7. Kap./4 * Wunderheilung versus Spontanremission

Dass der Glaube als Heilfaktor ernst zu nehmen sei, war den Ärzten von alters her bewusst. Man könnte hier unzählige Aussagen von berühmten und weniger berühmten Ärzten aus allen Epochen zitieren. Auch vielen modernen Ärzten im Zeitalter der naturwissenschaftlichen Medizin war die Wichtigkeit dieses subjektiven Faktors für die Heilung durchaus bewusst, wenngleich er häufig missachtet wurde und im Diskurs der wissenschaftlichen Medizin nur am Rande – etwa im Bereich der psychosomatischen Medizin, Psychoanalyse und medizinischen Anthropologie – eine Rolle spielte. Der berühmte kanadische Arzt William Osler, der von 1905 bis zu seinem Tode 1919 als Regius Professor of Medicine in Oxford tätig war, verfasste 1910 einen aufschlussreichen Artikel: „The faith that heals“. Darin stimmte der Autor als ein führender Repräsentant der modernen wissenschaftlichen Medizin ein Loblied auf den Glauben als wunderbare Heilkraft an. Es lohnt sich, seine Ausführungen genauer zur Kenntnis zu nehmen.

Der Glaube sei die Jakobsleiter, so Osler, auf welcher der Mensch voranschreite, um immer wieder von neuem Tempel, Kirchen und Schreine zu bauen. Der Glaube sei der „Zement“ (cement) – später wurde der Ausdruck „sozialer Kitt“ geprägt[1] –, welcher die Menschen in jeder Beziehung untereinander verbinde. Das Selbstvertrauen sei von größter Bedeutung, ein starker Glaube an die eigene Kraft (faith in himself) strahle aus, wie man es bei religiösen Charismatikern, die einen solche ansteckenden Glauben hätten, beobachten könne. Die Medizingeschichte sei reich an Beispielen, wie unter dem Einfluss der Imagination, die nur eine aktive Phase des Glaubens sei, bemerkenswerte Heilungen zuwege gebracht wurden. Auch so genannte Wunderheilungen kämen gar nicht selten vor. „I have had cases any one of which, under suitable conditions, could have been worthy of a shrine or made the germ of a pilgrimage.“[2] Osler berichtete von seinen eigenen Erfahrungen als behandelnder Klinikarzt und von der außerordentlichen Bedeutung des “persönlichen Faktors” für die Heilung, nämlich des tiefen Glaubens des Patienten, dass der Arzt die Macht habe zu heilen. Es ist bemerkenswert, wie Osler auf zeitgenössische religiöse Heilsysteme außerhalb der Universitätsmedizin blickte und vier unterschiedliche Ansätze ausmachte, die in seinen Augen alte Heilpraktiken illustrieren würden: (1) die „Peculiar People“, die konsequent nach dem Evangelium Glaubensheilung durch Gebet (übrigens bis auf den heutigen Tag) praktizieren; (2) die Heiligenverehrung und insbesondere Marienverehrung, wofür Lourdes ein aktuelles Beispiel sei; (3) die von Mary Baker Eddy gegründete Bewegung der Christian Science, deren Wunderheilungen allerdings nur funktionelle Störungen beträfen; und (4) „the Emmanuel Movement“, eine religiöse Heilbewegung, die 1906 von der Emmanuel Church in Boston ausging und sich vor allem der Behandlung von Alkoholikern widmete. Osler sprach in diesem Zusammenhang vom „Glaubensproblem der heutigen Medizin“, mit dem sich die Ärzte intensiv und behutsam auseinanderzusetzen hätten.

Es ist eine allgemein bekannte Erfahrung: Je schrecklicher die Krankheit, umso wunderbarer erscheint deren – tatsächliche oder vermeintliche – Heilung. Dies gilt besonders für das Verhältnis von Krebserkrankung und Heilungswunder bzw. Wunderheilung, die in der medizinischen Terminologie der „Spontanremission“ subsumiert werden. Interessanterweise führt dies in eine Aporie, von der Medizin und Religion gleichermaßen betroffen sind. Folgendes Fallbeispiel soll dies verdeutlichen. 2003 wurde ein mit mir befreundeter Kollege vom zuständigen Gremium eines römisch-katholischen Bistums gebeten, ein medizinhistorisches Gutachten über ein „Wunder“ zu erstellen, das einem 1919 verstorbenen frommen Ingenieur, Bankdirektor und Abgeordneten zugerechnet wurde. Zum Verständnis sei gesagt: In katholischer Tradition werden Zeichen und Wunder nach dem Tod eines solchen „Diener Gottes“ nicht auf dessen Person zurückgeführt, „sondern auf Gott, an den er seine Fürbitte richtet.“[3] Das Motiv war klar: Man wollte – wie schon seit Jahrzehnten – für den Betreffenden ein Seligsprechungsverfahren beim Papst erwirken, die Voraussetzung für die Heiligsprechung. Ohne anerkanntes Wunder aber gibt es keine Seligsprechung.

