10. Kap./1 * Lebensreformer als Sonnenanbeter [+ Audio]

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Teil A:  https://www.youtube.com/watch?v=pV1VAjkTEnU

Teil B: http://youtu.be/gWzfD_VTF_U

Die Naturheilbewegung bildete eine wichtige Grundlage für die Lebensreformbewegung und ist von dieser kaum abzugrenzen. Als populäre Massenströmung war sie in der sozialistischen Arbeiterbewegung sehr präsent. Das bekannte Kampflied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, das heute noch gelegentlich auf deutschen Gewerkschaftsversammlungen gesungen wird, zeigt2     die Verquickung von naturheilkundlicher, ja naturphilosophischer Symbolik mit sozialrevolutionärer Intention um 1900. Die erste Strophe des 1897 vom russischen Revolutionär Leonid P. Radin im Gefängnis komponierten Liedes lautet in der deutschen Übersetzung von Hermann Scherchen, dem Berliner Komponisten und Dirigenten zweier Arbeiterchöre:

Brüder, zur Sonne, zur Freiheit,
Brüder, zum Lichte empor!
Hell aus dem dunklen Vergang’nen,
Leuchtet die Zukunft hervor.[1]

In der Lebensreformbewegung bildeten sich Zirkel von Intellektuellen und Dichtern, welche sich die Freiheit auf die Fahnen geschrieben hatten und gegen die Konventionen der Bourgeoisie ankämpften. Sie propagierten eine naturgemäße Lebensweise, verstanden sich als Freidenker und gingen häufig auch in Fragen ihres Liebeslebens eigene Wege. Als bekanntes Beispiel sei hier der so genannte Friedrichshagener Dichterkreis genannt, eine lockere Assoziation von Schriftstellern, die sich ab den 1880er Jahren zunächst in den Häusern von Wilhelm Bölsche und Bruno Wille traf und eine Reihe prominenter Autoren umfasste, darunter auch Gerhard Hauptmann. Willes Gedichtband „Einsiedler und Genosse“ brachte das neue Lebensgefühl zum Ausdruck. Im Vorwort lobte der Dichter Julius Hart Willes antibürgerliche, proletarierfreundliche und naturnahe Einstellung. Er attestierte seinem Freund „Mitleid mit dem Elend der Armen und Unterdrückten“, einen „zuversichtliche[n] Glaube[n] an die immer höhere Entwicklung der Menschheit“ im Sinne der Befreiung durch den Sozialismus und „schwärmerischer Natursinn“.[2] Wille selbst schilderte in seinem „Geleitwort“ die von ihm angestrebte Verwandlung, auf die der Titel seines Gedichtbandes abzielte: „ich wollte aus einem ‚Romantiker’ ein ‚Realist’, einem Ästhetiker ein Ethiker, einem Individualisten ein Sozialist, einem Einsiedler ein Genosse werden.“[3] Doch trotz aller naturalistischer und sozialreformerischer Zielsetzung blieb, wie auch bei vielen anderen Autoren dieser Zeit, ein naturmystischer Grundton erhalten, der auf die Magie der Natur anspielte. Davon zeugen beispielsweise die metaphorisch eingesetzten Ausdrücke “Gift im dunkeln Auge“, „Strahlenauge“, „Quelle ewiger Wonne“ in Willes Gedicht „Auf Leben und Tod“, von dem eine Passage lautet:

Denn vielleicht – was weiß ich! –
Blüht Gift im dunkeln Auge
Und verzehrt mir qualvoll
Wangen und Seele. –
So ist die Liebe!
Auf Leben und Tod!

Oder ist dies Strahlenauge
Mir Quelle ewiger Wonne? –
So geh zur Quelle, schmachtendes Herz!
Sonst verspült die Flut dein Glück! –[4]

