7. Kap./1 * Alternative Heilverfahren unter Verdacht

Als der Placebo-Begriff in der Mitte des 20. Jahrhunderts in der Medizin avancierte, schien plötzlich die gesamte Medizingeschichte durchsichtig zu werden. Denn mit einem Schlag war scheinbar die Formel für alle vormodernen Heilweisen gefunden: „all medications until recently were placebos“, wie der US-amerikanische Psychiater Arthur K. Shapiro selbstbewusst formulierte.[1] Aus diesem Blickwinkel ließen sich nun Akzeptanz und Ansehen aller möglichen Prozeduren von der Antike bis in die Neuzeit mit dem Placebo-Effekt erklären. Süffisant listete Shapiro die obsoleten Verfahren auf: Einhorn, Bezoar-Steine, Mandragora, The Royal Touch (Handauflegen der Könige), ägyptische Mumie sowie andere Mittel der „Heilsamen Dreck-Apotheke“, wie der Titel eines um 1700 mehrfach aufgelegten Arzneibuches lautete.[2] Somit erschienen vormoderne Verfahren als „medizinischer Irrsinn“, über die man heute nur noch den Kopf schütteln könne.[3] Aber auch ein Klassiker wie Hippokrates machte in dieser Sicht keine Ausnahme: „No treatments of specific value are found in all pages of Hippocrates.“[4] Diese Argumentation denunziert die Vergangenheit vollständig im Namen des wissenschaftlichen Fortschritts, der den therapeutischen Forschritt zur Folge gehabt habe. Sie hat eine fatale Konsequenz: Wenn die vormoderne Geschichte der Medizin lediglich eine Ära des Placebos darstellt, erscheint es kaum mehr lohnend, ja widersinning, sich ernsthaft mit längst überholten Heilkonzepten und ihren kulturellen Kontexten auseinanderzusetzen.

So erschien einzig die Geschichte spezifisch wirkender Arzneimittel von Interesse, da sie sich als Fortschrittsgeschichte plausibel erzählen ließ. Diese konnte man dann mit dem Nachweis des „englischen Hippokrates“ Thomas Sydenham[5] im ausgehenden 17. Jahrhundert beginnen lassen, dass Chinarinde als spezifisches fiebersenkendes Mittel bei Malaria wirksam sei, und dieses Ereignis als Ende des Galenismus und Anfang der wissenschaftlichen Pharmakologie feiern.[6] Weitere „Nonplacebos“ als historische Meilensteine sind zu feiern: Die wirksame Bekämpfung der Skorbut mit Zitrusfrüchten durch den schottischen Schiffsarztes James Lind (veröffentlicht 1753), die Behandlung kardial bedingter Ödeme mit Rotem Fingerhut (Digitalis purpurea) durch den englischen Arzt und Botaniker William Withering (veröffentlicht 1785) und die Einführung der Kuhpocken-Schutzimpfung (Vakzination) durch den englischen Landarzt Edward Jenner (veröffentlicht 1796).[7]

Diese Depotenzierung historischer Therapiekonzepte, die alle gleichermaßen zu Placebos erklärt werden, hat noch eine weitere Konsequenz: Sie ebnet nicht nur die historischen Tatbestände unterschiedslos ein, sondern auch die aktuellen alternativen oder komplementären Heilverfahren. Das entsprechende Verdikt lautet dann analog: All diese Verfahren wirken „nur“ über den Placebo-Effekt. Jedermann könne sich seine positive Wirkung zunutze machen. Dadurch seien Betrug, Glauben, Täuschung und Moden Tür und Tor geöffnet: „Fraud, Faith, Fallacies, and Fads“, wie der englische Stabreim mit den „vier F“ lautet.[8] Ähnlich wie zuvor alle historischen Konzepte, so landen nun auch alle alternativen Heilweisen im Sammelbecken „Placebo“: nämlich Scharlatanerie (fraud), Geistheilung (faith), ganzheitliche bzw. alternative Verfahren (fallacies) oder meditative Immunotherapie (fads). Demnach kann also jede Therapiemethode, die keinen nachweisbar „wahren“ Wirkstoff anwendet, einem dieser „vier F“ zugeordnet werden. Gerade die Psychotherapie, die ja keine stofflichen Arzneimittel oder körperlich an- oder eingreifende Verfahren anwendet, erscheint dann als ein zwielichtiger Therapieansatz. Wie sind ihre Heileffekte zu interpretieren? Aus Sicht der Placebo-Forschung überwiegen die unspezifischen Faktoren die von den einzelnen Schulen behaupteten spezifischen Wirkungen ihrer jeweiligen Methode. Offenbar konnte die Forschung bislang keine signifikanten Unterschiede der Wirksamkeit zwischen den unterschiedlichen psychotherapeutischen Methoden feststellen. So liegt die Frage nahe: „is psychotherapy more than placebo?“[9]

