8. Kap./2 * Mythos Wasser

Die mythische Hochschätzung des Wassers reicht bis in die Anfänge der Kulturgeschichte zurück: Die religiöse Verehrung von Quellen und Brunnen; das Wasser als Symbol der Entsühnung; die rituelle Verwendung von Weihwasser auch in vorchristlichen Zeiten; das rituelle jüdische Reinigungsbad (Mikwe), vor allem für  jüdische Frauen nach der Menstruation; das Brautbad vor der Trauung im Mittelalter; das Baden der Inder vor Sonnenaufgang, ihre täglichen Waschungen als Entsühnung, das Pilgerbad im Ganges; die Verehrung von fließenden Gewässern in der klassischen Antike; die Verehrung von Quellgöttern, Wassergeistern und Nymphen („Nymphenburg“); die christlichen Badetage (besonders das Baden am Johannisabend zur Feier der Geburt des Täufers) und vor allem das Taufen, das die religiöse Bedeutung des Wassers besonders augenfällig macht; die reichhaltige Legendenbildung über Wunderquellen in christlicher Zeit – bei all diesen Überlieferungen aus der Kulturgeschichte war das frische (das bedeutet zumeist kalte) Wasser Gegenstand der Verehrung. Paradigmatisch hierfür ist der Wallfahrtsort Lourdes, wo in einer Grotte im Jahr 1858 – im Zusammenhang mit den visionären Erlebnissen einer Frau – eine offenbar wunderwirkende Quelle entsprang. Auch heute noch kann es in Europa – nicht zuletzt in Deutschland – passieren, dass eine Wasserquelle in einer Waldgegend über Nacht zu einem Wallfahrtsort wird, nachdem angebliche Wunderheilungen beobachtet wurden. Das Pilgern zu Heilquellen kann auch säkulare Formen annehmen: So kann man beobachten, wie Menschen in Waldgegenden von kleinen Quellen Wasser in Kanister abfüllen, um sich somit besonders reines Trinkwasser, etwa zum Teekochen, zu besorgen. Dieses Verhalten richtet sich in der Regel weniger nach amtlichen Wasseranalysen, als vielmehr nach kulturell verankerten Mustern, die zumeist unbewusst sind und nachhalitg weiterwirken.

Der Mythos des Wassers schlug sich in der (abendländischen) Kulturgeschichte – von der Antike bis in unsere Zeit – vor allem durch Einrichtung von Heilbädern nieder. In Westeuropa sind noch zahlreiche Badeanlagen aus der Römerzeit teilweise auf der Grundlage von Thermalquellen erhalten, die den Ursprung berühmter Kurorte darstellen, wie z. B. Badenweiler oder Aachen. In Mittelalter und früher Neuzeit waren eine Reihe von Bädern gegen bestimmte Krankheiten bekannt, z. B. sollte das Wasser in Bad Pyrmont vor allem Gelähmten und Rheumatikern helfen. Besondere Ausstrahlung besaß Karlsbad in der Goethezeit, dessen Glaubersalz-Quellen zu Trink- und Badekuren gegen Magen-Darm-Erkrankungen sowie Leber- und Nierenleiden dienten. In seiner Schrift „Der Zauber der Heilquellen“ von 1933 befasste sich der kurze Zeit später zur Emigration gezwungene Frankfurter Internist und Medizinhistoriker Richard Koch mit Goethe als Badegast in Karlsbad. Koch erblickte in der wunderbaren Wirkung des „Geheimnisvollen“, des „Magischen“ der Quellen ein Prinzip der Heilkunde schlechthin. Er meinte, „dass es in der Medizin nicht nur eine Magie der Mineralquellen gibt, dass alle Medizin heute noch von magischen Kräften unterströmt ist, wie das immer so war.“ [1]

Badekuren mitsamt ihren sozialen Begleitumständen wurden von Dichtern und Künstlern in vielfacher Form dargestellt und trugen zur magisch-religiösen Veklärung des Wassers bei. So notierte Goethe im Jahr 1806 – einen Tag nach seiner chemischen Analyse des Karlsbader Sprudels – folgendes Gedicht in seinem Tagebuch:

Wie es dampft und braust und sprühet

Aus der unbekannten Gruft!

Von geheimem Feuer glühet

Heilsam Wasser, Erd’ und Luft.[2]

Zahlreiche Ärzte verfassten – lange vor der Etablierung der Balneologie als Wissenschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert – Badeschriften, die häufig Naturphilosophie und Poesie miteinander verknüpften. So veröffentlichte der schwäbische Arztdichter Justinus Kerner als Badearzt in Wildbad (Württemberg) 1811 eine umfangreiche Schrift, in der sich Medizin, Romantik und Naturforschung begegnen. Darin ist folgende Gedichtstrophe enthalten:

Die Nymphe ist’s – die helle,

Die sonnenwarme Flut,

Des Wildbads heil’ge Quelle,

Die tausend Wunder thut.[3]

Im Zeitalter der modernen Hygiene rückten zunehmend die Qualität des Wassers als Lebensmittel und seine Nützlichkeit als Reinigungsmittel in den Mittelpunkt des Interesses. Gleichwohl verschwand der „Zauber der Heilquellen“ keineswegs aus dem kollektiven Bewusstsein, nämlich die Wertschätzung des Wassers als Heilmittel, das die Heilkraft der Natur im Menschen zu stärken vermag. Wasser galt als ein essentieller Naturstoff für den Menschen, quasi als ein Medium, das göttliche Heilkräfte übertragen könne. So schrieb der Aachener Badearzt Bernhard Maximilian Lersch Mitte des 19. Jahrhunderts: „Es lag nicht fern, die Reinigung und Belebung, welche dem Leibe durch Wasser verschafft wird, als Symbol und als Mittel geistiger Reinigung und Belebung anzusehen, und es ist darum natürlich, daß viele Völker an die Abwaschung die Idee einer geistigen Erneuerung knüpften.“[4]


[1] R. Koch, 1933, S. 71; vgl. Bormuth, 2003. [2] R. Koch, 1933, S. 17. [3] Kerner [1911], 1985, S. XI. [4] Lersch, 1863, S. 4.

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