8. Kap./5 * „Harmonische Philosophie“

Der US-amerikanische Spiritist Andrew Jackson Davis, dessen medialen Fähigkeiten weltweit großes Aufsehen erregten, entwickelte eine umfassende Lehre von einer naturgemäßen Reform aller Lebensbereiche, die er als „The Great Harmonia“ (dt. „Harmonische Philosophie“) bezeichnete. Unter diesem Titel erschien sein monumentales Werk von 1859 bis 1861 in fünf Bänden. Der vierte war mit „The Reformer“ („Der Reformator“) betitelt, dessen deutsche Übersetzung ich im folgenden referieren will.[1] Davis vermischte, was damals nicht nur für US-amerikanische Esoteriker typisch war, verschiedene Methoden und Konzepte auf eigenwillige Weise: Mesmerismus und Hypnose, Phrenologie und Physiognomik, biologistische und spiritualistische Auffassungen. Es ist bemerkenswert, dass im „Reformator“ der von ihm inaugurierte Spiritismus kaum erwähnt wird, den wir an anderer Stelle erörtern wollen (Kap. 21). Es sei nur am Rande erwähnt, dass Davis durch eine Vorlesung über Mesmerismus Edgar Allen Poe zu dessen Literarisierung („Die Tatsachen im Falle Waldemar“) anregte und das Trance-Medium Edgar Cayce direkt beeinflusste, der heute als ein Vordenker  des New Age angesehen wird.[2]

Davis hatte hoch gesteckte Ziele. Er wollte, wie er in der Vorrede verkündete, „auf die Wiedergeburt und Glückseligkeit der Menschheit hinwirken.“[3] Das Rezept war einfach: Die Reformatoren bräuchten nur „die Principien der Natur und ihre Resultate auf höheren Ebenen des Wachsthums zu ermitteln und einzuschärfen; und die Welt wird ihnen so treu, als sie es vermag, lauschen und sich eben so rasch entwickeln.“[4] Der Krieg weiche dann freundschafltichen Beziehungen. Davis zitierte den US-amerikanischen Schriftsteller Ralph Waldo Emerson, der trotz allen Elends und aller Verbrechen die Entwicklung der menschlichen Verhältnisse im Sinne der Theodizee auf gutem Wege sah: „Aber der Weltgeist ist ein guter Schwimmer, und Stürme und Wogen können ihn nicht ertränken. Er hält sich mit seinen Fingern an Gesetzen fest; und so scheint durch die ganze Geschichte hindurch die Natur durch niedrige und arme Mittel zu wirken. Durch Jahre und Jahrhunderte […] strömt unwiderstehlich eine grosse und wohlthätige Absicht.“[5] In dieser Perspektive wollte Davis  mit seiner „Philosophie der Reform“ eine „Philosophie der beständigen Verbesserung“ voranbringen, wie er mit pathetischen Worten verkündete: Wir wollen „harmonische Tempel des Denkens errichten und die Welt gastfreundlich in unseren glücklichen heimischen Wohnungen begrüssen!“

Diese „Philosophie“ berief sich auf die Anordnungen der Natur, die das Wissen des Menschen ausmachten und deren Nichtwissen Elend und Krankheit verursache. Daraus wollte Davis seine programmatische Forderung ableiten: „Wenn alle dauernde Reform wirklich abhängt von einem richtigen Gebrauche der Gesetze der Natur, dann sollten alle Menschen wissen, was diese Gesetze lehren und fordern. Unwissenheit, Aberglauben und Leiden sind wesentlich unzertrennlich. Die Anordnungen der Natur sind vollkommen und unveränderlich. […] Ursache und Wirkung folgen auf einander, wie Mutter und Kind; und Niemand kann erleuchtet werden, der nicht die Wahrheit und das Praktische dieser Lehre einsieht.“[6] Diese Auffassung schloss Geheimwissen aus, da es als solches nicht zum Wohle der gesamten Menschheit genutzt werden könne. Insbesondere attackierte er das Geheimwissen der Ärzte: „Jedermann hat das Recht, sich selbst kennen zu lernen; das heisst, die medicinische Weisheit sollte in jedes Menschen Besitz sein. Die sogenannten medicinischen Geheimnisse sind das Eigenthum des Volkes.“[7]

