# 12. Kap. Entartete Natur: Sehnsucht nach Lebenkraft

Es gibt keine genuine, konsistente Ideologie des Nationalsozialismus. Er vereinte in sich heterogene Denktraditionen und wahrscheinlich machte diese bunte Mischung seine ungeheure Sprengkraft aus. Drei allgemeine Strömungen, ideologische Konstruktionen, sind voneinander zu unterscheiden: (1) Eine Geschichtsauffassung, die den geistig-kulturellen Sonderweg der deutschen Geschichte behauptete; (2) eine Naturauffassung, die insbesondere naturgesetzliche biologische Gegebenheiten zur höchsten Autorität erhob und im Sinne der Rassenbiologie durchgesetzt werden sollte; und (3) ein Technikbewunderung, die auf Überlegenheit und Welteroberung abzielte und maximale Leistung forderte. Wenden wir uns hier der zweiten Strömung zu, der Naturauffassung. Grundsätzlich waren alle Ideen der Naturheil- und Lebensreformbewegung mit nationalsozialistischer Politik vereinbar und wurden von dieser auch mehr oder weniger vereinnahmt. Gerade die Idee einer Magie der Natur hatte Konjunktur, ließ sie sich doch sehr illuster gegen wissenschaftlichen Intellektualismus und biologische wie kulturelle „Entartung“ ins Feld führen. Vermeintlich einfache Wahrheiten, die das Volk über Jahrhunderte hinweg weitergab, waren nun nicht zuletzt auf dem Gebiet der Volksmedizin wieder gefragt. Magie und Religion schienen auch deshalb so bedeutsam, weil sie dem deutschen Wesen angeblich besonders entsprachen. So avancierte Paracelsus als Urbild des deutschen Arztes und erhielt den bereits in der Romantik geprägten Ehrentitel „Luther der Ärzte“ (Lutherus medicorum).[1] So wurde Goethes Faust zur Identifikationsfigur für deutschen Forschungs- und Eroberungsdrang erhoben.

Im Folgenden soll die Naturauffassung im „Dritten Reich“ beleuchtet werden. Sie kam in Bildern zum Ausdruck, die sich als Massenidole eigneten, propagandistisch verwendbar waren und für den „sozialen Kitt“ sorgten, ein Begriff, den der Psychoanalytiker Erich Fromm 1932 prägte. Weder der äußere Machtapparat, noch die rationalen Interessen, so Fromm, könnten das Funktionieren der Gesellschaft garantieren: „Es sind die libidinösen Strebungen der Menschen, die gleichsam den Kitt formieren, ohne den die Gesellschaft nicht zusammenhielte, und die zur Produktion der großen gesellschaftlichen Ideologien in allen kulturellen Sphären beitragen.“[2] Im Fall der sozio-ökonomischen Krise hörten die traditionellen Bindung auf, „Kitt zu sein und werden Sprengstoff.“[3] Bestimmte Bilder hatten offenbar die Funktion von ideologischen Klammern, welche verschiedene Denkrichtungen miteinander verbanden, so dass sich Naturphilosophie, Religion und Biologismus ineinander verschränken konnten. Ihre Imagination prägte den „Zeitgeist“. Man kann auch umgekehrt sagen: Der „Zeitgeist“ schuf sich seine Bilder, welche die Kraft hatten, Gruppen oder Massen von Menschen zu faszinieren. So verdankte sich die überragende Ausstrahlung der Illustrationen von Fidus ihrer vielfältigen Verwendbarkeit als Ideogramme, die jedermann einleuchteten.[4]


[1] Schott, 2007. [2] Fromm, 1932, S. 50. [3] A. a. O., S. 53. [4] Bibo, 1995; Schnurbein, 1996.

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