9. Kap./3 * Böses von außen oder innen?

Der Vergöttlichung der Natur als Quelle des Lebens und der Heilkraft steht in der Ideengeschichte die Verteufelung der Natur als finstere Ausgeburt und krankmachendes Gefängnis gegenüber, wie es in extremer Form die Bogumilen und Katharer im Mittelalter gepredigt hatten. Beides zusammen zu denken fällt schwer. Wir sind hier mit dem Problem des Absurden konfrontiert, den untrennbar miteinander verbundenen zwei Seiten ein und derselben Medaille, dem Janusgesicht der Natur. Nur wenige Autoren haben sich dieser Problematik gestellt, bei der kein (eindeutiger) Sinn für das Naturgeschehen ausfindig zu machen ist. Sie übersteigt den Horizont der Evolutionsbiologie ebenso, wie den der medizinischen Ökologie. Denn das Ankerproblem lässt sich wissenschaftlich nicht lösen: die Sterblichkeit des Lebens, der Tod. Entsprechende wissenschaftliche oder politische Erklärungen, quasi Tröstungen, haben sich bislang als hohl erwiesen und dienten vielfach sogar zur Rationalisierung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Hierzu gehörten die moralische Rechtfertigung von Menschenopfern bei Humanexperimenten im Kriegsfall ebenso wie der Heldentod auf dem Schlachtfeld nach der preußischen Devise „Mit Gott für König und Vaterland“.[1]

Das Janusgesicht der Natur zeigt uns also „ein schlechthin faszinierendes Gesicht, faszinierend schön und schrecklich zugleich.“[2] Die Schönheit ist insbesondere für Ingenieure im Hinblick auf die technischen Wunderwerke der Natur faszinierend, welche die Produkte menschengemachter Technik vielfach in den Schatten stellen. Aus Sicht der Bionik erscheint dann die Natur als eine „hochkreative Ideenschmiede“: „Die Natur würde wohl in jedem Jahr mehrere Nobelpreise erhalten, wenn da eine dahinter steckende verantwortliche Person auszumachen wäre.“[3] Aus solcher Lobrede spricht wiederum jene Bewunderung, die wir bereits bei den alten Alchemisten finden. Die Natur erschien Letzteren als unübertreffliche Lehrmeisterin, die dem Menschen für seine Zwecke entscheidende Aufschlüsse über Wirkmechanismen geben könne. Daneben schlägt aber immer wieder die unbegreifliche Macht des Bösen zu. Der französische Philosoph Paul Ricœur sprach von der „kosmischen Struktur des Bösen“, die eine „Einladung zum Verrat“ (Gabriel Marcel) darstelle: „von der Grausamkeit der Natur geht ein Gefühl universaler Absurdität aus, das den Menschen dazu bringt, dass er an seiner Bestimmung zweifelt“.[4] Es lohnt sich, Ricœurs Gedanken über das Böse „draußen“ zu folgen.

Die Schlange, Symbol des Bösen, sei nicht nur „Teil unserer Selbst“, sondern auch „draußen“, „und zwar radikal und sogar in mannigfacher Form.“[5] Jeder finde „das Böse bereits vor“. Es gebe so etwas, „wie ein Sich-selber-vorausliegen des Bösen, wie wenn das Böse das wäre, was immer sich selbst zuvor ist, was jeder vorfindet und fortsetzt“. Nach Ricœur gehört dies zur „kosmischen Struktur des Bösen“. Es gebe eine Seite unserer Welt, „die uns als Chaos entgegenstarrt und deren Symbol das chthonische Tier ist […]. Prometheus und Ödipus auf der einen, Job [Hiob] auf der andern Seite haben die kosmischen Dimensionen der Chaos-Tiere erkannt.“ Denn die Schlange symbolisiere das Chaos in Mikrokosmos und Makrokosmos zugleich, nämlich „das Chaos in mir, zwischen uns und draußen.“[6] (Dass die Schlange in der Kulturgeschichte zugleich die göttliche Heilkraft symbolisiert, wie insbesondere der Asklepioskult zeigt, wurde von Ricœur allerdings nicht reflektiert.) So könne mit diesem „Satanssymbol“ die „Konzentration des Bösen im Menschen“ durch eine zweite Bewegung aufgewogen werden, die den Ursprung des Bösen in eine vormenschliche dämonische Realität verlege. Insofern erscheint der Mensch nur an zweiter Stelle als das Böse. Er sei nur böse durch seine „Einwilligung in eine Quelle des Bösen“. [7] Die „Anerkennung einer nicht-menschlichen Quelle des Bösen ruft die Tragödie herauf“. Diese, das heißt ihre Absurdität sei nur durch die „Theogonie“ zu retten. Alles, was zugunsten eines „bösen Gottes“ spreche, sei auch ein Ruf nach einer „dankbaren und sagbaren Onto-Theologie, wo das Böse zur Vermittlung des Seins wird.“[8]