Die Zukunft sollte dem „neuen Menschen“ gehören, dem aus der gegenwärtigen Misere wiedergeborenen, in dem Freiheit, Schönheit und Stärke sich zusammenfinden würden. Diese Utopie eines wieder gewonnenen heilen Naturzustands wird im Folgenden näher beleuchtet.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Lebensreformbewegung ein klares Feindbild vor Augen: nämlich die von Degeneration gezeichnete dekadente Gesellschaft, die sich den teuflischen Verführungen des modernen Lebens verschrieben hatte und deren Gesundheit durch die „Zivilisation“ ganz offensichtlich aufgerieben wurde. Die „Nacktkultur“ oder „Freikörperkultur“ (FKK) war nur eine von vielen Richtungen, die sich in Naturheil- und Lebensreformbewegung niederschlugen. Oft scharten einzelne charismatische Persönlichkeiten Anhänger um sich, wie beispielsweise der Promotor der deutschen FKK-Bewegung Richard Ungewitter, für den die Nacktheit der Schlüssel zur Gesundheit darstellte.[5] In seinen Büchern, die er im Selbstverlag vertrieb, reproduzierte er zahlreiche Fotos von nackten Frauen, Männern und Kindern einschließlich seiner eigenen Person, in Gruppen und alleine, vorzugsweise in der freien Natur, im Wald, im Gebirge, an der Küste im Schnee. Einem Buch stellte er das Gedicht „Lob-Gesang“ des thüringischen Heimatforschers und Dichters Ewald Engelhardt als Motto voran, das die naturmystische Stimmung, die durch das Nacktsein erzeugt werden sollte, hautnah wiedergibt:

O Luftmeer, das wir trinken

Mit jedem Atemzug!

Die engen Kleider sinken,

Nichts hemmt der Seelen Flug!

O Sonne, gieße weiter

Auf uns des Lichtes Schwall!

Die Augen werden heiter,

Und selig rings das All.[6]

Als Frontispiz stellte Ungewitter diesem Gedicht ein Foto gegenüber: Eine nackte junge Frau schöpft an einer Grotte „nach dem Lichtluftbade“ Quellwasser mit ihren Händen. (Abb. [i]) Die reine Natur sei vor allem oberste Instanz auf dem Gebiete von „Sexualethik und Rassenhygiene“.[7] Durch Abhärtung und „natürliche Lebensweise“ sollten krankhafte Sinnlichkeit, Geschlechtskrankheiten und Prostitution, aber auch „entartete Nachkommenschaft“ verhütet werden. Denn die „unnatürliche geschlechtliche Betätigung“ zehre an der Nervensubstanz, bringe nervöse und frühreife Kinder hervor und untergrabe die „Volkskraft“. Ausdrücklich forderte Ungewitter die „Erhaltung der Rassenreinheit durch Heiratsverbot von germanischen mit romanischen, slawischen, jüdischen und anderen Elementen“ sowie die „Verbesserung der germanischen Rasse durch Begünstigung von Heiraten zwischen blondhaarigen und blauäugigem Abkömmlingen“.[8] Die Nacktheit sei schließlich ein Erfordernis der „gesunden Zuchtwahl […], damit Starke und Gesunde sich paaren, Schwächlinge aber nicht zur Vermehrung kommen. […] Aber noch mehr, würde jedes deutsche Weib öfter einen nackten germanischen Mann sehen, so würden nicht so viele exotischen fremden Rassen nachlaufen.“ Es ist bemerkenswert, dass der Autor 1953, also fast ein halbes Jahrhundert später, Ehrenmitglied des 1949 in den drei westlichen Besatzungszonen gegründeten Deutschen Verbands für Freikörperkultur (DFK) wurde.[9]

In Naturheil- und Lebensreformbewegung erschien der nackte menschliche Körper eingetaucht in Luft und Licht, zur Schau gestellt in der Pose der Anbetung und Bewunderung einer ebenfalls nackten Natur. Dieses Motiv bildete bereits um 1900 ein eigenes Genre in Fotografie, Bildnerei und Graphik. Es wurde auch auf einigen Fotographien von Ungewitter in Szene gesetzt: etwa durch den in die Bergwelt schauenden, aufrecht stehenden nackten Mann auf dem Foto „Auf der Kapell-Alm im Montavon“. (Abb. [ii]) Der Jugendstil brachte wichtige Leitideen der Lebensreform zum Ausdruck. Eine besonders prägende Gestalt war Fidus, mit bürgerlichem Namen Hugo Höppener, der als Maler, Grafiker und Buchillustrator eine ubiquitäre Wirkung entfaltete. Er war eine schillernde Figur im Spannungsfeld von Jugendstil, Lebensreform und völkischer Ideologie, der von den Nazis, deren Germanenkult ihn anzog, allerdings als entartet abgelehnt wurde. Der deutsche Literaturwissenschaftler Jost Hermann hat Fidus’ Entwicklung „vom Jugendstil-Hippie zum Germanenschwärmer“ ausführlich dargestellt.[10]  Voller Bewunderung für Adolf Hitler malte er im Frühjahr 1941 „ein großes Führer-Haupt“. Dieser schickte es ihm offenbar angewidert zurück und untersagte Fidus die Herstellung entsprechender Postkarten.[11] Obwohl dies den Künstler schwer kränkte, verteilte er heimlich Fotos seines Führer-Porträts im Freundskreis, „schließlich wollte auch er einmal ein kleiner Widerstandskämpfer sein, wenn auch nur mit verbotenen Führerbildern!“

