12. Kap./3 * Psychiatrischer Geniediskurs

Der Geniediskurs im 20. Jahrhundert wurde von zwei Autoren entscheidend geprägt, dem Psychiater Ernst Kretschmer und seinem Fachkollegen, dem künstlerisch begabten „Kulturpsychopathologen“ Wilhelm Lange-Eichbaum, die beide Ende der 1920er Jahre an der Tübinger Universitätsnervenklinik unter Robert Gaupp tätig waren und erste Ergebnisse ihrer jeweiligen Genie-Forschungen fast gleichzeitig publizierten. Kretschmer ging von der körperlichen „Konstitution“ als Grundlage seiner Typenlehre aus. In seiner Porträtsammlung „genialer Menschen“ suchte er die „geprägte Form der Persönlichkeit“ im Rückgriff auf sein Epoche machendes Buch „Körperbau und Charakter“, das bereits 1921 erschienen war, drei unterschiedlichen Typen (Leptosomen, Pyknikern, Athleten) zuzuordnen.[1] Die Verteilungshäufigkeit sei für die charakteristischen Unterschiede ausreichend. Die Porträtsammlung zeige „in einigen statistischen Reihen die gesetzmäßige Entsprechung zwischen dem geistigen Produktionstypus und der körperlichen Form, also die körperlich-seelischen Zusammenhänge in den biologischen Fundamenten der Persönlichkeit.“[2]

Er ordnete die Porträts der genialen Menschen fünf Kategorien zu: (1) Philosophen. (2) Ärzte und Biologen, (3) Dramatiker und Pathetiker, (4) Romantiker und Stilkünstler und (5) Realisten und Humoristen. Philosophen als geistige Produzenten waren nach Kretschmer durch einen leptosomen Körperbau gekennzeichnet, wobei Kant eine Variante nach dem „Infantilen“ (Abb. [i]) und Nietzsche eine nach dem „Dysplastischen“ zeige. (Abb. [ii]) Als Ausnahme identifizierte er Schelling, dem er „deutlichere pyknische Einschläge“ attestierte. Naturforscher, bei denen eine sinnliche Beobachtung und eine „hohe Begabung“ vorliege, hatten nach Kretschmer dagegen einen pyknischen Körperbau, wie er an Goethe (Abb. [iii]), Gall und Mendel feststellen wollte. (Abb. [iv]) Menschen mit athletischem Körperbau zeigten seltener eine geniale Leistung, „athletische Temperamentseinschläge“ könnten jedoch bei „Forschern und Denkern günstig wirken in der Richtung erhöhter Stabilität und Arbeitskraft“ wie bei Hegel, der unter den Philosophen durch „Festigkeit und Gleichgewicht“ auffalle. (Abb. [v]) Kretschmer teilte die „konstitutionellen Begabungstypen“ in die „Zyklothymiker“ (humorvolle Realisten) und die „Schizothymiker“ (exakte Logiker) ein, zwei Klassen, denen Dichter, Forscher und Führer idealtypisch zugeordnen werden könnten.[3]

Eine gänzlich andere Interpretation als Kretschmer lieferte Lange-Eichbaum mit seinem 1928 erschienen Buch „Genie – Irrsinn und Ruhm“, das sich vieler Auflagen erfreute und selbst heue noch im Buchhandel erhältlich ist.[4] Seine künstlerische Vielseitigkeit – er war vor seinem Medizinstudium Bildhauer und Maler – und sein literarisches Schaffen – er verfasste Novellen und Bühnenwerke – waren beachtlich, fanden aber relativ wenig Resonanz und verhalfen ihm nicht zu einer Laufbahn als Hochschullehrer.[5] Er gab eine sozialsychologische Deutung des Genies und vertrat die These, dass die bewundernde Gemeinde erst das Genie schaffe, was er als „Genieakkord“ bezeichnete. Das Genie sei also ein gruppendynamisches Produkt, wie er in seiner Genie-Formel darlegte: „Genie ist ein Wertbringer, der von vielen als heilig verehrt wird.“[6] Aufgrund dieser „Wertformel“ verglich er den Geniekult mit der Konsumption von Verbrauchern: Nicht der Träger des Genialen als historischer Mensch sei maßgebend, sondern Genußgröße oder Wertfacette als Leistung für die Verehrergemeinde, welche als Verbraucher fungiere. Das numinose Erleben der Verbraucher, die „affektive Befriedigung der Gemeinde“, ihr „Genie-Akkord“, sei entscheidend. So schaffe das Werk – über das Werturteil der Gemeinde – den Schöper als Genie und nicht umgekehrt: „Somit schafft nicht der Schöpfer das ‚Genie’-Werk; vielmehr schafft – mit den Augen und durch die Wertung der Gemeinde – das Werk den Schöpfer, den Schöpfer als Genie.“[7] Der „Genieakkord“ beinhalte ein numinoses Mischgefühl oder einen numinosen Gefühlsakkord, der durch Werk oder Schicksal des „Genies“ ausgelöst werde, unabhängig von der tatsächlich Intelligenz oder Begabung. Der historische Mensch verschwinde bei dieser Operation, was man besonders eindrücklich bei Christoph Columbus sehen könne, der zwar immer als Genie gefeiert werde, aber wenig intelligent gewesen sei.