In der vierten Vorlesung über „Classification der Liebesarten und die Ansicht von der Welt der Ehe“ konstruierte Davis eine ideale Liebesleiter, die von den primitiven Niederungen der „Selbstliebe“ zu den Höhen der „allgemeinen Liebe“ reicht.[8] Zunächst unterschied er drei Arten des so genannten Liebesprinzips: „hinsicht der natürlichen Thätigkeit, der übermässigen oder extremen Thätigkeit und der verkehrten oder umgekehrten Thäthigkeit des Liebesprincips.“[9] Sodann unterschied er sechs Formen oder Erscheinungsweisen des Liebesprinzips. (1) „Die erste und niedrigste Art der Liebe ist die Selbstliebe.“ (2) Die „eheliche Liebe“ sei der Normalfall und „die einzige Macht in der Natur des Menschen, welche die Bedingungen vorschreiben kann, die zu diesen Resultaten [u. a. Gleichgewicht des Lebens herstellen] führen. Ohne diese Liebe würde es keine Ehe im Universum geben.“ Die extreme Thätigkeit der ehelichen Liebe sei Wollust und Ruchlosigkeit, die verkehrte Thätigkeit sei Menschenscheu und Selbsbefleckung. (3) Die „elterliche Liebe […] ist eine Weiterentwicklung der Lebensabtheilung der Seele.“[10] Ihr Extrem sei die „leidenschaftliche Verliebtheit in Kinder“, ihre Verkehrung die „Verabscheuung des Jugendlichen“. (4) Die „brüderliche Liebe […] ist eine noch höhere und weitere Ausdehnung des Geistes.“[11] Das Zauberwort sei „Brüderlichkeit“, das dem evangelischen Spruche: „Liebe zum Menschen: Liebe zu Gott“ entspreche. Ihr Extrem sei der Enthusiasmus, ihre Verkehrung Krieg und Menschfresserei. (5) Die „kindliche Liebe […] erhebt die Augen der Seele zu ihren wirklichen oder eingebildeten Vorgesetzten und Höherstehenden.“ Das Extrem seien götzendienerische Empfindungen, wie etwa die Neigung, „den Geist des Alterthums ungerecht zu preisen und zu verehren.“ Die Verkehrung sei der Zweifel über Existenz der Engel und des höchsten Wesens. (6) Die „allgemeine Liebe […] breitet ihre Schwingen aus und trägt die Seele zu grenzenlosen Gebieten. Sie hält nichts für unrein; nichts für menschliche Interessen fremd. […] Sie erzeugt den Gedanken einer unversalen Sympathie und einer gegenseitigen allgemeinen Abhängigkeit voneinander.“ Das Extrem sei der Wahnsinn, die Verkehrung bestehe aus Weltverachtung à la Diogenes.[12] Diese sechs Liebesarten seien „Engel des Himmelreiches in euch“, wie Davis unterstrich.

