# 15. Heilsame Suggestion: Therapeutische Psychodynamik

Als die naturwissenschaftliche Medizin sich anschickte, das Erbe der romantischen Naturphilosophie mit ihren magischen Implikationen endgültig zu überwinden, entstand als große Gegenbewegung die Naturheilkunde, die traditionelle Elemente der natürlichen Magie übernahm und somit am Leben erhielt. Aber auch in der Universitätsmedizin selbst wurden solche Elemente unter neuer Begrifflichkeit auf die Tagesordnung gesetzt. Es ist bezeichnend, dass nun Schlaf und Traum zum Ausgangspunkt für Psychotherapie und dynamischer Psychiatrie wurden. Der Arzt und Naturphilosoph Gotthilf Heinrich Schubert hatte den Topos von der „Nachtseite der Naturwissenschaft“ geprägt.[1] Magische Erscheinungen hatten demnach einen besonderen Bezug zum Dunklen, zur Nacht, zu Schlaf, Traum und Somnambulismus. Dem entsprechend sollte, so die Überzeugung der romantischen Ärzte, die Naturforschung auf diesem okkulten Felde ansetzen. Es ist bemerkenswert, dass gerade auch jene, die den Mesmerismus zugunsten einer individuellen Psycho-physiologie überwinden wollten, wiederum am Schlaf ansetzten, um ihn umzuinterpretieren. So wurde aus dem „magnetischen“ der „nervöse“ Schlaf und aus dem „somnambulen“ der „hypnotische“ Zustand. Hellsehende, weissagende Träume, Fernwirkungen oder sensitive Wahrnehmungen erschienen als Illusionen der Einbildung, als Phantasieprodukte, als Belege dafür, wie die „Macht des Geistes über den Körper“ wirke.[2]

Das als Motto vorangestellte Bernheim-Zitat macht deutlich, warum der Begriff der Suggestion für unser Thema „Magie der Natur“ so überaus wichtig ist. Er markiert eine einschneidende Wende und kann als – letztlich bis heute gültiges – Paradigma der Psychotherapie und Psychosomatik sowie der (medizinischen) Psychologie angesehen werden. Dieses sei zunächst vorgestellt, um anschließend im Einzelnen seinen medizinhistorischen Hintergrund sowie seine Voraussetzungen und Folgen zu beleuchten. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein war es möglich, über magische Naturerscheinungen und magisch anmutende Behandlungsmethoden als aktuellen Gegenständen der Naturwissenschaften und der Medizin zu berichten, wie es beispielsweise Carl Gustav Carus mit seiner späten Schrift „Ueber Lebensmagnetismus und die magischen Wirkungen überhaupt“ getan hat.[3] Spätestens um 1880 vollzog sich dann aber eine fundamentale Historisierung dieser Thematik. Jegliche Naturmagie mitsamt allen denkbaren magischen Künsten wurde nun zu einer historisch und damit wissenschaftlich überholten Angelegenheit erklärt, zum Aberglauben, zur Scharlatenerie oder zur Schwärmerei. Bildlich gesprochen: Die Wasserscheide zwischen der obsoleten Vergangenheit und der zukunftsträchtigen Gegenwart bildete der Suggestionsbegriff. Mit seiner Hilfe konnte die gesamte Wissenschafts- und Kulturgeschichte, die vor seinem Auftreten lag, als Vorgeschichte der wahren wissenschaftlichen Erkenntnis deklariert werden. Die vormaligen Rätsel schienen gelöst, die Geheimnisse gelüftet. „Suggestion“ wurde zum Zauberwort für die psychologische Medizin, vor allem für die Psychotherapie einschließlich der Psychoanalyse.


[1] Schubert, 1808. [2] Braid [1846], 1882. [3] Carus, 1857.

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