4. Kap./3 * Vormoderne Heilweisen nur Placebos?

Der Topos von der wahren, d. h. wirksamen Arznei ist so alt wie die Medizingeschichte. Zu allen Zeiten haben sich die Vertreter unterschiedlichster Heilkonzepte auf ihn berufen. Eine besondere Rolle spielt dieser Topos in der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit dem Placebo-Effekt. Das Erstaunen, ja Erschrecken darüber ist groß, dass aus heutiger Sicht wenig hilfreiche, ja unsinnig erscheinende Medikationen – von den Ägyptern und Griechen bis hin zu frühneuzeitlichen Rezepturen aus der „Dreckapotheke“ – trotzdem ihre therapeutische Wirkung entfalten konnten und dessen ungeachtet das Ansehen der Ärzte zu allen Zeiten relativ groß war. Die Erklärung liegt für morderne Betrachter auf der Hand: Bei den Behandlungserfolgen könne es sich nur um einen psychologischen Mechanismus, nur um die Folge des Placebo-Effekts handeln. So behauptete der US-amerikanische Psychiater Arthur K. Shapiro in seinem einschlägigen Sammelreferat, dass fast alle Medikationen bis vor kurzem (until recently) nur Placebos gewesen seien.[1]

Diese pauschale Einschätzung der Medizingeschichte vor der Ära der modernen Naturwissenschaften entspricht durchaus dem Selbstverständnis der modernen Medizin, dass nur mit der (natur)wissenschaftlichen Aufdeckung der Wahrheit reale Fortschritte erzielt werden können. Folglich scheinen alle vormodernen Therapieangebote der Ärzte, die ja offenkundig von vielen Patienten als hilfreich erfahren wurden, „nur“ auf dem Placebo-Effekt beruht zu haben. Die Ärzte und ihre Patienten waren demnach blind für das „wahre“ Arzneimittel, das Verum, wie es in der klinischen Arzneimittelforschung genannt wird. Dementsprechend ist in der zeitgenössischen Debatte über das Placebo-Problem von der „Wahrheitsfindung“ die Rede, der eine unabhängige Wissenschaft und Rechtsprechung verpflichtet sei. Und hierfür müsse man „auf den Busch klopfen“, d. h. Versuche anstellen: „Die Natur läßt sich aber nicht alles abschauen, wenn man im Lehnsessel des passiven Beobachters sitzt […]. Auf den Busch klopfen, Eingreifen und Handeln, also Experimente, sind in vielen Fällen der einzige Weg, die Wahrheit zu finden.“ [2] Wer in dieser Absicht auf den Busch klopft, hofft darauf, das darin verborgene Wild, die versteckte Wahrheit, aufscheuchen und erlegen zu können. Der Naturforscher wird hier zum Wahrheitsjäger. Dieses Motiv kommt bereits in der griechischen Mythologie vor, wo nach Ovid der Heros Aktaion die Göttin Diana beim Baden überrascht, von ihr in einen Hirsch verwandelt und dann von den eigenen Hunden zerfleischt wird. Auf Giordano Brunos Verwendung dieser Sage in den „Heroischen Leidenschaften“ kommen wir an anderem Ort zurück (Kap. 46)

Aus dem Blickwinkel der Placebo-Forschung, wie ihn Shapiro und viele nachfolgende Autoren einnahmen, ergab sich eine sehr simple Fortschrittsgeschichte der Medizin. Der alles entscheidende Fortschritt wurde demnach Ende des 19. Jahrhunderts mit den neuen Naturwissenschaften gemacht, bis dahin hätten wir es mit einem diffusen Brei medizinischer Behandlungsformen zu tun, die wissenschaftlich nicht begründet waren. Diese positivistische Einstellung wurde von einem US-amerikanischen Autor 1938 in einem eindrucksvollen Gleichnis zum Ausdruck gebracht: Die Seiten der Medizingeschichte glichen einem Tagebuch einer altmodischen Ozeanreise, in das Tag für Tag die Vorkommnisse eingetragen würden: ein Wasser speiender Wal, ein fliegender Fisch oder ein Stück Treibholz, während das vorherrschende Faktum, das ständig und fast ausschließlich vor Augen war, unerwähnt bleibe, nämlich die endlos öde Wassermasse. Diesem Ozean gleiche der Placebo-Effekt.[3] Diese Metaphorik wurde als Instrument eingesetzt, um die vormoderne Medizingeschichte insgesamt als eine blinde Fahrt zu denunzieren und demgegenüber den eigenen Standort als wissenschaftlich fortgeschritten auszuweisen.

