14. Kap./5 * Tödliche Strahlen

Es gehört zur Ambivalenz menschlicher Naturauffassung, dass die Natur einerseits als eine „böse“ Macht, andererseits als ein „reines“ Allwesen empfunden werden kann. Die Strahlenmetaphorik zeigt dies eindrücklich. Krebs erzeugende Erdstrahlen oder Melanom erzeugende Sonnenstrahlen gehören zur erstgenannten Kategorie, heilende Ausstrahlungen von Naturdingen wie Edelsteinen oder Wasser von „Heilquellen“ zur letztgenannten. Eine ähnliche Ambivalenz finden wir auf der Ebene der „zweiten Natur“, die vom Menschen artifiziell gebildet wird. Die Trockenlegung von gesundheitsschädigenden Sümpfen oder das Einbauen von Entlüftungsanlagen in Großbauten sind Beispiele für das Bemühen, die „zweite Natur“ als gestalteten Lebensraum des Menschen „rein“ zu halten. Der zerstörerische Umgang mit der Umwelt zeugt vom Gegenteil. Die Vergiftung der Umwelt durch die menschliche Zivilisation wurde seit Ende des 18. Jahrhunderts verstärkt thematisiert und insbesondere in „medizinischen Topographien“ ausführlich dargestellt. Bereits Christoph Wilhelm Hufeland, der berühmte Arzt der Goethezeit, warnte vor der Umweltvergiftung und empfahl, „lieber eine Wohnung an der Außenseite der Stadt“ zu bewohnen, um die üble „Stadtatmosphäre“ leichter verlassen zu können – „in der einzigen Absicht, um einmal reine Luft zu trinken.“[1] Die Luft erschien ihm als Nahrungsmittel, das bei Verunreinigung den Menschen innerlich vergiften würde.

Technische Innovationen wurden häufig sowohl von bestimmten („sensitiven“) Menschen als Gefahrenquelle empfunden als auch in der medizinischen Fachliteratur als pathogene Faktoren angeprangert. Bekannte Beispiele sind die „railway spine“ als angebliche Schädigung des Rückenmarks durch Eisenbahnfahren oder die „Neurasthenie“, die Nervenschwäche als Folge von nervenaufreibendem Telefonieren, Verkehrslärm und anderen Belästigungen durch technische Neuerungen. Die 1895 entdeckten Röntgenstrahlen („X-Strahlen“) revolutionierten binnen kürzester Zeit die medizinische Diagnostik weltweit. Allenthalben wurden Röntgenabeilungen geschaffen, und bereits 1905 kam es zur Gründung der Deutschen Röntgengesellschaft. Die ungewollten Röntgenschäden, denen vor allem die Röntgenärzte selbst, aber auch Physiker und Techniker zum Opfer fielen, machten sich schon bald bemerkbar und erforderten entsprechende Schutzvorrichtungen, wie die Zeichnung eines mit einer Bleiplatte abgeschirmten Raumes zum Schutz des Röntgenologen aus dem Jahr 1907 zeigt. (Abb. [i]) Nach Bekanntwerden der Gefährlichkeit der Röntgenstrahen wuchsen die Strahlenängste, die bei manchen Menschen, insbesondere bei psychiatrischen Patienten eine Art Verfolgungswahn auslösten. In der „Bildnerei der Geisteskranken“, der heutigen Sammlung Prinzhorn an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg, finden sich entsprechende von Patienten angefertigte Bilder. So zeichnete ein Patient mit der Diagnose „Psychopathie“ namens Jakob Mohr um 1909/1910 in der Wieslocher Irrenantalt „starke elektrische Wellen“, die sein Leben bedrohen und von einer Person (dem Psychiater?) außerhalb seiner Zelle ausgehen, die einen Bestrahlungsapparat bedient. (Abb. [ii]) In einer Inschrift ist von einem „fortwährenden automatischen Fernhypnotismus“ die Rede.

