4. Kap./2 * Entdeckung und Erleuchtung

Die Geschichte der Medizin wird häufig als eine Geschichte der Enthüllung der Wahrheit, der Entdeckung der Wirklichkeit aufgefasst. Dies erscheint besonders einleuchtend bei der Entfaltung der Anatomie in Renaissance und früher Neuzeit oder der Etablierung der Bakteriologie mit Hilfe von Mikroskop und speziellen Färbetechniken im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die bis dahin verborgene, geheimnisvolle Natur innerhalb und außerhalb des menschlichen Organismus konnte nun mit Hilfe bestimmter Verfahren aufgedeckt, entschlüsselt, durchleuchtet werden. Eine besondere Pointe war das Sichtbarmachen des Unsichtbaren, wobei Mikroskopie und Röntgenologie für die moderne naturwissenschaftliche Medizin besonders wichtig wurden. Aber auch für die medizinische Psychologie, Psychotherapie und Psychoanalyse war diese Idee der Entdeckung verborgener Wirklichkeiten maßgeblich. So verstand sich Sigmund Freud als Naturwissenschaftler, als Biologe, auch dann noch, als er sich in den 1890er Jahren dem unbewussten Seelenleben zuwandte und mit seiner Selbstanalyse die Grundlage für die psychoanalytische Lehre schuf. Es soll in diesem Zusammenhang nicht darauf ankommen, den tiefgehenden Einfluss des Darwinismus auf Freud darzustellen, der sich nachweislich auch in der psychoanalytischen Theoriebildung niederschlug.[1] Freud fühlte sich dem naturwissenschaftlichen Pathos der experimentellen Forschung auch dann noch explizit verpflichtet, als er zur Psychologie überwechselte, zur „Seelenzergliederung“, wie er seine neue Arbeitsmethode gelegentlich auch bezeichnete. Dementsprechend bezeichnete er in der „Traumdeutung“ seine Selbstanalyse als eine Art Vivisektion am eigenen Leibe.[2] Darin schwingt seine Idealvorstellung mit, das bislang verborgene Seelenleben so zergliedern und aufdecken zu können, wie dies die anatomisch-physiologische Forschung am menschlichen Organismus erfolgreich vorexerziert hatte. Freud folgte insofern ganz dem zeitgenössischen Ethos positivistischer Wissenschaft und seiner besonderen Ausprägung in der Medizin am fin de siècle. So kam es 1895 zu einem merkwürdigen Zusammentreffen zweier Epoche machenden Ereignisse, die das Menschenbild der Medizin im 20. Jahrhundert weit über deren Grenzen prägten: In diesem Jahre ist nicht nur Freuds psychoanalytische Wende zu verzeichnen, nämlich der Beginn seiner Selbstanalyse, mit deren Hilfe er das „Unbewusste“ durchleuchtete, sondern auch die Entdeckung der „X-Strahlen“ durch Konrad Röntgen, womit erstmals eine Durchleuchtung des Körperinneren möglich wurde. Um 1900 waren von der „Magie der Strahlen“ Wissenschaftler, Techniker, Schriftsteller und Künstler gleichermaßen fasziniert.[3] Das Sichtbarmachen der Radioaktivität durch die Forschungen der polnisch-französischen Wissenschaftlerin Marie Curie („Madame Curie“) mit dem neuentdeckten Element Radium verstärkte diese Faszination, die bis heute zu literarischen Darstellungen verlockt.[4] Psychoanalyse und Röntgenologie erschienen manchen Zeitgenossen des frühen 20. Jahrhunderts als komplementäre Errungenschaften der Medizin. Kaum jemand hat dies schärfer und gewitzter herausgearbeitet als Thomas Mann in seinem Roman „Der Zauberberg“, in dem er die ärztliche Kunst mit der Metaphorik der Durchleuchtung illustrierte und das Nebeneinander von Röntgenologie und Psychoanalyse sowohl in den Romanfiguren als auch in der Topographie des Sanatoriums trefflich ausmalte.[5]

