# 14. Kap. Zweite Natur: Janusköpfiger Forschritt

Die Begriffsgeschichte der „zweiten“ oder „anderen Natur“ (secunda oder altera natura) lässt sich bis zur griechischen Philosophie zurückverfolgen.[1] Wichtig war der Gedanke, dass Natur und Erziehung als Umwandlungsprozesse eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen. So erzeuge Erziehung oder Gewöhnung eine Art Natur, nämlich Gewohnheiten, die naturgegeben, als zweite Natur des Menschen erschienen. Hier kann nicht die Verwendung des Begriffs durch die einzelnen Autoren untersucht werden. Es handelt sich um eine lange Reihe, von Demokrit, Aristoteles und Cicero, über Augustin und Thomas von Aquin, Montaigne und Pascal bis hin zum Deutschen Idealismus und zu den Kulturphilosophen des 20. Jahrhunderts wie Arnold Gehlen. Wichtiger für unsere Thematik ist eine andere Perspektive: nämlich der Vergleich der Natur mit der Kunst. Seit der Antike wurde die Kunst als Nachahmung der Natur verstanden, bis schließlich in der Renaissance der Gedanke in den Vordergrund trat, die Kunst sei eine zweite Schöpfung und der Künstler ein zweiter Gott, der eine zweite Natur erschaffen könne.[2] Der Künstler, vor allem der Dichter, galt insofern als Ebenbild Gottes. Giordano Bruno wertete im Dialog „Lo spaccio della bestia trionfante“ (dt. „Austreibung des triumphierenden Tieres“) in diesem Sinne die menschliche Gestaltungskraft auf. [3] Leibniz sprach direkt vom poeta alter deus, dem Dichter als zweitem Gott, was dann zum Motto des Geniekults der Goethezeit avancierte. Die medizinische Anthropologie begriff die zweite Natur insbesondere als schädliche Kulturleistung des Menschen, als Krankheitsquelle: Sie unterdrücke, schwäche die physische Lebendigkeit (Triebe, Instinkte) der ersten Natur im Menschen und erzeuge somit jene „moderne Krankheit“ (Nietzsche) oder „Neurose“ (Freud), die mit der kulturellen Entwicklung bzw. dem Prozess der Zivilisation einhergehe. Aber auch aus sozialmedizinischer bzw. sozialpathologischer Sicht wurde der Gedanke der zweiten Natur bedeutsam. Die Gesellschaftskritik von Karl Marx visierte die „entfremdete Arbeit“ im kapitalistischen Produktionsprozess an, die den „Fetischcharakter der Warenwelt“ hervorbringe. Die „Wertgegenständlichkeit“ der Warenkörper, in die „kein Atom Naturstoff eingehe“, wird dann zur zweiten Natur, deren tatsächlicher Ursprung, die Produktion des „Mehrwerts“, unerkannt, unbewusst bleibe. [4] Sie vollziehe sich „hinter dem Rücken der Produzenten“.[5] Die kapitalistische Entäußerung und Verelendung des (proletarischen) Menschen hatten wiederum verheerende Folgen für Gesundheit und Lebensführung, nicht zuletzt in Form von „Zivilisationskrankheiten“ (Kap. 10).


[1] Funke / Rath, 1984, Sp. 484. [2] A. a. O., Sp. 489. [3] N. Rath, 1996, S. 123. [4] Marx zit. n. Funke / Rath, 1984, Sp. 491 f. [5] Marx, 1968, S. 59.

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