10. Kap./3 * Krank machende Zivilisation

Dass eine schädliche Umwelt den Menschen krank macht, entspricht einer uralten Erkenntnis. Paradigmatisch ist hier die „Malaria“ zu erwähnen, deren epidemisches Auftreten bereits in altägyptischen Papyri erwähnt wird und die in den hippokratischen Schriften ursächlich von der „schlechten Luft“ (ital. mala aria) aus Sumpfgebieten abgeleitet wurde. So wurde Malaria auch als „Sumpffieber“ bezeichnet. Eine solche geobiologische Erklärung kann sich auch mit dämonologischen Vorstellungen verknüpfen, wie die Krankheitsbezeichnung „Mal-Aire“ im heutigen Ecuador belegt.[1] Die Menschen sind dann aufgefordert, die gefährliche Naturgegend zu verlassen oder sie künstlich zu sanieren, den Sumpf buchstäblich trocken zu legen. Eine andere Konstellation ist jedoch gegeben, wenn die vom Menschen selbst gestaltete Umwelt, seine „zweite Natur“ (Kap. 14), zur Gefahrenquelle wird: Miserable Wohn- und Arbeitsverhältnisse, mangelhaftes Trinkwasser und fehlendes Abwassersystem, Hunger und Krieg. Mit der Herausbildung der modernen Industriegesellschaft und der mit ihr verbundenen Veränderungen der Lebens- und Arbeitsverhältnisse für große Menschenmassen durch die zunehmende Verstädterung mit Elendsvierteln für die Armen, die so genannten Proletarier und Lumpenproletarier, rückte die Kultur bzw. „Zivilisation“ als potenzielle Krankheitsquelle in den Brennpunkt der Gesellschaftskritik, die nicht zuletzt von Stadtärzten („Armenärzten“) und Psychiatern („Irrenärzten“) formuliert wurde. Die „Zerrüttung“ des Nevensystems durch die moderne Zivilisation und die daraus resultierende „Nervenschwäche“ (Neurasthenie) fundierte einen neuen sozialmedizinisch definierten Krankheitsbegriff. Das „nervöse Zeitalter“ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schien nun vor dem Hintergrund der Degenerations- und Vererbungslehre aus biologischen Gründen – im Sinne des Biologismus jener Epoche – dem Untergang geweiht.[2] Alle Autoren waren sich in einem Punkt einig: Durch die moderne „Zivilisation“, die im deutschsprachigen Raum nach Kant gerne als oberflächliche Kehrseite der tiefer gehenden „Kultur“ begriffen wurde,[3] seien die gesunden, natürlichen Lebensverhältnisse des Menschen gestört bzw. zerstört worden, so dass dieser der Krankheit anheimfalle.

Letztlich konnten somit alle Krankheiten einschließlich die Grenzbereiche sozialer Verelendung als „Zivilisationskrankheiten“ gedeutet werden. Erstmals wurden solche sozial bedingten Krankheiten in der Aufklärung als Problem erkannt und im Sinne des aufgeklärten Absolutismus zur gesundheitspolitischen Aufgabe erklärt. Beispielhaft war das monumentale Werk „System einer vollständigen medicinischen Polizey“, das Johann Peter Frank, der heute als ein Begründer der Sozialmedizin gefeiert wird, in sechs Bänden zwischen 1779 und 1819 veröffentlichte. Seine Deutung der krankmachenden Lebensverhältnisse in den Ghettos der Juden ist interessant. Zwar galten die Juden im aufgeklärten Absolutismus durchaus als „unreines unglükliches Volk“, als „unreinste Menschen“.[4] Frank aber führte dies nicht primär im Sinne des Antisemitismus auf ihr ererbtes jüdisches „Blut“ zurück, sondern auf die widrigen und ungesunden Lebensverhältnisse in den engen schmutzigen Judengassen. Erst die rassenbiologische Fixierung der Juden ab der Mitte des 19. Jahrhunderts erreichte jene verhängnisvolle Stigmatisierung, deren letzte Konsequenz die Ausgrenzung und Vernichtung der verhassten „Rasse“ darstellte. Der Kampf der Lebensreformbewegung gegen die krankmachende Zivilisation schloss jedoch keineswegs eine rassistische Ideologie aus, ja, er konnte sich sogar explizit mit ihr verbünden (siehe oben). Dieser Kampf verlief dann an zwei Fronten: zum einen gegen die unnatürliche Zivilisation und zum anderen gegen minderwertige Erbanalgen bzw. minderwertige, das gesunde (arische) Erbgut verunreinigende Rassen.

