13. Kap./2 * Mit „Natur“ gegen „Unnatur“

Die sozialen Bewegungen um 1900 thematisierten die Geschlechterrollen. Naturheil- und Lebensreformbewegung, Arbeiter- und Frauenbewegung, völkische und sozialistische Reformansätze waren keineswegs immer klar voneinander abgrenzbar. Ohne Zweifel gehörte die Gender-Problematik zu den meist diskutierten Gegenständen: Was entsprach der „Natur“ der Frau? An welchen „natürlichen“ Gesetzen sollte sich das Geschlechtsleben orientieren? Wie sollte das Verhältnis von Mann und Frau in der Gesellschaft gestaltet, nach welchen Idealen sollte die Ehe geführt werden? Es ist bemerkenswert, dass auch in „fortschrittlichen“ sozialdemokratischen Kreisen verschiedene Ansichten bestanden. Grob gesagt gab es zwei unterschiedliche Positionen: Einerseits die Auffassung, die sich an das traditionelle Bild von der Frau als einer  „minderwertigen“ Gegenfigur zum Mann anlehnte und von ihrer prinzipiellen Andersartigkeit ausging; andererseits das egalitäre Bestreben, die – gerade auch biologische – Gleichwertigkeit der Frau nicht nur theoretisch zu behaupten, sondern auch im Sinne sozialer Gleichberechtigung gesellschaftlich durchzusetzen und praktisch herzustellen. Hier ist die sozialreformerische Ärztin Hope Bridges Adams-Lehmann zu nennen, die 1880 als erste Frau in Deutschland unter den gleichen Bedingungen wie die männlichen Studierenden ihr medizinisches Staatsexamen ablegte.[1] Sie kritisierte die selbstverschuldete „Schwachheit“ der Frauen und propagierte deren umfassende Ertüchtigung, insbesondere kräftigende Ernährung und Körperbewegung.

Dabei spielte der Begriff der Entartung eine zentrale Rolle: „Die entartete Ehefrau ist auch ein entartetes Weib.“ Auch die gesunde Frau von heute sei „immer noch ein entartetes Wesen, das von dem Mann an Körpergröße, an Muskelmasse und Muskelkraft, an Nervenmasse und Nervenkraft bedeutend übertroffen wird.“[2] Aber dies müsse nicht immer so bleiben. Sie war überzeugt, dass beide Geschlechter auch in biologischer Hinsicht prinzipiell gleichwertig seien. „Hat die Frau andere Knochen, andere Muskeln, andere Nervensubstanz, anderes Blut? Nein, sie hat sie nicht. Oder liegt in ihrem Geschlecht irgendein geheimnisvoller Grund, welcher sie dazu verdammt, ihr Lebtag schwächlich zu sein? (…) Dem ist glücklicherweise nicht so.“[3] So kritisierte sie die Meinung, die Frau verfüge über eine geringere Gehirnmasse als der Mann und deswegen über eine geringere geistige Kapazität, als eine Fehlinterpretation. Ihre Schlussfolgerung lautete: „Die Minderwertigkeit der Frau ist nicht Natur sondern Unnatur.“ Dies bezog sie ausdrücklich auch auf den häufig negierten Geschlechtstrieb der Frau, der natürlicher Weise in gleicher Stärke vorhanden sei wie beim Mann.

Die Thesen von Adams-Lehmann wurden vielfach von Arztkollegen bestritten, wiederum unter Berufung auf die „Natur“. Die körperliche Verschiedenheit der Geschlechter schien die soziale Rollenverteilung zu rechtfertigen. Die Naturanlagen der Frau entsprachen angeblich ihrer Rolle als häuslicher Gattin und treu sorgender Hausmutter. Sie schienen sich gerade auch in ihrem „weiblichen Geschlechtscharakter“ niederzuschlagen, nämlich in der vermeintlichen biologischen Gegebenheit, dass Frauen nicht vom sexuellen Begehren wie die Männer getrieben würden, gegen die sie sich zu wehren hätten. So meinte Marianne Weber, die Ehefrau des Soziologen Max Weber, die Ehe habe dazu geführt, dass „die ursprüngliche brutale Mannesgewalt durch Vertrag abgeschwächt wurde.“[4] Inwiefern wir diese Position der Andersartigkeit der Frau und ihres Geschlechtsempfindens der „bürgerlichen“ Frauenbewegung zuordnen können, und inwiefern jene egalitäre Vision von der prinzipiellen Gleichheit der Geschlechter der „sozialistischen“ Frauenbewegung, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass sich beide Lager gleichermaßen auf „die Natur“ beriefen und einen Verstoß gegen ihre Gesetzmäßigkeit als „Unnatur“, gewissermaßen als Sünde brandmarkten.

