15. Kap./1 * Begriffsgeschichtliche Vorbemerkungen

Der Begriff der Suggestion beanspruchte Wissenschaftlichkeit und richtete sich gegen Aberglauben, Okkultismus, Magie, Scharlatanerie und dergleichen, die zumeist, wie bei Hippolyte Bernheim festzustellen ist, als Synonyme benutzt wurden. Die „Suggestion“ versprach Aufklärung über alle vermeintlichen Wunder und Zauberkunststücke und sollte „volles Licht“ auf diese Erscheinungen werfen und die „dicke Schicht von taubem Gestein“ durchleuchten. Bernheim erhob den Anspruch, die Suggestivtherapie darin „wie eingesprengtes Gold“ gefunden zu haben. In anderem Zusammenhang stellte er fest, dass man die Hypnose nicht von der Suggestiblität unterscheiden könne und erklärte, dass die Suggestion aus dem Hypnotismus hervorgegangen sei wie die Chemie aus der Alchemie (« la suggestion est née de l’ancien hypnotisme comme la chimie est née de l’alchimie »).[1] Diese Metaphorik erinnert an die alchemistische Redeweise vom Stein der Weisen (lapis philosophorum), die übrigens auch Sigmund Freud aufgriff, als er davon sprach, dass das „reine Gold der Analyse“ in bestimmten Fällen mit „dem Kupfer der direkten Suggestion“ zu legieren sei.[2] Kurzum: Der Suggestionsbegriff wurde in den 1880er Jahren zum Zauberwort der psychologischen Entzauberung aller möglichen Spielarten der medizinischen Magie. Er erschien nicht jenseits, sondern mitten auf der Bühne der universitären Medizin, als ein innovatives Instrument inmitten anderer Innovationen der klinischen Medizin. Er beanspruchte Originalität und sollte im Sinne Bernheims die medizinische Psychologie und ärztliche Psychotherapie auf ein wissenschaftliches Niveau heben. Freilich war weder sein Inhalt so neu, noch sein Erklärungsanspruch so universell, wie die zeitgenössischen Suggestivtherapeuten annahmen. Denn bereits im 18. Jahrhundert wurde die „Einbildungskraft“ für alle möglichen scheinbaren Wunder und Wirkungen magischer Kuren verantwortlich gemacht (Kap. 31); und auch die „Suggestion“ konnte bestimmte Phänomene wie etwa Traum, Telepathie oder somnambule „Eröffnungen“ letztlich nicht erklären (Kap. 24).

Heutzutage ist allenthalben die Rede von „Suggestion“. Der Terminus wird in der Regel pejorativ aufgefasst und bedeutet dann Täuschung, Selbsttäuschung, Einbildung oder Bewusstseinsmanipulation. Hauptsächlich meint man damit die massenhaft wirksame „Suggestion“, beispielsweise das Verhalten von Geldanlegern auf dem Finanzmarkt, das bereits im 19. Jahrhundert Gegenstand sozial- bzw. massenpsychologischer Studien war (Kap. 20). Es ist bemerkenswert, dass der Begriff der Suggestion Einzug in die Lebenswissenschaften gehalten hat, ohne dass er selbst problematisiert worden wäre. Insofern der betreffende wissenschaftliche Diskurs historische Relativierungen umgeht und kein Interesse an wissenschafts- und ideengeschichtlichen Selbstreflexionen hat, ist dieser Befund nicht verwunderlich. Als Beispiel sei hier der Sammelband „Cumputermodelle in der Wissenschaft – zwischen Analyse, Vorhersage und Suggestion“ genannt, den die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina 2011 veröffentlichte.[3] Der im Buchtitel genannte Suggestionsbegriff wird hier an keiner Stelle erläutert, geschweige denn wissenschaftshistorisch problematisiert. In diesem Buch stellte der Frankfurter Neurophysiologe Wolf Singer die Frage: „Wer regiert im Kopf?“[4] Es ist frappierend, wie weit er gerade jene „philosophischen Implikationen der Hirnforschung“ ausblendet, die er im Untertitel seines Beitrags adressierte. Für ihn sind die Evolutionsbiologie und die Neurobiologie der Hirnfunktionen die maßgeblichen Schlüsselkonzepte, während von Psychologie mit ihren diversen Arbeitsfeldern und Grenzgebieten mit keinem Wort die Rede ist. Wissenschaftshistorisch könnte man sagen, dass Singer das 19. Jahrhundert selektiv durch die Darwin’sche Brille wahrnimmt und komplementäre wissenschaftstheoretische Diskurse – man denke nur an Nietzsche und die Folgen – ignoriert. Im Folgenden wollen wir auf die vernachlässigte Begriffsgeschichte der „Suggestion“ näher eingehen.