Im Folgenden sei die betreffende Krankheits- und Heilungsgeschichte kurz skizziert.[4] Im August 1933 wurde ein 62-jähriger Patient wegen äußerst starker Leibschmerzen stationär in einem Städtischen Krankenhaus aufgenommen. Die Röntgenkontrastaufnahme ergab die Verdachtsdiagnose „Magenkarzinom“, das als inoperabel eingestuft wurde, weswegen eine ins Auge gefasste Operation unterblieb. Der Patient wurde als hoffnungsloser Karzinompatient eingestuft und entsprechend behandelt. Er bekam zeitweilig außer einer Diät (Schleimsuppe, Milch, Zwieback) Injektionen („Ernährungsspritzen“) und Infusionen („Salzwasser mit Traubenzucker in die Beine“). Er erhielt im September und Oktober jeweils eine Serie 13 bzw. 9 Röntgenbestrahlungen, zu deren Beginn der behandelnde Arzt dem Sohn des Patienten mitteilte, dass der Krebs schon „kindkopfgroß“ sei. Die Frau des Patienten gab zu Protokoll: „Es gäbe keine Rettung Der Krebs würde weiter fressen. Wenn der Darm durchgefressen wäre, sei es vorbei.“ Mitte Oktober verschlechterte sich sein Zustand: Er konnte kaum Speisen zu sich nehmen und magerte stark ab. Es entwickelten sich eine Reihe von Geschwüren (Abszessen) im Unterbauch, aus denen Eiter und Blut austraten, jedoch keine Speisereste. Nach ärztlicher Auskunft handelte es sich dabei um einen „jauchenden Krebs“. Ab 1. November wurden ihm wegen unerträglicher Schmerzen Morphiumpräparate injiziert („Pantoponspritzen“), am 4. November empfing er die Wegzehrung (Sterbekommunion) und Krankensalbung („hl. Ölung“).

Mitte November erzählte ihm der Hausgeistliche von dem verehrten 1919 verstorbenen Mann, der bereits in einem anderen Fall auf wunderbare Weise geholfen habe. Der Patient fasste Vertrauen zu diesem Verstorbenen und betete täglich morgens und abends zu ihm. Als er in der Woche vor Weihnachten an besonders schwerem Erbrechen und starkem Durchfall litt, kam es zur plötzlichen Besserung. Am 23. Dezember fühlte er sich besser, konnte aufstehen, bekam Appetit, das Erbrechen verschwand. Sein Körpergewicht nahm kontinuierlich wieder zu. Mitte Januar schloss sich auch das letzte Geschwür, der Patient war praktisch beschwerdefrei. Nachuntersuchungen (Röntgenaufnahmen, Analysen des Stuhls) ergaben, dass der Patient gesundheitlich wieder hergestellt war. Ein wichtiges Detail ist hier hinzuzufügen: Der Hausgeistliche hatte einen Tag vor der dramatischen Besserung ein Gebetsritual in einer Gruppe, eine „Novene“, für den Patienten begonnen, bei der man sich an den verehrten Verstorbenen, den Diener Gottes, wandte. Die Heilung wurde nun als ein himmlisches Zeichen gedeutet und auf dessen wirksame Fürbitte zurückgeführt.

Sehr interessant ist nun das Verhalten der Ärzte. Während die plötzliche Heilung von Seiten des Patienten und des Geistlichen als Wunder (d. h. als Gebetsheilung) aufgefasst wurde, vollzogen die Ärzte gleichsam einen salto mortale in ihrer Diagnosestellung: Der zunächst absolut sicher diagnostizierte Magenkrebs wurde im Nachhinein zu einem perforierten Magengeschwür umgedeutet. Die völlig überraschende Wiederherstellung des Patienten schien nun zu beweisen, dass die ursprüngliche Diagnose eines per definitionem unheilbaren Krebses falsch sein musste. Die Heilung eines wie auch immer komplizierten Magengeschwürs mit „Perforationsperitonitis“ und Fistelbildung erschien im Gegensatz zu der eines Magenkrebses wenigstens denkbar. Vor die Alternative gestellt, entweder das Eintreten eines für absolut unwahrscheinlich gehaltenen Ereignisses („Wunder“) anzuerkennen, oder aber ihre eigene Diagnose zu verwerfen, entschieden sich die Ärzte für Letzteres.

Das Fallbeispiel zeigt eine doppelte Aporie: die des medizinischen Sachverstands und die des religiösen Glaubens. Der Mediziner kann sich die Spontanremission nicht erklären und flüchtet sich in eine andere Diagnose, er passt sozusagen sein Wissen seinem wissenschaftlichen Glauben an. Der gläubige Mensch dagegen ist vom eingetretenen Wunder überzeugt und strebt danach, dieses nun objektiv zu beweisen; er will sozusagen seinen religiösen Glauben auch wissenschaftlich bestätigen lassen. Verleugnung des Wissens und Bestätigung des Glaubens sind Kehrseiten ein und derselben Medaille: Ausdruck einer aporetischen Situation, die auf beiden Seiten nicht bewältigt werden kann, und in der ein sokratischer Weg der Selbsterkenntnis, der Erkenntnis des Nichwissens, versperrt ist.[5]


[1] Fromm, 1932, S. 50. [2] Osler, 1910, S. 1471. [3] Lueg, 1995, S. 81. [4] Private Mitteilung. [5] Figal, 1996.

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