7. Kap./2 * Psychologisierung „magischen Denkens“

äheDer Psychosomatiker Arthur Jores, dessen Position noch ausführlicher dargestellt wird (siehe unten), ging im Gegensatz zu den strikten Gegnern jeglicher Alternativmedizin von der Realität des magischen Denkens bei allen Menschen aus. Er sah die „magische Wirkung“ ärztlicher Maßnahmen schlechthin von drei Faktoren abhängen: (1) der Hingabebereitschaft des Patienten; (2) der Überzeugung des Arztes von der Richtigkeit seines Handelns; und (3) von zusätzlichen Faktoren, welche die Maßnahmen selbst betreffen – wenn sie z. B. neu sind, Manipulationen oder undurchsichtige Apparaturen am Patienten erfordern oder erhebliche Geldopfer verlangen. Die „überwiegend magische Wirkung“ einer Außenseitermethode lasse sich im Gegensatz zur „kausalen Therapie“ an bestimmten Kennzeichen erkennen: (1) Für das betreffende Heilmittel gebe es keine Indikationsliste, (2) seine Wirkung sei nicht voraussagbar, (3) schwäche sich bei Wiederholung ab und (4) trete häufig momentan ein (Sekundenphämonen).[1] Jores fügte hinzu, dass auch im Bereich der Medizin, „die sich um Objektivität und Wissenschaftlichkeit bemüht, […] die magische Wirkung eine unkontrollierbare und häufig übersehene Rolle“ spiele. Er bezog sich auf den nachgewiesenen Placebo-Effekt, wonach „mindestens 40% aller Menschen positiv auf ein Arzneimittel reagieren, gleichgültig, was es enthält.“ Die große Zahl von Arzneimitteln und ihre subtile Zusammensetzung „ist wahrscheinlich ‚Zauber’ und ohne jeden objektiven Wert.“[2]

Seit der ersten expliziten Diskussion über den Placebo-Effekt in den 1950er Jahren hat sich die Arzneimittelherstellung grundlegend gewandelt. Geradezu revolutionäre Ansätze sind zu verzeichnen, etwa die erstaunliche Entwicklung der Psychopharmaka oder die gentechnische Produktion von menschlichen Hormonen. Pharmazeutische Industrie und klinische Forschung sind eine immer intensivere Liaison eingegangen, die ein beachtliches Ausmaß erreicht hat. Dennoch wurde das Placebo-Problem durch die Forschung keineswegs aus der Welt geschafft, ganz im Gegenteil. Die Frage nach Präparaten oder Heilverfahren, deren Wirkung nicht auf dem Placebo-Effekt beruht, wird angesichts knapper Ressourcen und des drängenden Wettbewerbs auf dem Gesundheitsmarkt immer triftiger. Der Kampf um die wissenschaftliche Anerkennung und damit kommerzielle Verwertung eines Medikaments ist voll entbrannt. Er spiegelt sich im Bestreben von Arzneimittelherstellern wider, ihre Produkte in den Katalog der von den Krankenkassen anerkannten und erstattungsfähigen Leistungen aufnehmen zu lassen. Eine in vielen europäischen Ländern existierende „Positivliste für Arzneimittel“ wurde in Deutschland bislang noch nicht eingeführt.[3]

Wenn die Evidenz-basierte Medizin sich heutzutage als eine methodologische Neuentwicklung medizinischer Forschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begreift, so ist dies nur im Hinblick auf die IT-gestützte biostatistische Methodik zutreffend. Selbstverständlich ist die Idee einer objektiven Überprüfung von Heilverfahren älter. In der Hochzeit der Aufklärung Ende des 18. Jahrhunderts etwa war sie besonders aktuell, als der Begriff der Einbildungskraft im Hinblick auf Krankheiten, Missbildungen und bestimmten Therapieverfahren in kritischer Absicht diskutiert wurde. Zu Letzteren seien hier zwei Beispiele erwähnt, die in anderem Zusammenhang noch ausführlich zu beschreiben sind: die magnetische Kur nach Franz Anton Mesmer (Kap. 22) und die Schmerztherapie mit Stahlmagneten. Beide Verfahren wurden im Jahr 1785 in Paris wissenschaftlich begutachtet – mit unterschiedlichem Resultat: Während die unstrittigen Wirkungen der magnetischen Kur als Werk der Einbildungskraft, weil ohne physikalisch nachweisbaren Kräfte, eingestuft wurden, billigte man den Stahlmagneten eine objektive Wirkung auf die Nerven als probates Mittel der Beruhigung und Schmerzlinderung zu.[4]

