7. Kap./3 * „Magie“ in der modernen Medizin?

Die heutige Bio- und Hightech-Medizin erhebt den Anspruch, ihre Rationalität ganz von ihren objektiven naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und mathematisch-physikalischen Berechnungen ableiten und den subjektiven Faktor, die „Macht des Geistes“, nach den Regeln der Kunst systematisch ausblenden zu können. Bei klinischen Humanexperimenten, insbesondere Arzneimittelversuchen, ist heute der englische Begriff Rationale üblich, wenn es um die Begründung und Rechtfertigung eines konkreten Studiendesigns geht. Allerdings stellt sich die Frage: Inwieweit kann die Medizin diesem Anspruch wirklich gerecht werden? Können die suggestiven Faktoren, die mit Erwartungshaltungen, technische Apparaturen, Hoffnungen und Ängsten der jeweiligen Akteure verknüpft sind, tatsächlich scharf von den objektiven Prozessen abgegrenzt werden? Je weiter die gegenwärtige Placebo- und Noceboforschung voranschreitet, umso zweifelhafter erscheint der wissenschaftliche Anspruch, „Magie“ als Wirkfaktor aus der Heilkunst ausschließen zu können, und um so dringlicher stellt sich die Frage, ob es überhaupt klug ist, diesen Faktor generell ausblenden zu wollen.

Als der Placebo-Effekt in der Mitte des 20. Jahrhunderts als Begriff der wissenschaftlichen Medizin kreiert wurde, war derjenige der Magie schon längst aus ihrem Gesichtsfeld verschwunden. Nur vereinzelt wurde in der Medizin noch von „Magie“ gesprochen. So veröffentlichte der Internist Otto Lippross 1969 sein Buch „Logik und Magie in der Medizin“, das er bereits zwischen 1938 und 1940 konzipiert hatte.[1] Er war in den 1930er Jahren Mitglied des Arbeitskreises um Louis Grote und Alfred Brauchle am Rudlof-Heß-Krankenhaus in Dresden, wo Schulmedizin und Naturheilkunde unter einem Dach vereinigt waren, deren Verhältnis vor dem Hintergrund der „Krise der Medizin“ intensiv diskutiert wurde.[2] Lippross plädierte für einen aufgeklärten Umgang mit der „Magie“, da die Reichweite der naturwissenschaftliche Medizin (noch) allzu sehr begrenzt sei: „Die Therapie, die eigentliche Heilkunst, ist nach wie vor ein Bereich, in dem Magie noch oft die Ratio ersetzen muss.“[3]

Zu den sehr wenigen Universitätsmedizinern, die am Magiebegriff festhielten, gehörte der Psychosomatiker Arthur Jores. Wahrscheinlich war er seinerzeit sogar der einzige, der immer wieder ausdrücklich auf die Aktualität der „Magie“ für die Theorie und Praxis der modernen Medizin hinwies.[4] Seine Position sei hier etwas genauer beleuchtet, da sie interessante Anregungen sowohl für klinische als auch kulturwissenschaftliche Forschungen geben kann. Religiöses und magisches Denken gehören in seiner Sicht zusammen. Es gehe darum, „arationale“ Dinge, die „mit der Ratio nicht voll zu erfassen und nicht kausal-mechanistisch auflösbar“ seien, stärker zu beachten: „Hierher gehören etwa Hoffnung und Glaube, emotionale Beweggründe, Vorstellungen, aus der Kindheit übernommen und heute noch wirksam […], aber auch Phänomene, […] wie sie im magischen Bereich vorkommen, oder das Phänomen der Synchronizität.“[5] Die Einseitigkeit der naturwissenschaftlichen „mental-rationalen“ Epoche sei zu überwinden, da sie sich als insuffizient erwiesen habe. Nun komme es darauf an, „die magischen und die mythischen Bereiche in uns mit den mentalen zu einer Einheit auf höherer Bewußtseinsebene zu verschmelzen.“[6] Das Magische sei eine Realität und eine allen Menschen innewohnende Gegebenheit, eine Möglichkeit, kranke Menschen zu heilen.[7] Auf „magischer Stufe“ seien rational nicht verstehbare Dinge möglich, „die wir einfach als eine Wirklichkeit registrieren müssen. Es geht nicht an, sie schlechthin als Aberglauben abzutun.“[8] Jores scheint sich manchmal in fragwürdigen Spekulationen zu verlieren, wenn er ziemlich naiv eine Epocheneinteilung der Menschheitsentwicklung vornimmt oder „Magie“ etymologisch von „Macht“ ableitet. Gleichwohl weisen seine Überlegungen auf einen Bereich der modernen Medizin hin, der für die Therapeutik allgemein von zentraler Bedeutung ist. Das Magische als Heilmethode, so meint er, spiele auch heute noch eine erhebliche Rolle, wenngleich nur in abgemilderter Form der Suggestion und Hypnose.[9] Diese gehörten „auch grundsätzlich in den magischen Bereich“.

