11. Kap./4 * Der „neue deutsche Mensch“ [+ Audio]

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Auf den Monismus als naturwissenschaftliche Ersatzreligion sind wir bereits an anderer Stelle eingegangen (Kap. 5). Sein Denkansatz war für die Ideologie der Lebensreform von fundamentaler Bedeutung. Die „naturgemäße Lebensweise“ war mehr als nur eine nostalgische Rückwendung zu vorindustriellen Naturidyllen. Vielmehr sollte nun erstmals in der Menschheitsgeschichte die wissenschaftliche Erkenntnis der Natur zur alleinigen Richtschnur gemacht werden. Dies bedeutete im Selbstverständnis der Akteure die endgültige Überwindung des Dualismus zwischen Natur und Geist, Mensch und Gott, Anthropologie und Theologie. Während die Romantik vom schmerzlichen Riss zwischen irdischer und göttlicher Welt ausging, an dem der Mensch zu leiden hatte, war hiervon im monistischen Menschen- und Weltbild keine Spur mehr vorhanden. Die „Gottnatur“ (Goethe) schien nun mit den neuen Methoden der Naturwissenschaften fassbar. „Geist“, „Gott“ oder „Himmel“ schienen untrennbar mit Materie, Mensch und Erde verbunden zu sein. Diese postulierte Eindimensionalität allen Naturgeschehens schien den Monisten wissenschaftlich unzweifelhaft verbürgt und bildete ihr zentrales Credo.

Das monistische Lebensgefühl schlug sich in Literatur, Kunst, Wissenschaft und Alltagsleben nieder. Der Erfolgsautor und Mitbegründer des Deutschen Monistenbundes Wilhelm Bölsche brachte es eindrucksvoll und faktenreich in seinen Schriften zum Ausdruck. Als Anhänger Ernst Haeckels ging er von der Abstammung des Menschen vom Affen aus und thematisierte die Darwinsche Evolutionslehre „vom Bazillus zum Affenmenschen.“ Den Kampf ums Dasein sah er mustergültig im Behauptungskampf der Spezies „Mensch“ gegen den Bazillus verwirklicht: „Die höchste und die niedrigste Form des organischen Lebens sind in offenen Kampf miteinander geraten.“ [1] Bölsches Spekulation über die „Urbazillen“ offenbarten den Kern seiner monistischen Sicht: Wie die Urbazillen auf der erkaltenden Erde der Entstehung der Tiere und Menschen vorausgingen, so könne der Mensch durch seine Kultur eines Tages zum „Urbazillus einer neuen Welt“ werden, zum „Bazillus gleichsam einer neuen Lebensära“.[2] Bölsche war fasziniert von der scheinbar unaufhaltsamen Potenz der Höherentwicklung, als deren vorläufigen Höhepunkt er das „Wirbeltier, das sich zum Menschen erhob“, ansah.[3] Der Mensch erschien letztendlich in seinem Körperbau als ein sakrales Gebilde: „dieser Schädel ist ja nur die Krone eines ganzen Knochengerüstes in dir, in dem sich alles stützt und trägt wie in einem wundervollen Säulentempel. Hier in der Mittellinie deines Rückens, zwischen den Schulterblättern abwärts zeigt sich […] in weicher Ornamentik gerade noch leise angedeutet die Hauptsäule dieses Tempels. Die Wirbelsäule.“[4]

Der Mensch wurde als eine Mischung aus Biologie und Technik begriffen. Biologisches erhielt technische Züge, Technik wurde mit biologischen Eigenschaften ausgestattet. So verbinde sich, wie Bölsche schilderte, der Geschlechtsakt mit einem „Nervengewitter“: „Das Nervengewitter der Wollust. Eine wilde, man möchte sagen, fast barbarisch wilde Lustempfindung schlägt in stürmischer Welle über dir zusammen. Wie ein hilfloses Schiff, das der Strudel packt, schlingt dich dieses Gefühl in seinen Abgrund hinab. […] Eine reine Naturempfindung. Fern deinem bewußten Denken. Ein plötzliches Aufleben deines physischen Untergrundes“.[5] Dabei sei das Physische nicht vom Geistigen getrennt. Alles Materielle sei schon „von Urbeginn an ein Geistiges“: „Nicht der Geist sinkt zur Materie herab, – sondern die Materie erscheint als das Ur-Geistige.“[6]

