9. Kap./4 * Zeichen der Entartung

Im frühneuzeitlichen Konzept der magia naturalis war die Signaturenlehre von zentraler Bedeutung. Demnach zeichnete die Natur wie eine bildende Künstlerin ihre Geschöpfe, sodass man aus deren äußeren Gestalt Rückschlüsse auf ihre inneren Qualitäten ziehen konnte. Hierbei spielte die Physiognomik eine herausragende Rolle (Kap. 33). Ihre Kunst bestand darin, aus Kopfform und Gesichtszügen eines Menschen auf seinen Charakter zu schließen. Diese Deutungskunst physischer Kennzeichen hatte im modernen Kontext von Darwinismus, Degenerationslehre und Rassenbiologie um 1900 eine starke Konjunktur. Vor allem der Begriff der Entartung oder Degeneration war hierfür maßgeblich. Er bildete die wissenschaftliche Grundlage für das Grenzgebiet zwischen Psychiatrie und Kriminologie. Die Stigmen des Bösen waren gerade in der Kriminalpsychologie um 1900 ein Faszinosum für Anthropologen, Psychologen und forensische Psychiater: Aus äußeren Merkmalen sollte auf verbrecherische Anlagen geschlossen werden. Die ideengeschichtliche Wurzeln in der Neuzeit sind offensichtlich und reichen von der Signaturenlehre und Physiognomik bis hin zur Gall’schen Schädellehre (Organologie) (Kap. 33). In diesem Zusammenhang interessieren vor allem die Deutungskünste der Psychiater, ihre spezifische Semiotik.

Grundlegend für die moderne Kriminalpsychologie war die Degenerationslehre des französischen Psychiaters Bénédict-Augustin Morel. Bereits 1857 charakterisierte er in seiner Schrift „Traité des dégénérescences“ die Verfallsstufen im Erbgang: von der Nervosität über den Alkoholismus bis hin zum Blödsinn. Er verstand Degeneration weniger im biologischen als vielmehr im theologischen Sinn. Erbliche Belastung durch die Eltern (insbesondere wenn beide Elterteile Degenerationsmerkmale aufwiesen), mehr aber noch soziales Milieu und falscher Lebenswandel (Alkoholismus) würden zu Entartung führen, die dann über Generationen hinweg fortschreite. Morel vertrat ein bestimmtes Schema der Degeneration, das die Psychiatrie seiner Zeit stark beeinflusste. Die Krankheitszustände sollten sich demnach von Generation zu Generation verschlimmern: von nervösem Temperament und Ausschweifungen (erste Generation) bis hin zu angeborenem Schwachsinn und Missbildungen (vierte Generation). Den Entarteten könne man an bestimmten Stigmen erkennen: „Asymmetrien der Gesichtshälften oder sonstiger korrespondierender Körperteile, ferner Anomalien des Schädelbaues, abstehende oder ungleiche Ohren, angewachsene Ohrläppchen, Schielen, Stottern, Missbildung der Zähne, fehlende oder überzählige Gliederteile, Verkümmerung oder abweichende Bildung der Geschlechtsorgane“.[1] Diese Degenerationslehre im Sinne des Lamarckismus, der Lehre von der Vererbung erworbener Eigenschaften, war ohne weiteres mit dem Sozialdarwinismus und der rassistischen Rassenlehre kompatibel, die der französische Diplomat und Schriftsteller Arthur de Gobineau mit seinem vierbändigen Werk „Über die Ungleichheit der menschlichen Rassen“ begründete. [2] Es erschien in den 1850er Jahren, seine deutsche Übersetzung erlebte zahlreiche Auflagen (Kap. 12).

Den größten Einfluss auf die Entwicklung der Kriminalanthropologie unter dem Vorzeichen von Degenerations- und Rassenlehre hatte ohne Zweifel der italienische Psychiater Cesare Lombroso, der ab 1876 als Professor für gerichtliche Medizin, Kriminologie und Anthropologie in Turin tätig war. In seinem Werk erschienen Signaturenlehre, Physiognomik und Gall’sche Schädellehre bzw. Phrenologie, wie sie später genannt wurde, im wissenschaftlichen Gewand einer physischen Anthropologie, welche vor allem zur Erfassung der Verbrecher dienen sollte. 1876 behauptete Lombroso in seinem wirkmächtigen Werk „L’Uomo delinquente“, dessen deutsche Übersetzung 1887 erschien, dass Kriminalität und sexuelle Abweichung Zeichen einer angeborenen Degeneration, eines „Atavismus“, seien.[3] Dabei bezog er sich auch auf Darwin und behauptete, phylogenetisch längst überholte frühe Stadien und Erscheinungsformen würden im Entartungsprozess wieder freigesetzt.