Interessant ist die Verknüpfung dieser anthropologischen Liebeslehre mit der zeitgenössischen phrenologischen Gehirn- oder Schädellehre, die ja in den USA im ausgehenden 19. Jahrhundert noch sehr populär war. So meinte er: „Die ersteren drei [Liebesarten] nehmen im menschlichen Hirnschädel ebenso viel Raum ein, als von dem ganzen Gehirn des niedern Thieres eingenommen wird.“[13] Mit einer Serie von Illustrationen wollte er seine Lehre in sehr freier Anlehnung an die Phrenologie veranschaulichen. Tatsächlich hatte er mit dieser nichts gemein außer der lokalisatorischen Zuordnung bestimmter psychischer Anlagen zu bestimmten (bei Davis gänzlich phantasierten) Hirnarealen. So sollte der „Musterkopf“ die proportionale Verteilung der sechs Liebesarten in bestimmten (phantasierten) Gehirnpartien aufzeigen, die in den Querschnitt eines Schädels schematisch eingezeichnet waren. (Abb. [i]) Nun gab es nach Davis, wie oben angedeutet, zwei Formen der Abweichung und somit zwei Klassen von Abweichlern: die Extremisten und die Inversionisten. Zu Ersteren zählte er David, Salomon, Zoroaster und u. a. auch die Mormonen; zu Letzteren zählte er ägyptische Sonnenpriester, Jesus und Paulus sowie katholische Priester, „auch die Selbst-Pollutionisten oder Onaniten (Selbstbefleckung und Unzucht Treibenden) beiderlei Geschlechts“ und gläubige Shaker.[14] Die Abbildung „einer verfeinerten weiblichen Extremistin, wie sie in ihrer Kleidung und in der Gesellschaft erscheint“ zeigt einen Frauenkopf mit nach vorn gewölbter Stirn und etwas abgeflachten Schädeldach. (Abb. [ii]) Die korrespondierende Abbildung zeigt dieselbe Extremistin, „deren innere Seelenstätte uns blossliegt“ (Abb. [iii]) Im Vergleich zum „Musterkopf wird nun demonstriert, worin die Abweichung beruht: Anstelle der „Erkenntnis“ hat sich in der Stirnregion die „kindliche Liebe“ eingenistet und die Region der „Weisheit“ in der Scheitelregion scheint abgeflacht und angegriffen. Ähnlich schematisch wird der „verfeinerte männliche Extremist“ vorgestellt, zunächst wie er äußerlich erscheint. (Abb. [iv]) Der Querschnitt durch seinen Kopf offenbart, „wie er in seinem Innern erscheint“ (Abb. [v]) Im Unterschied zur Extremistin haben sich hier „Selbstliebe“ und „eheliche Liebe“ auf Kosten von „Erkenntnis“ und „Weisheit“ nach oben ausgedehnt.

Davis integrierte auch die eugenischen Ideen seiner Zeit und führte Erbkrankheiten auf den Missbrauch des „ehelichen Princips“ zurück: „Die extreme Thäthigkeit des ehelichen Princips ist […] ein Uebel, weil sei die scheusslichsten Verletzungen und Laster der Nachkommenschaft mittheilt.“[15] Trunkenbolde, Lügner, Diebe, Räuber und Mörder, diese „unglücklichen Feinde der Interessen der Gesellschaft“ seien nicht von Gott gemacht, „sondern von dem Missbrauche des ehelichen Prinicips seitens der Extremisten! Tausende von Kindern sind mit Uebeln geboren, deren die Eltern nicht im Geringsten verdächtig waren.“[16] Eine Abbildung zeigt den „Geisteszustand eines männlichen Inversionisten“ (Abb. [vi]) Die Legende beschreibt die wesentlichen Abweichungen: „B. Ganz verkehrte eheliche Liebe“ und „D. Verkehrte brüderliche Liebe“. Davis bemühte auch diätetische Auffassungen,  um pathologische Abweichungen zu erklären, beispielsweise die Schädlichkeit des Kaffees für die eheliche Liebe, eine „sekundäre Ursache des ehelichen Uebels“: „Wer spickt seine Unterhaltung mit zügellosen Reden? Wer ist der grösste Extremist, oder der niedrigste Inversionist? Dieselbe Antwort klingt wieder: der Kaffeetrinker.“[17]

Davis vertrat eine merkwürdige Philosophie der Ehe, die er in eine „vergängliche“ und eine „dauernde Ehe“ aufteilte. Es gebe nämlich „zwei Hemisphären oder Seiten des ehelichen Verhältnisses“: die „Blutliebe“ und die „geistige Liebe“.[18] Erstere sei „Gewalt“, letztere „Anziehung“.  Er zeichnete eine „Stufenleiter der Ehe“ mit sieben Stufen: von der untersten, ersten Stufe („geschlechtliche Ehe“) bis zur obersten, siebten Stufe („harmonische Ehe“). Die „geschlechtliche Ehe“ sei die „niedrigste Form zwischen menschlichen Wesen.“[19] Swedenborg habe sie unter dem Namen der „buhlerischen Liebe“ beschrieben und so urteilte  Davis: „Jede auf diese Anziehung gegründete Ehe ist brutal, selbstisch, unächt und unbeständig. […] es kann keine Ehe stattfinden zwischen zwei buhlerischen Anziehungen, weil nichts Heilsames und Gesundes in ihnen liegt.“ Der Aufstieg über die „zufällige“, „verständige“, „religiöse“, „geistige“, „himmlische“ zur „harmonischen Ehe“ als höchste Stufe glich einem Prozess der Reinigung und Vergeistigung und erinnert insofern an den Topos von der Himmelsleiter (Kap. 34). Das Wort „harmonisch“ weise darauf hin, dass diese Ehe „alle vorhergehenden Entwicklungsformen in sich einschliesst und sie alle mit einer himmlischen Bedeutung krönt.“[20] Sie bedeute in letzter Konsequenz die „absolute Vermischung zweier Seelen“. Dieses Verhältnis sei „auf Erden für Alle erreichbar, welche […] geistig vereinigt sind“.[21] Wiederum sei Swedenborg sein Kronzeuge, „als er die höhere Lieblichkeit der wahrhaft und dauernd Verehelichten erblickte: sie erscheinen [sic] ihm schöner, unsaussprechlich herrlicher und mit einer Atmosphäre der Reinheit und vervollkommnungsfähigen Liebe umgeben.“

