# 4. Kap. Wissenschaftlicher Fortschritt: Entdeckung der Wahrheit

Die Geschichte der Medizin wird gewöhnlich wie die der Naturwissenschaften als ein Siegeszug der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung erzählt. Dieser kennt nur eine Bewegungsrichtung: von einem früheren zu einem späteren, von einem primitiveren zu einem höheren, von einem rückständigeren zu einem fortgeschritteneren Zustand. Häufig wird auch von „Stufen“ des Fortschritts gesprochen, auf denen die Wissenschaft höher und höher steige. Auf die metaphorische Bedeutung der Himmels- oder Jakobsleiter, die in der Wissenschaftsgeschichte der frühen Neuzeit noch naturphilosophisch-religios gefärbt war, ist an anderem Orte einzugehen (Kap. 34). Die säkulare Redeweise von den „Stufen“ zur „Höherentwicklung“ lehnt sich an dieses frühere Leitbild des mentalen Aufstiegs an. Die Geschichtsschreibung folgte spätestens seit dem 18. Jahrhundert einem allseits beliebten und bereit liegenden Denkmuster, dass nämlich die „Entwicklung“ von Wissenschaft und Technik automatisch von einer zunehmenden Erkenntnis der „Wahrheit“ im Hinblick auf die Naturprozesse und ihre Bedeutung für den Menschen begleitet werde. Doch welchen Sinn ergibt der wissenschaftlich-technische Fortschritt angesichts des Todes, der für den einzelnen Menschen aus biologischen und für die Menschheit aus kosmologischen Gründen unausweichlich ist? Zunächst wollen wir kurz auf die scharfsinnige Analyse des Soziologen Max Weber eingehen.

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