5. Kap./1 * Im „Tempel der Wissenschaft“

Tier-, Menschen- und Selbstversuche wurden mit dem Aufkommen der modernen Naturwissenschaften zum entscheidenden Dreh- und Angelpunkt der medizinischen Forschung.[1] Sie passte Tier und Mensch in ihre speziellen Versuchsanordnungen ein, um die organischen Naturvorgänge nach ihrer Vorstellung analysieren zu können. In seinem 1835/37 niedergeschriebenen und posthum ergänzten Dramenfragment „Woyzeck“ nahm Georg Büchner in der achten Szene den Charakter der gewaltsamen Erforschung der menschlichen Natur aufs Korn. Dort wird die Begegnung des Doktors mit dem geplagten Titelhelden geschildert, der sich gerade einem Ernährungsversuch mit Erbsen unterziehen muss:  

Doktor: Ich hab´s gesehn Woyzeck; Er hat auf die Straß gepisst, an die Wand gepisst wie ein Hund – Und doch zwei Groschen täglich. Woyzeck, das ist schlecht …

Woyzeck: Aber Herr Doktor, wenn einem die Natur kommt.

Doktor: Die Natur kommt, die Natur kommt! Die Natur! Hab´ ich nicht nachgewiesen, dass der Musculus constrictor vesicae dem Willen unterworfen ist? Die Natur! Woyzeck, der Mensch ist frei, in dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit. Den Harn nicht halten  können! (Schüttelt den Kopf  […]) Hat er schon seine Erbsen gegessen, Woyzeck? – Es gibt eine Revolution in der Wissenschaft, ich sprenge sie in die Luft. Harnstoff, 0,10, salzsaures Ammonium, Hyperoxydul. Woyzeck, muß er nicht wieder pissen? Geh´ Er einmal hinein und probier Er´s.

Woyzeck: Ich kann nit Herr Doktor.

Doktor (im Affekt): Aber [an] die Wand pissen! Ich hab´s gesehen […], ich streckt grade die Nase zum Fenster hinaus und ließ die Sonnenstrahlen hineinfallen, um das Niesen zu beobachten, […] nein Woyzeck, ich ärger mich nicht, Ärger ist ungesund, ist unwissenschaftlich. Ich bin ruhig, ganz ruhig, mein Puls hat seine gewöhnlichen 60 und ich sag´s Ihm mit der größten Kaltblütigkeit! Behüte wer wird sich über einen Menschen ärgern, ein Mensch!“[2]

Der Wissenschaftler hat demnach kaltblütig gegenüber menschlichen bzw. natürlichen Regungen zu sein, Wissenschaft und Instinkt schließen sich gegenseitig aus. Das Motiv für den Ernährungsversuch des Doktors wird offenbar: Sein wissenschaftlicher Ehrgeiz ist maßlos, er möchte als Revolutionär in die Geschichte eingehen. Nebenbei machte sich Büchner über den Doktor lustig, der den Niesreflex im Selbstexperiment erforschen will, indem er Sonnenstrahlen in seine Nasenlöcher fallen lässt. Büchner spiegelte aus eigener Anschauung als Mediziner ziemlich treffend die experimentelle Aufbruchstimmung an der Schwelle zur Moderne wider. So führte kurze Zeit nach seinem Studienaufenthalt (1833-35) in Gießen Justus Liebig, der Begründer der organischen Chemie, dort tatsächlich ernährungsphysiologische Experimente an Soldaten durch.[3] Solche zeitgenössischen Ernährungsversuche sollten zur Lösung des sozialpolitischen Problems beitragen, wie man billige Nahrung für arme Leute produzieren und sozusagen aus Fleisch(fr)essern Erbsenschlucker machen könne.[4] In der oben zitierten Szene wird deutlich, worauf hier der Menschenversuch hinauslief: Er sollte die Natur zu einer bestimmten Antwort nötigen, indem er den Menschen als isoliertes Versuchsobjekt behandelte. Fortschrittsglaube und Erlösungsphantasie des Wissenschaftlers waren seine ideellen Triebfedern.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die „experimentelle Medizin“ als methodologischer Kern der naturwissenschaftlichen Medizin. Auf die allgemeinen wissenschaftshistorischen Voraussetzungen, etwa die Experimentalphilosophie bzw. Experimentalwissenschaft von Francis Bacon bis Isaac Newton kann hier nicht eingegangen werden.[5] An der Schwelle zur Moderne wurden Beobachtung und Experiment zunehmend als gegensätzliche Einstellungen gegenüber dem Forschungsobjekt angesehen. Dem entsprach die Aufspaltung von Naturphilosophie und Naturwissenschaft im frühen 19. Jahrhundert. Goethe verstand sich noch als ein Naturbeobachter, der letztlich im klassischen Sinn naturphilosophisch argumentierte. So lautet das Motto aus Faust I:

