11. Kap./3 * Im Tempel der Isis-Natura

Nach der Französischen Revolution entwarf  Étienne-Louis Boullée, ein führender Vertreter der so genannten Revolutionsarchitektur, Pläne für grandiose Bauvorhaben. So sollte in einem gigantischen „Tempel der Vernunft“ die Natur vergöttlicht und die Vernunft als Tochter der Natur verehrt werden. Die Außenansicht und der Schnitt (Abb. [i]) zeigen eine riesige halbkugelförmige Anlage, deren Monumentalität faszinierend und erschreckend zugleich ist. Im Inneren sollte ein Standbild der „Natur“ über einer Felsengrotte errichtet werden, die damit als erdgebundene Muttergottheit imponieren und dem „Mysterium der mütterlich-chthonischen Religion“ dienen sollte, wie es später Bachofen formuliert hat (Kap. 38).[1] Die Detailansicht des Entwurfs im Schnitt lässt dieses Ziel erahnen. (Abb. [ii]) Öffentliche Gelöbnisse wie das auf dem Fest am 30. Brumaire in Straßburg beschworen, „daß es [das Volk] keinen anderen Gottesdienst anerkennen wolle, als den Gottesdienst der Vernunft, keine andre Religion, als die Religion der Natur.“[2] Das Münster wurde wie andernorts zum „Tempel der Vernunft“ (Temple de la Raison) erklärt. Man errichtete darin der Natur ein Denkmal (Monument élevé à la Nature) auf Felsbrocken. Der erhaltene Kupferstich zeigt die vielbrüstige Natur, eine Artemis Ephesia, asistiert von der „Freiheit“. (Abb. [iii])

Der „Tempel der Vernunft“ hatte um 1800 im Kontext der Französischen Revolution also eine programmatische Bedeutung. Der „Tempel der Natur“, ein Ausdruck, der gleichzeitig auftauchte, hatte im Kontext der Naturforschung ebenfalls programmatische Bedeutung und begründete eine neue Art der biologischen Naturbetrachtung. Das große Lehrgedicht von Erasmus Darwin The Temple of Nature or the Origin of Society” ist ein beredtes Zeugnis des mythologisch-religiösen Pathos der Naturforschung seiner Zeit.[3] Romantisch anmutende Naturverehrung und Antizipation der modernen wissenschaftlich-technischen Umwälzung wurden von ihm gleichermaßen in Szene gesetzt. Heute gilt Erasmus Darwin nicht nur als Vordenker der Evolutionstheorie seines Enkels Charles, sondern auch als bedeutender Dichter, der Poesie und Wissenschaft, antike Mythen und wissenschaftliche Weltanschauung in ein kreatives Verhältnis zueinander brachte.[4] Er sah die zyklische Reproduktion der Natur neben ihrer progressiv-linearen Entwicklung, wobei ihm die zyklische Bewegung gegenüber der linearen letztlich wichtiger erschien: „he imagines that ultimately cyclical Nature may prevail over the linearity of progress and Reason.“[5]Offenbar war Erasmus Darwin von der Wahrheit der antiken Naturerkenntnis im alten Ägypten und Griechenland und ihrer mythischen Ausgestaltung so sehr überzeugt, dass der Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis einer Wiederentdeckung vergessener Weisheit gleichkam. In seiner (ins Deutsche übersetzten) „Vorrede“ bezog er sich auf die eleusischen Mysterien, in denen „geweihte Schüler vom Hierophanten mittelst allegorischer Bilder in der Naturphilosophie und über den Ursprung und die Ausbildung der Gesellschaft unterrichtet wurden. Dieses gab unserm Gedicht die Form.“[6] In der Erstausgabe von 1803 zeigte ein Frontispiz, wie der Genius auf die von ihm halb entschleierte Natur verweist, die als vielbrüstige Artemis Ephesia in Erscheinung tritt. (Abb. [iv]) Diese auch als Diana Ephesia bezeichnete Allegorie der Natur diente in der Neuzeit vielfach als Bildmotiv für Gemälde und Standbilder.[7]Freilich reichen ideengeschichtliche Wurzeln in die Spätantike zurück. So heißt es in dem Hieronymus-Kommentar zum Brief an die Epheser: „Die Epheser verehrten die vielbrüstige Diana, nicht die Jägerin, welche den Bogen führt und geschürzte Kleider trägt, sondern jene Multimammia, welche die Griechen polymastón [πολυμαστόν] nennen und freilich auch mit diesem Bild vorgeben wollen, daß sie alle Tiere und Lebewesen nährt.“[8] Erstmals habe Macrobius Isis mit Natura gleichgesetzt, meinte Wolfgang Kamp, wie folgendes Zitat illustriere: „Alle Religionen verehrten die Isis, welche die Erde oder die Natur bedeutet, auf welche die Sonne einwirkt. Daher kommt es, daß der Körper der Göttin gänzlich von Brüsten besetzt ist: sie nährt mit ihrer Feuchtigkeit die gesamte Erde und Natur.“[9]

