8. Kap./3 * Hydrotherapie, „Wasserkur“

Beim therapeutischen Gebrauch des Wassers (Hydrotherapie) stand bereits in der Antike die äußerliche Anwendung des kalten Wassers im Zentrum. Es diente als Heilmittel gegen hitzige Krankheiten, insbesondere Fieber und Entzündungen. So erwähnte der römische Medizinschriftsteller Celsus im ersten nachchristlichen Jahrhundert die Anwendung des kalten Wassers bei Magenkrankheiten, bei der Fieberkur, bei Hautkrankheiten, bei Schlafsucht, Epilepsie, Kopfschmerzen und insbesondere auch bei „Narrheit ohne Fieber“. Die traditionelle Rückführung der Geisteskrankheiten auf eine Hirnentzündung („Phrenitis“) im Sinne der antiken Säftelehre (Humoralpathologie) spielte noch in der Psychiatrie („Irrenheilkunde“) des frühen 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle. Hier sei nur an die „kalte Dusche“, Bäder, Wassergüsse über den Kopf von Tobsüchtigen bzw. Wahnsinnigen erinnert, die mit konsequenter Härte als angebliche Heilmaßnahme durchgeführt wurden. Der soeben erwähnte Celsus empfahl aber auch kalte Umschläge bei Bauchschmerzen, Übergießungen mit kaltem Wasser bei Erschlaffen der Gedärme und bei Samenfluss sowie kalte Überschläge über das Gesicht bei Blutungen.[1] In den hippokratischen Schriften wurde schon Jahrhunderte früher die äußerliche örtliche Anwendung des kalten Wassers bei Beinbrüchen, Verrenkungen, Gehirnentzündungen und Fieber empfohlen sowie die Anwendung von mit kaltem Wasser oder mit Schnee gefüllten Blasen und Schläuchen.

Im frühen 18. Jahrhundert setzten die chemische Analyse des Wassers sowie die verstärkte Lobpreisung seiner Wirkung durch die Ärzte ein, wobei in erster Linie der Hallesche Medizinprofessor Friedrich Hoffmann zu erwähnen ist. Er erklärte reines Wasser zu einer „Universal-Krafft“, welche das Blut verflüssige und seinen Umlauf erleichtere[2] und zu einem „Universal-Mittel, welches bey allen Menschen und bey allen Kranckheiten bequem zu gebrauchen“ und insbesondere bei Verstopfungen aller Art einschließlich stockender Hämorrhoiden bei Manne wirksam sei.[3] Im Hinblick auf die Karlsbader Trink-Kur meinte er, das Wasser solle „durch den gantzen Leib gehen und in alle Säffte ein­dringen“, um die schädliche Stoffe herauzuführen.[4] Als schließlich die schlesischen „Wasserdoktoren“ aus Schweidnitz Johann Sigmund Hahn und seine Söhne Johann Sigmund und Johann Gottfried – die so genannten „Wasserhähne“ – im frühen 18. Jahrhundert die Hydrotherapie mit großem Erfolg propagierten, konnten sie auf eine lange Tradition in der Medizingeschichte zurückgreifen. Jetzt wurde die Hydrotherapie – losgelöst von der Wasserheilkunde in Bädern und Kurorten – vor allem auch für die Kur zu Hause empfohlen, die jedermann zur Verfügung stehe. Die bekannte Schrift von Johann Sigmund Hahn dem Jüngeren „Unterricht von Krafft und Würckung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen“ war für die Naturheilbewegung des 19. Jahrhunderts besonders wichtig. [5] Sie wurde 1833 – rund 100 Jahre nach der Erstausgabe – neu herausgegeben und sollte auch dem jungen Sebastian Kneipp zu seinem Schlüsselerlebnis verhelfen. Als Theologiestudent litt Letzterer an einem schweren „Lungenkatarrh“ und konnte sich nach Hahns Vorschriften mit kalten Waschungen, Abreibungen, Bädern und Übergießungen selbst kurieren.[6]

Die Idee der Abhärtung war dabei von Anfang an wichtig. So hatte bereits Hahn vor dem Waschen mit warmem Wasser gewarnt, das die Sinnesorgane nur „verzärteln“ würde. Es „trocknet die Haut aus, verderbet die subtilsten Gefäßgen, macht die Nerven memmisch, die Fibras schwach, daß sie wie die mit warmem Wasser begossenen Kräuter und zarten Bäumgen verwelcken, oder sonst Schaden leiden; vornehmlich aber ist solches dem Haupte, wo die Zusammenkunft aller äußerlichen Sinnen ist, gar nicht zuträglich.“[7] In dieser Perspektive sollte mehr als 100 Jahre später Sebastian Kneipp seine speziellen „Abhärtungs-Mittel“ propagieren, vom Barfußgehen bis zum Kaltbaden der Arme und Beine („Wassertreten“) und dem Knieguß.[8] Diese Einstellung spiegelt sich noch heute in der abfälligen Rede vom „Warmduscher“ wider, einem bekannten „Weichei-Wort“.[9] Kaltes Wasser erschien vielen Ärzten im frühen 19. Jahrhundert als ein gewisses Allheilmittel, insbesondere gegen die Fieberkrankheiten. So verordnete der renommierte Berliner Arzt Ernst Ludwig Heim („Der alte Heim“) auch bei Scharlach kalte Bäder, „um den Ausschlag herauszubekommen.“ Nach dem Vorbild Heims wandte der in München tätige Arzt Johann Nepomuk Ringseis kaltes Wasser bei einem Patienten mit „Wasser in des Seitengehirnhöhlen“ an, Hüftgelenkrheumatismus therapierte er mit einem kalten Wasserstrahl und Frostbeulen mit Schnee-Einreibungen. [10]  Zwischen 1816 und 1818 behandelten die britischen Militärärzte Sir James McGrigor und William Franklin fast 2.000 Syphiliskranke nur mit kalten Waschungen und Umschlägen, ohne das übliche Quecksilber zu verordnen.

