12. Kap./4 * Idol der „deutschen Mutter“

Nirgends lassen sich die religiösen Implikationen des Nationalsozialismus besser studieren, als an seinem Kult um die „deutsche Mutter“ als Bestandteil einer Art „NS-Religion“, wie die Soziologin und Frauenforscherin Irmgard Weyrather in ihrer Studie „Muttertag und Mutterkreuz“ dargelegt hat.[1] Doch die kultur- und wissenschaftshistorischen Wurzeln dieser Religion, ihre mentale Schubkraft bleiben bei dieser Studie im Dunkeln, da der Blick der Autorin aufs 20. Jahrhundert fixiert ist und somit die kulturell verankerten Personifikationen der Gottesmutter (Maria) und der „Mutter Natur“ (Natura) außer Betracht bleiben. Den ideologischen Rahmen dieses Kults bildeten vor allem Eugenik und Antisemitismus. Die Mutterschaft wurde als heilige Handlung begriffen und stellte ein Kernstück des Religionsersatzes im Nationalsozialismus dar: „Die Mütterehrungsfeiern waren Teil der nationalsozialistischen Religionsimitation, die Mutterschaft, d. h. das Gebären von ‚arischen’ und ‚erbgesunden’ Kindern wurde als eine Art heilige oder göttliche Handlung verstanden. […] Mutterschaft war keine private oder persönliche Angelegenheit mehr, sondern Staatsaufgabe und religiöse Handlung zugleich.“[2] Die Rollenteilung der Geschlechter im Nationalsozialismus zwischen Mutterkult und Totenkult bildete nach Weyrather keinen Widerspruch, sondern ergänzte sich perfekt: Die Männer bzw. Söhne sollten in den Krieg ziehen und sich für das „Mutterland“ aufopfern, entsandt von den Frauen als „Quell allen Lebens“, „Retterinnen des deutschen Volks“.[3] So sollten die Männer militärisch und die Frauen biologisch – durch Gebären von „erbgesunden“, „arischen“ Kindern – die Weltherrschaft erringen.

Die Kunstproduktion im „Dritten Reich“ bietet interessante Beispiele für die religiöse Imprägnierung von NS-Ideologie und NS-Kult. Ein besonderes Bildmotiv war „Mutter und Kind“, das sich ikonographisch an die Madonna mit Jesuskind anlehnte. Dies sei an einigen  Beispielen aufgezeigt. Das Plakat zur Untersützung des nationalsozialstischen Hilfswerks „Mutter und Kind“ von Joachim Schich unterstreicht durch den sonnenartigen Heiligenschein der (deutschen) Mutter den religiösen Subtext. (Abb. [i]) Etwas anders ist das Gemälde „Mutter und Kind“ des Malers Karl Diebitsch angelegt, der den Reichsführer-SS Heinrich Himmler in „künstlerischen Fragen“ beriet.[4] (Abb. [ii]) Es existiert in verschiedenen Ausführungen und zeigt die Mutter weniger in der Rolle der Heiligen (Madonna) als vielmehr in der Rolle der idealisierten Nährmutter (Alma mater, Natura), die mitten in der Natur sitzt, umrahmt von Ähren. Die Mutterschaft unter Ähren lasse mehr an „Mutter Erde“ als an ein realistisches Bild einer Bäuerin denken, heißt es in einem Ausstellungskatalog. [5] Das Gemälde „Sonniges Lebens“ oder „Muttertum“ von Richard Heymann erinnert unwillkürlich an das ikonographische Motiv „Maria mit Jesus und Johannes“. (Abb. [iii]) Auch das Gemälde „Kämpfendes Volk“ des westfälischen Bauernmalers Hans Schmitz-Wiedenbrück impliziert religiöse Inhalte und macht Anleihen „aus dem Bereich gegenreformatorisch-jesuitischer Illusionsmalerei“: Das ergriffene „Volk“ ist um „eine Mutter, die genau dem traditionellen Typus der Madonna entspricht, gruppiert.“ (Abb. [iv])