„Geheimnisvoll am lichten Tag

Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,

Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,

Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.“[6]

Die Goethe-Verehrung speiste sich wesentlich von diesem Bild des begnadeten Sehers, dem die Natur ihre Geheimnisse freiwillig offenbart. So meinte der moderne Alchemist und „Spagyriker“ Alexander von Bernus, Goethe sei es als einzigem „zuteil geworden, daß er beginnlich sich dem Urgeheimnis nahen und vor dem verschleierten Bild von Sais wirklich stehen durfte, wo er unbewußt die Einweihung empfing; so konnte er auch an der Alterswende den Übergang der Eroskräfte in die Persephonekräfte in sich vollziehen“. [7]

Stark beeinflusst von Goethe brachte der Anatom und Physiologe Johannes Müller das oben skizzierte Dilemma in seiner Bonner Antrittsvorlesung von 1824 polemisch zum Ausdruck: „Der Umgang mit der lebenden Natur geschieht durch Beobachtung und Versuch. Die Beobachtung schlicht, unverdrossen, fleißig, aufrichtig, ohne vorgefaßte Meinung; – der Versuch künstlich, ungeduldig, emsig, abspringend, leidenschaftlich, unzuverlässig. […] Man darf die Natur nur auf irgendeine Weise gewalttätig versuchen; sie wird immer in ihrer Not eine leidende Antwort geben.“[8] Freilich wandte sich Müller nicht generell gegen das Experiment, das ja wesentliche Grundlage seines eigenen Forschens war. Demgegenüber meinte Immanuel Kant, dass die Vernunft mit ihren Prinzipien „die Natur nöthigen müsse auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müsse“. Die Vernunft solle durch das Experiment von der Natur belehrt werden, „aber nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles vorsagen lässt, was der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nöthigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt.“[9] Die Natur wurde somit also vor den Richterstuhl der Vernunft zitiert, die dann, um mit Friedrich Wilhelm Joseph Schelling zu sprechen, mit Hilfe des Experiments ihre „empirische Konstruktion“ vornahm.[10]

Vor diesem Hintergrund stellte der Wegbereiter der „experimentellen Medizin“, der französische Physiologe  Claude Bernard, in seiner programmatischen Schrift von 1865 die „beobachtende Medizin“ der „experimentellen“ gegenüber, der es als Experimentalwissenschaft – wie der Physik und Chemie – nicht nur darum gehe, die Naturvorgänge vorauszusehen, sondern „sie nach Belieben zu lenken und Herr über sie zu werden.“[11] Das Experimentieren dürfe nicht durch unnützes Philosophieren behindert werden: Erst einmal sollten die jungen Leute in die Wissenschaft eingeweiht werden, und zwar in den Laboratorien als „ihrem wahren Heiligtum“.[12] Das Labor wurde somit zum Tempel der naturwissenschaftlichen Medizin stilisiert. Ihr Ziel war es, „aus der Wissenschaft alle persönlichen Ansichten zum Verschwinden [zu] bringen, um sie durch unpersönliche, allgemeine Theorien zu ersetzen“, die nur auf experimentell begründeten Tatsachen beruhen sollten.[13]