Das Magische, so Jores, stecke in jedem Menschen, da ja jeder als Kind eine magische Entwicklungsperiode durchgemacht habe: „Das Magische ist also schlechthin eine menschliche Möglichkeit. Es gibt nun auch in unserer Zeit genügend Menschen, die diese magische Periode noch nicht ganz hinter sich gelassen haben.“[10] Aus seiner eigenen ärztlichen Praxis und aus der von Kollegen lieferte er hierfür Beispiele: das krankmachende Gefühl, verhext worden zu sein; die diagnostische Röntgenuntersuchung, die als heilsam empfunden wird[11]; die diagnostische Laparaskopie (Bauchspiegelung), die eine Hepatitis zur Heilung bringt; oder auch geringfügige chirurgische Eingriffe, die einen überraschenden Heileffekt haben können. Überhaupt sei der Arzt viel öfter, als er ahne, „der Initiator magisch suggestiver Vorstellungen.“[12] Die Worte des Arztes könnten auch krankmachen und würden dann wie „die Verwünschung oder der Zauber einer bösen Frau“ wirken: „Von der Mächtigkeit des Wortes hat der heutige Arzt keine Ahnung mehr. Er glaubt an die Mächtigkeit der Chemie, aber nicht mehr an die Mächtigkeit seines Wortes und weiß nichts davon, wie behutsam es oft gesetzt werden muß.“[13] Hochtechnisierte Medizin werde oft magisch erlebt, und sie müsse erkennen, „daß sie nicht nur angewandte Naturwissenschaft ist, sondern auch Geisteswissenschaft“ sei.[14] .

Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Mesmerismus bzw. Hypnotismus vereinzelt von Chirurgen zur Anästhesie eingesetzt. Der Begründer des Hypnotismus, der schottische Chirurg James Braid, war vor allem auch deshalb an einer zuverlässigen Hypnosetechnik interessiert. Auch mehr als 100 Jahre später wurde vereinzelt von chirurgischen Teams berichtet, die angeblich auch große Operationen unter Hypnose durchgeführt hätten. Bekannt wurde auch die Anwendung der Akupunktur als Methode der Anästhesie in China. Weniger spektakulär ist die Annahme von Chirurgen, die in ihrem operativen Alltag generell davon ausgehen, das „die mächtige Heilsuggestion des Eingriffs in gewissem Ausmaß“ zum Ergebnis beitrage.[15] Naturgemäß ist der Placebo-Effekt bei chirurgischen Eingriffen nicht im Doppelblindversuch nachzuweisen, kann aber bei Scheinoperationen oder bei technisch missglückten oder aus irrtümlicher Indikation vorgenommenen Eingriffen bemerkenswerte Besserungen bewirken.[16] Inzwischen liegen valide Studien zur Placebo-Wirkung von Scheinoperationen vor.[17]

Jores, der sich sehr für die praktische Bedeutung des Placebo- und Nocebo-Effekts innerhalb und außerhalb der ärztlichen Praxis interessierte, war wie gesagt fast der einzige Universitätsmediziner seiner Zeit, für den „Magie“ ein Schlüsselbegriff der aktuellen Medizin darstellte. Freilich blieb er weit entfernt davon, diesen Begriff in seiner medizin- und kulturhistorischen Dimension genauer auszuleuchten. Er machte Anleihen sowohl bei der von der Psychoanalyse inspirierten Entwicklungspsychologie, als auch bei der medizinischen Ethnologie bzw. Völkerpsychologie. Von daher war Magie nie ein völlig überwundener Zustand der Vergangenheit, sondern immer eine alles durchdringende Realität, für die sich gerade die Ärzte im Umgang mit ihren Patienten zu interessieren hätten. Jores stellte der „pragmatischen“ (naturwissenschaftlichen) Medizin die (analytische) Psychotherapie an die Seite, die eine „Entzauberung“ des magischen Denkens betreibe. In der psychotherapeutischen Begegnung befinde sich der Arzt – im Gegensatz zur magischen Begegnung – „auf derselben Stufe wie der Patient, weswegen Psychotherapie eine „Heilung in der Begegnung“ sei.[18] Wenn die pragmatische Medizin nicht mehr „in der primitiven Form der Magie auf den seelischen Grund allen Krankseins Einfluß nehmen“ wolle, bedürfe sie der Psychotherapie. An diesem Punkt zeigt sich eine grundlegende Widersprüchlichkeit in der Argumentation von Jores: Einerseits hat der Placebo-Effekt bei allen ärztlichen Handlungen seine Hand im Spiel, und insofern ist das magische Denken immer präsent; andererseits erscheint das Zusammenwirken von pragmatischer Medizin und Psychotherapie magisches Denken entzaubern und letztlich überwinden zu können. Doch wie kann es geschehen, dass sich die ärztliche Behandlung von ihrer magischen Verlötung im Behandlungsritual loslöst, wie immer das Arzt-Patienten-Verhältnis im Sinne von Aufklärung und Entzauberung ausgestaltet sein mag? Im Grunde taucht hier dasselbe Problem der „wahren“ Selbsterkenntnis auf, womit bereits die Vertreter der Suggestionslehre zu kämpfen hatten. Gibt es eine Wahrnehmung, eine Erkenntnis, die uns primär nicht von außen, von anderen Personen, einsuggeriert wurde? Die Skepsis des Suggestionstherapeuten Hippolyte Bernheim ist bemerkenswert. In letzter Konseqeunz gab es für ihn kein Entrinnen aus dem suggestiven Zirkel der sozialen Kommunikation (Kap. 19).


[1] Lippross, 1969, S. 7. [2] Grote / Brauchle, 1935. [3] Lippross, 1969, S. 106. [4] Jores, 1955; 1961. [5] Jores, 1961, S. 59. [6] A. a. O., S. 67. [7] A. a. O., S. 57. [8] A. a. O., S. 68. [9] A. a. O., S. 72. [10] A. a. O., S. 73 [11] Jores, 1955, S. 918. [12] Jores 1961, S. 75. [13] A. a. O., S. 76. [14] A. a. O., S. 91. [15] Mainzer, 1959, S. 1572. [16] Ebd. [17] M. Lindner, 2002; Berndt, 2003. [18] Jores, 1955, S. 919.