Bevor dieser Begriff geläufig wurde, sprach man im Deutschen von „Einblasen“, wobei insbesondere der teuflische Einfluss gemeint war. So sprach der gelehrte Schriftsteller Konrad von Megenberg im 14. Jahrhundert vom „einblasen des bösen geystes“ als einer möglichen Quelle des Traums.[5] Das Verb „suggerieren“ tauchte im Deutschen erst Ende des 16. Jahrhunderts auf und bedeutete zunächst soviel wie „beibringen“, „ergänzen“ (z. B. einer unvollständigen Erinnerung). Im 18. Jahrhundert nahm es jedoch die Bedeutung von „einflüstern, einblasen“ an, womit sowohl Einflüsterungen teuflischer Mächte als auch die unzulässige Beeinflussung von Zeugenaussagen gemeint sein konnten.[6] Der (auditive) Wahn, der mit Stimmenhören einhergeht, galt in der frühen Neuzeit, sofern er Böses und Bedrohliches zum Inhalt hatte, als „Suggestion“ im dämonologischen Sinn, als die „Stimme des Teufels im Menschen“. (Kap. 16)

Zedlers „Universallexicon“ erwähnt noch weitere Bedeutungen. Demnach meinte  „Suggeriren“ (lat. suggerere) in der frühen Neuzeit „an die Hand geben, beytragen, darreichen, mittheilen, fürstrecken“, wovon zwei interessante Nomina abzuleiten sind: zum einen suggestio als „Einblasung, oder Eingebung“ und Suggestus als „Lehr- oder Predigtstuhl“, insbesondere als Kanzel im Chorraum einer Kirche.[7] Im Vordergrund stand aber eindeutig die juristische Problematik der Wahrheitsfindung in Gerichtsprozessen: Suggestion war nämlich gleichbedeutend mit „Suggestiv- oder Anleitungsfragen“ (lat. suggestio; Interrogatoria Suggestiva), „wodurch der Richter einem abzuhörenden Inquisiten oder Zeugen die Antwort gleichsam in den Mund giebt, oder ihn doch darzu verleitet“. Als Suggestor wurde in der oströmischen Kirche der Zeremonienmeister genannt, der dem Patriarchen bei seinen Amtshandlungen zu dienen hatte.[8]

In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, als der Somnambulismus und mit ihm die „Seherinnen“ Hochkonjunktur hatten, existierte der Begriff der Suggestion noch nicht als medizinischer Terminus. Allerdings war der Begriff der Imagination bzw. der Einbildungskraft präsent. Die „Imagination“, die in der Tradition der magischen Medizin und unsbesondere beim Paracelsismus eine zentrale Rolle spielte und die körperliche Macht geistiger Prozesse plausibel erklären wollte, wurde mit dem Begriff der Einbildungskraft in ihrer Reichweite eingegrenzt. Die klassische Kritik am Mesmerismus lautete denn auch, dass hier „nur“ die Einbildungskraft am Werke sei (Kap. 25). Im Kontext der romantischen Naturphilosophie schien freilich nicht die illusionäre Einbildungskraft die somnambulen Phänomene zu erzeugen, sondern die verborgene Natur im Menschen selbst. So blieben die suggestiven bzw. autosuggestiven Momente im Arzt-Patientenverhältnis außer Betracht, weil die dazugehörige wissenschaftliche Begrifflichkeit noch nicht existierte. Mit der Einführung des Hypnotismus Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die mesmeristischen Phänomene mit Hilfe neurophysiologischer Modellvorstellungen interpretiert. Nicht das kosmische „Fluidum“, sondern die nervöse Energie im individuellen Nervensystem erschien nun als verantwortliches Agens (siehe unten).

Wie wir sehen werden, hatte diese Reduktion vormals „magischer“ Erscheinungen auf das psycho-physiologische Kräftespiel innerhalb des Einzelorganismus tief greifende Folgen für das Menschenbild in der Medizin sowie deren Krankheits- und Heilungsverständnis. Magie der Natur als Sympathie zwischen ähnlich gestimmten Naturdingen, etwa als subtile Wechselwirkungen zwischen bestimmten Bereichen des Mikrokosmos und Makrokosmos, wurde nun individualpsychologisch als „Einbildung“ interpretiert, die zwar von außen angeregt werden konnte, Inhalt und Kraft jedoch von innen, vom Seelen- oder Nervenleben der Beeinflussten selbst bezog. Der Einfluss war somit nur ein Auslöser, kein Zustrom von Kraft oder Energie. Die Idee der modernen Monade war geboren: Der Mensch war sich selbst genug, er konnte als isolierter Organismus analysiert und manipuliert werden, wie es James Braid mit großer Überzeugung vorführte (Kap. 17).


[1] http://fr.wikipedia.org/wiki/Hippolyte_Bernheim (28.10.2009); Bernheim, 1892, S. 44 . [2] Freud, 1919, S. 193. [3] Lengauer (Hg.), 2011. [4] W. Singer, 2011. [5] Megenberg, 1499, C iiij [r]; Megenberg, 1897, S. 42. [6] H. Schott, 1984 [a], S. 106. [7] Zedler, Bd. 40, 1744, Sp. 1786; a. a. O., Bd. 5, 1733, Sp. 602. [8] A. a. O., Bd. 40, 1744, Sp. 1789.

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