10. Kap. 4 * Frau Natur im Jugendstil [+ Audio Podcast]

Magic of Nature Lecture 10 K 4:

Der von mir gelesene Text als Audio Podcast zum Herunterladen.

Der Jugendstil spiegelte wie keine andere Kunstform das Empfinden der Lebensreformbewegung wider, was bereits am Beispiel von Fidus angedeutet wurde (siehe oben) . Im Folgenden soll dies an weiteren Beispielen veranschaulicht werden. Die Motive der Natura treten im Werk des Malers und Utopisten Heinrich Vogeler deutlich hervor. Auf dem 1905 in Worpswede geschaffenen Gemälde „Sommerabend“ sieht man ein Konzert im Garten, rechts die Musizierenden, links das Auditorium. (Abb. [i]) Martha Vogeler steht fast überlebensgroß erscheinend im Zentrum an der Gartenpforte und hält einen Windhund an der Leine, der auf der Treppe sitzt. Die mit Blumen umkränzte Laube lässt an einen Paradiesgarten denken, dessen Eingang eine Frau mit Attributen der Natura bewacht. Vogelers Farblithographie zu Gerhard Hauptmanns „Die versunkene Glocke“ zeigt den aus einer Seenlandschaft aufragenden Oberkörper einer jungen Frau, die ihre rechte Hand auf den Boden gelegt hat. (Abb. [ii]) Sie scheint mit dem Erdboden verwachsen − eine Verkörperung der erdgebundenen Natur, die nicht als Medium göttlicher Weisheit erscheint. In Hauptmanns „deutschem Märchendrama“ spielt sie die Rolle der Elfe „Rautendelein“, eines Elementar- oder Naturgeistes in Frauengestalt, die  den Glockengießer Heinrich verzaubert. Ähnlich erdgebunden mutet die Frau auf den Postkarten von Hans Christiansen an. (Abb.[iii]) Die Lithographien zeigen ihren von Rosen umgebenen Kopf mit langen, dicken Haarsträhnen, die wie Wurzeln tief ins Erdreich vordringen. Es existieren mehrere Varianten zu diesem Motiv. Handelt es sich um eine Wassernymphe, die aufgetaucht ist? Oder um eine Erdhexe, wozu das rötliche lange Haar passen würde? Weiterführende Literatur existiert offenbar nicht.[1] Ganz anders imponiert die junge Frau auf dem Ölgemälde „Träume II“ (1902) von Heinrich Vogeler. (Abb. [iv]) Hier begegnet uns quasi die Göttin Natura in Person. Sie sitzt vor einer Blütensonne, die ihren Körper wie ein großer Heiligenschein umgibt, und blickt aufmerksam in den Himmel. Ihr rechter Arm weist auf den mit Gänseblümchen bewachsenen Erdboden, als würde sie himmlische Kräfte dorthin ableiten. Dem Gänseblümchen, volkstümlich auch als „Tausendschön“ oder Maßliebchen bezeichnet, schrieb man wie anderen Frühlingsblumen traditionell besondere Heilkraft zu und verwandte es bei magisch-sympathetischen Kuren.[2] Zudem fällt das durchsichtige Gewand auf, das den Frauenkörper ebenso verhüllt wie sichtbar macht. Der Hinterkopf ist durch Haarzöpfe wie von einer Krone umgeben.

