9. Kap./1 * Böse Natur

Magie der Natur im Ausgang von der griechischen Naturphilosophie und Medizin meinte in erster Linie Heilkraft der Natur (physis), sozusagen die lebenserhaltende, gute Kraft schlechthin. Sie repräsentierte das Göttliche und erschien – bis hin zu Goethe – als „Gott-Natur“. Dieser Naturbegriff bestimmte die traditionelle abendländische Medizin einschließlich ihrer magisch-alchemistischen Prägungen in der frühen Neuzeit und des Sonderwegs der Naturheilkunde im 19. und 20. Jahrhundert. Daneben machte sich aber auch eine gegenläufige Tradition bemerkbar, welche die Natur per se als schädlich, verwerflich und letztlich teuflisch ansah. Letztere Blickrichtung ist nur im weiteren Kontext von Kultur- und Religionsgeschichte zu verstehen. Er soll im Folgenden kurz skizziert werden, bevor die Auseinandersetzung der Medizin mit der „bösen Natur“ abgehandelt werden kann.

Antike religiöse Bewegungen wie Zoroastrismus, Manichäismus und Gnosis, sowie „ketzerische“ Bewegungen im mittelalterlichen christlichen Abendland wie Katharer, Waldenser und Bogomilen sind für uns aufschlussreich.[1] Ihre Weltanschauungen waren von einem spezifischen Dualismus geprägt, nämlich der polaren Entgegensetzung von Gut und Böse, die als Gegensatz von Licht und Finsternis, Gott und Welt, Geist und Materie, göttlicher Weisheit und teuflische Natur aufgefasst wurde. Vor allem die Katharer (Albigenser), eine christliche Glaubensbewegung im Hochmittelalter, die sich veri christiani („die wahren Christen“) oder Bonhommes („gute Menschen“) nannten, zeigten eine starke Körperfeindlichkeit, die in ihrer Metaphysik wurzelte, wonach der Teufel die Seelen nach ihrem Fall aus dem Himmel in Körper gehüllt habe. Während die ewige Seele Gott gehöre, sei die Materie dem Teufel verfallen. Dabei spielte die Tröstung (consolamentum) der Sterbenden eine entscheidende Rolle. Denn wenn jemand ohne diese starb, war seine Seele gezwungen, in den Leib eines anderen Lebewesens zu wandern, bis sie schließlich den Leib eines „wahren Christen“ gefunden hatte: „Für die katharischen Gläubigen war die physische Welt angefüllt mit umherirrenden Seelen auf der Suche nach der richtigen Inkarnation, die sie letztendlich zur Erlösung führte.“[2] Der deutsche Mediävist Arno Borst stellte in seiner Disseration über die Katharer meisterhaft die Unvereinbarkeit des dualistischen Weltbildes mit der christlichen Lebensform dar, womit er das Scheitern dieser häretischen Bewegung erklärte.[3]

Dieser weltanschauliche Dualismus erinnert an die in der Geschichte der Heilkunde prominente Lehre, wonach Gesundheit als Ausdruck des Guten und Krankheit als Ausdruck des Bösen zu werten sei. Krankheit ist göttliche Strafe für sündhaftes Leben, so lautet bis heute eine transkulturell wirksame religiöse Erklärungsformel für alle möglichen Erkrankungen. Sie taucht in säkularisierter Form auch in der gegenwärtigen Medizin auf und ist in psychologischer und sozialer Hinsicht von großer Brisanz. Geht es doch sowohl in der somatischen als auch in der psychologischen Medizin auch heute noch um die „Schuld“ des Kranken oder seiner Umgebung, deren schädliches Einwirken dann als Krankheitsursache angenommen wird. Die Präventions- und Umweltmedizin können hierzu reichhaltiges Anschauungsmaterial liefern.

Das Problem der Theodizee, mit dem sich Gottfried Wilhelm Leibniz im frühen 18. Jahrhundert auseinandersetzte, stellt sich auch in der Medizin mit aller Macht.[4] Wie kann die göttliche Natur als Inbegriff der schöpferischen, Leben erzeugenden Macht Leid, Krankheit und Tod zulassen? Wie kann es passieren, dass die Naturdinge selbst den Keim der Zerstörung in sich tragen? Die schwierigste Frage schließlich betrifft den Menschen selbst: Wie kann es geschehen, dass der Mensch direkt oder indirekt an sich selbst und seine Gattung Hand anlegt – nicht um Leben zu erhalten, sondern um es zu vernichten? Dies ist die crucial question. Die Auseinandersetzung mit der „bösen Natur“ sei im Folgenden exemplarisch skizziert, um das innerste Motiv einer „Magie der Natur“, die ja in verschiedenen historischen Variationen auftritt, zu beleuchten: Wieder-Gutmachen von etwas Bösem, Verfeinerung von etwas Rohem, Vervollkommnung von etwas Unvollkommenem.