Im Anschluss an Nietzsche und Freud gab es zwei unterschiedliche psychologische Deutungen des Genieproblems. Nietzsche lieferte mit seinem Theorem des „Willens zur Macht“ und dem des „Ressentiment“ des Schwächeren (Minderwertigen) ein eingängiges Modell, das vor allem von dem Wiener Arzt und frühen Freud-Anhänger Alfred Adler aufgegriffen wurde: Geniale Leistungen entsprängen aus dem Bestreben, eine krankhafte „Organminderwertigkeit“ durch „Überkompensation“ nach dem Vorbild des sprachgestörten antiken Rhetorikers Demosthenes wettzumachen. Der „Minderwertigkeitskomplex“ wurde jedoch von Adler nicht primär auf die Genieforschung angewandt, sondern auf Kranke und Behinderte, die angeblich äußerst raffinierte Methoden entwickeln würden, um ihre gesunde Umwelt im Sinne eines „Krankheitsgewinns“ in ihren Bann zu schlagen. Diese Lehre hatte die Konsequenz, dass es im frühen 20. Jahrhundert zur psychologischen Stigmatisierung von Behinderten kam. Der „Krüppel“ besaß demnach eine „Krüppelseele“: Seiner körperlichen Missbildung entsprach eine seelische. Wir werden an anderer Stelle den Bogen zur frühen Neuzeit schlagen, in der die „Stigmen es Bösen“ sowohl theologische als auch medizinische Bedeutung hatten. Die moderne Psychologisierung kann ihren ideengeschichtlichen Ursprung kaum verdecken (Kap. 37).

Freuds Psychoanalyse setzte nicht am „Willen zur Macht“, sondern an der „verdrängten Sexualität“ an, die in einer genialen Leistung „sublimiert“ werden könne. Freud legte seine Auffassung programmatisch in der 1910 erschienenen Schrift „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci“ dar. Das Genie deutete er als Ausdruck einer gehemmten Persönlichkeit. „Das Ziel unserer Arbeit war die Erklärung der Hemmungen in Leonardos Sexualleben und in seiner künstlerischen Tätigkeit. […] Diese zwei Eigentümlichkeiten Leonardos erübrigen sich also als unerklärlich durch psychoanalytische Bemühung: seine ganz besondere Neigung zu Triebverdrängungen und seine außerordentliche Fähigkeit zur Sublimierung der primitiven Triebe.“[8] Der Psychotherapeut Manfred Clemez fasste Freuds Leonardo-Interpration folgendermaßen zusammen: „Leonardo war für Freud ein gehemmter Künstler, weil der Forscher Leonardo den Künstler Leonardo gehemmt und letztlich unterdrückt habe. Stand die Wissenschaft zunächst im Interesse der Kunst, verkehrte sich später dieses Verhältnis: Die Forschung dominierte und unterdrückte die Kunst“.[9] Die psychologische Ableitung genialer Leistungen aus dem Machttrieb oder dem Sexualtrieb bedeuteten eine Pathologisierung des Genies, ohne dass hierzu erb- oder konstitutionsbiologische Argumente benötigt wurden.

Der Begriff des Genies spielte in der nationalsozialistischen Kulturpolitik und Propaganda eine schilldernde Rolle. Er hatte sich dem ideologischen Kontext der Rassenbiologie, des völkischen Kampfgeistes und der kollektivistischen Weltanschauung einzufügen. Der „neue deutsche Mensch“ sollte sich potenziell dem Genie annähern; wenn er schon selbst kein Genie werden konnte, so sollte er doch das Genie – als oberstes natürlich den Führer – verehren und bewundern. Der Geniekult hatte seine speziell deutschen Leuchttürme. Einer davon war Friedrich Schiller, eine Ikone der deutschnationalen Bewegung des 19. Jahrhunderts. Der entsprechende Spielfilm „Schiller – Triumph eines Genies“ kam 1940 in die Kinos. Die Einschätzungen dieses Films gehen bis heute weit auseinander. Einerseits sei ihm, so der Medienwissenschaftler Thomas Kramer, wie anderen Geniefilmen die Funktion zugekommen, „deutsche Übermenschen zu stilisieren, die in der NS-Ethik Rechte besaßen, die dem Rest der Bevölkerung nicht zustanden.“[10] Dadurch sollten offensichtlich Parallelen zu Adolf Hitler evoziert werden. Andere Interpeten wollen in diesem Film dagegen „einen Protest gegen die Unterdrückung 1940“ sehen.[11]