Welches Ziel strebte das lebensreformerische Pathos „der Sonne entgegen“ an? Der vom zivilisatorischen Elend geplagte Mensch sollte die beengenden und krankmachenden Verhältnisse endlich hinter sich lassen und einer freien und gesunden Zukunft entgegensehen und entgegengehen. Das Motiv der „Freiheit“ war allerdings nicht politisch definiert als demokratische Freiheit im Sinne der Menschenrechte, sondern naturalistisch bzw. biologistisch: Der Mensch sollte in einer freien Natur frei werden und sein Leben gemäß seiner biologischen Vitalität führen können. Die unterschiedlichen Strömungen der Reformbewegung um 1900 – Kleider, Ernährung, Luft, Ehe, Sexualleben etc.[5] – hatten ein gemeinsames Ziel, nämlich den „neuen Menschen“ hervorzubringen. Die Logik folgte dem traditionellen christlichen Verständnis von Wiedergeburt durch Bekehrung und Taufe und insofern zeigte die Lebensreform charakteristische Züge einer religiösen Erweckungsbewegung: Verkündigung des gesund und selig machenden Evangeliums, Bekehrung und geistige Erneuerung sowie mehr oder weniger radikale Änderung der bisherigen Lebensweise. Entscheidend für die soziale Gruppendynamik solcher Bewegungen war die Idee der Missionierung der übrigen Welt, um Gott gewollte Verhältnisse auf Erden zu schaffen. Die Verlegung der entsprechenden Paradiesvorstellungen vom Jenseits ins Diesseits, wie sie in manchen Strömungen der Lebensreform − vor allem in den USA − zu beobachten war, unterstrich deren praktisch-missionarischen Charakter.

Die intellektuelle Schlüsselfigur für die Konstruktion des „neuen Menschen“ (zumindest im deutschsprachigen Raum) war Friedrich Nietzsche. Seine Philosophie reflektierte die kulturpessimistische Stimmung, die Diagnostik der als pathologisch empfundenen Lebensverhältnisse und das Pathos der endgültigen Befreiung von physiologischer Unterdrückung und psychologischer Einschläferung. Der neue Mensch sollte frei vom giftigen „Ressentiment“, von edler Natur, ein „Herrenmensch“, ja, ein „Übermensch“ sein – eine Utopie, die Nietzsche schließlich in „Also sprach Zarathustra“ ausformulierte. Selbstanalyse und Selbstüberwindung waren für ihn die wichtigsten Hebel auf dem Wege zum „Übermenschen“. Doch anders als Sigmund Freud, der ja lediglich eine „Ermäßigung“ der Neurose anstrebte, entwickelte Nietzsche keine Therapiemethode und gründete keine Schule durch „Lehranalyse“ der Schüler. Allerdings verkündete er eine prophetische Schau, die sich von der Freudschen Welt wie Tag und Nacht unterschied.

Das Motiv der Sonnenanbetung ist gleich zu Beginn des „Zarathustra“ präsent, in dem sich der Held mit der untergehenden Sonne identifiziert, um der „Unterwelt“ Licht zu bringen:

„Als Zarathustra dreißig Jahre alt war, verließ er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoß er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde. Endlich aber verwandelte sich sein Herz, – und eines Morgens stand er mit der Morgenröte auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also:

»Du großes Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht Die hättest, welchen du leuchtest!

Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und meine Schlange.

[…]

Ich möchte verschenken und austeilen, bis die Weisen unter den Menschen wieder einmal ihrer Torheit und die Armen wieder einmal ihres Reichtums froh geworden sind.

Dazu muß ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends tust, wenn du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches Gestirn!

Ich muß, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will.“

Nietzsches Werk wurde um 1900 zu einem wissenschafts- und kulturhistorischen Kristallisationspunkt par excellence, der mächtig auf die Lebensreformbewegung ausstrahlte. Gerade deren Idee der Schaffung eines neuen Menschen erhielt von Nietzsche kräftige Impulse.


[1] Knipper, 2001 / 2003. [2] Roelcke, 1999, S. 138-172. [3] http://de.wikipedia.org/wiki/Kultur (12.10.2011) [4] J. P. Frank, 1804, S. 878. [5] Kerbs / Reulecke (Hg.), 1998. [