9. Kap./5 * Stigmatisierung der Juden

Die Medizin der Neuzeit deutete die Stigmata der Juden analog den Entartungszeichen als Merkmal des Abartigen und tendenziell Gefährlichen. Auch jüdische Ärzte und Psychiater in den Jahrzehnten um 1900 attestierten, wie wir sehen werden, dem Judentum eine „nervöse Konstitution“. Der jüdische Körper wurde in der europäischen Kulturgeschichte in vielfachen Varianten immer wieder als hässlich und abstoßend vorgestellt. So wurden in Literatur und Kunst – man denke an Wilhelm Buschs einschlägige Karikatur („krumm die Nase, krumm der Stock“) – die Stigmata des Jüdischen ausgebreitet, lange bevor Rassenanthropologen „fleischige Ohrläppchen“, „große, rote Ohren“ oder hässlich gebogene „jüdische Nasen“ diagnostizierten. Der Erbbiologe und Rassenhygieniker Otmar von Verschuer, der nach dem Krieg bis 1955 einen Lehrstuhl an der Universität Münster innehatte, zählte die „körperlichen Erbmerkmale“ der europäischen Juden im Unterschied zu denen „von unserem deutschen Volk“ auf, ein Panoptikum der Stigmata. So schrieb er in seinem verbreiteten Lehrbuch von 1941: „Die mittlere Körpergröße der Juden liegt um etwa 5-9 cm unter derjenigen deutscher Vergleichsgruppen. […] Die Lippen sind häufig fleischig, oft wulstig. Vor allem fällt die vorhängende Unterlippe auf. Die ‚Judennase’ ist dadurch gekennzeichnet, daß die Nasenspitze hakenförmig nach unten gebogen ist und die Nasenflügel aufwärts gezogen sind. […] Der Knorpel der Nasenspitze ist ziemlich stark. […] Die Haut ist oft wenig durchblutet und von hellgelblich-matter Farbe, die im Verhältnis zur dunklen Haarfarbe oft besonders helle erscheint. […] Die Juden sind auch an ihren Bewegungen und Gebärden zu erkennen.“[1]

Dieses Klischee vom hässlichen Juden hielt sich auch noch Jahrzehnte nach dem Ende des „Dritten Reichs“. Aus eigener Anschauung kann der Autor dieser Studie eine denkwürdige Anekdote berichten, die er als Student während einer mündlichen Prüfung in Anatomie Sommersemester 1968 erlebte.[2] Er saß mit drei Kommilitonen in der üblichen Vierergruppe in einem Arbeitsraum mit hohen und dicht bestückten Bücherregalen. Der Anatomieprofessor fragte irgendwann während des Prüfungsgesprächs beiläufig allen Ernstes: „Woran können Sie ab welchem Monat einen Judenembryo von einem normalen deutschen unterscheiden?“ Uns Studenten verschlug es die Sprache. Auf diese Frage, die ja in keinem unserer Lehrbücher behandelt wurde, fiel uns natürlich keine Antwort ein. Triumphierend sagte der Professor: „Am Nasenknorpel, ab dem dritten Monat, das ist wissenschaftlich bewiesen.“ Er suchte in seinem Buchregal nach der entsprechenden Literatur, die dies belegen sollte, ohne sie jedoch zu finden. Das Thema ließ ihn nicht los. Und so fügte er hinzu: „Sie erkennen den Juden an seinen raffinierten, betrügerischen Handbewegungen, ich habe kürzlich einen hochintelligenten Juden mit einer ‚Eins’ aus dem Physikum geworfen, weil er unverschämt wurde und betrügen wollte.“ Wir waren baff. „Aber Herr Professor“, bemerkte ein Prüfling spitzfindig und provozierend, „man sagt doch, dass auch die Italiener wild gestikulieren und betrügen!“ „Mein lieber Herr Kommilitone“, lautete seine Antwort, „die Italiener machen es aus Spaß, den Juden ist es aber angeboren.“    

Psychiater schrieben dem jüdischen Nerven- und Seelenleben eine spezifisch psychopathische Konstitution zu. Die Juden schienen zwar auffallend immun gegen große Volksseuchen wie Tuberkulose oder Geschlechtskrankheiten zu sein und auch von anderen Krankheiten wie z. B. Krebs weniger betroffen zu werden, wie Statistiken um 1900 scheinbar belegten. Die Anfälligkeit der Juden für Geistes- und Gemütskrankheiten aber schien auf der Hand zu liegen. Diese Auffassung wurde keineswegs nur von nichtjüdischen Autoren vertreten, sondern auch von jüdischen, wie z. B. dem bereits erwähnte Psychiater Cesare Lombroso (Kap. 12) oder dem Wiener Arzt und Zionisten Martin Engländer, der – eindeutiger als Lombroso – diese Anfälligkeit als Zeichen der Degeneration jedoch nicht auf rassische, sondern auf soziale Ursachen zurückführte: nämlich die neurasthenische Zerrüttung des Nervensystems im urbanen Milieu.[3] In diesem Sinne hatte auch Sigmund Freud 1886 an seine Schwester geschrieben, dass er im Familienkreis irritierte und angespannte Nerven beobachte, die das Erbe einer alten zivilisierten Rasse und des Stadtlebens seien.[4] An der besonderen Psychopathologie der Juden bestanden also im „nervösen Zeitalter“, wo die Diagnosen „Hysterie“ und „Neurasthenie“ geläufig waren, im Allgemeinen keine Zweifel, insbesondere nicht an ihrer Vererbung. So meinte der französische Neurologe Jean-Martin Charcot, dass bei Juden Nervenkrankheiten aller Art häufiger aufträten als bei anderen Bevölkerungsgruppen, und zwar als Folge der Inzucht der Juden. Der deutsche Psychiater Richard Krafft-Ebing benutzte den Terminus „Neurastheniker“ sogar synonym mit „Jude“ und behauptete, dass der religiöse Enthusiasmus gerade der Ostjuden zu einer gesteigerten Sinnlichkeit, sexuellen Exzessen und somit zu psychischen Erkrankungen führe.