Kommen wir auf Schillers Ballade „Das verschleierte Bild zu Sais“ zurück, das ziemlich genau 100 Jahre vor Freuds psychoanalytischer Wende verfasst wurde. Wahrscheinlich waren diesem nicht nur Schillers Verse bekannt, sondern auch die Hintergründe des Isis-Kults. Jedenfalls spielte die Idee einer Enthüllung der wissenschaftlichen Wahrheit auch bei ihm eine wichtige Rolle. Dabei kann „Enthüllen“ sowohl als intransitiver als auch transitiver Akt verstanden werden: Die Natur enthüllt sich dem Menschen – und der Mensch enthüllt die Natur. Freud war jedoch kein naiver Romantiker, dem sich die Natur wie dem Dichter Novalis enthüllt hätte, sondern ein romantisch inspirierter Aufklärer, der das Enthüllen der Natur durch den Menschen als zutiefst tragischen Vorgang begriff. In einem Brief vom 12. Juni 1900 schrieb Freud Bezug nehmend auf seinen „Traum von Irmas Injektion“ an seinen Freund Wilhelm Fließ: „Glaubst Du eigentlich, daß an dem Hause dereinst auf einer Marmortafel zu lesen sein wird: ‚Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem Dr. Sigm. Freud das Geheimnis des Traums’? Die Aussichten sind bis jetzt hiefür gering.“[6] Die Redeweise vom Geheimnis des Traums, der sich enthüllt habe, klang recht harmlos. Das Sich-Enthüllen des Traums war allerdings von vornherein verwoben mit dem „Ödipus-Komplex“: Freud verglich die Selbstanalyse mit dem Prozess der Selbstaufklärung des Ödipus über seine wahre Identität, der ihn des Vatermords und des Inzests überführte. Die schreckliche Wahrheit war unerträglich und zwang Ödipus zur Selbstblendung. Der real operierende Psychoanalytiker Freud hatte es aber nicht mit dem Ödipus direkt zu tun, sondern mit einem vom Ödipus-Komplex geplagten Neurotiker, den er mit Shakespeares Gestalt des Hamlet verglich. Die Enthüllung der Wahrheit, die Hebung des verborgenen Ödipus-Komplexes vom Unbewussten ins Bewusstsein, sollte, so die Grundannahme der analytischen Therapeutik, heilsam wirken, entsprechend der späteren Freud’schen Formel: „Wo Es war, soll Ich werden“.[7]

Dem entsprach die viel zitierte Herabsetzung der Hypnose durch den zur Psychoanalyse konvertierten Freud: Jene sei nur eine „zudeckendes“ Verfahren im Gegensatz zum „aufdeckenden“ der Psychoanalyse. Er spielte hier auf den in der Medizin klassischen Gegensatz von symptomatischer und kausaler Therapie an.[8] Erstere behandle „nur“ die Symptome, die man bestenfalls lindern könne, ohne die zugrunde liegende Krankheit zu heilen, letztere aber packe die Krankheitsursache selbst an, um sie zu eliminieren. Diese Gegenüberstellung sollte klarmachen, welche Behandlungsmethode nur als „wahre“ Medizin gelten könne: natürlich diejenige, welche die „wahre“ Krankheitsursache ins Visier nahm, um sie zu überwinden.

Die Geschichte der Entdeckungen in Medizin und Naturforschung zeigt ein merkwürdiges Phänomen: Bestimmte Forscher finden etwas Neues, nach dem sie gar nicht gesucht haben. Es handelt sich um „glückliche Zufälle“, die allerdings nur dem erfahrenen und vorbereiteten Forscher zufallen, der sie im richtigen Augenblick wahrnehmen und erfassen kann. Der Begriff der Serendipität (serendipity) reicht ins 18. Jahrhundert zurück. Er etablierte sich jedoch erst im 20. Jahrhundert vor allem im englischsprachigen Wortschatz und wurde auch in andere Sprachen übernommen.[9] 1945 veröffentlichte der bereits erwähnte US-amerikanische Physiologe Walter B. Cannon (Kap. 2), der Begründer der Homöostase-Lehre, die Autobiographie seines Werdegangs als Forscher unter dem TitelThe Way of an Investigator“. Die deutsche Übersetzung erschien bemerkenswerterweise zeitgleich in München unter US-amerikanischer Militärregierung.[10] Auch Cannon bezog sich auf den Begriff der serendipity, den der englische Kunsthistoriker und Belletrist Horace Walpole 1754 nach Lektüre des Märchens „The Three Princes of Serendip [= Ceylon] in einem Brief an seinen Freund und Landsmann Horace Mann vorgeschlagen hatte: „Wenn die Hoheiten auf Reisen waren […], entdeckten sie durch Zufall oder durch ihren Scharfsinn immerfort Dinge, nach denen sie gar nicht auf der Suche waren.“[11] Cannon listete eine Reihe von „glücklichen Zufällen“ und „Geistesblitzen“ auf, die für Wissenschafts- und Medizingeschichte Meilensteine der Erkenntnis bedeuteten – unter anderem die Entdeckung Amerikas durch Columbus, Galvanis zuckende Froschschenkel, Richets Beobachtung der Allergie und Flemings Entdeckung der antibiotischen Wirkung von Penicillin. Auch auf eigene Entdeckungen „auf Grund eines glücklichen Zufalls“ konnte Cannon verweisen, und zwar auf „die Entdeckung, daß Magen und Eingeweide bei Angstzuständen ihre Bewegungen einstellen“ sowie die „Entdeckung des Sympathins [Noradrenalin]“, dessen humorale Wirkung das Herz schneller schlagen lässt.[12] Cannons Vorstellung vom glücklichen Zufall, der dem tüchtigen Forscher zu Hilfe komme, enthielt einige traditionelle Elemente: Als eine Art religiöse „Erleuchtung“ springe sie gleichsam „ins Bewußtsein“, sie resultiere aus einem „spontanen Vorgang schöpferischen Denkens.“[13] Unverkennbar schwingt hier der alte Genie-Diskurs mit: Demnach kann nur der geniale Mensch, der mit „Bildung und Liberalität“ gleichermaßen gesegnet ist, aus Glücksfällen rasch einen Vorteil ziehen.[14] Das betreffende Erlebnis sei plötzlich und aufrührend wie ein Blitz. Aber die „naturwissenschaftliche Erleuchtung“ sei mit harter Arbeit verbunden, denn die „Vermutung“ müsse streng der kritischen Nachprüfung unterzogen werden.[15]