Wenn damals die Heilwirkung eines Arzneimittels oder Behandlungsverfahrens auf die „Einbildungskraft“ zurückgeführt wurde, so entsprach das durchaus der heutigen Verstellung vom Placebo-Effekt. Die Wirkung wird heute als ein innerpsychischer Vorgang im Patienten angesehen, als Ausdruck seiner „response expectancy.”[5] Diese pauschale Psychologisierung alternativer Heilweisen, wie sie die Wortführer der Placebo-Forschung und die Fundamentalkritiker alternativer Heilweisen gleichermaßen vornehmen, folgt der Logik der Evidenz-basierten Medizin und ihres Placebo-Begriffs: Wenn ein Mittel wirkt, ohne ein Verum zu sein, so kann es sich nur um eine psychische Reaktion (response) des Behandelten drehen. Ein Verum aber enthält definitionsgemäß einen chemisch fassbaren Wirkstoff. Einem Placebo fehlt gerade dieser Wirkstoff. Also beruht die Wirkung in dieser Sicht auf einer rein psychischen Reaktion, auf einer „Einbildung“. Dass Ein-Bildung im Sinne von imaginatio in der frühen Neuzeit gerade nicht psychologistisch begriffen wurde oder werden konnte, ist an anderer Stelle zu erörtern (s. Kap. 31).

Auf dem weiten Feld der so genannten Laien- oder Volksmedizin stand die Idee einer „Heilkraft der Natur“, die in jedem Menschen als „innerer Arzt“ wirksam sei, in hohem Kurs. Sie war der gemeinsame Anker ganz unterschiedlicher Heilverfahren, die oft aus individueller Not erfunden wurden. Selbsttherapie, Selbstanalyse und Selbsthilfe standen bei namhaften kranken Heilern oft am Beginn eigenständiger Heilkonzepte, von der Kaltwasserkur bis hin zur Psychoanalyse. Die Medizingeschichte kennt interessante Fälle, in denen Patienten, denen die Ärzte nicht mehr helfen konnten, zu ihren eigenen Ärzten wurden und sich selbst heilen konnten. So publizierte der US-amerikanische Medizinjournalist Norman Cousins 1979 seine eigene Kranken- und Heilungsgeschichte „Anatomy of an illness as perceived by the patient“, deren deutsche Übersetzung unter dem Titel „Der Arzt in uns selbst“ erschien.[6] In der Einleitung hob der bekannte Mikrobiologe René Dubos von der Rockefeller University in New York die Bedeutung von Cousins’ selbsttherapeutischem Ansatz für die moderne Medizin hervor: „Wirklich wissenschaftlich wird die moderne Medizin erst werden, wenn die Ärzte und ihre Patienten gelernt haben, sich der Kräfte des Körpers und der Seele, die in der Vis medicatrix naturae am Werke sind, zu bedienen. Cousins’ Buch steht im Dienst dieser wissenschaftlichen Tradition.“[7] Dubos’ Gewährsmann für diese Tradition war William Osler, ein Wegbereiter der modernen Medizin, der 1910 in seinem Artikel „The faith that heals“ ein Loblied auf diesen offensichtlichen Heilfaktor anstimmte (siehe unten).[8] Auch Cousins führte als „Quellen der Inspiration“ medizinische Autoritäten ins Feld, nämlich den Physiologen Hans Selye und dessen Lehrer Walter B. Cannon (Kap. 4).

Cousins schilderte im Einzelnen den Prozess seiner Selbsttherapie. An Kollagenose, einer schweren Systemerkrankung, leidend wurde er von der Schulmedizin nach allen Regeln der Kunst behandelt und schließlich von ihr als Patient mit infauster Prognose aufgegeben. Weitgehend gelähmt und ans Bett gefesselt beschloss Cousins, am Leben zu bleiben: Er zog vom Krankenhaus in ein Hotelzimmer um und entwickelte seinen eigenen Therapieplan. Sein behandelnder Arzt unterstützte diese Eigeninitiative. Täglich ließ er sich sehr hohe Dosen von Vitamin C (25 g) infundieren und entwickelte gleichzeitig eine besondere Form der Lachtherapie. Er ließ sich witzige Texte vorlesen, sah sich Filme der Marx Brothers an und lachte so oft und laut er konnte. Allmählich verschwanden Schmerzen, Schlaflosigkeit und Lähmungserscheinungen, bis Cousins völlig wiederhergestellt war. Diese Schilderung einer Selbstheilung löste einen Sturm der Begeisterung aus, Cousins’ Buch hielt sich längere Zeit auf der Bestseller-Liste in den USA. Das heilsame Lachen rückte um 1980 auch anderweitig in den Blickpunkt der Öffentlichkeit.[9]