Der nationalsozialistische Mutterkult und die entsprechende magisch-religiöse Überhöhung der „Natur“ der Frau verleiten heute manche Interpreten dazu, die Ausgrenzungen der Frau aus dem öffentlichen Raum, insbesondere aus der Arbeitswelt, schlicht dem „Faschismus“ oder „Nationalsozialismus“ zuzuordnen, ohne die nachhaltig wirksamen historischen Traditionen zu berücksichtigen.[6] Insbesondere psychoanalytische Theoreme werden bemüht, um das psychologische Triebschicksal des Nationalsozialismus als einer Ersatzreligion zu erklären. So wird etwa die Narzissmustheorie herangezogen, um die „deutsche“ Religion des infantilen deutschen Volksgenossen zu erklären, der wie ein Säugling mit der als „Germania“ erscheinenden Mutter Natur verschmolzen erscheint. Der Rassismus imponiert dabei als eine „Alltagsreligion der Reinheit“.[7]

Ethnische Auseinandersetzungen und daraus entspringende Kriege können als Folgen eines Reinheitswahns verstanden werden, der in bestimmten Regionen Nordafrikas als „Integrismus“ bezeichnet wird, wie dies der französsiche Publizist Bernard-Henri Lévy speziell für Algien herausgestellt hat.[8] Aber auch die Reinheitsbesessenheit der Nazis kann als Integrismus verstanden werden. Sie bediente sich vor allem dreier Metaphern, womit die  die Juden als größte Krankheitsgefahr dargestellt wurden: (1) die Bazillen, (2) die damit verursachte Infektion und (3) die Entstehung einer Epidemie, der Ausbruch einer „Pest“.[9] Die Natur sei für die Integristen, so Lévy, schlechthin der Ort der Reinheit, weswegen sie auch auf die Rückkehr zu dieser Natur abzielten. So komme es zu zwei widersprüchlichen Bewegungen: „Rückkehr nach hinten und Rückkehr nach vorn. Ablehnung und Akzeptanz der Geschichte. […] Deshalb wird übrigens der Integrismus niemals aufhören zwischen beiden Berufungen zu balancieren: dem äußersten Archaismus und dem zügellosesten Fortschrittsglauben; die Ablehnung der Moderne und ihre enthusiastische Akzeptanz.“ [10] Die Frage, wie die das Böse erzeugende Unreinheit in die Welt gekommen ist, könne auf dreierlei Weise beantwortet werden: Erstens durch zwei gegensätzliche Gottheiten wie im Manichäismus, von denen die eine die Reinheit, das Gute, und die andere die Unreinheit, das Böse, hervorgebracht habe[11]; zweitens durch eine Theorie der Abweichung, wonach zufällig das Programm ab einem bestimmten Zeitpunkt schief gelaufen ist[12]; und drittens durch eine Verdorbenheit, bei der ein heimtückischer Bazillus schreckliche Verheerungen angerichtet habe.[13] Eine solche Gemeinschaft im Kriegszustand träume nur von Einheit als ihrem letzten Paradies.[14]

Der nationalsozialistische Mutterkult erhielt wesentliche Impulse von der Lebensreformbewegung mit ihrem zentralen Anliegen: der naturgemäßen Lebensführung. So erlebte die naturheilkundliche Diätetik eine Renaissance. Insbesondere der Vegetarismus ist hier zu nennen, der freilich weit mehr bedeutete als „fleischfreie Ernährung“.[15] Ursprünglich im Protestantismus verankert, tendierte er zu monistischen und biologistischen Lehren, die dem Darwinismus und Rassismus verpflichtet waren.[16] Somit ist die Einmündung des Vegetarismus in die Blut- und Bodenlehre, die schließlich im Nationalsozialismus ihren Höhepunkt fand, nicht verwunderlich. Die schwülstige Natur- und Fruchtbarkeitslyrik bringt die Blut- und Bodenideologie recht eindrucksvoll zum Ausdruck. So dichtete der 1907 verstorbene nationalistische Schriftsteller Julius Langbehn unter dem Titel „Hochzeitsnacht“:

Des Werdens Strom ergießt der Mann

In seines Weibes Schooß;

Und neues Leben ringt sich dann

Aus ihrem Leibe los.[17]