Im Folgenden möchte ich eine Reihe von Abbildungen präsentieren, die dem Katalog der Ausstellung „Jugendstil am Oberrhein“ entnommen sind, die im Badische Landesmuseum Karlsruhe 2009 zu sehen war.[3] Die Bilder zeigen Frauengestalten, die an das Motiv der Natura erinnern und zum Teil fließende Übergänge zu Marienbildern aufweisen. Auf die literarische und ikonographische Verschmelzung von Natura und Maria in ausgehendem Mittelalter und früher Neuzeit werden wir ausführlich eingehen (Kap. 36-42). Die Bildnisse des Jugendstil sind hierzu eine gute Einführung. Das Plakat zur „Basler Elektrizitätsausstellung für Haushalt und Gewerbe“ von 1913, eine Lithographie von Albrecht Mayer, zeigt eine nackte Frau, die einen große leuchtenden Reifen hält, von dem elektrischen Funken in den Nachthimmel ausstrahlen. (Abb. [v]) Frau und Leuchtkreis haben zusammen die Konfiguration einer Glühbirne. Das Plakat zeigt sehr schön, wie moderne Technik und naturphilosophische Symbolik gerade im Jugenstil zusammengingen. Aber auch außerhalb der Kunst war dies bei Illustrationen in technischen Sachbüchern im späten 19. Jahrhundert der Fall (Kapl. 14).[4] Die Illustrierte Elsässische Rundschau zeigte auf dem  Titelblatt (Nummer 1, 1898) eine stattliche Frau in Landestracht. (Abb. [vi]) Sie steht zwischen zwei Weinstöcken, die sich über ihr zu einem halbkreisförmigen Dach mit Weinlaub und Weintrauben vereinigen. Ihr Kopf, von einer Gloriole umgeben, befindet sich im Zentrum des überwölbten Raumes. Ihre Hand greift nach einer Traube. Offenbar ist die Zeit der Weinernte gekommen.

Anmerkung vom 17.11.2014:

Die mythische Figur der römischen Ceres oder griechischen Demeter, der Göttin des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit, verkörperte in der Kunst vielfach die Natur. Ein Beispiel stellt die 1928 geschaffene Skulptur „Ceres“ von John Bradley Storrs dar. 

Näheres siehe Supplementary News:

http://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/11/17/302/

Das Gemälde „Die Frau mit Iris“ von Jean-Jaques Waltz („Hansi“) von 1900 zeigt das im Jugenstil beliebte Motiv der femme fleur.[5] (Abb. [vii]) Iris war in der griechischen Mythologie eine Gottheit, die den Regenbogen personifizierte und als Götterbotin fungierte.[6] Als „Schwertlilie“ (Gladiole) symbolisierte die Iris im Mittelalter tugenhafte Standfestigkeit. In der frühen Neuzeit war die Pflanze, die seit dem Altertum zum Arzneimittelschatz gehört, in europäischen Apotheken üblich.[7] In Volkskunde und Volksmedizin diente die Iris als Mitteldes Abwehrzaubers (Apotropaeum), etwa als Amulett gegen Verwundungen. Das Bild ist also durchaus von der „Magie der Natur“ imprägniert.  Die Kunstverglasung „Dame mit der Taube“ von Emil Großkopf, geschaffen 1902, zeigt die Rückenansicht einer Frau mit langem grünem Gewand mit einer stilisierten Taube über der rechten Schulter. (Abb. [viii]) Sie trägt einen perlenkettenartigen Kopfschmuck, der eine Krone andeutet. Die Taube gilt als tradtionelles Symbol des Heiligen Geistes. Grün gilt in der Ideengeschichte als Farbe der lebendigen Natur. So pries Hildegard von Bingen die „Grünkraft“ (viriditas) als die lebendige Kraft in allen Naturdingen.[8] Mit anderen Wort: Wir haben es hier zumindest andeutungsweise mit einer Darstellung der Natura zu tun. Die stehende Frau mit Palette auf dem Plakat „Kunstausstellung Heidelberg“ (1903) von Hellmut Eichrodt kann als „Personifikation der Kunst“ gedeutet werden.[9] (Abb. [ix]) Sie steht vor einer Silhouette des Heidelberger Schlosses, in festlichem Gewand mit kreisrunden Zweigen als Dekor, das Gesicht andächtig nach oben gerichtet. Sie lässt an die Künstlerin Natur denken, die im Lichte göttlicher Weisheit die Natur zeichnet und ihnen ihre Signaturen verleiht (Kap. 33).