Übrigens sehen vehemente Kritiker in der Freudschen Psychoanalyse jenseits der Placebo-Problematik hinausgehend eine gefährliche Ersatzreligion; sie stehe nicht nur außerhalb der wissenschaftlichen Medizin, wie es der österreichische Psychiater und Psychotherapeut Heinz Prokop einmal formulierte: „Die Psychoanalyse läßt sich nicht einmal der alternativen Medizin im heutigen Sinne zuordnen. Auch ein alternativer Mediziner kann auf die objektive, naturwissenschaftliche Grundlage der Medizin keinesfalls verzichten.“[10] Sehr viel differenzierter und philosophisch gehaltvoller kritisierte der deutsche Psychiater und Philosoph Karl Jaspers die ideologische Engführung der Psychoanalyse. Seine Ablehung blieb grundsätzlich konstant und wurde im Laufe der Zeit eher schärfer, wie sich an den einzelnen Auflagen seiner „Allgemeinen Psychopathologie“ ablesen lässt. Letztendlich attestierte er Freud eine „Sektenstiftung“: „Der Freudianismus ist eine Glaubensbewegung geworden – im Gewande der Wissenschaft.“[11] Dieses Urteil, das Jaspers bereits in der vierten Auflage der „Allgemeinen Psychopathologie“ von 1946 fällte, hat er bis zur letzten Auflage seines Werkes nicht mehr geändert. Eine wissenschaftlich und philosophisch haltbare Psychotherapie dürfe sich nicht, mahnte er, von einer solchen „Sektenbildung“ verführen lassen, die „am Ende existentiell ruinös“ wirke. Ähnliches formulierten die Gutachten, welche die Kandidatur Freuds für den Nobelpreis betrafen; er war einmal für den Literatur- und mehrfach für den Medizin-Nobelpreis nominiert worden. So lehnte ein Gutachter 1929 rundweg eine weiterführende Untersuchung von Freuds Arbeiten ab, da ihr wissenschaftlicher Wert nicht nachweisbar sei.[12] Die psychoanalytische Lehre sei „größtenteils eine hypothetische Lehre, zu der sich ihre Anhänger fanatisch und fast religiös bekennnen.“ Ein anderer Gutachter wies 1933 nochmals auf das Problem hin, dass Freuds Lehren „immer noch unbewiesen seien – die Verleihung eines Nobelpreises setzte aber voraus, dass die zu belohnende Entdeckung völlig gesichert sei.“

Die Homöopathie ist dasjenige alternative Heilverfahren, dessen Wirkung am häufigsten und am eindeutigsten mit dem Placebo-Effekt erklärt und häufig sogar als dessen Synonym gebraucht wird. Sie wird u. a. auch als „Placebo-Königsweg“, „Superplacebo“ oder auch „Pseudoplacebo“ bezeichnet, da die Therapeuten meist fest von der Verum-Qualität ihres Präparats ausgehen.[13] Die Homöopathie ist zugleich ein herausragendes Beispiel für den pejorativen Gebrauch des Placebo-Begriffs, der in den einschlägigen Debatten und Polemiken über „Außenseitermethoden“ oder „Wunderheiler“ häufig mit der Psychopathologie von Gesundheitsaposteln, mit der Unwissenschaftlichkeit ihrer Lehren, mit der Ausnutzung bzw. Ausbeutung von Heilsuchenden und letztlich mit der Kriminalität von Scharlatanen assoziiert wird. Die ersten beiden Einwände gegen die Psychoanalyse (Psychopathologie, Unwissenschaftlichkeit) betreffen auch die Kritik an der Homöopathie, während die beiden letztgenannten (Ausbeutung, Kriminalität) wegen der relativen Transparenz der ärztlich-homöopathischen Behandlung eher mit nicht-ärztlichen Heilern in Verbindung gebracht werden. Allerdings wäre hier ein selbstkritischer Blick der wissenschaftlich anerkannten Medizin angebracht, der bei den vehementen Kritikern der Alternativmedizin in der Regel fehlt. Sie sind gewissermaßen auf einem Auge blind: Selbst unter der Annahme, dass die Vertreter der wissenschaftlichen Medizin psychisch „normal“ sind und ganz auf wissenschaftlich gesichertem Boden operieren, so ist damit keineswegs ausgeschlossen, dass sie nicht die Hoffnungen ihrer Patienten für ihre finanziellen oder anderweitigen Zwecke ausnutzen – bis hin zur finanziellen Ausbeutung oder kriminellen Fehlbehandlung.

