13. Kap./3 * Neuheidnische Naturmagie

Mit dem Aufkommen von New Age und ökologischer Bewegung gegen Ende des 20. Jahrhunderts blühten bestimmte Formen der Naturreligion auf, die sich bewusst auf vor- und außerchristliche Traditionen beriefen und heidnische Bräuche zelebrierten. So wurden in Westeuropa keltische und germanische Kulte wieder belebt, deren Akteure sich explizit als Neuheiden definierten. Es ist bemerkenswert, dass sie auch Elemente der „natürlichen Magie“ integrierten, die in Renaissance und früher Neuzeit Konjunktur hatten.[1] In der zweiten Hälfte des 20. Jarhunderts vollzog sich in der naturreligiösen Bewegung und ihrem Hexenkult eine Wende: von einem esoterischen Fruchtbarkeitskult, wie ihn Gerald Gardner, der englische Okkultist und Begründer der Hexenreligion Wicca, in den 1950er Jahren entwickelte, hin zu einer umfassenden Naturreligion zur Erhaltung und Rettung der Umwelt.[2] Gegenwärtig ist Wicca eine bedeutende Richtung der modernen Esoterik, die sich implizit oder explizit an traditionelle magische Praktiken anlehnt und bei magnetisch-sympathetischen Kuren der frühen Neuzeit Anleihen macht (Kap. 32). So weist Wicca mit ihrem besonderen Naturbezug „eine Mischung von Animismus und Pantheismus“ auf, ohne sich jemals „aus dem abendländisch geprägten Kontext“ zu entfernen.[3]

Die einschlägigen Schriften haben häufig das Format von Nachschlagewerken und Anleitungen für den alltäglichen Hausgebrauch. So enthält das „Handbuch der Natur- und Elementarmagie“ eines Wicca-Vertreters praktische Ratschläge ohne weiterführende Literaturangaben. Der Leser ist mit einem bunten Sammelsurium traditioneller magischer Rituale konfrontiert. So werden zum Beispiel unter „Meeresmagie“ folgende Ratschläge gegeben: „Wenn du mal eine besondere Muschel finden solltest, dann kannst du aus ihr ein Schutz- oder Glücksamulett herstellen.“ [4] Oder: „Wenn du eine kleinen Stein in das Loch des Hühnergottes steckst, so dass es fest darin verankert ist, und ihn dann ins Meer wirfts, wird die Liebe dich finden.“ [5] Natürlich darf die Magnet-Magie nicht fehlen, die u. a. zur Angstabwehr empfohlen wird: Man soll zu einem Wasser gehen und einen Magneten in der Krafthand halten und alle Angst und Furcht in ihn einfließen lasssen. „Wenn der Magnet schier zu platzen droht vor Energie, wirf ihn ins Wasser. In dem Moment, wo du ihn loslässt, lassen auch all die Energien los, mit denen du deine Angst genährt hast. Du wirst dich besser fühlen. Wenn nötig, wiederhole das Ritual.“[6]

Im Kontext der zeitgenössischen Esoterik wird der Begriff der Magie und insbesondere der Naturmagie inflationär gebraucht. Es gibt abschreckende Beispiele für oberflächliche, falsche und verschwommene Darstellungen, die den Modebegriff ohne jeden historischen oder philosophischen Tiefgang abhandeln.[7] Die Heil(s)versprechen einschlägiger Publikation um 2000 erinnern an diejenigen der Naturheilkunde um 1900, wenngleich die mystische Komponente mit ihrem kosmischen Anspruch im Sinn der Wicca heute wahrscheinlich noch stärker in Erscheinung tritt. Besondere Orte haben eine herausragende Bedeutung, insbesondere Glastonbury, das von englischen Okkultisten als „Herzchakra“ der Erde gepriesen wird, „denn an diesem heiligen Ort wurden in alter Zeit die wichtigsten Einweihungen vollzogen. Jede Manipulation an diesem Ort, im Guten wie auch im Bösen, wirkt sich auf die Gesundheit und das Wohl der Menschheit aus, wirkt auf das Herzchakra jedes Menschen, da wir alle über die Erdenseele miteinander und mit der Erde verbunden sind.“[8] Mineralien und Pflanzen sollen als lebendige Naturdinge empfunden werden, zu denen man geistigen Kontakt aufnehmen könne. Der Ratschlag, wie man kranke Bäume stärken, ihnen „Energie schenken“ könne, erinnert an das Magnetisieren oder Eletkrisieren von Bäumen im Sinne von Mesmerismus oder und „l’électro-culture“ um 1800 (Kap. 28): „Legen Sie Ihre Hände an den Stamm des kranken Baumes, öffnen Sie Ihr Herz, und stellen Sie sich vor, wie grünes heilendes Licht durch Ihre Hände in den Stamm einfließt und sich von dort wohltuend im ganzen Baum verteilt.“[9]

