5. Kap./4 * Medizinische Anthropologie

Der spätere Psychosomatiker und Begründer der „medizinischen Anthropologie“ Viktor von Weizsäcker gehörte zu den namhaften ärztlichen Autoren, die unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges im Konzert um die „Krise der Medizin“ ihre Stimme erhoben (Kap. 4). Das Besondere an Weizsäckers Werk und Wirkung ist, dass er auch nach dem Zweiten Weltkrieg seine fundamentale Kritik an der einseitig naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin fortsetzte und als Kliniker die Psychoanalyse Sigmund Freuds noch einmal öffentlich für eine Theorie der Allgemeinen Medizin reklamierte. Seine erste große Vorlesung nach Kriegsende widmete er im Wintersemester 1945/46 der Freud’schen Psychoanalyse.[1] Weizsäckers Ansatz soll im Folgenden genauer beleuchtet werden. Er zeigt beispielhaft, wie attraktiv die Idee der natürlichen Magie auch im 20. Jahrhundert noch für medizinkritische Ärzte sein konnte, auch wenn diese im Kanon der Universitätsmedizin eher Rolle von Außenseitern spielten.

Weizsäckers gedanklicher Ausgangspunkt war eine undogmatische, d. h. nicht klar definierte Art von Naturphilosophie, von deren Warte er die „Krise der Medizin“ charakterisierte. So prangerte er bereits in seinen Vorlesungen über Naturphilosophie (1919/20) den „modernen Naturbegriff“ an, der „aus dem Schöpfungsgedanken durch Entgottung, Entseelung und Entmenschung entstanden sei“.[2] Mehr als drei Jahrzehnte später erneuerte er seine Klage in seiner autobiographischen Schrift „Natur und Geist“ mit ähnlich markanten Worten:  „Die Entstehung der modernen Naturwissenschaften ist ein beständiges Ringen um solche Reinheit des Naturbildes von allem Geist; dieser Gedanke, dass Natur nicht geistig sei, sondern das Geistige nur bedeute, treibt von Stufe zu Stufe zu immer völligerer Lösung vom Geist […]. Im Begriff eines Naturmechanismus vollendet sich dieser Prozess der Entgeistigung“.[3] Dem stellte er eine fundamentale Alternative gegen­über: „Nicht im Anorganischen wird das Organische aufgelöst, sondern das Anorganische wird im Organischen aufgelöst: so wird das Leben selbst zum Urphänomen und Grundbegriff der Natur. Die ganze Natur wird ein Riesentier, ein großer lebendiger Leib […]. Das ist der Weg der früher sogenannten Naturphilosophien im engeren Sinne; er wird zuletzt von Schelling beschritten, Fechner zeigt noch Anklänge, aber das Mittelalter und die Renaissance kennen diese Vorstellung als das Normale, Übliche. Die Gegenwart lehnt das völlig ab.“[4] Den gesamten Prozess der Depotenzierung, der Abtötung der Natur fasste er folgendermaßen zusammen: „Es folgte der Entgötterung nacheinander die Entgeistigung, Entsinnlichung und nun die Entlebendigung der Natur: als lebendiger Organismus wird sie getötet, und schließ­lich wird das Leben auch der Lebewesen erschlagen; sie sind nur noch Maschinen, selbst der Mensch. Es bleibt ein wahrhaft gespensterhaftes Abstraktum über. Von Harmonie der Welt ist bei solcher Konsequenz nicht mehr die Rede, leblos liegt sie am Boden.“[5]

Am schlichtesten formulierte Viktor von Weizsäcker den Anspruch seiner medizinischen Anthropologie im November 1939 mit dem ersten Satz des Vorwortes zur ersten Auflage seines Hauptwerks „Der Gestaltkreis“: „Um Lebendes zu erforschen, muss man sich am Leben beteiligen.“ Und weiter: „Man kann zwar den Versuch machen, Lebendes aus Nichtlebendem abzuleiten, aber dieses Unternehmen ist bisher mißlungen. Man kann auch anstreben, das eigene Leben in der Wissenschaft zu verleugnen, aber dabei läuft eine Selbsttäuschung unter. Leben finden wir als Lebende vor; es entsteht nicht, sondern es ist schon da, es fängt nicht an, denn es hat schon angefangen.“[6] Aus meiner Sicht ging es Weizsäcker gerade im „Gestaltkreis“ um eine bestimmte Selbsterfahrung, die man als eine naturphilosophische Selbstreflexion bezeichnen könnte.[7] Diese erschien ihm als Instrument der Forschung, ja, als anthropologische Gegebenheit schlechthin, welche Wechselwirkungen in den verschiedenen Dimensionen – zwischen Wahrnehmen und Bewegen, Mensch und Umwelt, Arzt und Krankem – fassbar machen sollte. Weizsäcker operierte mit einer Reihe von Begriffen, die alle auf ein und denselben Tatbestand der Komplementarität aufmerksam machen sollten: „Verschränkung“, „Drehtürprinzip“, „Umgang“, „gegenseitige Verborgenheit“, „Selbstverborgenheit“.

Im Zentrum der Weizsäckerschen Argumentation stand das Verhältnis von Subjekt und Objekt. Weizsäcker beklagt die Tendenz der naturwissenschaftlichen Medizin, Subjektivität zugunsten einer strikten Objektivierung auszublenden. Er forderte programmatisch die „Einführung des Subjekts in die Biologie“, womit er die Wissenschaft vom Lebenden im weitesten Sinne einschließlich der Medizin meinte. „Wissenschaft gilt […] hier nicht als ‚objektive Erkenntnis’ schlechthin, sondern Wissenschaft gilt als eine redliche Art des Umgangs von Subjekten mit Objekten. Die Begegnung, der Umgang ist also zum Kernbegriff der Wissenschaft erhoben.“[8] Für ihn war die ursprüngliche Einheit von Subjekt und Objekt und ihr Zerreißen das Faszinosum beim wissenschaftlichen Arbeiten wie im persönlichen Erleben, die in seiner Sicht nicht voneinander zu trennen waren. In einer autobiographischen Anekdote schilderte er einen „sozusagen inspiratorischen Augenblick“, den er 1915 im Felde erlebte; „einen Augenblick, in welchem sich mir die ursprüngliche Ungeschiedenheit von Subjekt und Objekt gleichsam leiblich denkend offenbart hat. Bei ruhigem Betrachten einer dort hängenden Patronentasche bin ich Patronentasche, und diese ich. Die sinnliche Gegenwart eines äußeren Gegenstandes der aktuellen Wahrnehmung weiß nichts von einer Spaltung in Subjekt und Objekt. Die erkenntnistheoretische Frage, wie das Subjekt in den Besitz des Objektes gelangen, wie das Objekt in das Subjekt Eingang finden könne – diese Frage ist offenbar sinnlos, wenn jener Zustand des sinnlichen Erlebens ein ursprünglicherer und vor aller Analyse höchst wirklicher ist.“[9]


[1] H. Schott 2006 [b]. [2] Weizsäcker, 1949 [a], S. 195. [3] Weizsäcker, 1954 [a], S. 280. [4] A. a. O., S. 313. [5] A. a. O., S. 315. [6] Weizsäcker [1940], 1973, S. 83. [7] H. Schott, 1981 [b]. [8] Weizsäcker [1940], 1973, S. 96. [9] Weizsäcker [1954], 1986, S. 81.