Die Homöopathie steht seit eh und je im Visier der Skeptiker, die Okkultismus und „Parawissenschaften“ in der Medizin den Kampf angesagt haben. Der nächstliegende Schritt besteht darin, die zu bekämpfenden Konzepte als psychopathische Ausgeburten ihrer jeweiligen Begründer zu brandmarken. So diagnostizierte etwa der Psychiater Wolfgang Treher, Verfasser eine Reihe von Psychopathographien: „Hinter Hahnemanns Hochpotenzen steht keine therapeutische Konzeption, sondern Hahnemanns chronische Schizophrenie.“[14] Dieselbe Diagnose stellte er übrigens auch beim Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner, den er – in direktem Vergleich mit Adolf Hitler – ebenfalls als eine schizophrene Person begriff.[15] Häufiger als eine solche Psychiatrisierung missliebiger Lehren ist freilich ihre Diffamierung als wissenschaftlicher Unsinn. Jeder mäßig begabte Laie könne erkennen, so zwei prominente Kritiker, dass alle Thesen der Homöopathie „von der Naturwissenschaft und auch von der Logik her nicht nur Nonsens, sondern kompletter Nonsens“ seien.[16] In dieser Sicht erscheinen Homöopathika als „Pseudo-Placebos“[17] und die „Hochpotenzen“, bei denen rein rechnerisch keine Moleküle des Wirkstoffs mehr im Präparat vorhanden sind, gelten als Musterbeispiel für ein Placebo.[18] Deshalb beruhe die Homöopathie auf einer „Irrlehre, die mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften unvereinbar ist.“[19] Offenbar konnte bislang – zumindest mit den anerkannten Methoden der Arzneimittelforschung – weltweit keine über Placebo-Effekte hinausgehende Wirksamkeit homöopathischer Therapie festgestellt werden.[20] So waren die Ergebnisse einer doppelt verblindeten Crossover-Studie zur Prüfung homöopathischer Arzneimittel wenig aussagekräftig.[21] Freilich ist die Frage berechtigt, ob die angewandte Forschungsmethodik, die einem hierarchischen Modell folgt, das betreffende Behandlungsverfahren überhaupt adäquat erfassen kann und nicht besser durch eine Vielzal von Methoden mit unterschiedlichen Forschungsdesigns ersetzt werden sollte (siehe unten).[22]

Die Forderung bestimmter Gesundheitspolitiker im Sommer 2010, dass die gesetzlichen Krankenkassen keine Kosten mehr für homöopathische Behandlungen erstatten dürften, knüpfte an die übliche Ablehung der Homöopathie mit den bekannten Standardargumenten an: kein Molekül der Ausgangssubstanz im Präparat, kein valider Wirksamkeitsnachweis, zudem potentziell gefährlich, da eine adäquate Behandlung verzögert oder verhindert werden könne. „Man sollte den Kassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen“, ließ der gesundheitspolitische Sprecher der SPD Karl Lauterbach verlauten.[23] Angesichts von 30 Milliarden Euro Ausgaben der Gesetzlichen Kankenversicherung für (allopathische) Medikamente und 170 Milliarden Euro Gesamgtausgaben machen die 9 Millionen Euro für homöopathische Mittel freilich einen lächerlich geringen Betrag aus.[24] Eine persönliche Anekdote sei hier eingefügt, welche die feindselige Einstellung von engstirnigen Naturwissenschaftlern, die dogmatisch dem Objektivismus huldigen, gegenüber „unwissenschaftlichen“ Heilkonzepten offenbart. Eine Doktorarbeit, die sich explizit mit einem quellenmäßig fundierten Thema zur Geschichte der Homöopathie auseinandersetzte, wurde von einem Professor der Pharmazie an einer deutschen Universität im Jahre 2009 deshalb radikal abgelehnt, weil die Homöopathie nach seinem Verständnis eine reine Placebo-Therapie sei, objektiv also Scharlatanerie. Auch nur über die Geschichte einer solchen Irrlehre zu forschen, sei völlig überflüssig und sinnlos, meinte er und empfahl nachdrücklich, die Arbeit zurückzuziehen. Die Promotion wurde dann ohne Probleme zeitnah an einer anderen Universität erfolgreich abgeschlossen.[25]

