12. Kap./1 * Schwächung durch „Minderwertige“

Der deutsche Militärarzt und Schriftsteller Felix Buttersack war aus heutiger Sicht ein überzeugter Vordenker der NS-Euthanasie. Sein ideologischer Eifer, den er in seiner Kampfschrift „Wider die Minderwertigket“ an den Tag legte, übertraf bei weitem den von Karl Binding und Alfred Hoche, die sich in ihrer Schrift „Von der Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ offen für die Tötung von „Ballastexistenzen“ ausgesprochen hatten.[1] Denn Buttersack brachte zusätzlich zur ökonomischen Argumentation, wie sie Hoche und Binding vorgetragen hatten, die Rassenbiologie ins Spiel. So plädierte er brutal für die Zwangssterilisierung mit dem doppelten Argument, dass damit einerseits die „Kosten der Minderwertigen“ gesenkt und andererseits die „biologische Gefährlichkeit der Minderwertigen“ ausgeschaltet würde. Seine Kampfschrift war militaristisch geprägt und erhob die Naturidylle zum Gesundheitsidol. Mit kaum zu überbietender Polemik zog er gegen die „Idiotenpflege“ zu Felde: „Im schrillen Gegensazt zu dieser Hochbewertung lebensunwerten Lebens steht die rohe Gefühllosigkeit, mit welcher die gleichen Menschen Blumen abpflücken und wegwerfen, Bäume fällen, ehrwürdige Bäume […] die nicht weniger die Ehre Gottes verkünden, als ein Geisteskranker oder Verbrecher“.[2]

Der Gedanke der „Euthanasie“ lag in einer solchen Perspektive zwangsläufig nahe. Wolle man den bedauernswerten Existenzen „nicht menschenfreundlicherweise zum Tode verhelfen, so bleibt nichts übrig, als sie in geeigneten Anstalten […] der natürlichen Auflösung und Ausmerzung entgegenreifen zu lassen.“[3] Buttersack ließ keinen Zweifel daran, welcher Option er den Vorzug gab. Seine chirurgische Option lautete: „ubi pus, ibi evacua, d. h. jeder Eiterherd muß entleert werden.“[4] Die krank machenden und den Organismus vergiftenden Teile seien herauszuschneiden, analog dem Jäten des Unkrauts in der Landwirtschaft. Es gehe hier um „biologisches Recht“, wie der Autor in einer Zwischenüberschrift hervorhob, das auch auf „antisoziale Elemente“, wie etwa den „Verräter der Pfalz Heinz Orbis“ (eigentlich Franz Josef Heinz) anzuwenden sei, der als Separatist den nationalistischen Kräften ein Dorn im Auge war. Denn er hatte im November 1923 die „Regierung der Autonomen Pfalz im Verband der Rheinischen Republik“ ausgerufen und wurde darauf hin mit anderen Mitstreitern im Januar 1924 von Mitgliedern einer deutschnationalen terroristischen Vereinigung ermordet – ein finsteres Kapitel deutscher Geschichte, das immer noch im Schatten der nationalsozialistischen Ächtung steht und dessen späte Aufklärung und Rehabilitierung seit den 1990er Jahren nur mühsam vorankommt.[5] Buttersack verkündete, dass die „Angriffe der Minderwertigen, der Untermenschen“ auf die soziale, d. h. biologisch gesunde Ordnung zurückzuschlagen seien. Er beklagte am Beispiel der Mörder (die der Separatisten waren in seinen Augen keine Mörder, sondern Helden der völkischen Natur), die heutzutage kaum mehr hingerichtet würden, „wie unter dem Einfluß der Kultur die Erkenntnis des Biologisch-Notwendigen gelitten hat.“[6] Das „Biologisch-Notwendige“ leitete er aus der Tierwelt ab, die ihm als Vorbild für die Menschenwelt erschien. Die in Herden lebenden Tiere „beseitigen kurzer Hand kranke und mißgestaltete Individuen, aus dem gesunden Instinkt heraus, weil sie von ihnen Schädigungen der Herde befürchten.“ Als Beispiel nannte er u. a. die Störche, die vor ihrer Reise die „Schwächlinge“ töten würden. „Volks- und Herdenverrat“ komme bei den Tieren überhaupt nicht vor, da sie durch „Selbstreinigung“ dafür sorgten, dass ihre Stämme „rein und kräftig“ erhalten würden – was zu seinem Bedauern bei den Menschen nicht der Fall sei, bei denen auch die „natürliche Ausmerzung“ aller „schwächlichen Exemplare“, etwa durch kalte Winter, entfalle.