Eine ähnliche Ambilvalenz lässt sich übrigens auch beim deutschen Spielfilm „Paracelsus“ unter der Regie von Georg W. Pabst von 1943 feststellen. Er wurde bei einem Festakt am 12. März 1943 in Salzburg uraufgeführt – passend zur „Paracelsus-Memorial-Industrie im Jahr 1941“ anlässlich des 400. Todestags Hohenheims und (mutmaßlichen) 450. Geburtstags im Jahr 1943.[12] Trotz der Verherrlichung des Paracelsus als „deutscher Arzt“, der nach dem Führerprinzip um das „völkische“ Deutschtum kämpft, seien auch kritische Untertöne zu bemerken, wie der Medizinhistoriker Udo Benzenhöfer angemerkt hat: Der als der „rote Pabst“ bekannte Regisseur, dessen Emigration gescheitert war, habe „auch einige regimekritische Spitzen in den vom Drehbuch her als nationalsozialistisch konzipierten Film“ eingebaut.[13] Die hohe künstlerische Qualität des Films und nicht zuletzt auch die schauspielerische Leistung von Werrner Krauss, einem Meister seines Fachs, in der Titelrolle wurde übrigens nie in Frage gestellt.

Das Genie-Problem im „Dritten Reich“ war von einem ideologischen Paradox geprägt, nämlich von zwei Denklinien, die sich grundsätzlich widersprachen: Einerseits hatte das Genie prinzipiell transzendentale Qualität und erschien als Numinosum, heilige Quelle, gottähnlicher Schöpfer („Führer“ „Schutzgeist“ etc.); andererseits aber schien es potenziell als „Übermensch“ durch biologische und geistige Zucht erzeugbar zu sein, als Endprodukt der rassischen „Reinigung“ durch „Auslese“ in der Masse. Gerade darin lag aber ein unaufhebbarer Widerspruch: Genies in Masse sprengten das numinose Führerprinzip, da nun jeder dieser neuen Herrenmenschen zu seinem eigenen Gott und Führer werden konnte, was eine gleichgeschaltete Menschenmasse unmöglich gemacht hätte.

Goethe wurde bereits zu Lebzeiten als einzigartiges Genie gefeiert. Es ist rückblickend gesehen ein Faszinosum, wie er in Deutschland durch alle Epochen und politischen Systeme hindurch das Ansehen eines „Olympiers“ genoss. Im Grunde konnten sich – vergleichbar mit der Figur des Paracelsus – (fast) alle in ihm wiederfinden: die Okkultisten und die Naturwissenschaftler, die Weltbürger und die Deutschnationalen, die Naturforscher und die Poeten. So huldigte auch der anachronistische Alchemist Alexander von Bernus noch in den 1960er Jahren dem Genie Goethe. Dieser habe 1768 „eine gestörte […], für gewisse Momente vernichtete Verdauung“ zu erleiden gehabt und sei durch das „Universalheilmittel“ eines merkwürdig-geheimnisvollen Arztes geheilt worden, der ihm „gewisse mystische, chemisch-alchymistische Bücher empfohlen und zu verstehen gegeben“ habe.[14] Bernus feierte die Heilung Goethes, „dieses für den deusch-europäischen Menschen meistentscheidenden, richtungsgebenden Lebens“, mit enthusiastischen Worten.[15] Das Genie wurde sozusagen durch Eingreifen der Alchemie als Schickalsmacht für die Menschheit gerettet: „Eines der letzten überzeitlichen Vermächtnisse, welches die Alchymie vor ihrem Sichzurückziehen der abendländischen Kultur symbolisch dargebracht hat, war die Erhaltung jenes einzigen Lebens, Goethes.“[16]


[1] Kretschmer [1929], 1958, S. 59-70.  [2] A. a. O., S. 244. [3] A. a. O., S. 70. [4] Lange-Eichbaum, 1942; 2000. [5] Kloos, 1950. [6] Lange-Eichbaum, 2000, S. 179. [7] A. a. O., S. 175. [8] Freud, 1910, S. 204 bzw. S. 209. [9] Clemenz, 2008. [10] http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Schiller_%E2%80%93_Der_Triumph_eines_Genies#cite_note-0 (17.10.2011). [11] Zit. ebd. [12] Benzenhöfer, 1993, S. 63. [13] A. a. O., S. 70. [14] Zit. n. Bernus, 1969, S. 166 f. [15] A. a. O., S. 168. [16] A. a. O., S. 173 f.

[i] Kretschmer [1929], 1958, S. 260; → Abb. Kretschmer Kant [ii] Kretschmer [1929], 1958, S. 264; → Abb. Kretschmer Nietzsche [iii] Kretschmer [1929], 1958, S. 270; → Abb. Kretschmer Goethe [iv] Kretschmer [1929], 1958, S. 271; → Abb. Kretschmer Gall Mendel [v] Kretschmer [1929], 1958, S. 67 bzw. S. 262; → Abb. Kretschmer Hegel

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