# 2. Kap. Nocebo: Verborgener Schadenszauber

Dass Medizin krank machen kann und Ärzte, ohne es bewusst zu wollen oder es zu bemerken, eine Art Schadenszauber ausüben können, ist hinlänglich bekannt. Die Art und Weise, wie eine Diagnose mitgeteilt, eine Prognose gestellt, ein Medikament verabreicht oder eine Behandlung durchgeführt wird, entscheidet häufig über Erfolg oder Misserfolg einer medizinischen Maßnahme. Dadurch können nicht nur Heilprozesse gestört, sondern auch gesunde Menschen krank gemacht werden. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert wurde die zweischneidige Macht von Suggestion und Autosuggestion eingehend theoretisch beschrieben, experimentell erforscht und therapeutisch eingesetzt (Kap. 16). Dabei rückte die „iatrogene Krankheit“, die vom Arzt induzierte Krankheit, in den Blickpunkt der medizinischen Psychologie. Im Hinblick auf den Nocebo-Effekt interessieren uns hier weniger die als „Kunstfehler“ bezeichneten manifesten ärztlichen Fehlbehandlungen, als vielmehr der subtile Einfluss, den destruktive Haltungen von Ärzten auf ihre Patienten haben können und der sie noch kränker oder in manchen Fällen überhaupt erst krank macht. Bekanntes Musterbeispiel ist das diagnostische Eindrücken der Bauchdecke bei Verdacht auf Appendizitis, um den „Loslass-Schmerz“ auszulösen. Dieser wird dann umso stärker auch von Menschen mit gesundem Blinddarm gespürt, je mehr der Arzt von einer vorliegenden Blinddarmentzündung überzeugt ist.

Erst seit den 1990er Jahren tauchte der Begriff „Nocebo“ als Gegenbegriff zu „Placebo“ auf. Die Erforschung des Nocebo-Effekts steht erst am Anfang. Bisher widmete man ihr nur einen Bruchteil der Mittel, die für die Placebo-Forschung aufgewendet wurden. Der Nocebo-Effekt ist deshalb für unser Thema von Interesse, da man ihn als einen unbewussten Vorgang der Magie, einen verborgenen Schadenszauber begreifen kann. Hier ist nicht der eher seltene kriminelle Akt gemeint, wodurch ein Arzt vorsätzlich seinem Patienten bewusst etwas Böses antut, sondern die – für die Beteiligten zumeist unmerkliche – Übertragung schädlicher Vorstellungen mit pathogener Wirkung, wie sie in der medizinischen Praxis ähnlich wie im Alltagsleben häufig vorkommt.

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