Vivianne Crowley, eine jungianische Psychologin und Hohe Priesterin der Wicca-Religion aus London, publizierte 1989 ihre umfassende und sehr beachtete Studie „Wicca: The Old Religion in the New Age“. In einer populären Kurzdarstellung warb sie in der breiten Öffentlichkeit um Verständnis für die neue Religion: „Hexenkunst ist nicht bloß Magie. Wicca ist eine heidnische Mysterienreligion von Göttin und Gott. Außerdem ist es auch eine Naturreligion.“[10] Sie stellt uns eine weitgespannte synkretische Religion vor: „Die Geschichte des Wicca ist die Geschichte der Naturmagie, heidnischer Mysterienschulen wie der von Ägypten und Eleusis und der keltischen Spiritualität. Wicca greift zurück auf Mystik, Astrologie, Runen, Tarot und heute auch auf Erkenntnisse aus der Psychologie.“[11] Die magischen Methoden erscheinen ebenso synkretistisch zusammengestellt: Visualisierung, Konzentration, Trance, ätherische Energie in den körpereigenen Energiezentren („Chakras“).[12] Selbstverständlich ist für die Magie auch der Mond wichtig: „Der Mond beeinflusst viele Körperrhythmen. […] Bei Vollmond sieht man einfach besser. Außerdem beeinflusst der Mond die außersinnlichen Fähigkeiten. […] auf jeden Fall ist Magie bei Vollmond viel einfacher.“[13] Göttin und Gott sind gleichberechtigt in dieser Lehre, die sich explizit auf C. G. Jungs Psychologie beruft.  So gibt es zum Thema „Magie“ außerhalb der scientific community seit einigen Jahrzehnten eine Flut von mehr oder weniger esoterischen Publikationen. Sie sind zum Teil als populärwissenschaftliche Enzyklopädien aufgemacht.[14] Magie in der Medizin findet natürlich besondere Beachtung.[15] Zwei Richtungen der Magie haben sich angeblich herausgebildet: die „naturmagische“ Richtung mit modernem Hexentum (Wicca-Bewegung) und Neo-Schamanismus sowie die „technocybermagische“ Richtung, die sich in ihrer eigenen Welt „heilige Bilder“ neu schaffe.[16]

Auch auf dem Gebiet der modernen Esoterik gab es Glaubenskonversionen, beispielsweise „von Satan zu Christus“, wie der Titel eines Interviews mit der betagten Okkultistin Ulla von Bernus (Ursula Pia Freiin von Bernus) anzeigt.[17] Sie war die Tochter des Schrifstellers und Alchemisten Alexander von Bernus und mehrfach in ihrem Leben in Skandale verwickelt, die sich um ihre schwarzmagischen Praktiken drehten und sie schließlich in den 1980er Jahren zur „bekanntesten Hexe Deutschlands“ machten.[18] Im besagten Interview berichtete sie von ihrem frühesten Erlebnis mit der weißen Magie, als sie im Alter von fünf Jahren in München Engel in ihrem Zimmer sah: „Die Engel blieben eine ganze Weile, und ich kann mich noch genau entsinnen, wie sie sich immer von links nach rechts bewegten. Ich habe meinen Vater gefragt, ob er auch diese Engel sehe. ‚Ja, natürlich’, sagte er damals zu mir, auch wenn er später gestanden hat, daß er nichts gesehen habe.“[19] Ulla von Bernus, die später Jahrzehnte lang als Hexe schwarzmagisch tätig war, berichtete über ihren Seitenwechsel. Vom Interviewer gefragt: „Bisher war Dein Gott Satan. Ist es jetzt Christus?“ anwortete sie: „Absolut! Es gibt nur die zwei. Das ist aber eine Ansicht, die ich auch schon vorher vertreten habe. Beide stehen sich frontal gegenüber. Das geht auch schon aus der Versuchungsgeschichte des neuen Testaments hervor, als Christus ‚Hebe dich hinweg Satanas’ ausspricht und nicht umsonst 40 Tage vorher gefastet hat, bevor er seinem Kontrahenten gegenübertreten kann.“[20] Die 82-jährige von Bernus sprach sich nun an ihrem Lebensende gegen die schwarzmagischen Praktiken wie „Experimentalmagie“ und „Zwangsmagie“ aus, die sie selbst ausgeübt hatte. Es kommt einem unheimlich vor, dass sie in Rotenburg a. d. Fulda in unmittelbarer Nachbarschaft von Armin Meiwes, dem „Kannibalen von Rotenburg“ gelebt hatte und mit dessen Mutter befreundet gewesen war − allerdings den skandalösen Fall von Kannibalismus nicht mehr erlebte, der sich einige Jahre nach ihrem Tod 1998 ereignete.[21]

