7. Kap./5 * Enthüllung als Frevel

 

Abseits dieser öffentlichen Auseinandersetzung über die Glaubens- und Gebetsheilung, wie sie bei Selig- und Heiligsprechungsverfahren üblich ist, haben sich in manchen ländlichen Regionen Heilpraktiken erhalten, die aus traditioneller Volksfrömmigkeit erwachsen sind und auch heute noch angewandt werden. Wir können sie der „Magie des Alltags“ zurechnen.[1] Sie finden im Stillen statt und gehören zur Alltagskultur, im Gegensatz zu spektakulären Heilslehren und sensationellem Auftreten von Geistheilern und diesbezüglichen talkshows in der medialen Öffentlichkeit.[2] Es handelt sich hierbei um Menschen mit karitativer Einstellung, die ihre heilerischen Fähigkeiten als Gottesgabe ansehen und Hilfsbedürftigen zukommen lassen wollen, manchmal sogar in Kooperation mit „überweisenden“ Ärzten. Beispielhaft sei die Studie des Eifeler Heimatforschers Walter Hanf erwähnt, der Heilerinnen und Heiler aus der Eifel und von ihnen Behandelte aufgrund von persönlichen Interviews porträtierte.[3] Es ist bemerkenswert, dass der Autor, der sich empathisch in die schwierige Materie zwischen Glauben und Aberglauben einfühlte, auf eine Erklärung der Phänomene verzichtete. Begriffe wie Placebo-Effekt oder Suggestion standen für ihn nicht zur Debatte. Die oft in bestimmten Familien tradierten Heilpraktiken mit magisch-religiösem Inhalt wurden mit einer unaufgeregten Selbstverständlichkeit angewandt und entfalteten offenbar in dem betreffenden Umfeld eine beachtliche Wirkung. Die wahre Heilkraft komme von Gott und nicht vom jeweiligen Heiler, so die übereinstimmende Aussage. Hanf berichtete von Warzenbehandlung, Blutstillung, Schmerzlinderung, auch von der Behandlung kranker Tiere. Zu ähnlichen Resultaten gelangte die empirische Studie der Psychologin Bärbel Wolf-Braun in Zusammenarbeit mit ihrem Kollegen Markus Binder.[4] Aber „Handauflegen“ und „Besprechen“ sind keineswegs nur auf ländliche Gegenden wie die Eifel beschränkt, sondern auch in Großstädten wie Berlin zu beobachten.[5] In seiner ethnographischen Studie „Mediales Heilen in Deutschland“ schilderte der Ethnologe Ehler Voss die Ergebnisse seiner Feldforschung anhand einer reichhaltigen Kasuistik.[6] Diese offenbart ein breites Panorama von heute gängigen Praktiken der Geistheilung, des Schamanismus und Mediumismus. Wir werden sehen, dass sich diese Heilertradition auch aus medizinhistorischen Quellen speist. Es wird leicht übersehen, dass sich einst Konzepte der Volksmedizin mit denen der gelehrten Medizin mischten und eine klare Abgenzung zwischen beiden gar nicht möglich ist, denken wir nur an die so genannten  magnetisch-sympathetischen Kuren in der frühen Neuzeit (Kap. 32).

Kommen wir nun am Ende des Abschnitts über den Placebo-Effekt noch einmal auf Schillers eingangs zitierte Ballade zurück. Der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann interpretierte sie – „in der Morgenröte der modernen Naturwissenschaft“ – als Warnung vor übereilter Aufdeckung der Naturgeheimnisse.[7] Schiller beschrieb nicht, was der Jüngling erlebte, als er mutwillig die Hülle von der Statue der Isis wegzog. Es muss etwas Schreckliches gewesen sein, was ihn verstummen ließ und ihm das Leben raubte. In der Fachliteratur gibt es weitere Interpretationen, die hier nicht diskutiert werden sollen. Eine mögliche Erklärung wäre, dass der Jüngling durch den gewaltsamen Akt nur mit seinem eigenen Spiegelbild konfrontiert wurde, dass die Statue ihm also zum Spiegel wurde, so dass er sich wie Narziss selbst entflammte und dadurch verzehrte. Man könnte auch vermuten, dass er in Liebe zur entblößten Isis entbrannte, sich mit ihr zu vereinen versuchte und erkennen musste, dass sie nur aus Stein war, was ihn in eine tödliche Verzweiflung trieb. Wir könnten uns schließlich auch eine sprechende Statue vorstellen, wie etwa die in Mozarts Oper „Don Giovanni“, die dem Jüngling mitteilt, dass er mit dem Schleier den lebendigen Geist, das Seelenkleid der Göttin, weggezogen habe, die nun zu Stein erstarrt ihn für diese Freveltat mit dem Tode bestraft. Dies würde dem „Voodoo“-Tod nach einem Tabu-Bruch entsprechen, der den Schuldigen in Hoffnungslosigkeit stürzt und sein Verderben unausweichlich nach sich zieht (Kap. 2).

Gibt es eine Analogie zur gegenwärtigen Evidenz-basierten Medizin und zur Placebo-Forschung? Lassen wir unserer Phantasie freien Lauf. Die randomisierten kontrollieren Studien von heute wollen die vom Placebo, dem „Leerpräparat“ verhüllte „wahre“ Arznei im Verum erkennen. Ihre Versuchsanordnung geht mit statistischer Methodik über den einzelnen Kranken und seine individuelle Krankengeschichte ziemlich gleichgültig hinweg. Was erblickt man dann als „Wahrheit“? Letztlich die Projektion dessen, was man selbst im Studiendesign vorweggenommen hat. Was erkennt man, wenn man den die „wahre“ Arznei verhüllenden Placebo-Effekt subtrahiert hat? Gibt es ein Analogon zum Erschrecken und dem tiefen Gram des Jünglings? Wer die gegenwärtige Landschaft der medizinischen Forschung beobachtet, hätte wahrscheinlich Mühe, solche Gemütserschütterungen in der scientific community ausfindig zu machen, wenngleich einzelne Forscher durchaus von einem „tiefen Gram“ gezeichnet sein können. Ähnliches ließe sich wohl auch bei der Krankenversorgung feststellen, wo einzelne Ärzte sicherlich verzweifelt über die Sachzwänge sind, mit denen sie ihre ärztliche Aufgabe verleugnen müssen. Kann hier aber von „Schuld“ gesprochen werden?

„Das verschleierte Bild zu Sais“ beschreibt zwei verschiedene Methoden der Wahrheitsfindung: zum einen das mystische Erleben der sich selbst enthüllenden Wahrheit als Möglichkeit, zum anderen die reale Enthüllung als gewaltsamen Übergriff, der gegen das Gebot verstößt und schuldig macht. Wahrheitsfindung heißt hier Naturerkenntnis mit strikt experimentellen Methoden, die Entdeckung von Naturgesetzen, von physiologischen und pathologischen Mechanismen im Organismus, von pharmakologischen Wirkungen chemisch identifizierbarer Arzneistoffe. Im nächsten Teil der Abhandlung wollen wir uns einem Massenphänomen zuwenden, das die Natur als Heilquelle sucht, sie als Idol der Gesundheit anbetet und in säkularer Form so etwas wie eine Unio mystica mit ihr anstrebt.


[1] Langensiepen, 2007, S. 7. [2] Döring, 1007, S. 22 f.; Schnelting, 1986. [3] Hanf, 2007. [4] Binder / Wolf-Braun, 1995. [5] Bühring, 1993. [6] Voss, 2011. [7] J. Assmann, 1999, S. 49 f.

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