4. Kap./1 * Annäherung an die „Wahrheit“

Max Weber stellte in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ (1922 veröffentlicht) die Frage, welchen „über das rein Praktische und Technische hinausgehenden Sinn“ der wissenschaftliche Fortschritt und die damit verbundene „Entzauberung der Welt“ überhaupt hätten. Die Antwort fand er in den Werken Leo Tolstojs. Der Tod habe für den Kulturmenschen keinen Sinn, „weil ja das ziviliserte, in den ‚Fortschritt’, in das Unendliche hineingestellte einzelne Leben seinem eigenen immenanten Sinn nach kein Ende haben dürfte.“[1] Weil der Tod sinnlos sei, sei es auch das Kulturleben als solches, „welches ja eben durch seine sinnlose ‚Fortschrittlichkeit’ den Tod zur Sinnlosigkeit stempelt.“ Max Weber unterschied das „wissenschaftliche Geschäft“ strikt von der religiösen „Offenbarung“. Wenn kein Prophet oder Heiland mehr da sei bzw. nicht mehr an einen solchen geglaubt werde, können man ihn nicht dadruch auf die Erde zwingen, „dass Tausende von Professoren als staatlich besondete oder privilegierte kleine Propheten in ihren Hörsälen ihm seine Rolle abzunehmen versuchen.“[2] Dem „inneren Interesse eines wirklich religiös ‚musikalischen’ Menschen“ könne nicht damit gedient sein, ihm „durch ein Surrogat, wie es alle diese Katheterprophetien sind“, zu verhüllen, dass er in einer „gottfremden, prophetenlosen Zeit“ zu leben habe. Wir werden sogleich sehen, dass die Weber’sche Skepsis gegenüber einer Fortschritt verheißenden Wissenschaft, die er „Katheterprophetie“ nannte, der Verunsicherung vieler Intellektueller in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entsprach und im Gegensatz zur selbstgewissen wissenschaftlichen Weltanschauung im Deutschen Kaiserreich stand.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts ereignete sich ein folgenschwerer Umbruch. Die modernen Naturwissenschaften mit ihrer experimentellen Methodik und ihrer Absage an die romantische Naturphilosophie eroberten das Feld. Die Münchner Antrittsvorlesung des Chemikers Justus von Liebig von 1852 war für die neue wissenschaftliche Weltanschauung beispielhaft. Aber auch er bediente sich traditioneller Metaphern, um sein Publikum zu überzeugen. Die Natur sei „das mit unbekannten Chiffren beschriebene Buch“ und die Worte seien „Chiffren besonderer Art“. Man könne die Naturerscheinungen „als Alphabet betrachten, womit wir das Buch entziffern.“[3] Eine „falsche Philosophie“ habe den „außerordentlichen Fortschritt“, den man „Bacon und Galiläi [sic]“ verdanke, verdrängt, der aber durch „Siege im Interesse der Menschheit“ immer mehr an Boden gewinne.[4] Auf die deutsche (romantische) Naturphilosophie blickte Liebig zurück „wie auf einen abgestorbenen Baum, der das schönste Laub, die prächtigsten Blüthen aber keine Früchte trug. Mit einem unendlichen Aufwand von Geist und Scharfsinn schuf man nur Bilder, aber auch die glänzendsten Farben sind, wie Göthe in seiner Farbenlehre behauptete, nur getrübtes Licht. Wir aber wollen und suchen das reine Licht und dieß ist die Wahrheit.“ Von der wissenschaftlichen Wahrheit waren demnanch naturphilosophische und okkulte Einstellungen wie der Glaube an Gespenster per definitionem ausgeschlossen. Liebigs Argumentation war in dieser Hinsicht äußerst simpel. Er formulierte einen einfachen Syllogismus: Gespenster seien körperlose Wesen, da aber nur Körper Licht reflektieren würden, könnten Gespenster nicht gesehen werden. Insofern gehöre der Glaube an Gespenster nicht zur Wissenschaft: “er ist des Wissens schlimmster Feind, denn das Wissen ist dieses Glaubens Tod.“[5] Auch die seinerzeit von vielen Naturforschern und Ärzten beachtete „Odwissenschaft“ des renommierten deutschen Chemikers und Industriellen Karl von Reichenbach kanzelte Liebig als „falsche Methode“ ab (Kap. 28). Erscheinungen, „welche in nervenschwachen, kranken Personen hervorgerufen werden“, könnten nicht die „Existenz einer neuen Naturkraft“ begründen.[6]

