5. Kap./2 * Wissenschaft als Religion

Erhob die naturwissenschaftliche Medizin im Sinne eines Bu Bois-Reymond mit ihrer Fortschrittsdogmatik allenfalls implizit einen religiösen Anspruch auf Erlösung, so ging die von Charles Darwin inspirierte Lehre Ernst Haeckels einen Schritt weiter. Sie wollte ausdrücklich und mit unüberbietbarem Pathos Materie und Geist, Naturwissenschaft und Religion in einer biologistischen Weltanschauung miteinander verschmelzen und auf der Grundlage der Naturgesetze eine „Einheit von Gott und Welt“ herstellen: Gott offenbare sich in den Naturgesetzen, sei mit ihnen identisch. Damit war nach Haeckel das „Welträtsel“ gelöst. Dabei berief er sich in erster Linie auf Goethes pantheistische Weltsicht, wie überhaupt Goethe sein großes Idol war. Gerade bei Haeckel wird deutlich, wie nahe naturwissenschaftliche und religiöse Weltanschauung zusammenrücken, ja ineinander übergehen können und wie sehr naturwissenschaftliche Dogmatik alle Züge einer religiösen Dogmatik annehmen kann. Es hat hohen Symbolwert, dass er sich 1904 auf dem Freidenker-Kongress in Rom anlässlich eines gemeinsamen Frühstücks zum „Gegenpapst“ ausrufen ließ.[1]

Der 1906 von Haeckel gegründete Deutsche Monistenbund und seine Geschichte sollen hier nicht untersucht werden. Wir wollen lediglich Haeckels dezidierte Ambitionen als Gründer einer neuen, zeitgemäßen Religion etwas genauer beleuchten. Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele, den er als „Athanismus“[2] bezeichnete, sei das „höchste Gebiet des Aberglaubens, welches gewissermaßen die unzerstörbare Zitadelle aller mystischen und dualistischen Vorstellungskreise bildet.“[3] Die moderne Biologie könne die Unhaltbarkeit dieses Dogmas nachweisen, da die menschliche Seele „der Kollektivbegriff für eine Summe von Gehirnfunktionen“ sei und die Ganglienzellen als die „Elementarorgane der Seele“ mikroskopisch zu erkennen seien.[4] „Der histologische Beweis gründet sich auf den höchst verwickelten mikroskopischen Bau des Gehirns, und lehrt uns in den Ganglienzellen desselben die wahren ‚Elementarorgane der Seele’ kennen.“ Mit dem Gehirn stirbt nach Haeckel auch die Seele.

Die moderne Naturwissenschaft, „unsere monistische Religion“, wie eine Kapitelüberschrift in „Die Welträtsel“lautet, soll als neue Religion die alte ablösen, so das „Glaubensbekenntnis eines Naturforschers“.[5] Es gehe nicht nur darum, „die Wahngebilde des Aberglaubens“ zu zertrümmern und „deren wüsten Schutt“ aus dem Wege zu räumen, sondern auf dem frei gewordenen Bauplatz „ein neues wohnliches Gebäude für das menschliche Gemüt“ herzurichten: „einen Palast der Vernunft, in welchem wir mittelst unserer neu gewonnenen monistischen Weltanschauung die wahre ‚Dreieinigkeit’ des neunzehnten Jahrhunderts andächtig verehren, die Trinität des Wahren, Guten und Schönen. […] Wir wollen keine gewaltsame Revolution, sondern eine vernünftige Reformation unseres religiösen Geisteslebens.“[6] In seinem Hymnus auf die monistische Fortschrittsreligion ist der Religionsgründer nicht gerade zimperlich. Mehrfach benutzte er das Verb „zertrümmern“ und das Substantiv „Trümmer“. Die alte Weltanschauung des „Idealdualismus“, so seine Vision, „sinkt in Trümmer; aber über diesem gewaltigen Trümmerfeld steigt hehr und herrlich die neue Sonne unseres Realmonismus auf, welche uns den wunderbaren Tempel der Natur voll erschließt. In dem reinen Kultus des ‚Wahren, Guten und Schönen’, welcher den Kern unserer neuen monistischen Religion bildet, finden wir reichen Ersatz für die verlorenen anthropistischen Ideale von ‚Gott, Freiheit und Unsterblichkeit’.“[7] Mit zunehmendem Wachstum der Naturerkenntnis lasse sich das Welträtsel schließlich durch „Verschmelzung der anscheinenden Gegensätze“ lösen. Wenige Jahre vor seinem Tod prägte er unter Berufung auf den über Alles verehrten Goethe den für seine „monistische Religion“ zentralen Begriff der Gott-Natur oder Theophysis. Das betreffende Buch erschien wenige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.[8] Die Naturforschung erschien ihm letztlich als Gottesdienst gemäß dem Goethe-Zitat, mit dem Haeckel sein Buch beschloss: „Gewiß, es gibt keine schönere Gottesverehrung als diejenige, welche aus dem Wechselgespräch mit der Natur in unserem Busen entspringt!“ [9] Als philosophische Begleiterscheinung der Lebensreformbewegung ist der Monismus an anderer Stelle noch einmal ins Auge zu fassen (Kap. 11)

 

 


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Haeckel (4.03.2009) [2] Haeckel, 1924a, S. 217. [3] A. a. O., S. 195. [4] A. a. O., S. 211. [5] Ebd., S. 343. [6] A. a. O., S. 347. [7] A. a. O., s. 391. [8] Haeckel, 1924 [b]. [9] Zit. ebd., S. 480.

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