6. Kap./3 * Tabus im Namen der Wissenschaft

Die naturwissenschaftliche Entzauberung der Medizin stützte sich entscheidend auf das Paradigma von Hypnotismus und Suggestionslehre. Denn alles, was zunächst als wissenschaftlich unerklärlicher Zauber oder übernatürliches Wunder erschien, konnte nun scheinbar mit Hilfe der Suggestionsformel entzaubert werden – nämlich als Wirkung der Einbildungskraft, die je nach dogmatischem Standpunkt als „Suggestion“, „Projektion“ oder „Übertragung“ verstanden wurde. Freilich ging damit eine Tabuisierung im Namen der Wissenschaft einher, die sich dem Fortschritt verschrieben hatte. Denn eine Wissenschaft – und dies betraf  auch die Psychoanalyse, insofern sie sich als Wissenschaft begriff –, die sich die Entzauberung der Welt, die Enttabuisierung aller Bereiche des Soziallebens, die Entmythologisierung aller Mythen auf die Fahnen geschrieben hatte, musste ihrerseits Tabus aufrichten, quasi magische Zauberformeln erfinden und neue Mythen schaffen. Dies gescah und geschieht in der Regel automatisch hinter dem Rücken der Akteure.

Zwei Beispiele seien hierfür genannt. Die Medizin definierte in den 1960er Jahren – im Zusammenhang mit der Entfaltung der Organtransplantation – den Tod des Menschen als Tod von dessen Gehirn und entwickelte das Instrumentarium der Hirntoddiagnostik. Damit wurde eine Handlung, die zuvor absolut tabuisiert war, nämlich das Ausweiden eines lebendfrischen menschlichen Körpers, dessen Herz noch schlägt, medizinethisch und juristisch im Dienste des medizinischen Fortschritts legitimiert. Natürlich konnte dieses Konzept in der Praxis nur angewandt werden, wenn die wissenschaftliche Todesdefinition als einzige, unumstößliche Wahrheit akzeptiert war. An dieser wissenschaftlich-technisch definierten Wahrheit zu rühren, ist in der heutigen klinischen Medizin aus verständlichen Gründen tabu.

Ein weiteres Beispiel liefert die Geschlechterforschung (gender studies). Die Bewegung der Frauenemanzipation wurde von dem Gedanken motiviert, dass die Frau gegenüber dem Mann in der Kulturgeschichte benachteiligt und von diesem unterdrückt worden sei. Insofern sollte die kulturelle und politische Gleichheit der Geschlechter hergestellt werden. Der politische Diskurs über die soziale Geschlechterrolle (gender) färbte auf die biologisch-anthropologische Forschung über die Geschlechterdifferenz (sex) ab und umgekehrt. Galt in der Medizingeschichte bis zum frühen 20. Jahrhundert die Frau traditionell als minderwertig gegenüber dem Mann – man denke an die bekannte Schrift des Psychiaters Paul Möbius „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“[1] – , so wurde im späten 20. Jahrhundert die Problematik der biologischen Geschlechtsunterschiede zunehmend ausgeblendet bzw. nivelliert. Die Anthropologie hatte der politischen Ideologie zu folgen. Die gesetzlich etablierten Gleichstellungsbeauftragten in öffentlichen Einrichtungen sind heutzutage ein Zeichen, dass die Diskussion über eine mögliche Ungleichheit der Geschlechter tabu ist, weil Ungleichheit im modernen Denken immer mit der Idee der Vollwertigkeit bzw. Minderwertigkeit und dementsprechend mit einer Machthierarchie, einer „Diskriminierung“ verbunden wird. Auf die bemerkenswerte Schrift des humanistischen Arztes und Universalgelehrten Agrippa von Nettesheim „Von dem Vorzug des Weiblichen vor dem Männlichen Geschlecht“ werden wir noch zurückkommen, das auf überraschende Weise das moderne Tabu von der Gleichheit der Geschlechter verletzt und der Frau in jeder nur denkbaren Hinsicht den Vorzug gibt (Kap. 38).

