8. Kap. 4/ * Naturheilkunde und Sozialismus

Die Naturheilkunde befand sich um 1900 in einem doppelten Spannungsfeld: Berufspolitisch kam es zur Auseinandersetzung zwischen Ärzten und Laienmedizinern, allgemeinpolitisch kam es zum Streit zwischen einer konservativen bzw. völkisch orientierten und einer sozialistisch orientierten Strömung, die der Arbeiterbewegung nahe stand. Im Folgenden wollen wir uns exemplarisch dem sächischen Volksschullehrer Hermann Wolf zuwenden, der noch kurz vor der Wende in einem in der DDR publizierten Artikel mit klassenkämpferischem Pathos als „Pionier der proletarischen Naturheilbewegung“ präsentiert wurde.[1]

Hermann Wolf gründete 1887 den „Verein für Gesundheitspflege und arzneilose Heilbehandlung“ für Deuben (Sachsen) und Umgebung, der sich später „Naturheilverein für den Plauenschen Grund und Umgebung“ nannte und der Dachorganisation „Deutscher Bund der Vereine naturgemäßer Lebens- und Heilweise“ angehörte.[2] Er glaubte jedoch, dass die Ziele der Naturheilkunde nur im Sozialismus erreicht werden könnten und wandte sich der marxistischen Lehre und der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung zu. Wolf kämpfte gegen die Bestrebungen insbesondere von ärztlicher Seite, die Kurierfreiheit gesetzlich aufzuheben und die Laien von der Ausübung der Naturheilkunde auszugrenzen. 1891 wurde in Altenburg der sozialistisch ausgerichtete „Verband der Vereine für Natur- und Volksheilkunde“ gegründet. Auf die wechselvolle Vereinsgeschichte und die diversen Aus- und Eintritte in die konkurrierenden Dachverbände, die Wolf mit seinem Verein vollzog, soll hier nicht eingegangen werden.[3] Später wollte Wolf das Gesundheitswesen in der Weimarer Republik sozialistisch umgestalten und propagierte eine „Sozialisierung des Heilwesens“.[4]

In seiner programmatischen Schrift „Kapitalismus und Heilkunde“ von 1893 pries er die Naturheilkunde als Heilmittel gegen das gesellschaftliche Elend an.[5] Sein Ideal war die Verschmelzung von Sozialdemokratie und Naturheilkunde.[6] Kapitalismus und Medizin hätten alles getan, um Krankheitsaufklärung und Therapie im Sinne der Naturheilkunde zu vereiteln, die medizinische Wissenschaft treibe „die denkenden Patienten immer mehr in die Arme der arzneilosen Heilmethode und giebt dieser Gelegenheit, ihre Überlegenheit über ihre medizinische Mutter zu beweisen. So wird die medizinische Wissenschaft zum eigenen Todtengräber und die Naturheilmethode zur lachenden Erbin.“[7] Somit erschien die Naturheilkunde als Analogon der Sozialdemokratie: Wenn jene Krankheiten des individuellen Körpers heile, so diese die des „Volkskörpers“, ein Begriff, der seinerzeit analog zu dem der Rassenhygiene in allen politischen Lagern populär war.[8]