In der Moderne wurden die jüdischen Ärzte nun nicht mehr wie zu Zeiten eines Paracelsus als Quacksalber und Betrüger neben anderen angeprangert, sondern in erster Linie als Vertreter eines „volksfremden Denkens“ und einer kalten, analytischen Wissenschaftlichkeit denunziert. Im Hintergrund lauerte immer der Verdacht der Zersetzung des „gesunden Volksempfindens“, der gleichsam pestilenzialischen Zersetzung der braven völkischen Seele. Der Gobineau-Adept Ludwig Schemann versuchte, die geistesgeschichtliche Bedeutung des Judentums, die es an das Christentum abgegeben habe, strikt von der „materiell-weltgeschichtlichen“ abzugrenzen: Die „Herrschafts- und Habgier der Juden“ sei übrig geblieben, sie begründeten ihre Weltherrschaft auf „rein Materielles […], das die germanische Sage mit einem Fluch belegt hat.“[5] Er fürchtete die „Judenherrschaft“, die „Keime der Zersetzung“, die durch ein „Aufsaugen der Juden […] in unseren seelischen Organismus eingeführt würden.“[6]

In ähnlicher Weise argumentierte Walter Jaensch, der als Internist an der Charité eine Abteilung für Konstitutionsmedizin leitete und eine spezifisch nationalsozialistische Konstitutionslehre in formaler Anlehnung an Ernst Kretschmer begründen wollte. Er konstruierte einen „Gegentypus der deutschen völkischen Bewegung“, den „lytischen Typus“ oder „Auflösungstyp“, den er hinter dem „Bündnis französischer Machtentfaltung mit dem internationalen Judentum“ vermutete. Diesem Typus sei es zu verdanken,  „daß der natürliche, in seinen eigenen biologischen Bedingungen von Blut und Boden mit seinem körperlichen und geistigen Sein und auch mit seinem natürlichen Verstand verwurzelte Mensch es nicht mehr versteht, wenn die aus solchen erdachten Systemen entstandenen Mächte – wie Technik, Imperialismus, Weltkapitalismus und die Gehirnakrobatik […] – schließlich die Menschheit in ihren natürlichen und biologischen Lebensbedingungen in die Irre führten und niederhalten.“[7] Jaensch gehörte zu jener Generation von ärztlichen Autoren, die in der „Krise der Medizin“ nach dem Ersten Weltkrieg (Kap. 4) eine antimechanistische und gewissermaßen neoromantische Antwort zu geben versuchten – in seinem Falle durchaus kompatibel der antisemitischen NS-Ideologie.[8] 

Die Juden erschienen dem aggressiven Antisemitismus, der im NS-Staat kulminierte, als äußerste Spitze der Unnatur, Widernatur. Gerade die ihnen wahnhaft unterstellte Giftigkeit und Gefährlichkeit ließ es notwendig erscheinen, sie in allen Bereichen öffentlich zu brandmarken, zu stigmaisieren. So galten sie gemäß „Blutschutzgesetz“ von 1936 als „Agenten der Zersetzung und Verwesung“, welche die „Reinheit des deutschen Blutes“ und damit die Einheit des deutschen Volkskörpers bedrohten.[9] Das „Blutschutzgesetz“ der Nazis zog die „Rassengrenze“ zwischen „Deutschtum und Judentum“ unerbittlich, wobei nicht die körperlichen, sondern die seelischen Erbeigenschaften die wichtigeren seien, wie ein Kommentator anmerkte: „Denn letzten Endes beruht die Judenfrage auf dem Gegensatz zwischen deutscher und jüdischer Rassenseele“, die dem „deutschen Wesen“ fast immer zuwiderlaufe. Deutsch-jüdische Mischehen produzierten auf Grund der „Unverträglichkeit deutschen und jüdischen Erbguts […] innerlich zerrissene Menschen“.[10] Vor dem drohenden „Rassentod“ der Deutschen schien nur noch die „Ausmerze“ des „fremden Blutes“, der „bedingslos unerwünschten Rassen“, in allererster Linie der Juden, retten zu können.[11]

Anmerkung vom 22.09.2015

Die Stigmatisierung der Juden ist so alt wie die Judenverfolgung. Besonders eklatant war das vielfach verwandte Bildmotiv der „Judensau“, das bereits im Hochmittelalter auftauchte. Ein Beispiel ist dias Relief an der Wittenberger Stadtkirche. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.    


[1] Verschuer, 1941, S. 127. [2] Schott, 2011 [b], S. 239. [3] Gilman, 1993, S. 101. [4] A. a. O., S. 93. [5] Schemann, 1931, S. 32. [6] A. a. O., S. 33. [7] Jaensch, 1934, S. 40 f. [8] Timmermann, 2001. [9] Gütt / Linden / Maßfeller, 1936, S. 32. [10] Schäffer, 1938, S. 67. [11] Schultze, 1934, S. 12; Gütt, 1934, S. 117.

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