Die Graphik „Der Sonnenjüngling“ von 1905 mit der Inschrift „Bade in Licht, Luft & Sonne“ war für Fidus’ Weltanschauung paradigmatisch. (Abb. [iii]) Wahrscheinlich diente eine Aktfotografie des Künstlers als Vorlage. (Abb. [iv]) Eine jugendliche männliche Gestalt reckt sich der Sonne entgegen, Gesicht und Vorderseite des Körpers den Strahlen zugewandt. Eine ähnliche Konstellation findet sich auf einer anderen Grafik von 1906, die als „Betender Knabe“ und später als „Lichtgebet“ betitelt wurde. (Abb. [v]) Ein Knabe, mit zurück gebogenem Körper auf einem Felsen steht, breitet die Arme den von oben kommenden Sonnenstrahlen entgegen. Offenbar drückte diese Pose, die in mehreren Varianten abgebildet wurde, etwa in einem 1910 geschaffenen Ölgemälde von Fidus, die Grundeinstellung der Lebensreformbewegung aus. (Abb. [vi]) Auf die bis in die frühen Hochkulturen zurückreichende Verehrung der Sonne als Symbol göttlicher Kraftquelle soll später noch einmal gesondert eingegangen werden. Im Mittelpunkt wird dabei ihre Bedeutung für die „natürliche Magie“ in der frühen Neuzeit stehen (Kap. 29).

Anmerkung vom 16.08.2015

Das lebensreformerische Motiv der Sonnenanbetung konnte durchaus mit dem einer fortschrittsgläubigen Technikbewunderung zusammengehen, wie eine Serie von vier Wandzeichnungen im Mainzer Hauptbahnhof zeigt. Diese Tafeln wurden wohl während des „Dritten Reichs“ angebracht und führen eindrücklich die damalige Sehnsucht nach dem „neuen Menschen“ vor Augen. Näheres siehe in meinem Supplementary Blog.  

Der deutschnationale Dichter und Vordenker des Nationalsozialismus Paul de Lagarde dichtete – als ob er die Pose der Sonnenanbetung im „Lichtgebet“ von Fidus hätte beschreiben wollen – unter der Überschrift „Vaterland“:

Und auf der höchsten Klippe Rand

– o goldne Sonne, die mir’s zeigt –

das Reich, nach dem die Sehnsucht stand,

das Reich, in dem die Sehnsucht schweigt

das wahre, ew’ge Vaterland.[12]

Diese Strophe, die ganz der romantischen Naturphilosophie entsprach und an Novalis und andere Autoren der Romantik erinnert, machte eine naturmystisch-religiöse Aussage, die allerdings in dem Augenblick zum deutschnationalen und dann nationalsozialistischen Schwulst mutierte, wo das „ew’ge Vaterland“ nur noch als Metapher für „Deutschland“ bzw. das „Tausendjährige Reich“ wahrgenommen wurde.

