6. Kap./4 * „Autonomes Subjekt“ als Illusion

Die Betrachtung des isolierten Einzelorganismus als Objekt der Wissenschaft war typisch für die naturwissenschaftliche Medizin. Zugleich war klar, dass im Arzt-Patienten-Verhältnis zwei Subjekte aufeinander trafen und die rein wissenschaftliche Betrachtung in Frage gestellt war. In der „Heidelberger Schule“ der psychosomatischen Medizin war die intersubjektive Bedeutung im Arzt-Patient-Verhältnis ein wichtiger Diskussiongegenstand. Der Heidelberger Psychosomatiker Paul Christian, ein Schüler Viktor von Weizsäckers und dessen Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Allgemeine Klinische Medizin, prägte den Begriff der Bipersonalität, um das seiner Meinung nach falsche Personverständnis der Medizin zu korrigieren. „Bipersonal“ besage mehr als „daß mindestens zwei zum Spiel gehören müssen“. Es bedeute „eine Einheit, die von Anfang an jenseits der anteiligen Subjekte ‚für beide’ ist. […] Deshalb ist auch das Zu-Dritt (Tripersonalität), Zu-Viert, usw., keine quantitative und alsdann albeitbare Vermehrung des Zu-Zweit, sondern eine jeweils andersartige, qualitative Steigerung der Gemeinschaft.“[1] Damit sei „die Autonomie der Einzelsubjekte in eigentümllicher Weise aufgehobern, die Zwei verhalten sich wie ein einziger Organismus.“[2] Das „autonome Subjekt“ sei „eine faktisch unzugängliche, unmitttelbare Abstraktion.“[3]

Paul Christian ging von Weizsäckers „Gestaltkreis“ und dem entsprechenden Verständnis des „wissenschaftliche Umgangs“ von Subjekten mit Objekten aus: „die Begegnung, der Umgang, werden so zum Kernbegriff der Wissenschaft erhoben.“[4] Das Gestaltkreis-Modell wurde somit zur Grundlage (wissenschaftlichen) Erkennens schlechthin. Erkennen und Gestalten erschienen dabei als unauflösbarer Doppelakt: „Um die Natur von Umweltkräften wahrzunehmen, um Dinge und Vorgänge außer mir kennenzulernen, muß ich mit ihnen umgehen und sie mobilisieren: man muß zugreifen, um zu wissen, wie es steht. Jede Bewegung führt dann auch zu einer Prägung der Umwelt; Erkennen und Gestalten gehören zusammen, wie es der Struktur des Gestaltkreises (v. Weizäcker) entspricht: die Bewegung veranschaulicht das durch sie jeweils Gestaltete.“ [5] Dies erläuterte Christian am Beispiel des Läutens einer Glocke mit Hilfe eines Zugseils: „Damit die Glocke für mich existiert, muß ich sie in Gang setzen und das Zugseil in bestimmter Weise bewegen.“

Diese „Vorschrift“ transponierte er auf auf das Arzt-Patientverhältnis: „Genau wie bei der tastendem Hand des Untersuchers der Untersuchte Objekt in einem Gestaltkreis ist, so steckt hinter jeder therapeutischen Behandlung, hinter jedem diagnostischen Zugriff – sofern er umfassend genug durchgedacht ist – ein zyklomorpher Prozeß: ein Geben und Nehmen zugleich: Eine echte Therapie gelingt nämlich nur solange und sofern die Zuwendung und die Bindung zum Arzt aufrechterhalten ist.“ Vor dem Hintergrund der Geschichte der medizinischen Psychologie und Psychotherapie ist Christians Position bemerkenswert. Denn der Begriff der Bipersonalität verwies implizit auf die Phänomene des Mesmerismus und Hypnotismus, die Christian und die anderen Vertreter der Heidelberger Schule der Psychosomatik allerdings ignorierten. Denn es ging um die leibhaftig erlebte Überwindung der Grenzen des Einzelorganismus, um ein „Wir-Gefühl“, um „Solidarität“, „Gegenseitigkeit“, „rapport“ wie immer dieser Zustand bezeichnet worden ist. Demgegenüber sei „das konkrete Subjekt (als pures Individuum) […] eine faktisch unzugängliche, unmittelbare Abstraktion. In jedem Zusammenspiel, in jedem Dialog, in jedem werktätigen Mitsein, in jedem Umgang mit dem anderen ist unser eigenes Tun, unser Denken und Meinen schon von vornherein im Rückverhalt zur anderen Person angerührt. Jeder dieser Akte und Vollzüge umspannt von vornherein den anderen. Daraus würde positiv folgen: Geht man von vornherein vom Mitsein aus, so erscheint ‚Person’ als Einzelzustand erst in der Destruktion, Wandlung und Krise einer Partnerschaft.“ [6] Der Terminus „Rückverhalt“ ist hier besonders interessant. Er entspricht der Gemeinschaft stiftenden „Korrespondenz“ in der alchemisch-astrologischen Medizin und der „Wechselwirkung“ (rapport) im Mesmerismus.


[1] Christian / Haas, 1949. [2] Ebd., S. 2. [3] A. a. O., S. 3. [4] Christian, 1952, S. 141. [5] Christian, 1948, S. 1. [6] A. a. O., S. 157.

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