# 9. Kap. Gefährliche Natur: Kehrseite der Medaille

Dem Bild von der göttlichen Natur steht das Gegenbild von der bösen, gefährlichen Natur gegenüber, in der sich die Dinge gegenseitig vernichten und verschlingen und von der die Menschen ständig bedroht sind. Die bewundernde Kontemplation der Natur einerseits und das Streben nach ihrer Beherrschung andererseits kennzeichnen eine Ambivalenz, „ein Schwanken zwischen liebevollem Respekt und Aggressivität gegenüber der Natur“, wie der Bielefelder Historiker Joachim Radkau feststellte. Gerade im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der technisch-industriellen Revolution, habe sich eine Dialektik zwischen dem Respekt vor den „Wunderwerken der Natur“ und dem Stolz auf den „Sieg über die Natur“ herausgebildet.[1] Das Leben erschien manchen Promotoren der modernen Naturwissenschaften, wie etwa dem Chemiker Justus von Liebig, als „unaufhörliches Ringen mit den Naturkräften“, welche die menschliche Existenz „unaufhörlich zu vernichten“ suchten.[2] Man begriff seinerzeit die Kulturgeschichte oder Geschichte der Zivilisation vor allem als einen Prozess der Emanzipation von den Naturgewalten, des erfolgreichen Kampfes gegen die gefährliche Natur. Diese erschien und erscheint jedoch angesichts von Naturkatastrophen immer wieder als unberechenbar, unbezähmbar −  wie die Erdbeben von Lissabon (1775) und Messina (1908) oder die Tsunamis im Indischen Ozean (2004) und vor Japan (2011). In der medizinischen Literatur der frühen Neuzeit, insbesondere bei Paracelsus, wurden die Ereignisse der „großen Welt“ (Makrokosmos) noch weitgehend als Geschehen aufgefasst, wie sie analog auch in der „kleinen Welt“ des menschlichen Organismus (Mikrokosmos) vorkommen. So wurden bestimmte Körperstörungen als „Erdbeben“ oder

 „Flüsse“ in der „kleinen Welt“ begriffen. Aber auch nach Herauslösen des menschlichen Organismus aus kosmologischen und naturphilosophischen Zusammenhängen im Verlaufe der Neuzeit blieb die Vorstellung von der gefährlichen Natur bestehen. So arbeitete die naturwissenschaftlich-biologische Medizin im 19. Jahrhundert mit Hilfe ihrer neuen Leitdisziplinen Bakteriologie und Eugenik neue Kampfstrategien gegen die Krankheit als Todfeind des Menschen aus. Die Kriegsmetaphorik der Medizin entsprach dabei der Kriegsmetaphorik in einer Gesellschaft, die sich nach den Maximen von Nationalismus und Imperialismus auszurichten hatte.


[1] Radkau, 1994, S. 292. [2] Zit. n. Radkau, ebd.

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