Ein eindrucksvolles Beispiel aus dem 20. Jahrhundert lieferte die Theorie der pathogenen Erdstrahlen, die der Dachauer Rutengänger und Privatforscher Gustav Freiherr von Pohl erstmals 1932 in Buchform publizierte und die im Zeitalter der ökologischen Bewegung gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine Renaissance erlebte.[5] Pohl verglich seine Entdeckung mit der des ungarischen Arztes Ignaz Semmelweis, der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Händedesinfektion das Prinzip der Antisepsis eingeführt hatte. Pohl veröffentlichte erste Forschungsergebnisse bereits im Juli 1930 in der wissenschaftlich etablierten „Zeitschrift für Krebsforschung“.[6] Darin meinte er den „Nachweis“ der „negativ-elektrische Erdstrahlung“ geführt zu haben, welche die Ursache vieler Erkrankungen und Hauptursache von Krebs sei. Darüberhinaus wirkte sie seiner Meinung nach auch auf Tiere, Bäume und Pflanzen.

Krebs sei „keine örtliche Erkrankung […], sondern Ausdruck einer Allgemeinerkrankung des gesamten Organismus“. Er trete nur bei solchen Menschen auf, „die in stark bestrahlten Betten schlafen“. Damit sei das „Krebsproblem endgültig gelöst“.[7] Apodiktisch erklärte Pohl:  „Wer dafür sorgt, daß sein Bett zum mindesten nicht in schweren Erdstrahlen steht, und wer dafür sorgt, daß er auch tagsüber bei der Arbeit nicht in schweren Erdstrahlen sitzt, kann niemals Krebs bekommen!“ Er träumte davon, dass durch seine Erkenntnis „die Krebskrankheit, diese bisher furchtbare Geißel der Menschheit“ ausgerottet werden würde. 1931 unternahm er den interessanter Versuch der „Entstrahlung einer ganzen Stadt“, nämlich der von Dachau: „Am 19. September 1931 mußte ich zu meinem Bedauern die Entstrahlung von Dachau abstellen, da ich verreisen mußte. Schon nach wenigen Tagen liefen in meinem Haus eine große Anzahl von Beschwerden ein von Einwohnern, die wiederum nicht mehr schlafen konnten und wieder sonstige Beschwerden hatten. Nach meiner Rückkehr Anfang November habe ich dann die Station wieder eingeschaltet und konnte gleichzeitig den Wirkungsbereich der Entstrahlung auf über 12 Quadratkilometer steigern.“[8]

Der deutsche Experimentalphysiker Hans-Dieter Betz setzte sich in den 1980er Jahren experimentell mit Rutengängern und Erdstrahlen auseinander und nahm insbesondere zum „Fall von Pohl“ Stellung.[9] Dieser hatte, wie in seiner oben erwähnten Publikation von 1932 dargelegt, systematisch „Störzonen-Pläne“ gezeichnet. Der Vergleich mit der Krebstotenstatistik ergab ein überraschendes Ergebnis: „Sämtliche Fälle lagen auf den vorher bezeichneten Streifen“, so dass es im amtlichen Protokoll einer Stadt hieß, von Pohl sei der Nachweis von Erdstrahlen „in vollstem Maße gelungen“.[10] Betz plädierte nun für eine neue Untersuchung mit moderneren Methoden und mehreren Rutengängern. Gegenwärtig sei die „Geopathie-Frage“ noch nicht sicher zu beantworten. Freilich dürften Indizien für ortsabhängige biologische Wirkungen nicht generell ignoriert werden.[11] Der Schlusssatz seiner Monographie spielte wie so oft in der Geschichte der naturwissenschaftlichen Forschung auf das Motiv des „verhüllten Bildes von Sais“ an: „Der Weg zur Entschleierung der Geheimnisse ist allerdings voller Hindernisse und wird noch viel Zeit benötigen – ein Abenteuer ohne Ende.“[12]


[1] Auffarth, 2005. [2] Weis, 2001, S. 11. [3] Borst [1953], 1991, S. 168. [4] Leibniz [1744], 1996. [5] Pohl [1932], 1988. [6] Pohl, 1930. [7] Ebd., S. 40 f. [8] Pohl [1932], 1988, S. 162. [9] Betz, 1990, S. 252-255. [10] Ebd., S. 254. [11] A. a. O., S. 267. [12] A. a. O., S. 303.