Zwar reicht nicht der Terminus, aber doch die Idee der Serendipität weiter zurück als das 20. Jahrhundert. Der französische Frühaufklärer Bernard de Fontenelle lässt in den „Totengesprächen“, deren französische Originalfassung 1683 erschien, mit Blick auf die zeitgenössische Alchemie und magia naturalis den katalanischen Gelehrten Raimundus Lullus sagen: „Es ist wahr, daß man den Stein der Weisen nicht finden kann, aber es ist gut, daß man ihn sucht. Indem man ihn sucht, entdeckt man sehr wertvolle Geheimnisse, die man selbst nicht suchte.“[16] In der Tat erinnert serendipity an Momente der Naturmystik, die im Kontext der magia naturalis von der frühen Neuzeit bis zu ihren romantischen Ausläufern um 1800 ein wesentliches Element der Naturerkenntnis darstellte: Die Natur offenbarte sich, so die Überzeugung der Akteure, in Träumen und Visionen von Naturforschern und – ein Spezifikum der Romantik – somnambulen „Seherinnen“. Der aus Ungarn stammende kanadische Endokrinologe Hans Selye, der Begründer der Stress-Theorie, war Schüler und glühender Verehrer von Walter B. Cannon. In seiner wissenschaftsphilosophisch weit ausholenden Autobiographie „Vom Traum zur Entdeckung“ folgte er weitgehend den Gedanken seines Lehrers. In seinem Plädoyer für die zweckfreie und (scheinbar) „unpraktische“ Grundlagenforschung verwandte er Topoi mit der traditionellen naturphilosophischen Metaphorik, die Naturforschung mit Lesen, Enthüllen, Wahrheit, Erotik, Schönheit und Religion in Beziehung setze. So gehe es um das Verstehen der „verborgenen Naturgesetze“, wie es der Wahrsager in Shakespeares „Antonius und Kleopatra“ formuliert habe: „In Nature’s infinite Book of Secrecy a little I can read“.[17] Gerade in der medizinischen Forschung bereichere die „Enthüllung eines Naturgeheimnisses […] die gesamte Menschheit für alle Zeiten“.[18] Der Wissenschaftler sei privilegiert, nehme er doch „aktiv an der Enthüllung dessen teil, was uns Freude bereitet“ und nirgends könne der menschliche Geist dem Schöpfungsvorgang näher kommen. Selye verglich in diesem Zusammenhang die naturwissenschaftliche Entdeckung mit dem unbeschreiblichen Erleben eines Kusses. Beiden gehe ein „unbestimmtes Gefühl der Vorfreude“ voraus. Mehrfach zitierte Selye den französischen Immunologen (und Parapsychologen) Charles Richet, der davon sprach, dass die Wissenschaftler „einen Kult mit der Wahrheit um ihrer selbst willen treiben. Für sie ist Wissenschaft eine Religion.“[19] Dies entsprach durchaus auch Selyes Überzeugung, für den die „harmonische Eleganz der Natur“ – in der Sternenwelt wie im menschlichen Körper – ein erhebender Anblick war und im Alltagsleben wie ein „tiefer religiöser Glaube“ weiterhelfen konnte. Echte Wissenschaflter sollten „ihren Träumen nachjagen“ und sich „eine gewisse romantische Vorstellungskraft“ erhalten.[20]

