12. Kap./5 * Melange von Magie und Technik

Die These von den okkulten Quellen des Nationalsozialismus ist verbreitet, die „braune Magie“ scheint eine faszinierende Erklärung des unfassbaren Geschehens zu bieten.[1] Freilich kann sie die „Banalität des Bösen“ nicht begreifen, die gerade nicht besonderen okkulten Strömungen, sondern dem unspektakulären Alltagsleben entsprungen ist.[2] Der englische Esoterik-Forscher Nicholas Goodrick-Clarke hat in seiner klassischen Studie „Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus“ die Bedeutung der „Ariosophie“ für die NS-Ideologie höchst präzise erforscht.[3] Er widersprach der verbreiteten These, dass die Nationalsozialisten im Sinne des aggressiven Antisemitismus und seiner Verschwörungstheorien primär von okkultistischen Strömungen gelenkt worden seien. Wenngleich es in Deutschland der 1920er und 1930er Jahre „einen okkulten Boom“ gegeben habe, sei es ein Trugschluss, so der österreichische Autor Hans Thomas Hakl, dass Hitler und der Nationalsozialismuis „ebenso okkulte Ursprünge“ gehabt haben müssten.[4] Hakl setzte sich kritisch mit der „Okkultisierung“ Hitlers auseinander, der sich einer „dämonischen Magie“ ausgeliefert habe.[5] Vor allem die okkultistische Literatur in Frankreich ließ sich um 1940 über das „okkulte Wirken Adolf Hitlers“ aus, der nach der Art der alten „barbarischen“  Magier als „Liebhaber der Wälder und Wasser, leidenschaftlichr Anbeter des unerbittlichen Gottes: Wodan“ gehandelt habe, wie es Edouard Saby damals in seinem Buch „Hitler et les Forces Occultes“ (1939) formuliert hatte.[6] Demnach erschien Hitler als „Medium“, „Magier und Eingeweihter“.[7] In einer anderen Publikation wurde sogar darüber spekuliert, dass er sich einem magischen Ritual unterzogen habe, das Vegetarismus und absolute Keuschheit voraussetze, um nach indischem und tibetischem Vorbild sexuelle Energie in okkulte umzuformen.[8] Inwiefern die alliierte Kriegspropaganda an der Entstehung solcher Gerüchte beteiligt war, sei dahingestellt.[9]

Es ist wohl plausibler, die unerhörte Explosivkraft des Nationalsozialismus damit zu erklären, dass Wirtschaft und Technik in ihrer völkischen Zielsetzung von einem magischen Denken begleitet und durchdringen wurden.[10] Der „reaktionäre Modernismus“ stellt eine weitere Erklärungsformel dar. Der US-amerikanische Historiker Jeffrey Herf wandte gegen „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno ein, dass nicht zu viel, sondern zu wenig Aufklärung zur Katastrophe geführt habe. Nicht die Aufklärung, sondern ihre inadäquate und bruchstückhafte Inkorporation in die deutsche Gesellschaft sei die Ursache des Unglücks gewesen: „Hitler‘s  Germany was never more than partly and woefully inadequately enlightened. Auschwitz remains a monument to the deficit and not the excess of reason in Hitler’s Reich.”[11]Gleichwohl kann man gerade bei der nationalsozialistischen Ideologie von einem Exzess einer (scheinbaren) Rationalität sprechen, der zur radikalen Perversion führte. Die Verabsolutierung biologischer Natur- und ökonomischer Leistungsgesetze, die von den einzelnen Menschen eine bedingungslose Unterwerfung unter ihre vorgebliche Rationalität verlangten, war eine fundamentale Voraussetzung der verbrecherischen NS-Politik.