Ausgerechnet in diesem Zusammenhang relativierte Buttersack den Begriff des Verbrechens, der „schwankend“ sei. Bei primitiven Völkern sei es eine bittere Notwendigkeit, „kränkliche oder alte, verbrauchte Leute zu töten“.[7] Das biologische Recht lief in seiner Sicht darauf hinaus, dass nicht das Individuum, „sondern nur die die Art darstellende Allgemeinheit bleibenden Wert hat.“[8] Um diese zu schützen, müssten alle „negativen, antisozialen Elemente“ herausgenommen werden. Diese „Herausnahme der Minderwertigen aus dem Organismus der Gesellschaft“ bedeute nichts anderes als „Schutz der Allgemeinheit“. An Buttersacks Beispiel kann man studieren, wie biologische, soziale und politische Gesichtspunkte mit dem Gestus einer naturgesetzlichen Erkenntnis miteinander verschmolzen wurden. Als Deutschnationaler konnte er in sozialrevolutionären Bewegungen nur den „Zusammenschluss der Minderwertigen als Anarchisten“ erblicken.[9]

Die diskriminierende Rasssenlehre des französischen Schriftstellers und Diplomaten Comte de Gobineau übte einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf den Rassismus und Antisemitisms aus, die später im NS-Staat zur Staatsräson erhoben werden sollten. Gobineau entfaltete seine Lehre im mehrbändigen Werk „Versuch über die Ungleichheit der Menschenracen“. Die französische Originalausgabe erschien bereits 1853-55.[10] Dieser monumentale „Versuch“ wurde im Zusammenhang mit der wachsenden Gobineau-Verehrung in Deutschland um die Jahrhundertwende von Ludwig Schemann, einem völkischen Rassentheoretiker, ins Deutsche übersetzt und publiziert.[11]Gobineaus Rassenbegriff förderte den Biologismus seiner Zeit und nährte „Kulturpessimismus und Germanentum“.[12]Er definierte klar und unmissverständlich seine Thesen: Die „Erbanlagen“ und nicht die kulturellen oder Umwelteinflüsse seien entscheidend; die Rassen seien ungleich begabt mit „Lebenskraft“; an der Spitze der Zivilisation stünden die arischen bzw. arisch gepägten Rassen. Somit stand von vornherein unumstößlich fest, „daß die Racenfrage alle andern Probleme der Geschichte beherrscht.“[13]Durch die Betrachtung der „isolirten arischen Nation“ der Perser wollte Gobineau nachweisen, „wie ohnmächtig die Verschiedenheiten des Klimas und […] die Zeitumstände für die Veränderung oder Bändigung des Racencharakters sind.“[14] Wenn er von Degeneration, einem degenerierten Volk, sprach, so meinte er damit nicht die sozialen Verhältnisse, sondern die Tatsache, „daß dieses Volk nicht mehr den inneren Werth hat, den es ehedem besaß, weil es nicht mehr das nämliche Blut in seinen Adern hat, dessen Werth fortwährende Vermischungen allmählich eingeschränkt haben.“ [15] Als zentrales Ergebnis seiner Untersuchungen stellte er apodiktisch fest: „Keine wahrhafte Civilisation bei den europäischen Völkern, wenn die arischen Zweige nicht die Herrschaft gehabt haben.“[16]