Durch anatomische Studien am Gehirn bzw. dem Schädel eines jugendlichen Räubers im Jahre 1871 glaubte er, eine Anomalie am Schädel (eine ausgeprägte mittlere Hinterhauptsgrube) gefunden zu haben, die auf eine entsprechende Hypertrophie des Gehirns an dieser Stelle hindeute (ein mittleres Kleinhirn), das auch bei Vögeln, Lemuren, Nagetieren, aber auch im Embryonalzustand angetroffen werde. Diese Anomalie als angebliches Charakteristikum des reinen Atavismus fand nun Lombroso in der Folgezeit nicht nur bei Verbrechern, sondern angeblich auch bei Irren und Primitiven.[4] Damit wollte er seine Lehre vom „geborenen Verbrecher“ beweisen. Lombroso berücksichtigte angesichts massiver Kritik später auch zahlreiche andere Faktoren – von psychologischen über rassischen bis hin zu meteorologisch-astrologischen Einflüssen auf das Verbrechen – wobei er jedoch an der Konstruktion eines gesonderten Verbrechertyps festhielt. Wichtig war für ihn der Begriff des „moralischen Schwachsinns“ (moral insanity): Solche minderwertigen Menschen neigten auch ohne physische Anomalien zum Verbrechen. Angeborenes Verbrechertum und moralisches Irresein seien, so behauptete Lomboro schließlich, Erscheinungsformen „einer weiter verbreiteten Degeneration, der Epilepsie.“[5]

Es berührt uns heute seltsam, dass ausgerechnet ein jüdischer Psychiater wie Lombroso, der selbst unter dem zeitgenössischen Antisemitismus litt, die folgenschwere Theorie vom „geborenen Verbrecher“ in die Welt setzte und somit zum Vordenker jener NS-Rassenhygieniker wurde, welche die Zwangssterilisierung von Kriminellen mit der fragwürdigen Diagnose „angeborener“ bzw. „moralischer Schwachsinn“ wie selbstverständlich propagierten.[6] Interessanterweise unterschieden sich hinsichtlich ihrer Wertschätzung von Degenerationslehre und Rassenhygiene jüdische Ärzte und Psychiater kaum von ihren nichtjüdischen Kollegen. Vor allem zwei deutsche Autoren wären hier zu nennen, die in mehr oder weniger starker Anlehnung an Lombroso das kriminalpsychologische Konzept der forensischen Psychiatrie entwickelten: Gustav Aschaffenburg und Karl Birnbaum. Sie waren renommierte Universitätsprofessoren für Psychiatrie in Köln bzw. Berlin und wurden beide 1933 aufgrund der NS-Gesetzgebung aus rassischen Gründen aus dem Staatsdienst entlassen und emigrierten 1939 in die USA, wo sie – Aschaffenburg 1944 in Baltimore und Birnbaum 1950 in Philadelphia – starben.

Aschaffenburg entwarf eine Art multifaktorielle Ätiologie des Verbrechens. Dabei unterschied er die „allgemeinen“ von den „individuellen Ursachen des Verbrechens“. Die Ersteren betrafen die sozialen und kulturellen Verhältnisse, die Letzteren die biologischen und lebensgeschichtlichen Voraussetzungen. Die körperlichen und geistigen Eigenschaften des Verbrechers sowie die Geistesstörungen bei Verbrechern wurden im Einzelnen dargestellt. Wenn Aschaffenburg sophistisch schrieb: „Sie [die ‚geborenen Verbrecher’] sind, nicht wie Lombroso geglaubt hat, als Verbrecher geboren, sondern zum Verbrecher“, so wird seine Nähe zu dem verehrten Meister deutlich.[7] Grundsätzlich ging Aschaffenburg davon aus, dass Geisteskrankheit und Verbrechen „den gemeinsamen Boden der Entartung“ hätten. Dies würde noch deutlicher, wenn man die „psychopathischen Persönlichkeiten“ hinzunehme. Ja, es sei nötig, eine „ganze Psychopathologie“ zu schreiben, um „alle die seelischen Entartungszeichen genauer darzustellen.“ [8] Er schlug sogar noch 1934 [!] in der „Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform“ vor, die Entscheidung über die Entlassung von gefährlichen Gewohnheitsverbrechern den Erbgesundheitsgerichten zu überlassen, die ohnehin „in der Richtung des Schutzes der Volksgemeinschaft gegen Schädlinge“ denken würden.[9]

