlichen Verfall, Unfall oder Selbstmord – weniger ins Gewicht fielen. Die Bezeichnung „Todsünde“, die von den Maori abstamme, erhielt nach Mauss hier seine buchstäbliche Bedeutung. [4] Auf diese klassischen Befunde der Ethnologie wird in der Regel verwiesen, wenn heute vom psychogenen Tod die Rede ist.

Ein besonders illustres Phänomen ist der psychogene Tod als Begleiterscheinung von Massenbewegungen, wie er sich bei der „perniziösen Katatonie“ in Österreich 1938 ereignete.[5] Die statistischen Analyse der Todesfälle durch akute Katatonie an der Wiener Landes-Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ aus den Jahren 1935 bis 1947 ergab nämlich für den März 1938, dem Zeiptunkt des Anschlusses Osterreichs an das nationalsozialistische Deutschland, „einen epidemischen Ausbruch der tödlichen Katatonie; dieser Vorgang kann als Reaktion auf eine kollektive Todesdrohung verstanden weren, ähnlich der Reaktion eines Individuums auf den Todeswunsch eines Zauberers.“[6] Im Gegensatz zu solchen kollektiven Krankheitsphänomenen handelt es sich bei einem kollektiven Selbstmord etwa einer Sekte wohl um eine ganz andere Art von „psychogenem Tod“, da hier eine Kollektivhandlung, die von der Überzeugung einer religiösen Erlösung oder Rettung motiviert ist, eine Gruppe von Menschen in den Tod führt (Kap. 20). 


[1] Freud, 1913, S. 26-30. [2] Ebd., S. 27. [3] Mauss [1926], 1989, S. 189. [4] A. a. O., S. 190. [5] Schmid, 2000, S. 230 f. [6] A. a. O., S. 100.

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