Schließlich wurde Isis-Natura um 1800 zum Idol der neuen Zeit, wie die Kunsthistorikerin Andrea Goesch in ihrer ikonographischen Studie dargelegt hat.[10] Die Enthüllung der vergöttlichten Natur symbolisierte wie kaum ein anderer Akt die Begehrlichkeit der Naturforschung und war um 1800 – Schillers Ballade „Das verschleierte Bild zu Sais“ war durchaus zeittypisch – recht verbreitet. Ein weiteres Beispiel bietet die Abbildung in François Peyrards Buch „De La Nature et de ses Lois“ von 1793, auf der ein ehrwürdiger älterer Gelehrter mit einer Schrift auf dem Schoß gezeigt wird, der der vielbrüstigen Natura behutsam das Gewand eher hochhebt als wegzieht. (Abb. [v]) Das Bild der Natura wandelte sich im Lauf des 19. Jahrhunderts. Die klassischen mythologischen Darstellungen wurden zunehmend abgelehnt, insbesondere widersprach Polymammie „der Forderung nach Wahrscheinklichkeit und Schönheit“.[11] Sie erschien nun eher als schlichte Mutter oder junges Mädchen. Gleichwohl war aber die vielbrüstige Artemis ephesia durchaus noch hie und da präsent, nicht zuletzt in der wissenschaftlichen Hagiographie, wie das Beispiel des Helmholtz-Denkmals belegt (siehe oben).

Die britische Wissenschaftshistorikerin Ludmilla Jordanova wies auf solche „Images of Gender in Science and Medicine“ seit dem 18. Jahrhundert hin und zeigte am Beispiel des französischen Historiker Jules Michelet, wie sehr Natura in ihren weiblichen Personifikationen zu einer in vielen Bereichen von Kultur und Wissenschaft respektierten „kosmischen Metapher“ (cosmic metaphor) wurde.[12] Naturwissenschaft im Sinne Michelets bedeutete auch eine Quelle individueller Befreiung, da sie − wie von der Romantik propagiert − eine sympathetische Beziehung zwischen Natur und Mensch herstellen konnte.[13] Michelet verfasste bis 1860 eine Serie von populärwissenschaftlichen Büchern in hoher Auflage, darunter auch „La Femme“.[14] Inwieweit hier ein Einfluss von Bachofen festzustellen ist, der ja mit seiner mythologischen Deutung des „Mutterrechts“ ebenfalls das Weibliche als eine kosmische Metapher nutzte (Kap. 42), wurde von Jordanova nicht thematisiert. Sie untersuchte eigens den Topos von der wissenschaftlichen Enthüllung der Natur (Nature unveiling before science).[15] Dabei unterschied sie drei Aspekte der Verhüllungs- und Enthüllungsproblematik, die alle auf die Beziehungen zwischen Wissenschaft und Geschlecht (relationships between science and gender) verwiesen.[16] Zunächst seien da der Schleier selbst und seine unterschiedlichsten metaphorischen Assoziationen − Enthüllen bzw. Verhüllen unterschiedlicher Objekte, Mysterien, Verbrechen. Sodann stelle sich die Frage, was unter dem Schleier verborgen liegt − Frau, Natur, Wahrheit. Von zentraler Bedeutung aber sei der Akt des Sehens selbst, um die Natur zu erkennen, ihre Zeichen zu lesen und Wissen über ihre (verborgene) Tätigkeit zu erwerben.