Ein weibliches Analogon zu Fidus’ „Lichtgebet“ schuf M. Breslauer – es handelt sich wahrscheinlich um den Antiquar Martin Breslauer, sicher nicht um die Fotografin Marianne Breslauer – mit der Fotografie „An die Urkraft der Sonne“, auf der sich eine junge nackte Frau dem Licht von oben entgegenstreckt. (Abb. [vii]) Ebenfalls in der Pose des Sonnenanbeters sieht man einen nackten Mann auf der Titelseite der Zeitschrift „Der Lichtfreund“ von 1908. (Abb. [viii]) Auf dem Titelblatt der „Vegetarischen Warte“ von 1908,  dem Organ des Deutschen Vegetarier-Bundes, sieht man einen nackten Sämann der strahlenden Sonne entgegengehen, die seinen Kopf wie einen Heiligenschein umgibt. (Abb. [ix]) Überhaupt symbolisierte die Sonne den Aufgang eines neuen Zeitalters, die Utopie einer gesünderen Zukunft, wie auch Fidus’ Grafik zur Propagierung der Bodenreform auf dem Titelblatt der Zeitschrift “Deutsche Volksstimme“ belegt. (Abb. [x]) Dort geht die Sonne über einem von zwei Bergen eingerahmten fruchtbaren Tal auf. Im Vordergrund steht ein Wegweiser an einem Wegekreuz: Die Wege – links zum „Kommunismus“, rechts zum „Kapitalismus“ – sind offenbar Abwege, der richtige (dritte oder mittlere) Weg zur „Bodenreform“ führt geradeaus direkt auf die aufgehende Sonne zu. Ein Programm steht hier anstelle eines Sonnenanbeters.

Gruppenbildnisse unterstrichen den sozialen Kultcharakter der Naturverehrung, wie z. B. Fidus’ Grafik „Die Sonnenanbeter“ von 1910. (Abb. [xi]) Ähnlich verhält es sich bei dem Gemälde „Treu der Natur“ von Georg Schwenk, einem Schüler der Dresdner Kunstakademie, aus dem Jahr 1900. Es hing ursprünglich in der Eingangshalle des „Dr. Lahmann’schen Sanatoriums“ im Dresdner Villenviertel „Weißer Hirsch“ und wurde später vom „Deutschen Bund der Vereine für naturgemäße Lebens- und Heilweise“ als Postkarte relativ teuer vertrieben. (Abb. [xii]) Eine nur mit einem Lendenschurz bekleidete Frau betet Wasser und Licht an. Geisterhaft erscheint kaum sichtbar eine Art Himmelsgöttin über dem Wasserfall. Die Überschrift lautet: „O reine, göttliche Natur, du schaffst von dumpfer Qual Erlösung / auf deiner lichtgewobnen Spur erblühet Freude und Genesung.“ Im Vordergrund hat sich übrigens der Künstler selbst mit seiner Familie porträtiert.

Auf einer Ansichtskarte zum Bundestag des österreichischen Wandervogels (ÖWP) von 1918 ist eine Ringelreihen tanzende Mädchengruppe unter einer strahlenden Sonne mit einer Swastika (Hakenkreuz) zu sehen, das damals noch nicht – typisch für das spätere offizielle Symbol der Nationalsozialisten – auf der Spitze stand. Der österreichische Wandervogel war seinerzeit stark völkisch geprägt, seine Anhänger schlossen sich später großenteils NS-Organisationen an.[13] Ikonographisch interessant ist der mehr oder weniger verborgene religiöse Gehalt der Bildkonstruktion, wenn wir sie vor dem Hintergrund frühneuzeitlicher Emblematik betrachten: Anstelle des göttlichen Tetragramms erscheint das Hakenkreuz im Zentrum des göttliches Himmelslichtes , in dessen Strahlen Mädchen wie himmlische Jungfrauen tanzen, die eine analoge Mittelstellung einnehmen wie Natura oder ihre himmlischen Schwestern (Musen, Elfen, Nymphen) zwischen Gott und Mensch (Mann) auf frühneuzeitlichen Abbildungen (Kap. 26). (Abb. [xiii]) Eine ansprechende Personifizierung der Naturheilkraft als eine Art Licht-Luft-Göttin findet sich auf der Werbeanzeige des „Bilz-Licht-Luft-Bads“ (1905 eröffnet) und des „Bilz-Sanatoriums“ in Radebeul bei Dresden. (Abb. [xiv]) Auf einem Podest steht in luftig-durchsichtigem Gewand eine schöne Frau. Mit einem Blumenkranz im Haar, einen Lorbeerkranz über ihren Kopf haltend, der Strahlen aussendet und wie ein Mittelding aus Heiligenschein und Sonne imponiert. Die Heil suchenden Menschen stehen derweil bis zum Bauchnabel im Wasser, links die Weiblein, rechts die Männlein. Von der Frauenfigur spannen sich durchstrahlte Flügel aus, auf denen die Landschaft der Umgebung zum Vorschein kommt.