Vor allem wies Selye auf die Bedeutung von „Phantasie“, „Intuition“ und „Genie“ bei der naturwissenschafltichen Forschung hin.[21] „Das Zusammenwirken zwischen dem zuerst Vorgestellten und dem darauf folgenden Einpasssen wichtiger Beobachtungen in das imaginäre Bild zu einer bewußten Wirklichkeit ist die Grundlage schöpferischen Denkens“, lautete sein Grundsatz.[22] Selye gab sich explizit als leidenschaftlicher „Heldenverehrer“ zu erkennen, der sich an den Vorbildern wie Claude Bernard, Louis Pasteur oder Robert Koch orientierte, nicht zuletzt aber an Cannon – „und selbst diese Seiten tragen den Stempel seines Geistes. Meine Bindungen zu Dr. Cannon sind für mich unzertrennbar.“[23] Es sei kein reiner Zufall, „daß so viele intiuitive Eingebungen im Zustand des Halbschlafs empfangen wurden“. Auch bei seiner Entdeckung des Stress-Syndroms sei es zu blitzartigen Eingebungen gekommen, die erste während seines Prager Medizinstudiums im Jahre 1925.[24] Selye stellte eine Theorie der schöpferischen Tätigkeit des Wissenschaftlers auf, „die dem Zeugungsvorgang so außerordentlich gleicht.“ Er unterschied drei Entwicklungsstufen: (1) Begeisterung durch Liebe zur Natur oder Verlangen nach Wahrheit oder durch ein anderes Motiv; (2) die schöpferische Kraft des Geistes kann erst Früchte tragen, „wenn er vorher mit den durch Beobachtung und Studium gesammelten Tatsachen befruchtet wurde“; und (3) der Reifeprozess „im Unbewußtsein“ ist für den Wissenschaftler notwendig, der mit einer Idee schwanger geht.[25]

Die wahrscheinlich umfassendste Studie zur Geschichte des serendipity-Begriffs und seiner Bedeutung für Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft erschien zu Beginn des 21. Jahrhunderts: The Travels and Adventures of Serendipity, die kurz zuvor auch in italienischer Sprache erschienen war. Es handelt sich um die posthume Veröffentlichung eines Textes, den der 2003 verstorbene US-amerikanische Soziologe Robert K. Merton zusammen mit seiner Kollegin Elinor G. Barber 1958 verfasst hatte.[26] Im Nachwort stellte Merton in Form eines autobiographischen Rückblicks noch einmal umfassend die mit seinem Werk verbundene Begriffsgeschichte der serendipity zusammen.[27] Doch welche Rolle spielt die serendipity in der heutigen molekulargenetischen Grundlagenforschung, die ja auf allen klinischen Gebieten machtvoll vorangetrieben wird? Ist hier die gelehrte Intuition am Werk, oder nur einfach die IT-gestützte Rasterfahndung im großflächigen Format? Die Metaphern der „Goldwäscherei“ und der „Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen“ verweist darauf, dass es um das „Aussieben“ von Genen geht, die für bestimmte Krankheiten ursächlich verantwortlich gemacht werden können. Ein Vertreter der Genomischen Mathematik drückte es folgendermaßen aus: „Was für uns relevant ist, bleibt im Sieb hängen. […] Manchmal finden wir einige Goldkörner, aber oft ist es nur Sand, der glänzt.“[28] Der Weg der fortschreitenden wissenschaftlichen Erkenntnis folgt aus Sicht dieses Genomforschers der Logik des Goldschürfens: „Wenn wir die Zusammenhänge noch besser verstehen, wird der im Sieb verbleibende Anteil an Gold größer und der Sand weniger.“ Serendipity im Sinne von Cannon und Selye meint jedoch sicher einen anderen Findungsprozess als das mechanistisch-statistische Aussieben auf der Suche nach den goldenen nuggets.


[1] Vgl. Sulloway, 1986. [2] Freud, 1900, S. 481. [3] H. Schott, 2005 [b]. [4] Enquist, 2005. [5] H. Schott, 1997. [6] Freud, 1950, S. 344. [7] Freud, 1933, S. 86. [8] Freud, 1917, S. 452. [9] Merton, 2004, S. 246-249; 252-255. [10] Cannon, 1945 [a]; 1945 [b]. [11] Cannon, 1954 [b], S. 71. [12] A. a. O., S. 77. [13] A. a. O., S. 61. [14] A. a. O., S. 82. [15] A. a. O., S. 70. [16] Zit. n. Telle, 1976, S. 122. [17] Zit. a. a. O., S. 19. [18] A. a. O., S. 20. [19] Zit. a. O., S. 22. [20] A. a. O., S. 25 f. [21] Selye, 1965, S. 74-106. [22] Ebd., S. 75. [23] A. a. O., s. 35. [24] A. a. O., S. 83. [25] A. a. O., S. 91. [26] Merton / Barber, 2004; Merton 2002. [27] Merton / Barber, 2004, S. 230-301. [28] Zit. n. Seiler, 2010.

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