Schwarze und weiße Magie lassen sich ebenso wenig trennschaft auseinanderhalten wie heidnische und christliche Naturmagie oder Hexerei und Geistheilung. Je nach Standpunkt kann ihre Bewertung auch ins Gegenteil umschlagen. Rudolf Steiners Anthroposophie bietet hierfür ein prominentes Beispiel, die wegen fragwürdiger Verwicklungen ihres Protagonisten in den Okkultismus heute zum Teil kritisch gesehen wird.[22] Auf die betreffende Kontroverse um Steiner soll hier nicht eingeganen werden. Die von dem Anthroposophen Wolfgang Weirauch herausgegebenen „Flensburger Hefte“ widmen sich diesem Grenzbereich von Magie, Naturphilosophie und Theosophie. Wer Steiners Definition von schwarzer Magie studiere, werde erkennen, so Weirauch, „daß es damit noch nicht sein Bewenden hat. Viele menschliche Eigenschaften, die wir heute schon fast als normal bezeichnen, muß man dann nämlich zum schwarzmagischen Umfeld rechnen: Hypnose, jede Beeinflussung bzw. jeder Eingriff in die Willenssphäre anderer Menschen, letzlich sogar den egoistischen Genuß auf Kosten anderer.“[23] Demgegenüber ziele die weiße Magie auf die „Vergeistigung der Erde“. Es gehe um die „Erlösung der Elementarwesen, […] indem man das Geistige hereinruft“ und dabei „immer um die Christuskräfte, die sich bereits mit der Erde verbunden haben“.[24] Ähnlich wie Wicca ist auch Steiners Anthroposophie soszusagen auf dem Mist der europäischen Ideengeschichte gewachsen. Hierzu gehören auch Spekulationen über Natur- oder Elementargeister, die neuerdings durch die isländische „Elfenbeauftragte“ Erla Stefánsdóttir auch in Deutschland öffentliche Aufmerksamkeit erregten.[25] Das einzig Überraschende ist die Tatsache, dass anachronistische Elemente unserer eigenen Kultur- und Wissenschaftsgeschichte heute als sensationelle Neuheiten erscheinen und als solche verkauft werden können.


[1] Greenwood, 2005, S. x. [2] A. a. O., S. 23. [3] K. Fischer, S. 231. [4] Cunningham, 2004, S. 161. [5] A. a. O., s. 163. [6] A. a. O., S. 87. [7] Suhr / Seifert, 2009. [8] Hodapp / Rinkenbach, 2001, S. 25. [9] A. a. O., S. 115. [10] Crowley, 2001, S. 3. [11] A. a. O., S. 7. [12] A. a. O., s. 50 f. [13] A. a. O., s. 57. [14] Suhr / Seifert, 2009. [15] Silva, 1975. [16] Suhr / Seifert, 2009, S. 62 f.; Drury, 2003. [17] Schwarze und weiße Magie, 1995, S. 6-27. [18] http://de.wikipedia.org/wiki/Ursula_Pia_von_Bernus (28.02.2012). [19] Schwarze und weiße Magie, 1995, S. 7. [20] A. a. O., s. 16. [21] http://de.wikipedia.org/wiki/Armin_Meiwes (16.06.2012). [22] Zander, 2001, 2011. [23] Schwarze und weiße Magie, 1995, S. 5. [Editorial]. [24] A. a. O., S. 174. [25] Stefánsdóttir, 2011.

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