Dagegen zeigt das Titelblatt der Zeitschrift „Theosophie“ eine gänzlich nackte Frau, die auf einer Kugel steht. (Abb. [xv]) Sie ist von einem Strahlenmeer umgeben, das von einer sonnenartig geflügelten Lichtquelle über ihr ausgeht. Sie erinnert weniger an eine Sonnenanbeterin, als vielmehr an die Göttin Natura, die zwischen göttlicher Lichtquelle und irdischem Leben auf der Erdkugel vermittelt. Sie ist umgeben von einer üppigen Vegetation, die der Kugel entsprießt, und wird überragt von Blüten und Blättern. Bei dem 1894 geschaffenen Bilderzyklus „Tempeltanz der Seele“ von Fidus, der aus fünf Ölgemälden besteht, erscheint die tanzende Seelen-Frau vor jeweils einem großen leuchtenden Kreis im Hintergrund. Auf dem ersten Bild schwenkt sie einen leichten, fast unsichtbaren Schleier vor einem blauen Kreis, der aus heutiger Sicht (global view) als Erdball anmutet. (Abb. [xvi])Sie steht auf einem großen Blatt (Lotusblatt?), was ikonographisch an die „Geburt der Venus“ von Alessandro Botticelli erinnert und ihren göttlichen Status unterstreicht. Auf dem fünften und letzten Bild sehen wir die Seelen-Frau in kontemplativer Haltung vor der Sonnenscheibe auf einer Kornblume – jener „Blauen Blume“ der Romantik (Novalis) – stehen. (Abb. [xvii]) So entpuppt sich diese Seelen-Frau letztlich (auch) als eine Göttin, nämlich die Göttin Natura.

Die ominöse Frau trat in manchen Illustrationen zur Naturheil- und Lebensreformbewegung auch als Gärtnerin oder Köchin in Erscheinung, nicht zuletzt in der Werbung. Dabei offenbarte sie ein merkwürdiges Doppelleben: Einerseits zeigte sie sich als profane Frau bei einer typisch weiblichen Tätigkeit in Garten oder Küche, andererseits erschien sie als  göttliche Natura höchst persönlich. In Sebastian Kneipps „Atlas der Heilpflanzen“ (1903) trat sie als eine Kräuter sammelnde Heilkundige und Nothelferin auf, wie das Rote Kreuz auf ihrem weißen Kleid anzeigt. Sie symbolisierte hier die Heilkraft der Natur schlechthin. (Abb. [xviii]) Das „Vegetarische Kochbuch“ von Eduard Baltzer, der als freireligiöser Pfarrer die Vegetarierbewegung in Deutschland initiierte, zeigt die Dame inmitten von Feld- und Gartenfrüchten als eine mit Kochlöffeln und Kochbuch ausgestatte Kennerin, eine Lehrerin der Kochkunst, die an frühneuzeitliche Darstellungen von Natura und Alchemia erinnert (Kap. 33). (Abb. [xix]) „Vorliegendes Büchlein soll und will nur eine Brücke sein aus der Fleischdiät heraus in die Fruchtdiät hinüber“, merkte Baltzer an.[14]

Anmerkung vom 17.08.2015

Die Zeichnung einer psychiatrischen Patientin aus der Sammlung Prinzhorn spiegelt diese Motiv der Göttion Natura, das in der Lebensreformbewegung und im Jugendstil omnipräsent war, eindrucksvoll wieder. Näheres siehe mein Supplementary News Blog

Das mehrdeutige Bildmotiv der Hausmutter oder Hausfrau war also durchaus geläufig. Joseph Görres nutzte diese Metapher noch in seinem Lesebuch „Spiegel der Natur“ von 1845. Im Wasser stelle sich „das Bild einer guten Hausmutter“ dar, „gleich einer sorgsamen Mutter, die ohne Aufhören in allen Räumen ihres Hauses herumwandelt, bald hinab zu dem Keller, bald zum Speicher des Oberbodens steigt, um alle die Ihrigen mit dem, was ihnen noth thut, zu versehen, strömt das Wasser der Erde in den Flüssen und Büchen hinab zu dem Meere […]. Wie im Schooße der Mutter, sind im Wasser die zartesten, feinsten Thierarten geborgen, die Polypen“. [15]