Die „Psychopathie“ wurde schließlich zum passe partout der Kriminalpsychologie, wobei hier Karl Birnbaum federführend war, der ab 1930 die „Berliner Städtischen Irrenanstalt Buch“ leitete. Er definierte die so genannten psychopathischen Persönlichkeiten als seelisch abnorme Individuen, wobei er zwei Krankheitsbilder unterschied: die „psychische Entartung“ und „degenerative Psychopathie“. Die vielgestaltigen Formen der Degeneration seien ihrem Wesen nach identisch und in letzter Linie „auf Störungen der Keimesanlage und -Entwicklung“ zurückzuführen. Diese entstünden in Folge erblicher Belastung der Erzeuger.[10] Dabei könne die angeborene „Charakterminderwertigkeit“ durch eine erworbene verstärkt werden. In seinem Hauptwerk „Die psychopathischen Verbrecher“ grenzte  Birnbaum „eine Gruppe von Rechtsbrechern“ in einer „naturwissenschaftlichen Betrachtung“ ab: „Es sind die Grenz- und Übergangsformen zwischen normalem und geisteskrankem Verbrechertum, die ‚psychisch minderwertigen’, ‚psychopathischen’, ‚degenerativen’ Verbrecher.“[11] Birnbaum ging explizit von der These aus, dass es eine sehr „innige Beziehung zwischen Entartung und Kriminalität“ gebe.[12] Beide, Entartung und Verbrechen, würden „vorzugsweise auf dem gleichen Boden ungünstiger sozialer und wirtschaftlicher Lebensverhältnisse“ gedeihen: „In den proletarischen Unterschichten wurzeln jene Kräfte, die wir als soziale Ursachen des Verbrechens kennen: Sittliche Verkommenheit, Trunksucht, Prostitution, Verbrechertum […]. […] Der Zusammenhang von Entartung und Verbrechen ist noch weit inniger und unmittelbarer. Die degenerative Veranlagung ist vielfach unmittelbare Ursache des Verbrechens. Die psychopathische Natur der Degenerativen erweist sich als völlig unzulänglich im sozialen Leben, sie wirkt direkt kriminell.“[13]

Birnbaum berief sich u. a. auf „kriminalanthropometrische Studien“, um die Degenerationszeichen als objektiven Beleg seiner Theorie hervorzuheben. Und siehe da: Gerade bei den „proletarischen Volksklassen“, bei denen „allenthalben die sozialen Ursachen der Entartung wirksam sind“, seien nach den Untersuchungen des italienischen Kriminologen Alfredo Niceforo und des französischen Anthropologen Georges Vacher de Lapouge die Degenerationszeichen in besonderer Häufigkeit festzustellen.[14] Birnbaum behauptete freilich nicht, dass das häufige Auftreten solcher Degenerationszeichen nur für das Verbrechertum charakteristisch sei, vielmehr sei „das Verbrechertum eine von denjenigen sozialen Gruppen […], die sich durch den Reichtum an Entarteten auszeichnen.“ Bereits im Kaiserreich entfaltete sich eine fatale zirkuläre Logik, welche die so genannte Kriminalpsychologie wesentlich prägte. Die eine Annahme war: Die Verbrecher sind großenteils minderwertige Psychopathen, erkennbar an ihren körperlichen Degenerationszeichen und ihrem psychopathischen Sozialverhalten; die andere Annahme argumentierte gegenläufig: Die minderwertigen Psychopathen tendieren allgemein zum Kriminellen, wie die erbbiologisch-statistischen Erhebungen suggerierten. Die Kriminellen wurden im Sinne der Degenerationslehre biologisiert und die Degenerierten im Sinne der Kriminalpsychologie kriminalisiert. Aus diesem Zirkelschluss gab es damals für das Denken der allermeisten Psychiater und ihrer juristischen Gesprächspartner kein Entrinnen.