Das Böse in der Natur außerhalb des Menschen stellt nach Ricœur seine Tragik dar, die von keiner Theologie, Psychotherapie und keiner Biologie zu heilen sei. Diese „Außenheit des Bösen“ findet indes keine Anerkennung in der ökologischen Diskussion, da es sich menschlicher Schuldzuweisung und damit der politischen Logik entzieht. Es gibt herkömmlicher Weise mehrere Möglichkeiten, die „universale Absurdität“ (Ricœur) aufzulösen. Bei Leibniz wird das Böse letztlich von Gott zugelassen und untersteht seinem beschränkenden Regime. Für die Katharer schien die Welt selbst eine Schöpfung des Teufels und die Natur das dunkle Gegenreich zum göttlichen Lichtreich zu sein. In der christlichen Theologie, die auch auf die medizinische Anthropologie und Psychologie ausstrahlte, liegt der Ursprung des Bösen im Menschen selbst, als unhintergehbares Faktum der Erbsünde, die dem Ödipuskomplex als psychoanalytischem Analogon entspricht.

Anmerkung vom 17.08.2015

Von jeher hatten die Menschen angesichts von „Naturkatastrophen“ Probleme, diese unabhängig von ihrem eigenen Dasein zu akzeptieren. Interessant sind menschengemachte Katastrophen, die wie nicht beeinflussbare Naturkatastrophen wahrgenommen werden. Ein Beispiel ist ist vielleicht das Bild „Erduntergang“ (1912) von Oskar Herzberg aus der Sammlung Prinzhorn (Heidelberg). Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Sozialbiologie und Verhaltensforschung führen uns vor, wie die „Absurdität des Bösen“ angeblich aufgelöst werden kann. Verhaltensbiologische Gesetze dienen dabei der Entschuldigung, der Rationalisierung dessen, was traditionell als Ausdruck des Bösen verstanden wurde. Am Beispiel der Charakterisierung des Wolfs lässt sich dies beobachten. Dieses Tier spielt nicht nur eine wichtige Rolle in Mythologie, Volkskunde und Märchenwelt, sondern auch in der Kulturanthropologie. Der Wolf, der traditionell als grausam, blutrünstig und habgierig galt, wurde vielfach zur Kennzeichnung der entsprechend bösen Eigenschaften des Menschen herangezogen. Der durch den englischen Philosophen Thomas Hobbes bekannt gewordene Ausspruch „Homo homini lupus est“ (der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) zeigt die Nachhaltigkeit der Wolfsmetapher für das neuzeitliche Menschenverständnis. Werwölfe bereichern bis heute das Genre des Horrorfilms, wie zum Beispiel „The Wolf Man“ (1941) von George Waggner.[9] Während noch im Brockhaus von 1895 zu lesen ist, der Wolf sei „bekannt für seine Blutgier und Feigheit“ und deshalb seine Ausrottung empfohlen wurde, entwerfen moderne Verhaltensforscher ein ganz anderes Bild vom Wolf: „Sie fanden heraus, dass er ein soziales Tier ist, das wesentlich zur Gesundherhaltung des Großwilds beiträgt, weil es nur alte und schwache Tiere in der Hetzjagd erlegen kann.“[10] Insofern dient der Wolf der Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts und tut ein gutes Werk. Ein solches Verständnis für die tierische Aggression wurde wesentlich von dem aus Wien stammenden Verhaltensforscher Konrad Lorenz in der Mitte des 20. Jahrhunderts geprägt. „Das sogenannten Böse“ wurde zur klassischen Formel, um die (natürliche, unschuldige) tierische Aggression von der (bösen) menschlichen abzugrenzen.[11] Lorenz verteidigte die Darwin’sche Evolutionstheorie und stellte zugleich mit ihrer Hilfe die „Einzigartigkeit des Menschen“ heraus: „Wir sind das Höchste, was die großen Konstrukteure des Artenwandels auf Erden bisher erreicht haben, wir sind ihr ‚letzter Schrei’, aber ganz sicher nicht ihr letztes Wort.“ Es bleibe die Hoffnung, „ daß aus uns Menschen noch etwas Besonderes und Höheres entstehen kann. […] Das langgesuchte Zwischenglied zwischen dem Tiere und dem wahrhaft humanen Menschen – sind wir!“[12]