Insbesondere die therapeutische Idee der Reinigung durch Ausscheidung der Krankheitsstoffe wurde politisch gewendet: „ Die Sozialdemokratie lehrt: Wenn im Volkskörper der Stoffwechsel […] gestört ist, ‚so wird es faul im Staate Dänemark’. Es fängt an zu gären, es kommt zu Volksunruhen und zu Revolutionen – Fiebern. […] Diese Gärungen im Volkskörper lassen sich aber nicht dadurch beseitigen, daß man die Agitatoren mit Gewalt unterdrückt, sondern nur dadurch, daß man die Ursachen beseitigt, welche die Fäulniß herbeigeführt haben.“[9] Wolf benutzte den homöopathischen Jargon und verglich die Bourgeoisie mit der „Allopathie“, die am „Gesellschaftskörper“ herumpfusche, beschwert vom Bleigewicht des Kapitalismus. Die wirkliche Heilung könne nur der Sozialismus, die „ökonomische Naturheilkunde“, bringen. Im Gefolge der 68er Studentenbewegung kam es zu einer lauthals vorgetragenen „Kritik der herrschenden Medizin“, die von der ersehnten gesellschaftlichen Revolution zugleich die Heilung von allen möglichen Krankheiten erwartete, vor allem im radikalen antipsychiatrischen Lager, wie dem „Sozialistischen Patientenkollektiv (SPK)“.[10] Inwieweit dies in bewusstem Rückgriff auf Argumentationsmuster der sozialistischen Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg geschah, sei dahingestellt. Die Parallele ist jedenfalls augenfällig.

In der Arbeiterbewegung entwickelte sich komplementär zu den oben erwähnten naturheilkundlichen Initiativen eine ökologisch orientierte Bewegung. So gründete der sozialistische Lehrer Georg Schmiedl 1895 in Wien die Organisation „Die Naturfreunde“ als „Touristen-Verein“, die heutige „Naturfreunde Internationale“, ein „Verband für Umweltschutz, sanften Tourismus, Sport und Kultur“.[11] Hier spielte der Begriff „freie Natur“ eine Schlüsselrolle. Die Titelseite der ersten Ausgabe von „Der Naturfreund“ aus dem Jahr 1897 ist beachtlich. (Abb. [i]) Ein Wanderer auf felsigem Weg begrüßt in einer Gebirgslandschaft mit gezogenem Hut die hinter einem hohen Berg aufgehende Sonne. Die sozialistisch eingestellten Naturfreunde verstanden sich gewissermaßen als „Naturrevolutionäre“.[12] Das Verhältnis von Natur- und Heilkunde wurde in der Naturfreunde-Bewegung immer wieder zur Sprache gebracht, etwa wenn es um die Frage ging, ob der Mensch „unzweckmäßige Organe“ wie die Milz habe.[13]

Die proletarische Aufbruchstimmung verband sich mit einem inbrünstigen Naturgefühl. Diese Mischung spiegelt sich in einer Liedersammlung wider, die den bezeichnenden Titel „Berg frei! Eine Sammlung von Volks- und Wanderliedern für Naturfreunde“ trägt.[14] Enthalten war auch Justinus Kerners  „Dort unten in der Mühle“.[15] „Das Marschlied“ nach der Melodie „Wir halten fest und treu zusammen“ lautete:

„Bricht an der Tag mit Morgenrot,

Wo alle Räder stehn,

Laßt uns vergessen Sorg’ und Not

Laßt ziehn uns zu den Höh’n!

[…]

Kommt rasch herbei,

Vorwärts! – Berg frei! Berg frei!“[16]

Im Exemplar der Friedrich Ebert Stiftung Bonn findet sich unter „Notizen“ am Ende ein handschriftlich ein Lied eingetragen, das die proletarische Natur- und Wanderbegeisterung wiedergibt und das im folgenden auszugsweise zitiert sei:

„Steig auf die Berge Proletar!

Dort wächst Dein Mut, Dein Kopf wird klar.

Beides kannst du wohl gebrauchen

Wenn in der Stadt die Schlote rauchen,

Wenn Dich umfängt des Werktags Qual

Im surrenden Maschinensaal.

.

Steig auf die Berge Proletar!

Die Antwort wird dir ewig wahr

Auf gar so viele Deiner Fragen

Wird die Natur die Lehre sagen.