Die Laboratorien erscheinen aus Sicht heutiger Wissenschaftshistoriker als Analogon zur umgebenden städtischen Welt: Ihre Apparaturen entsprächen denen der „Maschinenstadt“ mit ihren neuen Kommunikations- und Transportmitteln. Gerade am Beispiel des deutschen Physiologen Emil Du Bois-Reymond, einer Leitfigur der naturwissenschaftlichen Medizin seiner Zeit, lässt sich dies zeigen.[14] Die revolutionäre Umgestaltung der Stadt entsprach derjenigen der Wissenschaft im Labor.[15] Dieses erinnerte manch einen Zeitgenossen an einen Tempel, in dem religiöse Rituale aufgeführt wurden. So beschrieb ein Schüler von Du Bois-Reymond das Auftreten des Meisters folgendermaßen: „Es war unter ihm der Tempel der Wissenschaft, in welchem ein einziger Priester, er selbst, seines Amtes waltete.“ [16] Er habe von der Höhe seiner Kanzel herab einen Überblick wie die Geistesheroen in der Regensburger Walhalla auf die Donau genossen. Offenbar knüpfte Du Bois-Reymond an die Tradition der öffentlichen Demonstration wissenschaftlicher Untersuchungen an, wie sie bereits im Anatomischen Theater der frühen Neuzeit üblich gewesen waren. Zu seinen physiologischen Lehrveranstaltungen gab es Eintrittskarten, der Meister zelebrierte eine Art „Physiologisches Theater“[17], die dem heutigen Betrachter wie eine religiöse Inszenierung vorkommt: „Durch eine geschickte Inszenierungsweise wurde eine nahezu heilige Atomosphäre evoziert, in der es zum Auftritt Du Bois-Reymonds kam, der, zugleich als Tempelherr und wichtigster Darsteller, den rituellen Charakter der Veranstaltung durch jede seiner Bewegungen auf der Bühne verstärkte“.[18] Was bereits zuvor in Anatomischen Theatern, Naturalienkabinetten oder so genannten elektrischen Salons zu beobachten war, zeigte sich auch hier am Ende des 19. Jahrhunderts im physiologischen Labor: Belehrung und Belustigung, Nervenkitzel und Geselligkeit durch sensationsfreudige wissenschaftliche Demonstrationen. So berichtete die Tagespresse: „Man hofft, eine Stunde lang in der modernsten Weltanschauung schwelgen zu können und Jedermann erwartet sich ein Fest.“[19] Einen buchstäblichen Nervenkitzel bot die „Froschpistole“, ein Muskelpräparat aus einem Forschbein, das in einem durchsichtigen pistolenförmigen Apparat eingespannt war und durch Fingerdruck beliebig oft zum Zucken gebracht werden konnte.[20]

In seiner wegweisenden Ignoramus-Ignorabimus-Rede von 1872 problematisierte Du Boi-Reymond die „Grenzen der Naturerkenntnis“.[21] Er trennte klar zwischen den „Rätseln der Körperwelt“, die wir zwar noch nicht wissen (ignoramus), aber eines Tages vielleicht wissen werden, und dem „Rätsel, was Materie und Kraft seien“, das wir niemals wissen könnten (ignorabismus). In diesem Ansatz wurde die Strategie ersichtlich, welche die naturwissenschaftliche Medizin verfolgte. Das Leben der organischen Welt konnte überhaupt nur insofern erforscht werden, als es auf die „Körperwelt“ bezogen war. Begriffe wie „Lebenskraft“ oder „Seelenleben“ erschienen von nun an als metaphysische Termini, die sich ein für allemal der Wissenschaft gemäß dem Diktum des ignorabimus entzogen. An diesem Punkt unterschied sich die naturwissenschaftliche Doktrin eines Du Bois-Reymond grundsätzlich von der monistischen Naturphilosophie eines Ernst Haeckel (siehe unten).


[1] H. Schott, 2003/2004. [2] Büchner, 1994, S. 25. [3] Roth, 2000, S. 503. [4] Dedner, 2000, S. 183. [5] Kuhlen  / Schneider, 1972. [6] Zit. n. Bernus, 1969, S. 155.[7] A. a. O., S. 164. [8] J. Müller [1824] 1949, S. 269 f. [9] Kant, zit. n. Frey, 1972. [10] Daiber, 1998, S. 66. [11] Bernard, 1865/1961, S. 275. [12] A. a. O., S. 314. [13] A. a. O., S. 305. [14] Dierig, 2006. [15] Ebd., S. 8. [16] G. Fritsch, 1910; zit. n. Dierig, 2006, S. 262. [17] Dierig, 2006, S. 262-267. [18] Ebd., S. 266. [19] Berliner Tageblatt vom 19.11.1888; zit n. Dierig, 2006, S. 266. [20] Abb. in Dierig, 2006, S. 267. [21] Du Bois-Reymond, 1872/1974.