Jordanova ging nicht auf die crucial question ein, ob die Wissbegierigen die Statue der Göttin mehr oder weniger gewaltsam enthüllten oder die Göttin selbst sich vor ihnen enthüllte. In ihrer Besprechung der Skulptur des französischen Bildhauers Louis Ernest Barrias „La Nature se dévoilant devant la Science“, die 1899 gefertigt wurde, wird dies deutlich.  (Abb. [vi]) Das Kunstwerk stand zunächst in der Halle der Ancienne Faculté de Médecine in Paris, in der sich eine Büstengalerie berühmter Mediziner befindet.[17] Heute gehört es zum Inventar des 1986 eingeweihten Musée d’Orsay. Hier enthüllt sich die Natur, die Tätigkeit wird durch das reflexive Verb „sich enthüllen“ (se dévoilant) angezeigt. Sie lüftet mit ihren beiden Händen und Armen den Schleier, so dass ihr Oberkörper mit den Brüsten frei liegt.

Anmerkung vom 13.11.2014:

Eine sehr ähnliche Skulptur schuf der US-amerikanische Bildhauer Olin Levi Warner mit der Bronze-Statue „Twilight“ (1878), die in zwei verschiedenen Museen der USA zu sehen ist.

Näheres sie mein Supplementary News Blog:

http://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/11/13/anmerkung-zu-11-kap-3-im-tempel-der-isis-natura-eine-weitere-natura-skulptur-aus-dem-19-jahrhundert/

Jordanova hat jedoch nicht den mythologisch wie epistemologisch interessanen Gegensatz von Enthüllen und Sich-Enthüllen im Auge, sondern den zwischen Oberkörper und Unterleib. Während das Enthüllen von Kopf und Oberkörpers dem erstrebten Zugewinn an Erkenntnis entsprächen, erscheine das Enthüllen des Unterleibs als bedrohlich und verwerflich (dass die  Statue ja möglicherweise nur den Beginn einer totalen Enthüllung darstellen könnte, bleibt außer Betracht). Verhüllen und Enthüllen von Frauenkörpern sei im Denken von Wissenschaft und Medizin gängig und bemerkenswerterweise mit weiblicher Sexualität verbunden gewesen. Jordanova blendete somit nicht nur den antiken Ursprung der Metaphorik (Plutarch) Kap. 4), sondern auch die Kontroverse im 18. und 19. Jahrhundert aus, inwieweit die Natur demütig zu beobachten und inwieweit sie experimentell zu zwingen sei. So fehlt der Hinweis auf Schillers Ballade „Das verschleiert Bild zu Sais“ ebenso wie der auf Erasmus Darwins Lehrgedicht „The Temple of Nature“.

Das Motiv der Frau Natura hat in der Kunstgeschichte eine vielfältige Ausgestaltung erfahren. Ein Bespiel wäre August Mackes Gemälde: „Porträt mit Äpfeln“ (1909).

Näheres siehe meinen Supplementary News Blog:

https://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/12/31/anmerkung-zu-11-kap-3-im-tempel-der-isis-natura-das-motiv-der-natura-bei-augsut-macke/


[1] Zit. a. a. O., S. 39.[2] Zit. a. a. O., S. 37. [3] E. Darwin, 1808. [4] Primer, 1964, S. 60. [5] A. a. O., S. 62. [6] Ebd., S. 16. [7] Lankeit, 1973; Kemp, 1973, S. 25-29. [8] Zit. n. Kemp, 1973, S. 25 [Migne PL 26, Sp. 441]. [9] Zit. ebd. [Saturnalia 1, 20, 18]. [10] Goesch, 1995. [11] Kemp, 1973, S. 41. [12] Jordanova, 1989, S. 66-86. [13] Ebd., S. 74. [14] Michelet, 1860. [15] Jordanova, 1989, S. 87-110. [16] Ebd., S. 91. [17] Seidler (Hg.) 1971, S. XII u. 29.


[i] Lankeit, 1973, S. 13 [Abb. 7 u. 8]; → Abb. Tempel der Vernunft [ii] Kemp, 1973, S. 28 [Abb. 22]; → Abb. Standbild der Natur [iii] Kemp, 1973, S. 39 [Abb. 30]; → Abb. Monument der Natur [iv] E. Darwin, 1803: Frontispiz von Johann Heinrich Füssli; → Abb. Darwin 1803 [v]Peyrard, 1793; Primer, 1964, S. 72; → Abb. Peyrard 1793 HQ [vi] Jordanova, 1989, S. 88: Plate 6; http://en.wikipedia.org/wiki/Nature_Unveiling_Herself_Before_Science (10.04.2012); → Abb. Barrias Natur 1899

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