Es entflieht manch finstrer Wahn

Der nie im Licht bestehen kann.[17]

Auf dem Berggipel faszinierten den Naturbetrachter vor allem der Sonnenaufgang, die Morgenröte (aurora), sowie der Sonnenuntergang, die Abendsonne, die zugleich als Aufgang von Mond und Sternenwelt „ewiges Licht“ erkennen ließ. So war in einer späteren Ausgabe des Naturfreunde-Liederbuchs auch das Lied „Abendsonne“ des württembergischen pietistischen Pfarrers Christian Gottlob Barth von 1830 verzeichnet:

Goldne Abendsonne, / wie bist du schön! / Nie kann ohne Wonne / deinen Glanz ich sehn. [… ]

Seht! Sie ist geschieden, / läßt uns in der Nacht, / doch wir sind in Frieden, / der im Himmel wacht.

Wollest auf uns senden, / Herr, dein ewig Licht, / dass zu dir wir wenden / unser Angesicht.“[18]

Während der NS-Zeit waren die Naturfreunde, die 1933 rund 200.000 Mitglieder hatten, verboten. Die noch vorhandenen Bestände ihres Liederbuchs wurden damals vernichtet.[19] In der DDR wurden die Naturfreunde dann als „eine proletarische Kulturorganisation“ in der Weimarer Republik gefeiert, die von der „kulturtheoretischen und kulturpraktischen Arbeit der führenden Kraft der Arbeiterklasse“ Zeugnis ablege, „einer Kulturarbeit, die […] den grundlegenden sozialen Interessen des Proletariats entsprach“.[20] Man wollte sogar die Kulturpolitik der SED in der Tradition der Naturfreunde sehen, deren Aktivitäten „die von der SED seit den fünfziger Jahren zielstrebig geleistete kulturtheoretische Arbeit als kontinuierliche Fortführung jener in den zwanziger Jahren angestrengten Bemühungen um historisch-materialistische Fundierung einer Kulturpolitik im Interesse der Arbeiterklasse“ ausweisen würden.[21]  In der Bundesrepublik traten die Naturfreunde vor allem in der Friedensbewegung und im Umweltschutz hervor, lange bevor sich die „Grünen“ um 1980 als Partei konstituierten. Das Plakat der Württemberger Naturfreunde zur Kundgebung gegen Atombewaffnung und für Umweltschutz anläßlich der Bundesgartenschau am 21. Juni 1961 in Stuttgart ist eindrücklich. (Abb. [ii]) Ein Frauengesicht mit einem sehenden linken Auge und einer Rose anstelle des rechten Auges trägt in der Mundregion die Inschrift „Schutz dem Menschen Schutz der Natur“. Im Zentrum steigt in Form einer Nase ein Atompilz auf − eine mahnende Natura.


[1] Domeinski, 1989. [2] A. a. O., S. 110. [3] Heyll, 2006, S. 154. [4] Wolf, 1928. [5] Wolf, H., 1893. [6] Ebd., Vorwort. [7] A. a. O., S. 27 [Hervorhebungen im Original]. [8] A. a. O., S. 31. [9] Ebd. [10] Schott / Tölle, 2006, S. 212; Forsbach, 2011, S. 87-101. [11] http://de.wikipedia.org/wiki/Naturfreunde (7.07.2012) [12] Bagger, 1995. [13] K. Hauser,  1912, S. 46. [14] Berg frei! […], 1914. [15] Ebd., S. 112. f. [16] A. a. O., S. 27 f. [17] Berg frei! […], 1914; FES Bonn, Sign. A 87-5610. [18] Zit. n. Naturfreunde-Liederbuch […], ca. 1946, S. 13. [19] Naturfreunde-Liederbuch […], ca. 1946, S. 3. [20] Heinemann, 1979, S. 99 f. [21] A. a. O., S. 95.


[i] Erdmann / Zimmer (Hg.), 1991, S. 37; Titelblatt „Der Naturfreund“ Nr. 1 vom 15. Juli 1897; → Abb. Der Naturfreund [OK, aus Internet] [ii] Erdmann / Zimmer (Hg), 1991, S. 51; → Abb. Plakat Naturfreunde 1951

Advertisements