# 13. Kap. Reine Natur: Das verlorene Paradies

Die biblische Geschichte von Paradies, Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies wurde in der Wissenschafts- und Medizingeschichte in mannigfaltigen Variationen nacherzählt. Dieses überaus bedeutsame Narrativ hatte vor allem in der romantischen Naturphilosophie Konjunktur. Beispielhaft wäre hier „Die Symbolik des Traums“ von Gotthilf Heinrich Schubert zu nennen, der die Geschichte sprachtheoretisch wendete. Er identifizierte den Sündenfall des Menschen mit dem Turmbau zu Babel und der daraus resultierenden Sprachverwirrung. Der Mensch sei taub für den Sinn der Sprache Gottes und der Ursprache („Hieroglyphensprache“) der Natur geworden und sei deshalb von seinem Ursprung abgeschnitten. Aber auch die Theoreme von Karl Marx und Sigmund Freud spiegeln diese Geschichte vom Menschen wider, der aufgrund eigener Schuld in unparadiesischen Verhältnissen leben muss. Der kapitalistische Mehrwert als Resultat der entfremdeten Arbeit und das neurotische Elend als Resultat des Ödipuskomplexes, der vom Urvatermord genährt wird, verweisen nämlich beide auf einen ursprünglichen, gesunden Zustand ohne Entfremdung und ohne Neurose. Ein solches Denkmodell steuerte automatisch auf die therapeutische Frage zu: Wie kann der Mensch doch noch ins Paradies zurückkehren, die Sprache Gottes wieder verstehen, seine Selbstverwirklichung in der Arbeit finden, seine Neurose loswerden – was Freud letztlich nicht für möglich hielt – oder seine Störungen  zumindest auf ein erträgliches Maß abmildern, „ermäßigen“, wie Letzterer zu sagen pflegte?

In der ökologischen Bewegung unserer Zeit, die das Erbe der Lebensreformbewegung übernommen hat, ist die Geschichte vom Sündenfall besonders virulent und die Argumentation recht einfach: Der Mensch hat sich der Natur aus Habgier und Zerstörungslust bemächtigt;  und auf die Sünde folgt die Strafe bzw. die Rache. So titelte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im Hinblick auf die Überschwemmungskatastrophe an der Oder 1997: „An der Oder rächt sich die Natur für die Sünden von Jahrzehnten“.[1] In dem betreffendem Bericht heißt es dann „’Die Natur schlägt einfach zurück’, sagt Matthias Freude, Präsident des Landesumweltamtes Brandenburg. Die Hochwasserschäden seien nun teurer, so der Umweltexperte, als die überfällige Umrüstung der Kohlekraftwerke im polnisch-tschechisch-deutschen Grenzraum, dem ‚schwarzen Dreieck’.“[2] Die Oder wird in diesem Zusammenhang aber nicht nur als Rächerin für Umweltsünden bezeichnet, sondern auch als „Schicksalsfluss“, der wieder Schicksal spiele, und als ein neugieriges Wesen, wie ein Deichwärter meinte, das nur einmal sehen wollte, wie die Nachbarn miteinander auskämen.[3] Das Grundmuster solcher Gedankengänge ist klar: Die vom Menschen gekränkte und geschädigte Natur schlägt zurück und rächt sich an ihm. Sie reagiert mit Macht auf seinen Frevel.


[1] Schlacht an der Oder, 1997. [2] Ebd, S. 24. [3] A. a. O., S. 30.

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