Die Semiotik der Kriminalanthropologie folgte einer merkwürdigen Logik, die mit der Magie der Natur – wissenschaftshistorisch betrachtet auf anachronistische Weise – zusammenhing. Im Grunde kreuzten sich zwei Annahmen: Zum einen erschienen die Stigmen des Bösen, die Degenerationszeichen, als eine verräterische Sprache der Natur, die ihren Geschöpfen ein Gütesigel aufdrückte und ihnen im Falle ihrer Entartung die Minderwertigkeit attestierte. Zum anderen schienen diese so Gezeichneten wiederum als Opfer ihrer Erbanlage, die durch ein krankmachendes Milieu und schädliches Sozialverhalten der Erzeuger verdorben worden war. Die Natur schien somit jene zu bestrafen, die gegen ihre Gesetze, die natürliche Lebensordnung, verstießen. Die biologistische Sicht, die im frühen 20. Jahrhundert dominierte, ließ oft die religiöse Erklärung vergessen, womit Morel die Degenerationslehre einst begründet hatte und die in der gesamten Medizingeschichte eine wichtige Rolle spielte und kryptisch auch in der Rassenbiologie fortwirkte: Krankheit ist Folge der Sünde.

Physiognomie und Phrenologie wurden auch außerhalb der akademischen Welt als die Methode der Wahl geschätzt, um gefährliche „Entartete“ ausfindig zu machen. Wir wollen uns hier beispielhaft Carl Huter zuwenden, der als Privatgelehrter und Esoteriker heilkundliche Impulse der Lebensreform aufgriff und auf den wir noch einmal zurückkommen wollen (Kap. 10). Er beschrieb den „ Typus des Halbentarteten“ – von ihm auch „HA-Typ“ genannt – und ließ seine „Entdeckung“ 1930 in einer gleichnamigen Broschüre von seinem Anhänger und Verleger Amandus Kupfer publizieren.[15] Physiognomisch und psychologisch sei der Halbentartete ein schwer beschreibbarer Typus, „weil er ausgezeichnet versteht, seinen wahren Charakter zu verbergen, so daß man bildlich gesprochen von ihm sagen kann, er trägt ständig eine Maske. Er ist doppel-naturig. […] Die angenommene Maske ist ihm sozusagen zur zweiten Natur geworden, und er verbirgt dahinter seine wahre Wesensart. Nur selten wird er im praktischen Leben gleich richtig erkannt, obwohl er schlimmer und vielfach raffinierter sein kann wie der wirkliche Verbrecher.“[16] Während der „Lombrososche Typ“ an seinen Degenerationszeichen leicht erkannt werden könne, sei der „HA-Typ […] der gemeingefährlichere, weil er nicht leicht erkannt wird.“ Solche Typen seien von Huter, so der Herausgeber der Schrift, auch als die „, grauen, kriminaloiden Doppelnaturen“ bezeichnet worden, da sie „gegensätzliche, abnorme und üble Seiten ihrer Natur mit den besseren geschickt zu verbergen und zu verdecken wissen“.[17] Huter bekämpfte übrigens Suggestion und Hypnose als ein „Prinzip der Lüge“, das keine „Dauerkraft in sich“ habe und dem Eigenen nur etwas anfüge.[18] Seine Ausführungen zur „Verbrecher-Physiognomik“ [19] und die entsprechenden bildlichen Darstellungen von physiognomischen Merkmalen, „welche die Kriminalanthropologie beachten muß, um den Verbrecher zu erkennen“, waren aus grobem Holz geschnitzt. (Abb. [i])


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Entartung_(Medizingeschichte) (1.11.2009). [2] Gobineau, 1853-1855. [3] Lombroso, 1876; 1887 [a]. [4] Gadebusch Bondio, 1995, S. 37. [5] Zit. n. Gadebusch Bondio, 1995, S. 40. [6] Hovenbitzer, 2001, S. 73. [7] Aschaffenburg, 1933, S. 226. [8] A. a. O., S. 211. [9] Aschaffenburg, 1934. [10] Birnbaum, 1909, S. 4 f. [11] Birnbaum, 1914, S. 5. [12] A. a. O., S. 17. [13] A. a. O., S. 18. [14] A. a. O., S. 21. [15] Huter, 1930. [16] Ebd., S. 3. [17] A. a. O., S. 19. [18] A. a. O., S. 22. [19] A. a. O., S. 26-38.

[i] Huter, 1928, S. 92; → Abb. Huter 1928 Verbrecher-Naturell