Bölsche und manche seiner Zeitgenossen propagierten ihren monistischen Glauben vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Wende mit dem Pathos des Aufbruchs, des Revolutionären, der Schaffung des „neuen deutschen Menschen“. In seinem 1934 publizierten Vortrag „Was muß der neue deutsche Mensch von Naturwissenschaft und Religion fordern?“ meinte Bölsche in Bezug auf die vergangene Neujahrsnacht: „War es nicht eine wirklich gnadenvolle Nacht? Hinter diesen roten Fenstern weilte überall der neue deutsche Mensch. Hier schon kühner, dort noch etwas verträumter […]. Ich dachte, was dieser neue Geist noch alles werde auszufechten haben – mehr als Siegfried der Drachentöter“.[7] Er nahm eine interessante Erweiterung des Monismus vor: Dieser sollte nun nicht mehr nur die Einheit von Natur und Geist, sondern auch die Vermählung von Naturforschung und „Schicksal“ bedeuten: „Denn erst in diesen Tagen vermählt sich im eigentlichsten Sinne diese gewaltige äußere Naturforschung mit dem Tiefsten und Heiligsten, das wir überhaupt besitzen: mit dem Geheimnis, der Idee und dem Schicksal unseres Volkes selbst.“[8] Die völkische Ausrichtung zielte auf die Überwindung des Einzelinteresses und die Aufopferung des Einzelnen für das Ganze: „Denn wir wissen, daß es [das Volk] weiterbesteht, wenn der Einzelne fällt.“[9] Eine solche Einstellung schien durchaus mit Goethes Begriff der „Gottnatur“ vereinbar zu sein. Auch Bölsche nahm wie zuvor Ernst Haeckel und unzählige andere Autoren seiner Zeit – keineswegs nur völkisch gesinnte – emphatisch Bezug auf den Olympier aus Weimar und vor allem auf dessen „Faust“. „Echteste“ Religion und „echte“ Naturwissenschaft sollten sich gegen den gemeinsamen Feind verbünden: den Materialismus: „Warum sollten sie sich nicht die Hand reichen auch im Zeichen dieses Idealismus als Gegenpart gegen den gemeinsamen materialistischen Feind?“[10] Die religiöse Inbrunst ist typisch, mit der die neue Zeit, der große „Zusammenfasser“, der „neue deutsche Mensch“ herbeigesehnt wurden. „In uns Deutschen lebt heute der tiefste religiöse Geist der Menschheit. Wir können gar nichts sein ohne Religion und die Religion nichts ohne uns.“[11]

Eine entsprechende Beschwörung der Religion im Namen der „echten“, nicht-materialistischen Wissenschaft machte sich auch in der zeitgenössischen Paracelsus-Rezeption bemerkbar, vor allem in der Gegenüberstellung von welscher bzw. italienischer Oberflächlichkeit, Erdgebundenheit und deutscher Tiefe, himmelstürmender Religiosität. So schrieb der Paracelsus-Mitherausgeber Wilhelm Matthießen: „Paracelsus suchte ein ‚drittes Reich‘, das Sinnliches und Übersinnliches zu einem neuen, einheitlichen Ganzen verbinde. […] Er ist also nicht nur ein gottesgläubiger Forscher, wie nach ihm Kopernikus und viele andere, sondern er nähert sich dem religiösen Menschheitsführer, dem Heiligen“. [12] Eine solche Stilisierung des (deutschen) Naturforschers und Arztes zum Führer und Heiligen wurde im ganz anders gearteten nationalsozialistischen „Dritten Reich“ als Vorbild für die weniger genialische Masse systematisch gepflegt, nachdem die Erb- und Rassenbiologie zur verbindlichen Staatsreligion erhoben worden war (Kap. 12).  


[1] Bölsche, 1904 [a], S. 4. [2] Bölsche, 1904 [b], Bd. 1, S. 114. [3] A. a. O., S. 402. [4] Bölsche, 1904 [b], Bd. 2, S. 74. [5] A. a. O., S. 176. [6] A. a. O., S. 394. [7] Bölsche, 1934, S. 3. [8] A. a. O., S. 9. [9] A. a. O., S. 14. [10] A. a. O., S. 46. [11] A. a. O., S. 47. [12] Matthießen, 1923, S. 51; H. Schott, 2007.

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