Die Überlegenheit der Arier begründete Gobineau erbbiologisch. Sie resultiere nicht aus der „Entwicklung sittlicher Eigenschaften“, sondern bestehe „in einem größeren Vorrath an Anlagen, von denen diese Eigenschaften herrühren.“ [17] Letztlich gehe es um die „Lebenskraft“ der (arischen) Rasse, die durch Rassenmischung geschwächt werden könne. So stehe Preußen Österreich nach, „zu dessen Gunsten die stark arianisirte Gruppe der Magyaren die Wage [sic] sinken macht, nicht nach dem Maaße der Civilisation, wohl aber nach dem der Lebenskraft, und einzig darum handelt es sich ja in diesem Buche“.[18] Das Durchsetzungsvermögen sowie die körperlichen und geistigen Leistungen eines Volkes waren also nicht kultur- oder sozialgeschichtlich zu erklären, sondern rein biologisch. Der schillernde Begriff der Lebenskraft war wie kein anderer geeignet, das soziale Leben, die Leistungen eines „Volkes“, zu biologisieren. Dies bedeutete, dass die Geschichte naturalisiert wurde: Es waren die von Natur gegebenen Anlagen einer Rasse, die für die Entstehung der Zivilisation verantwortlich waren und den Verlauf der Geschichte im Kampf der Rassen bestimmten. Gobineaus Rassendoktrin wurde vom NS-Regime übernommen und zur existenzbedrohenden Grenzziehung zwischen Ariern und Nicht-Ariern herangezogen. So schrieb Adolf Hitler in „Mein Kampf“: „Das Ergebnis jeder Rassenkreuzung ist also, ganz kurz gesagt, immer folgendes: a) Niedersenkung des Niveaus der höheren Rasse b) körperlicher und geistiger Rückgang und damit der Beginn eines, wenn auch langsam, so doch sicher fort-schreitenden Siechtums. Eine solche Entwicklung herbeiführen, heißt aber denn doch nichts anderes, als Sünde treiben wider den Willen des ewigen Schöpfers.“[19] Die Rassenmischung, welche immer die Degeneration zur Folge habe, wurde hier − wie später die Erzeugung erbkranken Nachwuchses − als Sünde wider die Natur gebrandmarkt, deren Gesetze göttlichen Charakter hatten, vom ‚“ewigen Schöpfer“ stammten, wie Hitler formulierte. Bereits hier finden wir das auch heute in Medizin und Ökologie unterschwellig vorherrschende Argumentationsmuster: Die vom Menschen missachtete Natur schlägt zurück, rächt sich am Sünder im Großen wie im Kleinen: etwa durch Klimawandel oder individuelle Krankheit. Ein eindrucksvolles Beispiel für die Lehre von der Krankheit als Folge der Sünde liefert die Onanie-Debatte, die im 18. Jahrhundert einsetzte und teilweise heute noch virulent ist (Kap. 44).


[1] Buttersack, 1926; Binding / Hoche, 1920. [2] Buttersack, 1926, S. 53. [3] A. a. O., S. 25. [4] A. a. O., S. 17. [5] Gräber / Spindler, 1992; 2005. [6] Buttersack, 1926, S. 20. [7] A. a. O., S. 22. [8] A. a. O., s. 23. [9] A. a. O., S. 58-60. [10] Gobineau, 1853-55. [11] Gobineau, 1998-1901. [12] Mann, 1973, S. 76. [13] Gobineau, 1998-1901, Bd. 1, S. XII. [14] A. a. O., S. XXVII. [15] A. a. O., S. 31 f. [16] A. a. O., S. 289. [17] Gobineau, 1998-1901, Bd. 4, S. 66. [18] A. a. O., S. 229.[19] Hitler, 1925, S. 314 (http://de.wikipedia.org /wiki/Eugenik#Rassentheorie_von_Arthur_de_Gobineau;  3.11.2009); Weindling, 1988, S. 109.