Diese Naturalisierung hatte direkte Auswirkungen auf die normative Festlegung der Geschlechterrollen in der Arbeitswelt: im einen Falle die klassische bürgerliche Aufteilung zwischen berufstätigem Familienvater und heimischer Hausmutter, die im Nationalsozialismus noch einmal eine gewisse ideologische Bestätigung erlebte und erst nach der 68er Studentenbewegung radikal in Frage gestellt wurde; im anderen Fall die sozialrevolutionär gedachte Gleichstellung bzw. Gleichschaltung der Geschlechter, die in der marxistisch-leninistischen Ideologie der Sowjetunion bis zu deren Untergang Staatsdoktrin war. Die sozialistisch inspirierten Gesellschaftskritiker konnten oder mochten sich nicht vorstellen, dass die Herausbildung des „neuen Menschen“, eines „neuen Geschlechts“, in seinen verschiedenen Varianten mit den epochalen Katastrophen des 20. Jahrhunderts (Nationalsozialismus, Stalinismus) einhergehen würde. So konnte auch Adams-Lehmann nicht ahnen, welche ideologischen und sozialpolitischen Abgründe sich noch auftun würden, als sie schrieb: „Die Natur hat die Frau mit den gleichen Kräften ausgerüstet wie den Mann und darum zu gleichen Leistungen bestimmt (…). Die Welt braucht die Arbeit der Frau und sie muß sie leisten. Es kommt also für sie darauf an, Verhältnisse zu schaffen, welche es ihr ermöglichen, die neue Arbeit mit den Aufgaben der Mutterschaft zu vereinen, um beiden gerecht zu werden (…). Denn die neue Zeit mit ihren neuen Forderungen verlangt auch ein neues Geschlecht.“[5]

Gerade bei der Bewertung des Sexuallebens war der Naturbegriff von entscheidender Bedeutung. Gesundheit und Krankheit hingen letztlich davon ab, inwieweit die Formen der Sexualbetätigung einer naturgemäßen Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen entsprachen. Adams-Lehmann argumentierte in ihrem programmatischen Aufsatz „Sexuelle Pädagogik“ vehement gegen die Unterdrückung des natürlichen Geschlechtstriebes und die daraus resultierende „Unnatur“. Vor allem lag ihr die „sexuelle Befreiung des Weibes“ am Herzen.[6] Eltern sollten im Hinblick auf die sexuelle Erziehung ihrer Kinder „in den Naturwissenschaften zu Hause“ sein. „Die Natur geht ihre Wege, ohne sich um unsere Theorien oder Bequemlichkeit zu kümmern. Sie lässt den Menschen nicht plötzlich über Nacht vom Kinde zum Mann oder zum Weib reifen, sondern das geschieht ganz allmählich“.[7] Sexuelle Ausbrüche seien nur dann krankhaft, wenn sie „den Zielen der Natur entgegen sind.“[8] Aber selbst bei idealen sozialen Verhältnissen, die nur der Sozialismus der Zukunft bieten könne, sollten sich die Erzieher bewusst sein, das sie „immer noch Stümper neben der Natur“ seien, und sich nicht einbilden, „mit ihr nun ein für allemal fertig geworden zu sein.“[9] Der Dreh- und Angelpunkt der sexuellen Pädagogik war es, „im Sinne der Natur“ bei den Kindern in zu frühem Lebensalter „die Natur zurückzudrängen“, sie später aber frei zu geben, „in dem die Natur Jüngling und Jungfrau an die Hand nimmt und sie einander entgegenführt.“[10] An anderer Stelle heißt es: „Ein Mädchen mag noch so unwissend sein, die Natur sorgt für Aufklärung, wenn sie liebt.“[11]