Cousins äußerte sich ausführlich über das „mysteriöse Placebo“.[10] Freilich sei es nicht unbedingt notwendig, da die Seele auch alleine wirken könne. „Was wir im Grunde sehen, ist, daß das Placebo nicht wirklich notwendig ist und daß die Seele ihre schwierigen und wundersamen Missionen unbeeinflußt von kleinen Pillen ausführen kann. Das Placebo ist nur ein greifbares Objekt, das unentbehrlich geworden ist in einer Zeit, in der die Menschen sich gegenüber dem Immateriellen unbehaglich fühlen, einer Zeit, in der man es vorzieht zu glauben, daß jede innere Wirkung einer äußere Ursache haben müsse. […] bei genauerer Untersuchung löst sich das Placebo in Nichts auf“.[11] Das Placebo sei ein Abgesandter zwischen dem Willen und dem Körper, aber die „Seele kann ihre fundamentalen Funktionen und Kräfte ohne die Illusion einer materiellen Intervention ausüben.“ Hierzu berichtete er eine Anekdote von einer Begegnung mit Albert Schweitzer in Lambarene, über den er ab 1960 verschiedene Schriften publizierte. In einem Gespräch erzählte ihm dieser über die Heilerfolge von Medizinmännern, die ihm manche Patienten überwiesen. „Als ich Albert Schweitzer fragte, wie er es sich erkläre, daß überhaupt jemand nach der Behandlung durch einen afrikanischen Medizinmann hoffen könne, gesund zu werden, sagte er, ich verlangte von ihm, ein Geheimnis zu enthüllen, das die Ärzte schon seit Hippokrates mit sich herumtrügen. ‚Aber ich will es Ihnen trotzdem verraten’, sagte er […] ‚Der Medizinmann hat aus dem gleichen Grund Erfolg wie wir auch. Alle Patienten tragen ihren eigenen Arzt in sich. Sie kommen zu uns, ohne diese Wahrheit zu kennen. Wir sind dann am erfolgreichsten, wenn wir dem Arzt, der in jedem Patienten steckt, die Chance geben, in Funktion zu treten.“[12]

Anmerkung vom 8.11.2016

2015 erschien in der Schriftenreihe Medizin und Kulturwissenschaft Bonner Beiträge zur Geschichte, Anthropologie und Ethik der Medizin (Hg. von Walter Bruchhausen und Heinz Schott) als Band 10 die biografische Studie von Isgard Ohls: „Der Arzt Albert Schweitzer“. Näheres sie mein Supplementary News Blog. 

 

Wenn die alternativen Heilkonzepte (analog den historischen) psychologistisch als Placebo-Verfahren interpretiert werden, spricht man ihnen nicht nur eine spezifische Wirksamkeit ab, sondern hält sie letztlich auch für „unwahr“, rückt sie in den Dunstkreis der „vier F“ (fraud, faith, fallacies, and fads).[13] Doch woher kommt die Gewissheit, dass etwa bei Gebeten oder Geistheilung allenfalls unspezifische innerpsychische Kräfte mobilisiert, keinesfalls aber Kräfte „von außen“ auf den Kranken übertragen werden können? Sie entspringt wohl dem Menschenbild der naturwissenschaftlich-biologischen Medizin, für die der einzelne Organismus mit seinen Organsystemen, an oberster Stelle dem Zentralnervensystem, ein in sich abgeschlossenes, quasi autonomes Gebilde darstellt, das nur indirekt mit seiner Umwelt korrespondiert. Wir werden sehen, dass dieses in der heutigen Biomedizin wissenschaftlich nicht mehr in Frage gestellte Modell kaum älter als 150 Jahre ist und noch um 1800 durch den medizinischen Schlüssselbegriff der Sympathie konterkariert wurde (s. Kap. 26)


[1] Jores, 1955, S. 917. [2] A. a. O., S. 918. [3] htttp://de.wikipedia.org/wiki/Positivliste_f%C3%BCr_Arzneimittel (11.08.2011)´[4] H. Schott, 1993 [a], S. 225. [5] Kirsch, 1997, S. 180. [6] Cousins, 1984. [7] Dubos, 1984, S. 22. [8] A. a. O., S. 16; Osler, 1910. [9] Moody, 1979. [10] Cousins, 1984, S. 49-72. [11] Ebd., S. 68. [12] A. a. O., S. 71 f. [13] Shapiro /Shapiro, 1997.