8. Kap./6 * Gesundmachende Kräfte

Der Ruf nach einer „alternativen“ bzw. „komplementären Medizin“ wurde in den 1970er Jahren laut, der zu entsprechenden Initiativen führte, wie z. B. dem „Gesundheitstag 1981“ in Hamburg, der als Großveranstaltung einen Höhepunkt der neuen Gesundheitsbewegung darstellte.[1] Der gegenwärtige alternative Gesundheitsmarkt, bei dem gesellschaftskritische Themen gegenüber dem individuellen Konsum zurücktreten, bietet ein reichhaltiges Angebot, das beispielsweise auf der „Paracelsus Messe“ Wiesbaden alljährlich präsentiert wird.[2] Die Übergänge zur ökologischen Bewegung, insbesondere zur „biologischen“ Gesundheits- und Ernährungslehre sowie zur Fitness– und Wellness-Ideologie sind fließend. Die „Natur“ erscheint dabei als Idol der Gesundheitssucher, das sich in entsprechenden Leitbildern auf dem Gesundheitsmarkt niederschlägt. Inwieweit es sich von dem der älteren Naturheilbewegung unterscheidet, wird an späterem Ort ersichtlich (Kap. 13).

Die Bach-Blüten-Therapie ist ein Beispiel für die Popularisierung alternativer Heilweisen um 1980. Der von der Psychologie C. G. Jungs beeinflusste britische Arzt Edward Bach hatte bereits in den 1930er Jahren das nach ihm benannte Verfahren entwickelt. Es wurde aber erst im Zusammenhang mit einer stark beachteten Berichterstattung in den Medien um 1980 in Deutschland populär.[3] Für Bach stand die Selbsttherapie im Mittelpunkt des Interesses, zu der er seine Leser nach dem Motto „heal thyself“ aufforderte.[4] Er war schulmedizinisch ausgebildet und betrieb bakteriologische Forschungen. Seine Hinwendung zum Leiden der Patienten führte ihn zur Homöopathie. So erforschte er am Royal London Homeopathic Hospital über die Bakteriologie der Darmflora und entwickelte hieraus eine orale Impftherapie mit „Nosoden“, deren Verdünnung zwar an die Homöopathie erinnerte, deren Wirkungsweise aber nicht dem Simile-Prinzip, sondern der Idee der gegenläufigen Harmonisierung folgte. Er vertrat die These, dass die Krankheit ihren Ursprung in der Psyche habe und aus einem Konflikt zwischen Seele und Verstand entspringe.

Offenbar wollte Bach auf intuitivem Wege „zu den reinen Heilkräften der Natur“ vorstoßen.[5] So setzte er seine sun-method (Sonnen-Methode) ein, wodurch es ihm angeblich gelang, „unter Zuhilfenahme der reinen Sonnenstrahlung die Heilkräft der wilden Blumen direkt, also ohne Substanzentnahme wie bei der Homöopathie, auf das frische Quellwasser zu übertragen. Für die wilden Blüten der Bäume benützte er seine ‚boiling-method’ (Kochmethode) zum selben Zweck.“ [6] Bach kritisierte die Medizin, die Jahrhunderte lang „das wahre Wesen von Krankheit durch den Materialismus verdeckt“ und somit nicht ihre Ursache bekämpft habe.[7] Seine Kriegsmetaphorik zur Illustration der Krankheit stand in gewissem Kontrast zu den subtilen Heilkräften der Nosoden.: „Sie [die Krankheit] ist wie ein in den Bergen verschanzter Feind, der ständig Angriffe gegen das umliegende Land führt, während sich die Betroffenen nicht um dessen Festungsgarnisonen kümmern, sondern sich bescheiden, die beschädigten Häuser zu reparieren und die Toten zu begraben – Wirkung der Raubzüge der Plünderer.“ Krankheit werde mit den gegenwärtigen materialistischen Methoden niemals geheilt oder ausgerottet, „weil Krankheit in ihrer Ursache nicht materialistisch ist.“ [8] Sie könne „niemals anders als durch spirituelle und mentale Bemühungen ausgemerzt werden.“ So ist die Bachblüten-Therapie letztlich als Versuch zu verstehen, eine Methode der geistigen Heilung zu etablieren.

Seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert findet das Konzept der „Salutogenese“ zunehmend Beachtung in Medizin und Gesundheitswissenschaften. Es wurde von dem israelischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky nach empirischen Studien zur Adaptation von Frauen verschiedener ethnischer Gruppen in Israel, darunter auch Überlebende von Konzentrationslagern, ab 1970 entwickelt und 1987 explizit begründet. Antonovsky wollte ein Gegenkonzept zur pathogenetischen bzw. pathologischen Betrachtungsweise in die Medizin einführen: „Eine pathologische Orientierung versucht zu erklären, warum Menschen krank werden, warum sie unter eine gegebene Krankheitskategorie fallen. Eine salutogenetische Orientierung, die sich auf die Ursprünge der Gesundheit konzentriert, stellt eine radikal andere Frage: Warum befinden sich Menschen auf der positiven Seite des Gesundheits-Krankheits-Kontinuums oder warum bewegen sie sich auf den positiven Pol zu, unabhängig von ihrer aktuellen Position?“[9]

Antonovsky versuchte mit zwei Schlüsselbegriffen, das „Geheimnis der Gesundheit“ zu erklären: Unter „generalisierten Widerstandsressourcen“ (generalized resistance resources, GRRs) verstand er „jedes Phänomen, das zur Bekämpfung eines weiten Spektrums von Stressoren wirksam ist“; das „Kohärenzgefühl“ (sense of coherence, SOC) sei das allen „generalisierten Widerstandsressourcen“ Gemeinsame: Es versorge den Betreffenden mit sinnhaften Erfahrungen, biete ihm „eine globale Orientierung“ und schaffe ein „andauerndes aber dynamisches Gefühl des Vertrauens.“[10] Das Konzept der Salutogenese rückte die Bedeutung der subjektiven Gesundheitsvorstellungen als entscheidenden gesunderhaltenden Faktor im Leben des Einzelnen ins Zentrum. Freilich interessierte sich Antonovsky nicht für historische, philosophische oder anthropologische Implikationen seines Konzepts. So blendete er naturphilosophische Überlegungen und dementsprechende Begriffe wie „Magie der Natur“ gänzlich aus. Theoretischer Ausgangspunkt war letztlich das von Hans Selye in den 1930er Jahre entwickelte Stress-Modell, das er salutogenetisch – im Sinne eines Stress-Bekämpfungs-Modells − wendete. So vermutete er bestimmte „Kanäle“, über welche das Kohärenzgefühl Einfluss auf den Gesundheitsstatus nehmen könne. Es handele sich im Einzelnen um die Aktivierung des Gehirns durch die Wahrnehmung der Welt als verstehbar, das Vermeiden schädlicher Stressoren durch das Verhalten der betreffenden Person sowie den erfolgreichen Umgang (coping) mit ihnen.

Die kulturhistorisch geprägten Vorstellungen, die unterschwellig im Begriff „Heilkraft der Natur“ weiterwirken, blendete Antonovsky wie gesagt systematisch aus. Aber auch die neuere Geschichte der Psychodynamik und Psychotherapie von Mesmer bis Freud spielte für ihn keine Rolle. Wenngleich sein Konzept positivistische Züge aufwies und quantifizierende Messinstrumente zur Bestimmung des Kohärenzgefühls einsetzte, war sich Antonovsky – zumindest am Ende seines Lebens – der Problematik von Gesundheitsdefinitionen bewusst. Das Gesunde müsse keineswegs bereits das moralisch Gute bedeuten und umgekehrt: „Eine salutogenetische Orientierung macht keine Vorschläge für ein gutes Leben im moralischen Sinne, sie kann nur das Verständnis von Krankheit und Gesundheit erleichtern.“[11] Was hat die „Salutogenese“ mit der traditionellen „Heilkraft der Natur“ zu tun? Diese sollte durch „Gottvertrauen“, jene soll durch „Kohärenzgefühl“ mobilisiert werden. Doch trotz dieser frappierenden Analogie folgte die naturphilosophische bzw. magisch-religiöse Auffassung einem ganz anderen Menschenbild als das psychobiologische Stressmodell.


[1] Programm […], 1981; Wunder / Sierck (Hg.), 1982. [2] http://www.paracelsus-messe.de/ (12.03.2009) [3] http://de.wikipedia.org/wiki/Bachbl%C3%BCten  (15.10.2010) [4] Bach, 1988, S. 103-169 [Abhandlung: „Heal thyself“]. [5] A. a. O., S. 10. [6] A. a. O., S. 11. [7] A. a. O., S. 105. [8] A. a. O., S. 106. [9] Antonovsky, 1997, S. 15. [10] A. a. O., 16. [11] A. a. O., 189.

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