Anmerkung vom 17.08.2015

In einer weiteren Zeichnung taucht ein sehr ähnlich gestaltetes Motiv der lebensbedrohlichen Bestrahlung auf. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Noch um 1900 erschienen die Röntgenstrahlen weniger als Strahlen der Vernichtung, da das Ausmaß der Strahlenschäden noch nicht abzusehen war, als vielmehr als Strahlen der Wahrheit, die das Unsichtbare Innere des Menschen bloßstellten und vorzeitig seine sterblichen Überreste, sein Skelett, sichtbar machten (Kap. 10).

Anmerkung vom 2.01.2016

Diese schillernde “Magie der Strahlen” im Empfinden der Menschen um 1900, angeregt durch Röntgens Entdeckung der “X-Strahlen”, habe ich in einem kürzeren Artikel dargestellt, der in meinem Blog Schott’s Published Writings Online abrufbar ist.

Die Entwicklung von Kernwaffen während des Zweiten Weltkriegs bedeutete eine neue Qualität der Angst vor von Menschen produzierten Strahlen. Die zerstörerische Potenz der „zweiten Natur“ hatte in Form von Massenvernichtungswaffen einen Gipfelpunkt erreicht. Vor allem durch die über Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Atombomben am Ende des Zweiten Weltkriegs sowie die Katastrophen von Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011, welche die Gefahren der „friedlichen Nutzung“ der Atomenergie augenfällig machten, bekam die Angst vor einer radioaktiven Verstrahlung der Umwelt durch Kriege, Terroranschläge, Reaktorunfälle oder unsichere Endlager für den Atommüll eine reale Grundlage. Doch im medizinischen Bereich gibt es noch eine andere Art von Strahlenangst, die gesundheitspolitisch recht bedeutsam ist: Zum einen die Angst vor schädlichen Strahlen aus der Natur, etwa vor angeblich Krebs erregenden „Erdstrahlen“ (Kap. 9); zum anderen die Angst vor schädlichen Nebenwirkungen moderner Technologien, etwa vor dem „Elektrosmog“. Gesundheit schädigende Strahlen sind seit Jahrzehnten ein Dauerthema, das Medizin und Öffentlichkeit beschäftigt. Nirgends kann man das Auseinanderklaffen zwischen subjektiven wahrgenommenen Beschwerden einerseits und objektiv festgestellten Messergebnissen andererseits so deutlich beobachten wie auf dem Gebiet der Umweltmedizin bzw. Umwelthygiene. Gerade hier sind wir unmittelbar mit dem Nocebo-Phänomen im Alltagsleben konfrontiert, wo „Einbildung“ und „Wirklichkeit“ häufig nicht mehr voneinander zu trennen sind und die Übergänge zwischen „normalem“ und „psychotischem“ Erleben fließend sind. Ein illustres Beispiel sind die Energie- oder Strahlenwaffen (directed-energy weapons, DEW), die seit den 1980er Jahren vom US-Militär entwickelt wurden. Sie werden von psychisch sensiblen bzw. kranken Menschen in einer Art Verfolgungswahn als reale Bedrohung empfunden. So berichten im Internet Betroffene von Strahlenangriffen, denen sie ausgesetzt gewesen seien: „Ich selbst bin seit vielen Jahren Opfer von Angriffen mit diesen Strahlenwaffen“, heißt es in einem Flugblatt.[2] Im Wahn ist die Wirklichkeit manchmal gespenstisch enthalten.


[1] C. Hufeland [1897] 1958, S. 130. [2] http://twitter.com/christianwelp (25.04.2010); Flugblatt des betreffenden Autors vom März 2010.


[i] Eisenberg, 1992, S. 170; → Abb. Röntgen Schutzraum 1907 [ii] H. Schott, 1986 [c], S. 54 [Sammlung Prinzhorn Inv.Nr. 672b]; → Abb. Prinzhorn Mohr Strahlen

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