9. Kap./2 * Finstere Natur

Zunächst ist das Verhältnis von Licht und Finsternis zu behandeln, das die Menschheit zu allen Zeiten bewegte und auch für die Medizingeschichte fundamental war. Himmlisches Licht stand irdischer Finsternis als Kontrast gegenüber. Wenn die Sonne untergegangen ist, wird es dunkel. Der Tag wird zur Nacht. So heißt es in der biblischen Schöpfungsgeschichte: „Gott schied das Licht von der Finsternis und er nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht“.[1] In allen Kulturen wurde das Dunkel mit Tod, Gefahr, Krankheit und Strafe assoziiert. Gräber, Gefängnisse, Verließe waren finster, buchstäblich „stockfinster“, so finster wie im „Stockhaus“, dem Gefängnis.[2] Krankheiten schienen von dunklen Mächten verursacht zu werden, Krankheitszeichen imponierten als finstere Befleckung bis hin zur pathologischen „Verschattung“ im Röntgenbild (siehe unten), und der krankmachende oder gar tötende Schadenszauber wurde „schwarze“ Magie genannt. Die Menschen waren mit dem Gegenpol des Lichts als göttlicher Quelle der Gesundheit konfrontiert, nämlich mit der Finsternis, dunklen Schatten, bösen Dämonen, die Krankheit und Tod symbolisierten.

Die Unterwelt erschien in vielen Kulturen als das Totenreich, als Welt der Schatten. Aber auch die irdische Welt war dem Tod geweiht, von Verwesung, Korruption, heimgesucht. Es war die Welt der „Krankheit zum Tode“ (Kierkegaard), eine Welt der Verzweiflung, auf die Michel Montaigne im 16. Jahrhundert mit dem Leitspruch reagierte, der bereits bei Platon angelegt war: „Philosophieren heißt sterben lernen“.[3] Die Unterwelt als Wohnort der Verstorbenen tauchte in unterschiedlichen Mythologien auf, am ausführlichsten wurde sie wohl in der griechischen Dichtung (Homer) beschrieben. Der Totengott Hades, der Fährmann Charon, der über den trennenden Fluss Styx übersetzt, der Wachhund Kerberos und die Richter, die über die Seelen urteilen, tauchen als personifizierte Mächte im Totenreich auf. Frevler, wie etwa Sisyphos und Tantalos wurden in den Tartaros gestoßen, den untersten und finstersten Teil der Unterwelt, wo auf sie ewige Qualen zur Strafe warteten. Nur wenige von denen, die sich im Leben besonders bewährt hatten, gelangten auf die „Insel der Seligen“, in die Elysium (griech. elysion) genannten paradiesischen Gefilde. Diese gegensätzlichen metaphysischen Orte entsprachen der Gegenüberstellung von Himmel und Hölle in der christlichen Lehre.

Krankheitserleben und Krankheitszeichen wurden und werden häufig mit Attributen des Dunklen, des Unterirdischen, des Bösen versehen. Krankheiten können „Höllenqualen“ verursachen, die an diejenigen des Tantalos erinnern. Tödliche Krankheiten können – in mehrdeutiger Weise – als dunkles Geschehen imponieren, wie beim „Schwarzen Tod“ als spätere Bezeichnung für die Pestpandemie im 14. Jahrhundert. Aber auch im Zeitalter der naturwissenschaftlichen Medizin finden sich Spuren des Dunklen und Bösen in der wissenschaftlichen Terminologie, etwa bei einer “Verschattung“ auf einem Röntgenbild des Thorax, die unter Umständen auf eine „bösartige“ Geschwulst, etwa ein Bronchialkarzinom, verweisen kann. Obwohl im heute üblichen (negativen) Röntgenbild als Aufhellung sichtbar, spricht man bei pathologischen Lungenbefunden weiterhin von „Verschattung“.

