11. Kap./6 * Naturalistisches Weltbild

Die Auseinandersetzungen zwischen den Kreationisten und den Anhängern der Darwin’schen Evolutionslehre in den USA, die mit dem weltweit beachteten Scopes-Prozess („Affen-Prozess“) von 1925 in Dayton, Tenessee, einen ersten Höhepunkt erreichten, halten bis zum heutigen Tag unvermindert an.[1] Bestimmte naturwissenschaftliche bzw. molekularbiologische Wortführer fühlen sich der Evolutionsbiologie als wissenschaftlicher Grundlage verpflichtet und sehen in der Religion schlechterdings einen gefährlichen Nährboden für aggressiven Fundamentalismus. Die internationale Vereinigung The Brights vertritt ein „naturalistisches Weltbild, das frei von mystischen und übernatürlichen Elementen ist.“ Das Logo dieser Vereinigung lehnt sich freilich – gewollt oder ungewollt – an die symbolische Darstellung des ägyptischen Sonnengottes Aton an (Kap. 29). Sie zieht gegen Religion, Magie, Mystik und jedweden Glauben an Übernatürliches zu Felde. Offenbar wurde der Name Brights erst 2003 auf einer Konferenz der Atheist Alliance International (AAI) geprägt.[2] Der britische Molekularbiologe Richard Dawkins rechnete in seinem programmatischen Buch „Der Gotteswahn“ nicht nur mit dem religiösen Fundamentalismus ab, sondern griff zugleich auch gemäßigtere Formen der Religion an, die diesen begünstige.[3] Mit spitzer Feder und beißendem Sarkasmus attackierte er den tödlichen Absolutismus der Fundamentalisten. Für sie sei das “heilige Buch” wahr. „Wenn ich als Wissenschaftler dagegen an Dinge glaube (beispielsweise an die Evolution), dann nicht deshalb, weil ich ein heiliges Buch gelesen hätte, sondern weil ich die Belege untersucht habe. Das ist wirklich etwas ganz anderes. […] Wenn ein wissenschaftliches Buch unrecht hat, findet irgendwann jemand den Fehler und in nachfolgenden Büchern wird er korrigiert.“ [4] Der Absolutismus erwachse aus starkem religiösem Glauben und lasse vermuten, „dass Religion in der Welt eine Kraft des Bösen sein kann.“[5] Dabei stellte er die muslimischen Fundamentalisten mit den christlichen im Sinn der „American Theocracy“ (Kevin Phillips) auf eine Stufe. Sie seien nicht vom Bösen motiviert, sondern befolgten nur das, was ihnen ihre Religion vorschreibe. „[…] wir sollten die Religion selbst dafür verantwortlich machen und nicht einen religiösen Extremismus, als wäre dieser eine Art entsetzliche Perversion einer richtigen, anständigen Religion.”[6]

Zwei Umstände sind bei Richard Dawkins bemerkenswert: (1) Er will erklärtermaßen nur das glauben, was wissenschaftliche belegbar ist. Also: Da die Evolutionsbiologie wissenschaftlich belegbar ist, ist sie wahr. Automatisch erhebt er sie deshalb – in seinem Kampf gegen die Fundamentalisten jedweder Couleur – zur einzigen Wahrheit. Da die („absolutistischen“) Aussagen der Religion wissenschaftlich nicht belegbar sind bzw. den eigenen wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen, erscheinen sie ihm als Wahn. Die von der Wissenschaft begriffene Natur dagegen hat als Realität schlechthin zu gelten. Vorstellungen von Gott oder etwas „Übernatürlichem“ führen demnach auf bösartige und gefährliche Abwege. Dawkins schüttet freilich das Kind mit dem Bade aus. Denn der rationale Mensch, der völlig frei von magischem und mystischem Denken und Handeln ist und ausschließlich seiner naturalistischen Weltanschauung frönt, bedeutet nichts anderes als eine szientistische Fiktion. (2) Dawkins verleugnet den eigenen religiösen Impetus seiner atheistischen Kampagne gegen den Fundamentalismus. Er kann nicht einsehen, dass er selbst fundamentalistisch argumentiert, wenn er „die“ Religion“ und „Gott“ schlechthin als Quelle allen Übels aus der Denkwelt der Menschen eliminieren will. Ihm fehlen die kritische Selbstreflexion und das historische Bewusstsein, dass er nicht der erste Naturwissenschaftler ist, der seine eigene Disziplin als Ersatzreligion anbieten will – mit bekanntermaßen zweifelhaften Konsequenzen. So ist es bezeichnend, dass er sich offenbar überhaupt nicht mit den Irrwegen des Monismus und den kritischen Gegenpositionen auseinandergesetzt hat. Infolgedessen kommen Haeckel, Ostwald, Hertwig oder Wasmann im Namensverzeichnis seines Buches nicht vor. So könnte man den auf die Psychoanalyse gemünzten Aphorismus von Karl Kraus entsprechend abwandeln: „Der Dawkins’sche Atheismus ist die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält.“


[1]http://de.wikipedia.org/wiki/Scopes-Prozess (21.10.2009). [2] http://de.wikipedia.org/wiki/Brights#cite_note-0 (21.10.2009). [3] Dawkins, 2007. [4] Ebd., S. 391 f. [5] A. a. O., S. 398. [6] A. a. O., S. 426.

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