Der große Tabuaufklärer und –erklärer Sigmund Freud ahnte wohl, dass ihm die Begründung der Psychoanalyse als wissenschaftliche Lehre nur gelingen konnte, indem er selbst eigene Tabus aufrichtete. In seiner religionskritischen Schrift „Die Zukunft einer Illusion“ wird in einer merkwürdigen Ambivalenz „unser Gott λόγος“ angesprochen, der im Verhältnis zum Versprechen seiner göttlichen Vorgänger „vielleicht nicht sehr allmächtig“ sei und den „wir“, die Wissenschaftler, „in Ergebung“ hinzunehmen hätten.[2] Daraufhin entgegnete sein Freund, der evangelische Pfarrer Oskar Pfister, in einem Brief: „Ihr Religionsersatz ist im Wesentlichen der Aufklärungsgedanke des 18. Jahrhunderts in stolzer moderner Auffrischung.“[3] Freud war sich bewusst, dass er mit seiner psychoanalytischen Lehre eine Art Vernunftreligion predigte, die sich mit der Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaft als Gottesersatz, zufrieden zu geben hatte. Dass Freud somit an einer „noogenen Neurose“ (Vernunftneurose) gelitten habe, wie der jesuitische Theologe und Philosoph Reinhard Zaiser diagnostiziertet, ist meiner Meinung nach wenig erhellend und kaum sinnvoll.[4] Denn an einer solchen Neurose würden dann alle Philosophen, alle Wissenschaftler, ja, letztlich alle „normalen“, „vernünftigen“ Menschen außerhalb von Irrenanstalten leiden, was generell so gesehen werden kann, aber nichts Spezifisches über Freud aussagt.

Freilich teilte Freud den „Gott λόγος“ mit allen, die sich als Wissenschaftler um 1900 der Wahrheitsfindung verschreiben hatten und das, was nicht in ihr Weltbild passte, mit dem Verdikt des „Okkultismus“ versahen. Gab es darüber hinaus aber besondere, sozusagen Freud-spezifische Tabus? Ich denke, es gab vor allem zwei ganz unterschiedliche heilige Bezirke, die Freud in seiner Psychoanalyse miteinander verschmolz: Zum einen das „Unbewusste“ quasi als Restbestand der magisch arbeitenden Natur im Menschen, wunderbar romantisch veranschaulicht durch den Begriff der schöpferisch tätigen „Traumarbeit“ im sechsten Kapitel der „Traumdeutung“; zum anderen die „Triebe“, insbesondere die Sexualtriebe (Libido), aus deren Ablenkung, Verdrängung, Sublimierung alles abzuleiten war, was allgemeine Kulturentwicklung wie menschliches Einzelschicksal ausmacht. So formulierte er pointiert in der „Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ (1933): „Die Trieblehre ist sozusagen unsere Mythologie. Die Triebe sind mythische Wesen, großartig in ihrer Unbestimmtheit.“[5] Wer an der Möglichkeit der Aufdeckung des Unbewussten durch die analytische Technik zweifelte oder die zentrale Bedeutung des Sexualtriebs in Frage stellte, beging ein Sakrileg und wurde von Freud abgestraft, d. h. aus seinem Kreis verstoßen und den „Abfallbewegungen“ zugeordnet.

So brach Freud im Jahr 1900 den Kontakt mit seinem damals engsten Freund Wilhelm Fließ ab, als dieser ihm zu bedenken gab: „Der Gedankenleser [Freud] liest bei den anderen nur seine eigenen Gedanken“.[6] Freud entgegnete Fließ, seinem alter ego vor und während seiner Selbstanalyse in die 1890er Jahren: „Wenn Du also in dem Moment, da eine Deutung von mir Dir Unbehagen macht, bereit bist zuzustimmen, daß der „Gedankenleser“ nichts am anderen errät, sondern nur seine eigenen Gedanken projiziert, bist Du wirklich mein Publikum auch nicht mehr.“ Fließ markierte den ersten „Abfall“ von Freud. Ähnlich verhielt sich Freud zwölf Jahre später im Umgang mit seinem „Kronprinzen“ C. G. Jung, der die Priorität der Sexualtriebe anzweifelte und ebenso wie Fließ Freuds angebliche Projektion der eigenen Neurose auf die anderen Menschen in seinem Brief vom 18.12.1912 folgendermaßen kritisierte: „Sie wissen ja, wie weit ein Patient mit Selbstanalyse kommt, nämlich nicht aus der Neurose heraus – wie Sie.“[7] Freuds Ergebnisse als subjektive Phantasieprodukte anzusprechen und ihnen damit die wissenschaftliche Allgemeingültigkeit abzusprechen, war absolut tabu und wurde von ihm als krankhafter „Widerstand“ seiner Gegner gebrandmarkt. Insofern könnte man Freud als einen tragischen Helden begreifen, der mit dem Ödipuskomplex das Tabu des Kulturmenschen enthüllen und benennen wollte und nun selbst mit aller Macht verleugnen musste, dass er es ja selbst im Dienste seiner Wissenschaft errichtet und festgeschrieben hatte.