Die Erwartung des Patienten, seine Hoffnung auf Linderung des Leidens oder gar auf Heilung, sind wichtige Faktoren des Therapieerfolgs. Kritiker alternativer Heilmethoden werfen den betreffenden Ärzten bzw. Heilern in der Regel ein „Geschäft mit der Krankheit“ vor: Sie würden die „Gläubigkeit und Religiosität“ der Menschen für ihre Zwecke ausnützen[26] und ihre Klientel finanziell ausbeuten.[27] Damit sind wir mit dem traditionellen Problem der Scharlatanerie und Quacksalberei konfrontiert, welches die Medizingeschichte schon immer begleitet hat, es sei nur an die „Beutelschneider“ und Marktschreier früherer Jahrhunderte erinnert. Trickreiche Manipulationen gepaart mit Geschäftstüchtigkeit bzw. Betrug sind aber auch bei heutigen „Geistheilern“ zu beobachten, etwa philippinischen Behandlern, die „psychische Operationen“ (psychic surgery) anbieten, was besonders in den 1980er Jahren öffentliches Aufsehen erregte.[28] Die Übergänge zur Kriminalität sind dabei fließend und hängen von den jeweiligen kulturellen und rechtlichen Rahmenbedingungen ab. Auf das Problem, dass die juristische Zuschreibung von Kriminalität häufig auch ein Akt der Kriminalisierung darstellt, die auf Seiten des Betroffenen als Willkür und Gewalt empfunden wird, soll hier nicht eingegangen werden.

Dem deutschen Arzt Ryke Geerd Hamer, dem Begründer der „Germanischen Neuen Medizin“, wurde 1986 durch Gerichtsentscheid die Approbation als Arzt entzogen. In der Folgezeit musste er u. a. wegen Betrugs und illegaler Ausübung eines medizinischen Berufs diverse Haftstrafen verbüßen. Hamer hält seine Lehre nach wie vor „für jeden normal intelligenten Menschen gut verständlich und nachvollziehbar, weil sie sich den naturwissenschaftlichen Gesetzen der kausalen Logik verpflichtet fühlt. […] Zwar gibt es viele Dinge in der Natur, die wir nicht verstehen und deshalb metaphysisch nennen statt metagnoisch (= über unser Verständnis hinweg), in Wirklichkeit hatten und haben wir für die meisten vermeintlich metaphysischen Phänomene nur noch keinen Verständnisschlüssel.“[29] Fast alle Krebskranken könnten durch seine Methode geheilt werden, behauptet er. Wie Hamers Beispiel zeigt, versteht sich eine solche „alternative“ Heilmethode heute zumeist nicht mehr als historisch begründeter Gegenentwurf zum naturwissenschaftlichen Menschenbild und Krankheitsverständnis, beispielsweise im Sinne der klassischen Naturheilkunde des 19. Jahrhunderts, sondern beansprucht für sich selbst naturwissenschaftliche Evidenz. Ihre Vertreter spielen sich gerne als „Pioniere einer wissenschaftlichen Avantgarde“ [30] auf, was bei dem soeben erwähnten Krebsheiler der Fall ist.


[1] Shapiro, 1960, S. 111. [2] Shapiro, 1959, S. 300; Paullini, 1696. [3] Bethge, 2009. [4] Shapiro, 1959, S. 299. [5] http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Sydenham (14.09.2010) [6] A. a. O., S. 114. [7] Shapiro / Shapiro, 1997, S. 19. [8] A. a. O., S. 24. [9] A. a. O., S. 23 f. [10] Prokop, H., 1999, S. 387. [11] Jaspers [1959], 1973, S. 647. 12] Wiklund, 2007. [13] http://www.mraz.de/Qualitatszirkel/placebo_Mestel.pdf (11.08.2011) [14] Prokop, O. / L. Prokop, 1999, S. 102. [15] Treher, 1990. [16] Prokop, O. / L. Prokop, 1999, S. 103. [17] Gauler / Weihrauch, 1997, S. 138. [18] Jordan, 1987, S. 4. [19] Prokop, O. / L. Prokop, 1999, S. 122. [20] Lambeck / Oepen, 1999, S. 131. [21] Walach, 1992. [22] Walach et al., 2006. [23] Zit. n. Meißner, 2010; Homöopathie in der Kritik, 2010. [24] Meißner, 2010; Homöopathie, 2010. [25] Gypser, 2011. [26] Prokop, O. / L. Prokop, 1999, S. 104. [27] Oepen / Scheidt, 1989, S. 8 f. [28] Oepen, 1989, S. 37-45; http://en.wikipedia.org/wiki/Psychic_surgery (19.02.2009) [29] ttp://www.pilhar.com/Hamer/NeuMed/nm.htm (19.02.2009) [30] Heyll, 2000, S. 124.

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