In auffälliger Analogie zu den Verhältnissen im Makrokosmos (Tag-Nacht, Sonne-Mond, Himmel-Erde etc.) erschienen bis weit in die Neuzeit hinein auch die Verhältnisse innerhalb des menschlichen Organismus von diesem Dualismus von Licht und Finsternis geprägt. So finden sich noch in der Schädellehre Franz Joseph Galls um 1800 Anklänge an die Auffassung, dass die Scheitelregion des Gehirns, das Gall als „Organ der Theosophie“ bezeichnete, dem Himmel am nächsten sei und deshalb besonders vom (quasi göttlichen) Licht beeinflusst würde. Das Herz korrespondierte in der alchemistischen Tradition mit der Sonne und die Milz als Organ der schwarzen Galle mit dem (bösartigen) Saturn. Generell schien sich die Tag-Nacht-Analogie auch am menschlichen Leib widerzuspiegeln: Die obere Körperhälfte war luftiger und heller gegenüber der unteren, die als erdhafter und dunkler empfunden wurde. Dem entsprechend hatten die Bauchorgane im Hypochondrium auch eine besondere Affinität zu melancholischen Beschwerden, abgesehen von der dumpfen Triebhaftigkeit der Unterleibsorgane. Im Hinblick auf das Phänomen des Besessenseins bezeichnete der schwäbische Arztdichter Justinus Kerner infolgedessen den Bauch als „Urquell so vieles Bösen“ und als „Tier im Menschen“ [4] und sprach sogar explizit von einer „Schlange im Bauch“, womit er auf den biblischen Sündenfall anspielte. [5] Es ist bemerkenswert, dass speziell der Unterbauch als Region der Geschlechtsorgane in der frühneuzeitlichen Ikonographie als finstere „Höllenwelt“ dunkel markiert wurde. Dementsprechend projizierte sie der Regensburger Theosoph Johann Georg Gichtel in der „Theosophia practica“ (1723) konzentrisch in eine androgyne Menschengestalt. (Abb. [i]) Treffend formulierte dieser Anhänger Jakob Böhmes: „Unter dem Gemüth, auf den Lenden, ist ein Zirkel, welcher den Abgrund, als des Teufels Wohnhaus anweiset.“[6]

Die „Unterwelt“ diente Sigmund Freud als Schlüsselmetapher in seinem Hauptwerk „Die Traumdeutung“. Dort griff der Begründer der Psychoanalyse von Anfang an auf die griechische Mythologie zurück, als er seinem Werk das Motto aus Vergils „Aeneis“ voranstellte: „Flectere si nequeo superos, acheronta movebo“.[7] Es gibt verschiedene Versionen der deutschen Übersetzung. Eine davon lautet: „Kann ich schon die Götter nicht erreichen, so werde ich doch die Mächte der Unterwelt bewegen.“[8]  Als der Psychotherapeut Werner Achelis „acheronta movebo“ in einem Artikel mit „die Festen der Erde bewegen“ übersetzte, korrigierte ihn Freud in einem Brief vom 30. Januar 1927: „Aber es heißt doch vielmehr: die Unterwelt aufrühren.“[9] Freuds „Unterwelt“ war das Unbewusste, das als Quelle unterdrückter, verdrängter Triebkräfte Krankheiten verursachen könne. Es wurde von ihm als dunkles Reich der Seele dargestellt, das mit analytischen Methoden durchleuchtet, dessen Geheimnisse ans Tageslicht, zu Bewusstsein, gebracht werden sollten. In der Kultur- und Medizingeschichte kristallisierte sich so für die „böse Natur“ die Assoziationskette Finsternis, Nacht, Unterwelt, Unterleib, unbewusster Trieb, Selbstdestruktion heraus. Sie erschien als Quelle allen Übels, ausgestattet mit dämonischer Macht. In der religiösen Heilkunde christlicher Prägung war sie nichts anderes als das Werk des Teufels. Ihren extremen Verfechtern erschienen letztlich alle Krankheiten vom Teufel verursacht, so dass demnach nur die Methode des Exorzismus helfen und heilen konnte. In diesem Geiste publizierte der katholische Pfarrer und Exorzist Johann Joseph Gaßner 1774 seine einschlägige Schrift „Nutzlicher Unterricht wieder den Teufel zu streitten“.[10]


[1] Gen. 1,4 und 1,5. [2] Schmitthenner, 1834, S. 288. [3] Montaigne, 1998, S. 45-52 [1. Buch, Nr. 20]. [4] Zit. n. H. Schott, 1986 [a], S. 672. [5] Zit. n. H. Schott, 1990, S. 444. [6] Gichtel / Graber [1723], 1779, S. 68. [7] Freud, 1900, S. VI. [8] Brandell, 1976, S. 24. [9] Freud [1873-1939], 1960, S. 390. [10] Gaßner, 1774.


[i] Geissmar, 1993, S. 37 f. bzw. S. 208 f. [Abb. 82 u. 84 ]; Gichtel / Graber [1723], 1779 [Vorsatzblätter]; → Abb. Graber Gichtel (1) / (2) [