Allgemein wurde lange die These vertreten, der Nationalsozialismus habe die sexuelle Freizügigkeit insbesondere der Frau unterdrückt. Neuere Forschungen zeigen jedoch, dass dies nur auf die von den Nazis ausgegrenzten und verfemten Gruppen zutraf, wie die Zürcher Kunstwissenschaftlerin Elke Frietsch formulierte: „die sexuellen Unterdrückungsmaßnahmen des Regimes richteten sich überwiegend gegen Nicht-Arier und Homosexuelle […]. Die Kunst propagierte sexuelle Freizügigkeit, die die Menschen zur Reproduktion animieren sollte“.[18] Vor allem setzte sie sich mit den Bildern des Weiblichen in der Kunst des Nationalsozialismus auseinander, die zum „Inbegriff ‚ewiger Werte’ avancierten.“[19] Das Bild des „neuen Menschen“ sollte als „Bild der Überwindung des ‚Kulturverfalls’“ erscheinen.[20] Hierbei übernahmen weibliche Allegorien die Funktion, universale Werte abzubilden: „Das Weibliche wird so zum Bild nichtpartikularer Männlichkeit.“[21] Insofern griff diese Kunst relativ ungebrochen auf die traditionelle Personifikation der Natura als Frau zurück.

Vor diesem erotisch gefärbten Hintergrund geht wohl die bis heute populäre psychosomatische „Faschismus“-Theorie von Wilhelm Reich in die Irre, die den antrainierten „Körperpanzer“ der Volksgenossen für die Entladung der unterdrückten Sexualität in Krieg und Massenmord verantwortlich machte. Dagegen formulierte die US-amerikanische Historikerin Dagmar Herzog: „Das Ziel der Nazis war es nicht, Sexualität zu unterdrücken, sondern sie als Privileg nichtbehinderter, heterosexueller Arier zu etablieren“.[22] So wurde 1934 in einer internen Anweisung an alle BDM-Führerinnen empfohlen, die betreffenden Mädchen zum vorehelichen Geschlechtsverkehr zu ermuntern. Das daraus resultierende Problem der illegalen Abtreibungen sollte durch die „Lebensborn“-Heime gelöst werden, die aus heutiger Sicht weniger als arische Zuchtfabriken, als vielmehr Einrichtungen zu sehen sind, in denen unverheiratete deutsche Frauen heimlich ihre Kinder zur Welt bringen konnten.[23] Auf die von Dagmar Herzog in Frage gestellte These, wonach der massenhafte Ausbruch repressiver Gewalt im Faschismus auf die unterdrückte Sexualität zurückzuführen sei und nur eine sexuelle Revolution davon befreien könne, ist gegen Ende meiner Studie noch einmal zurückzukommen (Kap. 48).


[1] Weyrather, 1993, S. 218. [2] A. a. O., S. 7. [3] A. a. O., S. 218. [4] http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Diebitsch (18.06.2012) [5] Kunst im 3. Reich, 1974, S. 188. [6] Streeruwitz, 2008. [7] Rätz, 1999, S. 31 bzw. 34f. [8] Lévy, 1995, S. 64. [9] A. a. O., S. 80. [10] A. a. O., S. 95. [11] A. a. O., S. 97. [12] A. a. O., S. 98. [13] A. a. O., S. 99. [14] A. a. O., S. 101. [15] Barlösius, 1996. [16] Ebd., S. 216.[17] Langbehn 1891 [unpaginiert]. [18] Zit n. Hager / Hofer, 2008, S. 99. [19] E. Frietsch, 2006, S. 289. [20] A. a. O., s. 290. [21] A. a. O., S. 174.  [22] Zit. a. a. O., S. 100. [23] A. a. O., S. 102.


[i] Schott, 1993 [a], S. 452; → Abb. Mutter und Kind von Joachim Schich [ii] Kunst im 3. Reich, 1974: Bild Nr. 219; → Abb. Mutter und Kind von Karl Diebitsch [iii] Kunst im 3. Reich, 1974: Bild Nr. 218; → Abb. Heymann 1939 [iv] Kunst im 3. Reich, 1974, S. 140: Bild Nr. 140; → Abb. Schmitz-Wiedenbrück Kämpfendes Volk

 
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