Die Argumentation von Adams-Lehmann verband die Vorstellung von einer naturgemäßen Lebensführung, insbesondere in sexueller Hinsicht, mit der Utopie einer sozialistischen Gesellschaft, in der „Nervosität und Frühreife“ verschwinden, alle möglichen Krankheiten durch entsprechende Maßnahmen ausgerottet werden und das „Reich der freien Liebe“ endlich beginnen kann. Anders als die vorherrschenden vegetarischen Strömungen der Lebensreformbewegung warb sie für reichliche Fleischernährung der Kinder, die „relativ viel mehr Eiweiss als Erwachsene“ bräuchten.[12] Im Übrigen hielt sie die Onanie für eine unschädliche physiologische Betätigung, wenn sie nicht „zu einem nervenschädigenden Übermass oder zu einer dauernden Gewohnheit wird.“ [13] Ähnlich schädlich sei der übermäßige Geschlechtsverkehr „durch allzuhäufigen Nervenreiz“, zwei- bis dreimaliger Verkehr in der Woche sei normal.[14] So fungierte „die Natur“ im sozialistischen Lager ebenso als Berufungsinstanz für alle gesundheitlichen, sozialen und politischen Forderungen wie im bürgerlich-konservativen Lager, wenn auch teilweise mit gegensätzlichen Inhalten.

Der Begriff der Unnatur war auch außerhalb von Biologie und Medizin bedeutsam. Der Freiburger Philosoph Rainer Marten hat ihn neuerdings sogar eingesetzt, um seine Kapitalismus-Kritik im Rückgriff auf die antike Philosophie zu begründen.[15] Für Marten zeigt sich die Unnatur in der „Selbsternötigung“: „Für den Kapitalismus ist nichts nötiger, als daß er erhalten und gesteigert wird, und dazu ist allein er selbst nötig.“[16] Aristoteles habe in der „Politik“ die Unnatur im Geldanhäufen gesehen:  „Wie aber nackte Lebensgier ins Grenzenlose zielt, so auch jede besondere Genußgier.“[17] Die „Natur“ des Menschen entdecke sich in dieser alle Pragmatik ausblendenden philosophisch-moralischen Perspektive als Unnatur: „Seine Triebnatur arbeitet sowohl im Lebens- als auch im Genußtrieb gegen seine Bedürfnisnatur. Seine Begierde (epithymia) bringt ihn dahin, anstatt des zum Leben Nötigen des für das Am-Leben-Sein und das gute Leben Überflüssigen zu ‚bedürfen’ – und dadurch ist es zur anderen Art der Erwerbskunst gekommen [Politik I 9, 1258a5 f.], der unnützen und schädlichen. Man macht jetzt Schuhe, nicht damit sie angezogen werden, sondern für den Tausch; man führt Krieg und behandelt Kranke, nicht um zu siegen und zu heilen, sondern um Geld zu machen.“[18]