Für den Protagonisten der naturwissenschaftlichen Medizin, den Berliner Physiologen Emil Du Bois-Reymond war die „Entwicklungsgeschichte“ eine zentrale Idee, welche für biologische, soziale und wissenschaftliche Gegebenheiten gleichermaßen sinnstiftend war und objektive Zusammenhänge aufzeigen konnte. Auch seine eigene Arbeit subsumierte er unter die Entwicklungsgeschichte der Wissenschaft, wie er in seiner Rede „Über Geschichte der Wissenschaft“ (1872) ausführte: „Wer die Wissenschaft als ein Werdendes überliefert erhielt, fühlt sich gleichsam aufgefordert, selber an deren Ausbau sich zu beteiligen.“[7] Indem Du Bois-Reymond die Lehre von der Lebenskraft, die um 1800 im Brennpunkt des medizinischen Diskurses stand, ablehnte, wollte er bewusst einen Schritt in die seiner Meinung nach einzig richtige Richtung tun und den „Entwicklungsgang der Wissenschaft“ voranbringen: „Betrachtet man den Entwicklungsgang unserer Wissenschaft, so ist nicht zu verkennen, wie das der Lebenskraft zugeschriebene Gebiet von Erscheinungen mit jedem Tage mehr zusammenschrumpft, wie immer neue Landstriche unter die Botmäßigkeit der physikalischen und chemischen Kräfte geraten.“ Ja, es könne sein, daß die Physiologie „ganz sich auflöst in organische Physik und Chemie“.[8]

Du Bois-Reymonds imperialer Anspruch kam in solcher Eroberungsmetaphorik zum Ausdruck, wobei er sich der begrenzten Macht der Wissenschaft bewusst war. Denn der objektive wissenschaftliche Fortschritt zerstöre keineswegs automatisch die Illusionen der Menschen. So sei der Glaube an die Lebenskraft, wie er in diesem Zusammenhang feststellte, „wegen des gemütlichen Bedürfnisses für gewisse Organisation“, was er freilich nicht weiter erklärte, „unvertilgbar“. Die naturwissenschaftliche, biologische Medizin ließ sich in ihrem Fortschrittsglauben, wie er sich im ausgehenden 19. Jahrhundert im Sinne Du Bois-Reymonds machtvoll entfaltete, auch durch die monströsen Verirrungen der Weltkriege und Diktaturen des 20. Jahrhunderts, an denen sie mitgewirkt hatte, in ihrem Selbstverständnis nicht erschüttern, der Wahrheitsfindung und damit dem wissenschaftlichen Fortschritt gedient zu haben.

Was jeweils als wissenschaftliche Wahrheit angepeilt wird, ist an der Ausrichtung einschlägiger Forschungsprogramme von Förderereinrichtungen leicht ablesbar. Im Zeitalter der molekularen Biomedizin konzentriert sich das Interesse auf das Genom: Die „Buchstaben des Lebens“ sollen so weit als möglich und tendenziell bei allen Menschen entschlüsselt werden. Dabei geht es einerseits um die prädiktive Diagnostik und die damit verbundene Prävention sich anzeigender gesundheitlicher Gefahren, andererseits um eine maßgeschneiderte Therapie bei schon eingetretener Krankheit. Auf die Problematik des homo geneticus sind wir an anderer Stelle eingegangen (Kap 3). Die letzte oder höchste Wahrheit scheint für die wissenschaftliche Medizin seit wenigen Jahrzehnten in den Genen zu liegen, und so zielt die biomedizinische Forschung auf deren spezifische Erfassung ab. Als Beispiel sei hier nur auf die handgreiflichen Fortschritte der Krebsforschung verwiesen. Heute gilt die virologische Identifizierung des Erregers des Zervixkarzinoms als ein Meilenstein, der – Jahrzehnte nach der betreffenden Entdeckung – im Jahr 2008 mit dem Nobelpreis an den deutschen Virologen Harald zur Hausen gewürdigt wurde. Zur Vorbeugung dieser Krebserkrankung wurde 2006 der Impstoff Gardasil® gegen Humane Papillomaviren (HPV) für Europa zugelassen und damit in die medizinische Praxis eingeführt.[9]