Inwiefern spielte demgegenüber die „Magie der Natur“ im Nationalsozialismus eine Rolle? Wenn wir die besondere Paracelsus-Verehrung beachten, die Wertschätzung der Volksheilkunde und das Interesse an den naturgemäßen Heilweisen, so wird deutlich, wie sehr man auf die traditionelle Idee von der Heilkraft der Natur als maßgeblicher Gesundheitsquelle zurückgriff. Entscheidend war wohl die Erhebung der (vermeintlichen) biologischen Naturgesetze zu quasi göttlichen Geboten. Hier kam es bei den verschiedenen Kampagnen und Maßnahmen zu einer ständigen Beschwörung der Natur als einer magischen Urquelle der Weisheit. Die Explosivkraft des Nationalsozialismus rührte aber keineswegs alleine von einer Radikalisierung lebensreformerischer Ideen her, einer biologistisch-rassistischen Ersatzreligion, sondern von deren Kombination mit effizienter Technologie und rationeller Organisation einer Leistungsgesellschaft.

Nur die straffe Leistungsmaximierung mit dem Ziel der Weltherrschaft verlieh dem magischen Denken seine ungeheure Durchschlagskraft. „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ war die Zauberformel, mit der ein Gesamtorganismus zusammengeschweißt werden sollte. Dieses Geschehen wurde von Kritikern immer wieder massenpsychologische erklärt: als Ausdruck einer einer Art Massenhypnose, in der sich, wie Sigmund Freud meinte, das Ich der einzelnen Personen mit dem gemeinsamen Ich-Ideal identifiziert.[12] Aber ebenso wichtig waren sicher die mentalen und ideologischen Voraussetzungen, die Naturverehrung und ihre magischen Praktiken, wie sie vor allem in der Lebensreform praktiziert worden waren und die als obersten Wert die Reinheit der Natur erstrebten. Die Nähe mancher NS-Größen zu okkulten und esoterischen Strömungen ist bekannt, so etwa die Vorliebe von Rudolf Heß, dem „Stellvertreter des Führers“, für Naturheilkunde und Ganzheitsmedizin. Dennoch hatten solche Strömungen im Allgemeinen keine stärkere Affinität zum NS-Regime als der Berufsstand der Ärzte. Im Gegenteil: Manche Gesundheitsapostel und ihre Anhänger waren nicht integrierbar und wurden deshalb vom NS-Regime ausgegrenzt und verfolgt, wie etwa Carl Huter (Kap. 10).

1935 wurde in Nürnberg die „Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde“ unter Leitung des Vertreters der „Ganzheitsmedizin“ Karl Kötschau gegründet. In ihr waren insbesondere Vereinigungen der Naturheilkunde einschließlich der Homöopathie vereinigt. Das Projekt scheiterte letztlich am Widerstand der „Schulmedizin“ und wurde bereits nach knapp zwei Jahren ihres Bestehens wieder aufgelöst. Auch das Rudolf-Heß-Krankenhaus in Dresden, das Schul- und alternative Medizin integrieren sollte und an dem u. a. die Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel erforscht wurde, konnte keine längerfristigen Erfolge vorweisen. So zeigte sich ein bemerkenswerter Trend: Obwohl die Vorstellungen der „natürlichen“ Heilweisen der die Kräfte der Natur verherrlichenden NS-Ideologie („Blut und Boden“) entgegenkamen, unterlagen die betreffenden Berufsgruppen der Macht der ärztlichen Standesvertretungen. So setzte sich beispielsweise wegen des Drucks der Frauenärzte auch nicht die Hausgeburt gegenüber der Entbindung in der Klinik durch, wie sie vom „Hilfswerk Mutter und Kind“ – zusammen mit einer Aufwertung der Hebammen – propagiert worden war.[13] Die von der NS-Ideologie gepflegte romantisch erscheinende Naturheilkunde wurde – vermittelt über berufsständische Konflikte –vom naturwissenschaftlich-technokratischen Leistungsdenken in Schach gehalten und teilweise sogar unterdrückt.


[1] Freund, 1995. [2] Stockhammer, 1996, S. 175. [3] Goodrick-Clarke [1997], 2004. [4] Hakl [1997], 2004, S. 217. [5] A. a. O., s. 211. [6] Zit. a. a. O., S. 212. [7] Zit. a. a. O., S. 213. [8] A. a. O., S. 214. [9] A. a. O., s. 216. [10] Stockhammer, 1996, S. 176. [11] Herf, 1984, S. 234. [12] Freud [1921], GW, Bd. 13, S. 71-161. [13] H. Schott, 1993, S. 452.

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