Das Zusammengehen von Lebensreform und Naturheilkunde um 1900 hatte ein gemeinsames Ziel: Gesundheit. Die ökologische Bewegung der Gegenwart zielt auf eine Gesundheit der Natur („Umwelt“) als Voraussetzung für die Gesundheit des Menschen ab. Spuren des alten Mikrokosmos-Makrokosmos-Modells lassen sich erkennen, etwa bei der anthroposophisch orientierten „biologisch-dynamischen Landwirtschaft“. Die „Heilkraft der Natur“ wird auch heute noch ubiquitär als eine Zauberformel der Werbung eingesetzt, nicht nur in der traditionellen Naturheilkunde, sondern auch bei der säkularisierten Heilsuche in der Fitness– und Wellness-Welt. Dabei erscheint die Gesundheit als höchstes Gut, dass es zu sichern und zu mehren gilt. Der rheinische Psychiater und Theologe Manfred Lütz sieht die Medizin insgesamt als Dienerin einer neuen Religion, der „Gesundheitsreligion.“[19] In lebhaftem und an (rheinische) Büttenreden erinnerndem Stil attackiert er mit katholischem Selbstbewusstsein die Auswüchse dieser Ersatzreligion: „Die Gesundheitsreligion ist ein humorloser, gefräßiger Tyrann, der die Menschen von morgens bis abends traktiert, bedroht, belehrt und mit rituellem Gesundheitsgeschwätz das eigenständige Denken einschläfert. Die Leute glauben nicht mehr an den lieben Gott, sondern an die Gesundheit, und alles, was man früher für den lieben Gott tat – Wallfahrten, Fasten, gute Werke vollbringen –, das tut man heute für die Gesundheit. […] Man muss was tun für die Gesundheit, von nichts kommt nichts, wer stirbt, ist selber schuld. Und so rennen die Leute durch Wälder, essen Körner und Schrecklicheres – und sterben doch.“[20] Alles laufe darauf hinaus, so Lütz, die „Lebenslust“ zu zerstören.

Um im Bild von Lütz zu bleiben: Wollte man früher durch religiöse Übungen in den Himmel kommen, so möchte man heute durch weltliche Kulte die „Gesundheit“ erreichen und in ein utopisches Gesundheitsparadies eingehen – ein Unterfangen, das Friedrich Nietzsches „großer Gesundheit“, deren „Argonauten“ „schiffbrüchig“ und „gefährlich-gesund“ unterwegs sind, diametral zuwiderläuft.[21] Davon kann in der medikalisierten und durchrationierten Fitness– und Wellness-Welt kaum die Rede sein. Es ist interessant, wie das Wellness-Marketing die als Frau personifizierte Natur verwendet. So sehen wir auf dem Prospekt einer Fachklinik für Geriatrie, Orthopädie und Naturheilverfahren Tempelsäulen und darunter ein schöne, mit einem Badetuch umhüllte Frau am swimming pool sitzen. (Abb.)[22] Das Arrangement suggeriert dem Betrachter einen Gesundheitstempel mit einer auf ihn wartenden Heilgöttin. Der Prospekt führt auch vor Augen, wie klinische Medizin, Naturheilkunde und Wellness-Angebot Hand in Hand gehen. Ihre gemeinsame Klammer ist die Naturidylle, die die Seele angeblich baumeln lässt. Auf einem älteren Werbeplakat mit der Aufschrift „Ich bin Dein Urlaubsparadies“ für das Salzburger Land ist die alpine Naturlandschaft als Frau dargestellt: Adlernest als Krone auf dem Kopf, ein Kleid mit Faltenwurf, das die alpine Bergwelt mit Fauna und Flora zeigen soll. (Abb. [i])      

[1] Krauss, 2005, S. 119. [2] Adams-Lehmann, 1899, S. 13. [3] Zit. n. Krauss, 2005, S. 123. [4] Zit. a. a. O., S. 131. [5] Zit. a. a. O., S. 135. [6] Adams-Lehmann, 1907, S. 752. [7] A. a. O., S. 755. [8] A. a. O., S. 756. [9] A. a. O., S. 757. [10] A. a. O., S. 758. [11] Adams-Lehmann, 1899, S. 11. [12] Adams-Lehmann, 1907, S. 753. [13] A. a. O., S. 756. [14] Adams-Lehmann, 1899, S. 16. [15] Marten, 2009. [16] Ebd., S. 12. [17] Zit. a. a. O., S. 114.  [Politik I 9, 1258a6]. [18] Ebd. [Politik I 9, 1258a10. 14.].[19] Lütz, 2006. [20] Ebd., S. 12. [21] F. Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft (1882), Aphorismus 382; http://www.textlog.de/21488.html (12.10.2010). [22] Prospekt der „Allgäu-Klinik“ (2006); → Abb. Allgäu Klinik [23] Modersohn, 1997, S. 382: Abb. 186; → Abb. Salzburger Land

[i] Modersohn, 1997, S. 382: Abb. 186; → Abb. Salzburger Land

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