Das Titelblatt des Firmenkatalogs „Pforzheimer Besteck- und Silberwaren-Fabrik“ von 1904 zeigt eine Frau, die einen Silberpokal vor einer Berglandschaft mit Fluss in die Höhe hält. (Abb. [x]) Sie erscheint, umrankt von Weinreben und mit Ohr- und Halsschmuck im Glanz der aufgehenden Sonne, als eine Mischung von Natur und Kunst. Wenn hier die Schmiedekunst angepriesen wird, so auf der Lithographie einer Mannheimer Buchdruckerei die Druckerkunst, personifiziert durch eine blühend aussehende Frau mit einem riesigen Federkiel in ihrer rechten Hand. (Abb. [xi]) Die Graphik „Frühlingslied“ von Franz Hein, entstanden vor 1904, zeigt eine nackte Frau mit langem Haar, die auf einer Harfe spielend und dazu singend durch eine Frühlingslandschaft mit blühenden Bäumen (Kirschblüte?) schreitet. (Abb. [xii]) In der Legende des Ausstellungskatalogs wird die Nacktheit als Zeichen der „Wärme der Jahreszeit“ gedeutet und auf die Freikörperkultur in der zeitegnössischen Lebensreformbewegung verwiesen.[10] Das Bild ist allerdings überdeterminiert. Man kann in der Frau auch die Personifikation einer Naturgöttin oder einer der Musen, der Schutzgöttinnen der Künste, sehen, deren Attribut ebenfalls ein Zupfinstrument, nämlich die Leier (Lyra), war. Als Kontrastbild hierzu erscheint die verschleierte und gekrönte Isis-Natura auf dem Titelblatt von Johann Andreas von Segners „Einleitung in die Naturlehre“, die eine Kithara hält (Kap. 11). Ihr Gewandt muss noch vorsichtig gelüftet werden, während Heins Muse mit dem „Frühlingslied“ auf den Lippen sich selbst schon gänzlich entblößt hat.


[1] Künstlerkolonie […], 2001, S. 441. [2] Marzell, 1932/1933. [3] Jugendstil […], 2009. [4] Zöllner, 1877. [5] Jugenstil […], 2009, S. 46. [6] http://de.wikipedia.org/wiki/Iris_%28Mythologie%29 (29.07.2012) [7] W. Schneider, 1985, S. 111. [8] http://de.wikipedia.org/wiki/Viriditas (9.08.2012) [9] Jugenstil […], 2009, S. 121. [10] Jugenstil […], 2009, S. 296.


[i] Künstlerkolonien […], 2001, S. 282; → Abb. Vogeler Sommerabend  [ii] Künstlerkolonien […], 2001, S. 414; → Abb. Vogeler versunkene Glocke [iii] Künstlerkolonien […], 2001, S. 441; Postkarten (1901); → Abb. Christiansen Postkarten [iv] Künstlerkolonien […], 2001, S. 421; → Abb. Vogeler Träume II [v] Jugendstil […], 2009, S. 21: Abb. 12; → Abb. Jugendstil 25  [vi] Jugendstil […], 2009, S. 35: Abb. 17; → Abb. Jugendstil 35 [vii] Jugendstil […], 2009, S. 46: Abb. 24; → Abb. Jugendstil 46 [viii] Jugendstil […], 2009, S. 79: Abb. 47; http://suite101.de/view_image.cfm/359183 (9.08.2012); → Abb. Dame mit Taube [ix] Jugendstil […], 2009, S. 121: Abb. 78; → Abb. Kunstausstellung Heidelberg [x] Jugendstil […], 2009, S. 265: Abb. 245; → Abb. Firmenkatalog [xi] Jugendstil […], 2009, S. 304: Abb. 309; → Abb. Buchdruckerei [xii] Jugendstil […], 2009, S. 296: Abb. 296; → Abb. Frühlingslied

Advertisements