# 10. Kap. Der „neue Mensch“: Im Namen der Natur [+ Audio]

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Die Lebensreformbewegung spielte für die entstehende Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts eine Art kontrapunktische Begleitmusik. Sie kann als Abwehrreflex auf die veränderten Lebensverhältnisse der industriellen Revolution verstanden werden: Verstädterung, Pauperismus, technologische Umwälzungen, Entstehung der kapitalistischen Klassengesellschaft. Sie speiste sich aus unterschiedlichen Quellen: Zum einen war sie von Ideen der Aufklärung geprägt, insbesondere von Jean Jacques Rousseaus Theorie, wonach der Mensch von Natur aus gut sei, ein „edler Wilder“ und die Pädagogik gerade diesen Naturzustand des Zöglings zur Entfaltung zu bringen habe. Zum anderen orientierte sie sich an bestimmten Vorstellungen der romantischen Naturphilosophie, welche in den Äußerungen der Natur die göttliche Ursprache zu vernehmen glaubte und eine mystische Einstellung förderte. Hinzu kam ihr Sendungsbewusstsein: Die Lebensreformbewegung wollte die Fesseln des grauen Alltags mit seinen Nöten und Plagen sprengen, die in ihren Augen Unterdrückten, Kranken und Elenden befreien und sie einem neuen Morgen, ja, vielfach auch explizit einem irdischen Paradies entgegenführen. Populäre Wanderlieder der 1920er Jahre, die sich zum Teil als Schlager bis heute gehalten haben, spiegeln diese Aufbruchstimmung wider. Hier wäre beispielsweise das ursprünglich aus Schweden stammende Lied „Im Frühtau zu Berge“ oder das Lied „Aus grauer Städte Mauern“ zu nennen, die mir selbst seit meiner Kindheit in der Nachkriegszeit vertraut sind. [1]


[1] Widmaier, 2011; http://www.volksliederarchiv.de/text1168.html (11.06.2012)

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