Im Ausgang von Konrad Lorenz versuchte sein Biograph, der österreichische Wissenschaftstheoretiker Franz Wuketis auf der Grundlage der Evolutionstheorie eine biologische Ethik mit normativen Ansprüchen zu begründen.[13] Die Menschen seien Affen und verhielten sich auch so, daran habe auch die Zivilisation nichts geändert. Entsprechend sei die Moral „eine biologische Kategorie, eine Ethik ohne biologische Basis ist ein Luftschloß. Unsere Biologie, unsere Stammesgeschichte übt einen stärkeren Einfluß auf uns aus, als uns lieb sein kann.“[14] Die ursprünglichen Gene hätten – gleich erfolgreichen Chicago-Gangstern – überlebt, wie er in Anlehnung an Richard Dawkins’ „The Selfish Gene“ meint.[15] Aber auch Gangster hätten einen Moralkodex, „was wiederum nur darauf hinweist, daß die Evolution auf altruistisches Verhalten nicht ganz verzichten konnte und uns unsere Gene vorschreiben, uns innerhalb einer relativ kleinen Gruppe kooperativ zu verhalten.“[16] „Das sogenannte Böse“ widerspreche (universalistischen) Moralprinzipien, könne aber im engeren Sinne nicht als verwerflich gelten, wie z. B. die − unter Ethnologen kontrovers diskutierte − Kindstötung bei den Yanomami, einem indigenen Volksstamm im Amazonas-Gebiet.[17] „Das wirklich Böse“ aber sei die rücksichtslose Ausbeutung der Natur aus Gier und vor allem die planmäßige Auslöschung der eigenen Artgenossen.[18] Erst wer wisse, wer der Mensch wirklich sei, könne das wirklich Böse in Schranken halten.[19] Das Übel sei mit dem Menschen auf die Welt gekommen, meinte Wuketis im Hinblick auf  Voltaire,  „insofern, als er das einzige Lebewesen ist, das etwas als Übel erkennt, Böses vom Guten unterscheidet, bewußt Unglück vermeiden will und Glück sucht.“[20] Wuketis sah zwei Grundprobleme: Der Mensch sei wie alle anderen Lebewesen auf Überleben programmiert, aber im Unterschied zu diesen beurteile er das eigene Überleben nach moralischen Kriterien.[21] Eine „Absurdität des Bösen“, ein „Außen des Bösen“ im Sinne eines Ricœur kommt in einer solchen Anschauung nicht vor. Insofern passt die verhaltens- und evolutionsbiologische Auffassung vom Bösen zur ökologischen. Sie sind sich einig, das das Böse nicht in der äußeren Natur, sondern im Menschen selbst, seiner inneren Natur, angelegt ist.


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Mit_Gott_f%C3%BCr_K%C3%B6nig_und_Vaterland (11.06.2012) [2] Claret, 2007, S. 91. [3] Ebd. [4] Ricœur zit. n. Claret, 2007, S. 94. [5] Ricœur, 1971, S. 294. [6] A. a. O., S. 295. [7] A. a. O., S. 296. [8] A. a. O., S. 374 f. [9]http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Wolfsmensch (24.06.2009) [10] Müller-Ebeling, 2000, S. 20. [11] K. Lorenz, 1963. [12] Ebd., S. 345 f. [13] Wuketis, 1993. [14] Ebd., S. 10. [15] A. a. O., S. 169. [16] A. a. O., S. 174. [17] A. a. O., S. 194. [18] A. a. O., S. 199 f. [19] A. a. O., S. 202. [20] A. a. O., S. 244. [21] Wuketis, 1999, S. 230 f.

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