Die allegorische Darstellung des „Wohlstands“ in einem Deckengemälde aus dem Goldenen Saal des Augsburger Rathauses, das um 1622 entstand und im Zweiten Weltkrieg zerstört und Jahrzehnte später wiederhergestellt wurde, veranschaulicht die Verwandtschaft von Alchemie und Kochkunst. (Abb. [xx]) Eine prächtige Frau mit einer angedeuteten Haarkrone steht in einer Küche, mit der rechten Hand einen Schlüsselbund in die Höhe haltend, mit der linken auf den Herd deutend. Die Unterschrift Omnia et ubique (alles und überall) verweist auf einen religiösen Hintergrund (deus videt omnia et ubique)[16] und lässt die Köchin in einem göttlichen Licht erscheinen, als Natura oder Alchemia. Im dem betreffenden Zyklus der allegorischen Frauengestalten findet sich sogar eine Schmiedin mit Hammer und Amboss. (Abb. [xxi]). Letztere Darstellung erinnert unmittelbar an die entsprechende Personifikation der Göttin Natura im ausgehden Mittelalter (Kap. 36).


[1] http://erinnerungsort.de/brueder-2c-zur-sonne-2c-zur-freiheit-_122.html (11.10.2011) [2] Wille, 1894, Vorwort von J. Hart. [3] A. a. O., S. 10. [4] http://gedichte.xbib.de /–73673_49541_54841_61839_63679_73425–.htm (12.10.2011) [5] Ungewitter (Hg.), 1907; Ungewitter, 1913. [6] Ungewitter (Hg.), 1907, S. 3 (die erste von zwei Strophen). [7] A. a. O., S. 118-139. [8] Ebd., S. 130. [9] http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Ungewitter (10.04.2009) [10] Hermand, 1972, S. 55-127. [11] Ebd., S. 120. [12] Lagarde, 1885, S. 49 f. [13] http://de.wikipedia.org/wiki/Wandervogel#cite_note-42 (21.01.2013) [14] Baltzer, 1891, S. 105. [15] Schubert, 1845 [b], S. 5. [16] Thesaurus, 1997, S. 151.

[i] Ungewitter (Hg.), 1907, 2; → Abb. Ungewitter 1907 Nach dem Lichtluftbade [ii] Ungewitter, 1913, S. 139; → Abb. Ungewitter 1913 Montavon [iii] Die Lebensreform, Bd. 1, 2001, S. 304; → Abb. Fidus 1905 Sonnenjüngling [iv] Die Lebensreform, Bd. 1, 2001, S. 304; → Abb. Fidus 1905 Aktfoto [v] Die Lebensreform, Bd. 1, 2001, S. 304; → Abb. Fidus  1906 Betender Knabe [vi] Die Lebensreform, Bd. 2, 2001, S. 22; → Abb. Fidus Lichtgebet  1910 [vii] Die Lebensreform, Bd. 2, 2001, S. 190 [aus: Vanselow (Hg.), 1915].; → Abb. Breslauer 1905. [viii] Die Lebensreform, Bd. 2, 2001; → Abb. Der Lichtfreund 1908 [ix] Die Lebensreform, Bd. 1, 2001, S. 45; → Abb. Sämann [x] A. a. O., S. 415; →  Abb. Bodenreform  [xi] Die Lebensreform, Bd. 1, S. 412; → Abb. Fidus 1910 Sonnenanbeter. [xii] A. Scholz, 2004, S. 14; → Abb. Treu der Natur [xiii] Die Lebensreform, Bd. 1, S. 34; → Abb. Wandervogel 1918 [xiv] A. Scholz, 2004, S. 13; → Abb. Bilz-Licht-Luft-Bad [xv] Theosophie 1 (1910) Nr. 5 (August); Die Lebensreform, Bd. 2, S. 123; → Abb. Theosophie 1910 [xvi] Fidus, 1924; Die Lebensreform, Bd. 2, S. 156; → Abb. Fidus Tempeltanz der Seele (1) [xvii] Fidus, 1924; Die Lebensreform, Bd. 2, S. 157; → Abb. Fidus Tempeltanz der Seele (2) [xviii] Die Lebensreform, Bd. 2, S. 525; → Abb. Atlas der Heilpflanzen [eigener Scan [xix] Die Lebensreform, Bd. 2, S. 538; → Abb. E. Baltzer Vegetarisches Kochbuch. [xx] G. Freytag, 1987, S. 357 Abb. Omnia et ubique [xxi] http://www.zi.fotothek.org/obj/obj19002164/034/8450_0001/Einzelbild (5.10.2011); → Abb. Schmiedin Augsburg

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