Es ist bemerkenswert, dass auch die professionelle Medizingeschichtsschreibung selbst weithin noch der Ideologie des wissenschaftlichen Fortschritts anhängt. Dies zeigt sich am augenfälligsten bei den chronologischen Einteilungen von Übersichtswerken, die in der Regel von der „archaischen“ bzw. „primitiven Medizin“ ausgehen und über verschiedene Zwischenstufen wie „magische“ und „religiöse Heilkunde“ den Bogen zur neuzeitlichen „(natur)wissenschaftlichen Medizin“ schlagen. Der Gedanke der „Höherentwicklung“ ist dabei maßgebend. Er entspricht einer auf die Geschichte übertragene Evolutionslehre im Sinne ovon Charles Darwin. Den Autoren der frühen Neuzeit war diese Auffassung fremd, sie sammelten historische Zeugnisse, eigene Beobachtungen und nach Möglichkeit gegenständliche Objekte der Natur, die ihnen gleichermaßen aussagekräftig zu sein schienen. Die medizinische Fachliteratur des 17. Jahrhunderts beispielsweise präsentierte in vielen arzneikundlichen Büchern alle erreichbaren Referenzen zu einem Arzneimittel gleichermaßen, ohne dass das historische Alter der Zeugnisse ihre Aussagekraft für den zeitgenössischen Gelehrten beeinträchtigt hätte. Die Idee einer diachronen „Entwicklung“ war in jener Zeit noch nicht vorherrschend.[4] Ähnlich wurden die Schätze der Natur als „Wunderkammern“ aufgefasst, die ein Ensemble diverser Dinge enthielten und in Form barocker Naturalienkabinette ausgestellt wurden.  

Die Geschichte der Medizin als Entdeckungsgeschichte der wissenschaftlichen Wahrheit, die Ende des 19. Jahrhunderts in der naturwissenschaftlichen Medizin gipfelte, hatte eine umwälzende Nebenwirkung, produzierte einen empfindlichen Kollateralschaden: nämlich die Reduktion der „Natur“ als Organismus, als das lebendige Eine, auf allgemeine, objektive Naturgesetze. Dies hatte eine Neubestimmung des Menschenbildes und des Lebensbegriffs zur Folge. Der menschliche Organismus erschien nun als ein von der übrigen Welt isoliertes und isolierbares Ensemble von zellulär aufgebauten Geweben und sich selbst steuernden Funktionskreisen. Der Begriff der Lebenskraft wurde bereits Mitte des 19. Jahrhunderts obsolet und mit ihm der naturphilosophisch und religiös aufgeladene Begriff des Lebens überhaupt, der ursprünglich auch nicht-menschlichen Lebewesen und die übrigen Naturdinge umfasst hatte. Insofern können wir aus historischer Sicht von einer Naturvergessenheit und einer Lebensverleugnung sprechen, was aber bereits im frühen 20. Jahrhundert von namhaften Ärzten beklagt und in aller Öffentlichkeit als „Krise der Medizin“ thematisiert wurde. Dieser wollen wir uns nun zuwenden.


[1] Shapiro, 1960, S. 110 f. [2] Überla, 1986. [3] Shapiro, 1960, S. 114; Houston, 1938, S. 1416. [4] H. Schott, 2008 [a].

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