Heute herrscht sowohl in der medizinischen Fachwelt als auch in der breiten Öffentlichkeit die Vorstellung, dass die wissenschaftliche Forschung Schritt für Schritt letztlich alle Rätsel lösen, die „wahren“ Ursachen der Krankheiten aufdecken und die „wahren“ Arzneimitteln aufspüren oder herstellen könne. Der wissenschaftliche Fortschritt scheint sich asymptotisch an die Wahrheitskoordinate anzunähern. Auf eine philosophische Bestimmung des Wahrheitsbegriffs soll es hier nicht ankommen. Nach meinem Eindruck herrscht in der Medizin eindeutig die mit der aristotelischen Tradition in Verbindung gebrachte „Korrespondenztheorie“ vor, wonach Wahrheit als Übereinstimmung von Wissen und Gegenstand aufgefasst wird (veritas consistit in adaequatione intellectus et rei).[10] Ein prominentes Beispiel lieferte der deutsch-jüdische Soziologe und Kulturhistoriker Norbert Elias. Für ihn waren „realitätsgerechte Symbole“ für eine Menschengruppe entscheidende Überlebensinstrumente. Solche Symbole seien wandelbar, aber sie könnten auch, wie im Fall der Sonne, vollkommen und endgültig sein: „Erst in diesem Jahrhundert ist das Wortsymbol ‚Sonne’ in höchstem Maße wirklichkeitsgerecht geworden. Man weiß, es handelt sich um einen Heliummeiler, der in ein paar Milliarden Jahren ausgebrannt sein wird. Natürlich kann dieses Sachwissen noch verbessert werden; aber im wesentlichen weiß man jetzt, was die Sonne ist.“[11]

Das bisher verschleierte Bild der Natur scheint also, was das Zentralgestirn für die Erde betrifft, enthüllt zu sein. Nach Elias weiß man jetzt angeblich, „was die Sonne ist“. Vor diesem Wissen verblassen scheinbar alle früheren Wissenschaften und Religionen, die sich je mit der Sonne befasst haben – und welche hätten das nicht getan? Denn diese wussten offenbar nicht, dass die Sonne ein ausbrennender „Heliummeiler“ ist. Zu dieser Wahrheit, und eine andere steht nicht zur Debatte, konnte nach Elias nur die moderne Naturwissenschaft gelangen. Analoge Argumentationen lassen sich, wie wir noch sehen werden, in der modernen Medizin zuhauf finden, und sie sind besonders auffallend, wenn es um den Placebo-Effekt geht.

Das Finden der Wahrheit, der Erwerb des Wissens, das der Wirklichkeit entsprechen soll, wird in der Wissenschaftsgeschichte in der Regel mit dem Begriff der Entdeckung in Zusammenhang gebracht. Wie im Begriff „Ent-Deckung“ anklingt, wird hier ein Vorgang des Aufdeckens, Enthüllens, Entschleierns angezeigt. Die Entdeckung Amerikas durch Christopher Kolumbus 1492, die Entdeckung des großen Blutkreislaufs durch William Harvey 1628 oder die Entdeckung der X-Strahlen durch Robert Röntgen 1895 sind herausragende Beispiele für das Auffinden neuer Wahrheiten durch empirische bzw. experimentelle Forschungsstrategien. Diese wiederum hängen von bestimmten Erfindungen ab, Instrumenten, Apparaten, Messmethoden, welche neuartige Zugriffe auf bisher unbekanntem Terrain ermöglichen. Der Begriff der wissenschaftlichen Revolution im Sinne von Thomas Kuhn, der sich ursprünglich auf die Geschichte der Physik bezog, hatte einige Jahrzehnte lang auch in der Medizingeschichte Konjunktur. Wahrscheinlich hat er die Erkenntnis der geschichtlichen Aufladung der Gegenwart mehr verdunkelt als erhellt, nicht zuletzt im Hinblick auf die „Aufklärung“ im 18. Jahrhundert.[12] Denn Kuhns Revolutionsbegriff orientierte sich am Regimewechsel herrschender Leitideen oder „Paradigmen“ und interessierte sich dafür, wie sich deren Wahrheitsanspruch durchsetzte. Überwundene Konzepte spielten dann nach der Wende keine Rolle mehr und landeten sozusagen auf dem Müllhaufen der Wissenschaftsgeschichte. Im Grunde entsprach dieser Ansatz der oben erwähnten Blickrichtung von Norbert Elias. Kuhns „Paradigmen“ erscheinen jeweils als die adäquaten „realitätsgerechten Symbole“, die sich kontinuierlich der endgültigen Erkenntnis der Wirklichkeit annähern und letztlich die Wahrheit aufdecken.

