# 5. Kap. „Natur“ als Objekt: Wissenschaftliche Anmaßungen und ihre Kritik

Der Begriff „Biomedizin“ hat sich erst Ende des 20. Jahrhunderts eingebürgert. Bis dahin war „naturwissenschaftliche Medizin“ der gängige Ausdruck, neben „wissenschaftlicher“, „akademischer“, „Universitäts-“ oder „Schulmedizin“. Diese Termini werden mehr oder weniger synonym verwandt, obwohl ihre jeweilige Begriffsgeschichte Unterschiede aufweist. Vor allem zwei Charakteristika dieser Medizin wären zu nennen: Zum einen die naturwissenschaftliche Objektivierung des gesunden und kranken Organismus durch den experimentellen Zugriff, zum anderen die gezielte Manipulation des Organismus mit Hilfe bestimmter Techniken. Beide Ansätze gehen beim praktischen Vollzug ineinander über und sind letztlich nicht voneinander zu trennen. Sicher sind diese Charakteristika der naturwissenschaftlichen Medizin auch bei der Medizin in vormodernen Zeiten festzustellen, man denke nur an die mit wissenschaftlichem Anspruch durchgeführten Vivisektionen im dritten Jahrhundert n. Chr. in Alexandria[1] oder die durch Tierversuche ermöglichte Entdeckung des großen Blutkreislaufes im 17. Jahrhundert.[2] Von einer naturwissenschaftlichen Medizin sensu stricto können wir allgemein aber erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts sprechen, als Physik, Chemie und Biologie zu Leitwissenschaften für die Medizin avancierten.


[1] Staden, 1996. [2] Mani, 1996.

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