Davis vertrat darüber hinaus auch eine eigene Temperamentenlehre, die er auf eigenwillige Weise mit geschlechtsspezifischer Polarität ausstattete und in einer Tabelle aufführte.[22] Dabei griff er auf gender-spezifische Klischees zurück: „Die Frau hat ein positiv sensitives (oder sinnliches) Temperament, welches in seiner Verbindung mit ihrem negativ bewegenden und passiv muskulären Temperamente sie zu häuslicher Beschäftigung, zu körperlicher Ruhe und zur Ansammlung einer Ueberfülle weichen Stoffs geneigt macht. Der Mann dagegen mit einem positiv bewegenden, negativ muskularen und passiv ernährenden Temperamente ist zu auswärtigen Geschäften, zu starker Thätigkeit und zu Lungen- und katarrhalischen Störungen geneigt.“ [23] In der Ehe müssten die Temperamente zusammenstimmen, sonst würden kranke Kinder gezeugt. Die Erde erschien Davis als „die regelrecht organisirte Fabrik der menschlichen Gattung“. [24]  Sie sei „eine Erziehungsanstalt für die Jugend, aus welcher die wohl geborene, die wohl erzogene und harmonsich entwickelte, von allem, was grob und fesselnd ist, befreite Seele gelegentlich aufzusteigen vermag zu den höchsten Sphären der Liebe und der Weisheit.“ Die modernen Führer des Fortschritts sollten Jesus als „ein glorreiches Beispiel der Unabhängigkeit“ nachahmen, „denn der Herr unser Gott, der Allmächtige, regieret noch.“[25] Am Beispiel von Andrew Jackson Davis, dem „Seher von Poughkeepsie“,[26] lässt sich mustergültig nachvollziehen, wie komplex, synkretistisch, willkürlich und phantastisch in der „Neuen Welt“ lebensreformerische Heilslehren begründet wurden.


[1] Davis [1867], 1874. [2] http://en.wikipedia.org/wiki/Andrew_Jackson_Davis (8.04.2012) [3] Davis [1867], 1874, S. LXXXIII. [4] A. a. O., S. 19. [5] Zit. a. a. O., S. 20. [6] A. a. O., S. 65. [7] A. a. O., S. 71. [8] A. a. O., S. 77-103. [9] Ebd., S. 77. [10] A. a. O., S. 82. [11] A. a. O., S. 83 f. [12] A. a. O., S. 84 f. [13] A. a. O., S. 85. [14] A. a. O., S. 103. [15] A. a. O., S. 124. [16] A. a. O., S. 125. [17] A. a. O., S. 163. [18] A. a. O., S. 344. [19] A. a. O., S. 345. [20] A. a. O., S. 351. [21] A. a. O., S. 352. [22] A. a. O., S. 412. [23] A. a. O., S. 411 f. [24] A. a. O., S. 415. [25] A. a. O., S. 493. [26] Bonin, 1981, S. 121.

[i] Davis [1867], 1874, S. 86; → Abb. Davis Musterkopf [ii] Davis [1867], 1874, S. 116; → Abb. Davis Extremistin [iii] Davis [1867], 1874, S. 118; → Abb. Davis Extremistin  innere Seelenstätte [iv] Davis [1867], 1874, S. 117; → Abb. Davis Extremist [v] Davis [1867], 1874, S. 119; Abb. Davis Extremist innere Seelenstätte [vi] Davis [1867], 1874, S. 132; Abb. Davis Inversionist