Entgegen der landläufigen Meinung, Tabus seien im Allgemeinen eher schädlich und im Sinne der Aufklärung aufzudecken und an den rationalen Diskurs anzuschließen, wäre zu fragen, ob Tabus nicht doch zur conditio humana gehören, zur mentalen Ausstattung des Menschen, ohne die er nicht lebensfähig ist. Tabus verweisen nämlich auf ein unaussprechliches Geheimnis, das mit der religiösen Gottesfrage zusammenhängt. Alle Versuche, diese ein für alle mal zu beantworten, sind bislang gescheitert. Schlimmer noch: Manche neuen Tabus, die unversehens mit pseudowissenschaftlichem Anspruch an Stelle der alten installiert wurden, waren furchtbarer als die alten, wie die politische Geschichte des 20. Jahrhunderts lehrt: etwa das Tabu, an der angeblichen Wahrheit der rassenbiologischen Naturgesetze zu rühren und sog. „Rasssenschande“ („Blutschande“) zu begehen; oder etwa das Tabu, militärische Befehle zu verweigern und damit den Fahneneid zu brechen.So lautete der Eid der Wehrmacht (ab 1934): „Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen.“ Somit wurden die Rasse zum unantastbar Heiligsten und der Kadavergehorsam zum edelsten Opferdienst erhoben. Wir sind hier bei der extremsten Perversion religiöser Tabuisierung im politischen Leben angelangt.

Ich neige zu der Ansicht, dass Magie und Tabu zur conditio humana gehören und nicht abziehbar vom menschlichen Leben und Erleben sind. Freilich sind die konkreten Formen, in denen sie zur Geltung kommen, kulturhistorischen Wandlungen unterworfen. So geht es nicht um die Frage, ob wir Magie und Tabu wissenschaftlich aufklären und überwinden können, sondern allenfalls darum, welche wir akzeptieren und wie wir mit ihnen verantwortlich umgehen wollen, um sie mit der Wissenschaft gleichsam zu versöhnen und „Glauben und Wissen“, wie es der gelehrte Journalist Josef Görres 1805 einmal programmatisch dargestellt hat, auf einen Nenner zu bringen.[8] Wir sind heute mit dem höchst problematischen Umgang des Menschen mit der Natur in und außer ihm konfrontiert. Bioethik, medizinische Ethik, Wissenschaftsethik, Umweltethik etc. haben derzeit Hochkonjunktur. Die Fragen der Grenzen von wissenschaftlich-technischer Forschung und Innovation stehen im Mittelpunkt der Debatte. Im Grunde geht es – von der Abholzung des Regenwalds bis zur Organtransplantation, von der Gentechnologie bis zu den Kernkraftwerken – um die Frage, was in der Natur aus guten Gründen tabu ist und tabu bleiben sollte und nicht angetastet werden darf. Solange jedoch das Entzauberungs- und Enttabuisierungsparadigma vorherrscht und „Ehrfurcht vor dem Leben“ (Albert Schweitzer), Respekt vor der Natur, systematisch abtrainiert wird, können gut gemeinte Moratorien und Expertenkongresse wenig bewirken.


[1] Möbius, 1900. [2] Freud, 1927, S. 378. [3] Freud / Pfister, 1986, S. 86. [4] Zaiser, 2004. [5] Freud, 1933, S. 101. [6] Zit. n. H. Schott, 1985 [a], S.46. [7] Zit. a. a. O., S. 45. [8] Görres, 1805 [a].

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