Die Kulturgeschichte bietet zum epistemologischen Problem der Wahrheitsfindung reichhaltigen Stoff. Vor allem die Mythologie kann für uns aufschlussreich sein, wie Friedrich Schillers Ballade „Das verschleierte Bild zu Sais“ zeigt. Die ägyptische Göttin Isis wurde als mütterliche Naturgottheit in zahlreichen Tempeln der Antike verehrt. Plutarch berichtete: “In Sais trägt das Sitzbild der Athene, die sie auch für Isis halten, die folgende Inschrift: ‚Ich bin alles, was da war, ist und sein wird; und kein Sterblicher hat je meine Gewand aufgedeckt.’“[13] In Schillers Ballade „Das verschleierte Bild zu Sais“ wird das Verbot, die verhüllte Wahrheit zu entschleiern, von einem griechischen Jüngling übertreten. Die Idealvorstellung einer Göttin, die sich vor den Augen ihres Verehrers selbst enthüllt, wird durch den gewaltsamen Enthüllungsakt des Neugierigen missachtet. Er sieht die Wahrheit. Die Strafe folgt auf dem Fuß: Geistige und körperliche Zerrüttung, früher Tod. Aber wodurch die Strafe bewirkt wird, bleibt bei Schiller im Dunkeln. Denn was der Jüngling konkret gesehen und erlebt hat, kann er nicht mehr mitteilen: „[…] Auf ewig / War seines Lebens Heiterkeit dahin, / Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe. / ‚Weh dem’, dies war sein warnungsvolles Wort; / Wenn ungestüme Frager in ihn drangen, / ‚Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld / Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.’“[14] Nicht der Anblick der entblößten Göttin erschien als Frevel, sondern deren gewaltsame Entschleierung. Schillers Ballade kann als aktuelle Mahnung an die wissenschaftliche Hybris unserer Zeit gelesen werden, wie dies der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann getan hat.[15]

Letztlich ist diese Mahnung so alt wie die Wissenschaftsgeschichte im weitesten Sinn. In der biblischen Schöpfungsgeschichte verbietet Gott dem Adam, von den Früchten des Baumes der Erkenntnis zu essen. Diese Warnung vor der gewaltsamen Enthüllung der Natur wurde bereits in der Antike von christlichen Autoren problematisiert, die meinten, Gott habe die Natur verbergen wollen und insofern sei curiositas verwerflich. Der US-amerikanische Wissenschaftshistoriker William Eamons hat in diesem Zusammenhang auf den Kirchenvater Laktanz hingeweisen. Dieser erklärte, dass Gott, um die Geheimnisse der Natur vor den gierigen Augen des Menschen zu verbergen, Adam als letztes Geschöpf geschaffen habe, damit er keine Kenntnis vom Schöpfungsprozess gewinnen könne.[16] „In confirmation of this, the popular image of the goddess Natura implied that nature covers herself with a veil in order to hide her secrets from mortals.”Das Einbrechen in die Mysterien der Natur, die Gott habe verbergen wollen, wie es die unverschämten Magier versuchten, schien die Grenze der zulässigen intellektuellen Forschung zu verletzen und auf ein verbotenes Terrain vorzudringen. Wir werden auf diesen Epochen übergreifenden Topos der Entschleierung oder Enthüllung, der für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte so überaus bedeutsam war, verschiedentlich zurückkommen.


[1] http://www.textlog.de/2321.html (19.07.2011)[2] http://www.textlog.de/2330.html (19.07.2011) [3] Liebig, 1852, S. 6. [4] A. a. O., S. 12. [5] A. a. O., S. 13. [6] A. a. O., S. 19. [7] Zit. a. a. O., S. 263. [8] Du Bois-Reymond, 1848, S. 23. [9] Vgl. Strauch, 2008. [10] Thomas von Aquin: Summa theologiae I,q.21 a.2. (22.02.2009) [11] Elias, 1996, S. 1036. [12] Schott (Hg.), 1998, S. 343. [13]Plutarch: De Iside et Osiride, Kap. 9; zit. n. J. Assmann, 2001, S. 271. [14]http://de.wikisource.org/wiki/Das_verschleierte_Bild_zu_Sais (2.1.2008) [15] J. Assmann, 1999, S. 49 f.; Huber 2004. [16] Eamon, 1954, S. 59 f.

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