Die Idee der Heilkraft der Natur hatte mit dem Siegeszug der naturwissenschaftlichen Medizin gegen Ende des 19. Jahrhunderts keineswegs ihre Attraktivität eingebüßt. Als diese auf dem Höhepunkt ihrer Geltung angelangt war, erreichte auch die Naturheilkunde als populäre Massenbewegung ihre größte Verbreitung. Ihre zentrale Idee war einfach und plausibel: Arzt oder Heiler sollten der Natur nur soweit zu Hilfe kommen, dass sie in die Lage versetzt werde, sich selbst helfen zu können. In diesem Sinne meinte Kneipp bei der Propagierung seiner „Wasserkur“, dass es die Aufgabe des Heilers nur sei, „der nach Gesundheit d. i. nach selbsteigener und selbstständiger Thätigkeit ringenden Natur zu dieser Freithätigkeit zu verhelfen, die Krankheitsbande, die Leidensketten zu lösen, auf daß sie ungehindert und frisch und freudig alle Arbeit wieder allein thue. Nach Vollendung dieser Aufgabe zieht der Heilende sofort und gerne seine Hand zurück.“[11]

Die Hydrotherapie bildete die Grundlage für die aufblühende Naturheilbewegung im 19. Jahrhundert. In ihr flossen die Idee von der Heilkraft der Natur (physis) und das Konzept der gesunden Lebensführung (Diätetik) zusammen. Sie inspirierte im 19. Jahrhundert – angesichts der therapeutischen Hilflosigkeit der akademischen Medizin, die man als „therapeutischen Nihilismus“ bezeichnete, – die gesamte Naturheilbewegung. In den Wasserheilanstalten sollten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in erster Linie Nervenkrankheiten, vor allem die Modekrankheit „Neurasthenie“, mit Hilfe der Hydrotherapie als Methode der „Abhärtung“ geheilt werden. Der schlesische Landwirt Vincenz Prießnitz stand mit seiner 1830 gegründeten Kaltwasser-Heilanstalt in Gräfenberg (Schlesien) am Anfang dieser Bewegung, die mit dem Wirken des katholischen Pfarrers Sebastian Kneipp in Wörishofen ab 1855 allmählich ihren Höhepunkt am fin de siècle erreichte. Die eindrucksvolle Geschichte der Naturheilkunde ist intensiv erforscht und eingehend dargestellt worden.[12] Ich möchte sie nicht rekapitulieren, sondern lediglich die betreffende Ideologie beleuchten, die sich einem bestimmten Naturverständnis verschrieben hatte, um Zivilisationskrankheiten zu heilen und den vermuteten Kulturschäden vorzubeugen.

Die reinen Naturärzte, die sich zum Teil auch als „Physiater“ bezeichneten, lehnten jegliche künstliche Arznei ab. Einer ihrer Wortführer war Lorenz Gleich, der als praktischer Arzt in Landshut und München tätig war und den Begriff „Physiatrie“ prägte.[13] Nur die reinen, d. h. heilsamen Elemente der Natur sollten angewandt werden, um den Körper zur gesunden Eigenaktivität zurückzuführen, welche die Schulmedizin systematisch unterdrücke. So behauptete ein umstrittener Naturheilkundiger in den 1920er Jahren, er könne bei jeder [!] Erkrankung zeigen, „wie die Naturheilkunde, getreu dem Naturgesetz von der Selbstheilung des Körpers, wirklich die Heilung unterstützt, die Schulmedizin sie aber immer [im Original hervorgehoben] hemmt und nur die äußeren Erscheinungen unterdrückt. Welche Gefahr liegt damit in der Staatsmedizin! Welcher Wahnsinn darin, ihr gar ein Heilmonopol und sei es nur auf einem einzigen Krankheitsgebiete zu geben!“[14] Diese extrem feindselige Haltung gegenüber der „Schulmedizin“ nahmen jedoch keineswegs alle Vertreter der Naturheilkunde ein, wie vor allem das Beispiel von Sebastian Kneipp zeigt, der als Geistlicher die Kaltwasserkur in Wörishofen etablierte und mit der akademischen Medizin weitgehend kooperierte.


[1] A. a. O., S. 80. [2] F. Hoffmann, 1715, S.286 f. [3] A. a. O., S. 307 f. [4] F. Hoffmann, 1717, S. 818. [5] J. S. Hahn [1738], 1754. [6] Rothschuh, 1983, S. 81. [7] J. S. Hahn [1738], 1754, S. 79. [8] Sebastian Kneipp: Meine Wasser-Kur. 50. Aufl. Kempten 1894, S. 21. [9] http://www.mahnke-computer.de/cgi-bin/weichei.cgi (4.10.2011) [10] H. Schott, 1993 [a], S. 263. [11] Kneipp. 1894 [„Allgemeines“]. [12] Rothschuh, 1983; Heyll, 2006. [13] Gleich, 1860. [14] Bergmann, 1925, S. 21.

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